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9. Februar 2012, 19:23 Uhr

Schon mehr als 500 Tote durch Kältewelle in Europa

Die Kältewelle hat Europa weiter fest im Griff.

Die Kältewelle hat Europa weiter fest im Griff. In Deutschland mussten die Betreiber der Stromnetze nach eigenen Angaben zum zweiten Mal in diesem Winter Reservekraftwerke einschalten, um das Netz stabil zu halten. Europaweit wurden mittlerweile mehr als 500 Kältetote gezählt.

Wegen der Kälte seien ein Block des Kohlekraftwerks in Mannheim sowie zwei österreichische Kraftwerke auf Bitten der vier großen deutschen Übertragungsnetz-Betreiber angeworfen worden, erklärte das Landesumweltministerium in Baden-Württemberg. Der Eingriff erfolgte demnach nicht aufgrund einer Stromknappheit, sondern vorsorglich. "Wir haben kein Versorgungsproblem, kein Mengenproblem. Es geht darum, das Netz stabil zu halten", sagte eine Sprecherin der Bundesnetzagentur. Die Netzagentur hatte nach der Stilllegung von acht Atomkraftwerken fünf Reservekraftwerke in Deutschland und drei in Österreich festgelegt.

Einem Bericht der Tageszeitung "Welt" zufolge wird in Süddeutschland das Erdgas knapp. Vielerorts würden bereits Industriekunden aufgefordert, ihre Kessel abzustellen oder auf einen anderen Brennstoff umzustellen, berichtet die Zeitung. In einigen Gemeinden seien auch Bürger aufgefordert worden, ihre Heizungen zu drosseln.

Grund sei möglicherweise der wegen der Kältewelle erhöhte Bedarf an Gas in Russland. Am bayerischen Übergangspunkt Waidhaus kämen derzeit 25 bis 30 Prozent weniger Erdgas über Österreich an, sagte ein Sprecher des Pipeline-Betreibers Open Grid Europe der Zeitung. Zudem sei die Nachfrage hoch, und die Erdgasspeicher befänden sich vor allem in Norddeutschland. Das Problem seien vor allem überlastete Pipeline-Kapazitäten zwischen Nord- und Süddeutschland.

Nach AFP-Zählung starben bei der nun schon seit gut zehn Tagen anhaltenden Kältewelle in ganz Europa bereits mehr als 500 Menschen. Die ukrainischen Behörden geben seit Dienstag keine neuen Zahlen mehr heraus, doch hat das Land die mit Abstand meisten Opfer zu beklagen. Polen meldete bis Donnerstag 77 Kältetote, mehr als 50 weitere Menschen starben wegen defekter Öfen an Kohlenmonoxidvergiftung oder verbrannten.

In den isolierten Dörfern von Serbien, Kroatien, Bosnien, Mazedonien und Montenegro waren immer noch mehr als 70.000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. In der bosnischen Stadt Mostar waren rund 15.000 Haushalte am dritten Tag in Folge ohne Strom. Wegen der ungewöhnlich hohen Zahl von Knochenbrüchen war im kroatischen Split der gesamte Gipsvorrat von zwei Jahren binnen fünf Tagen aufgebraucht. Bürgermeister Zeljko Kerum machte die hohe Mehrwertsteuer für die vielen Unfälle verantwortlich: Sie habe die Preise für Winterstiefel in solche Höhen getrieben, dass die Leute sie sich nicht mehr leisten könnten.

Die Schifffahrt auf der Donau war nur noch sehr eingeschränkt möglich, in Serbien wurde der Schiffverkehr auf der gesamten Flusslänge gestoppt. Serbiens Innenminister Ivica Dacic konnte der Kälte jedoch auch Positives abgewinnen. Wegen ihr sei die Zahl der Verbrechen im Land deutlich zurückgegangen, sagte er der Nachrichtenagentur Tanjug. Die Zahl der Straftaten sei um 40 Prozent gesunken, in den vergangenen Tagen sei nicht ein einziger Autodiebstahl registriert worden.

Selbst Nordafrika wird von der Kältewelle zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Allein in Algerien starben binnen einer Woche 44 Menschen bei Unfällen oder weil sie mit behelfsmäßigen Methoden zu Hause für Wärme sorgen wollten und erstickten.

AFP