Die Piratenpartei hat Joachim Paul zum ersten Mal bei der Bundestagswahl 2009 gewählt.
Die Piratenpartei hat Joachim Paul zum ersten Mal bei der Bundestagswahl 2009 gewählt. Beim Verlassen der Wahlkabine "fiel mir auf, dass ich das allererste Mal keine Faust in der Tasche hatte", lässt der Spitzenkandidat der Piraten in Nordrhein-Westfalen seine Leser auf der Internet-Kommunikationsplattform der Partei wissen. "Es fühlte sich irgendwie gut an, das kleine Kreuzchen, das ich da gerade abgesondert hatte."
Am Sonntag kann der NRW-Spitzenpirat darauf hoffen, dass viele weitere Wähler zum ersten Mal ihr Kreuz bei der Piratenpartei machen werden: Zwischen 7,5 und zehn Prozent sagen Umfragen den Polit-Neulingen bei der vorgezogenen Landtagswahl voraus - alles andere als der erstmalige Einzug der Piraten in den Düsseldorfer Landtag wäre eine faustdicke Überraschung. Der 54-jährige Paul allerdings bleibt bescheiden: "Unser Ziel ist weiterhin fünf Prozent plus x", sagt der Biophysiker und Medienpädagoge, der vor drei Jahren über seinen Sohn Kontakt zu den Piraten bekam und seit November 2009 der Partei angehört.
"Es gab früher in meiner Lebensgeschichte, in meiner Studienzeit den einen oder anderen Flirt mit den bunten Sponti-Bewegungen und dann nachher mit den Grünen", erzählte Paul jüngst in einem Radiointerview. Aber er sei bis zu seinem Eintritt bei den Piraten "nie Mitglied irgendeiner Partei gewesen, weil mir bei der einen Partei dieses, bei der anderen Partei immer jenes gefiel und das irgendwie nie ganz zur Deckung gebracht werden konnte". "Das ist mit den Piraten anders geworden seit drei Jahren", versicherte der in Neuss lebende wissenschaftliche Referent im öffentlichen Dienst.
Als Hauptaufgabe der Piraten, die sich bei der NRW-Wahl 2010 noch mit mickrigen 1,6 Prozent der Stimmen begnügen mussten, sieht Paul das "Ringen um die Erweiterung der politischen Möglichkeitsräume" für die Bürger. Den Rahmen dafür bildeten die Werte Freiheit, Respekt und Solidarität, schreibt der Diplom-Physiker, der 1993 an der medizinischen Fakultät der Universität Witten/Herdecke promovierte, in seinem Kandidatensteckbrief auf der Internetseite der Neusser Piraten. "Politik ist kein Beruf, sondern eine Tätigkeit, die jeder Bürgerin, jedem Bürger gut ansteht und zusteht."
Sätze wie dieser kommen dem spätberufenen Parteipolitiker auch in Live-Diskussionen druckreif über die Lippen. Nach einer WDR-Fernsehdebatte von sechs NRW-Spitzenkandidaten in der vergangene Woche heimste Paul sogar von politischen Konkurrenten Lob für einen geradlinigen Auftritt ein. Gleichwohl blieben in der Runde kostspielige Piraten-Forderungen beispielsweise nach digitaler Lernmittelfreiheit für Schüler und einem fahrscheinlosen Nahverkehr heftig umstritten.
Als Grund für sein Engagement im "Politiklabor" Piratenpartei nennt Paul die Sorge um die Zukunft der Demokratie. "Ich bin politisch aktiv, weil ich unsere Demokratie gefährdet sehe durch eine aufkommende Fiskaldiktatur, mangelnde Solidarität in der Gesellschaft und zunehmendes Ausbrennen der arbeitenden Menschen", schreibt der Spitzenmann der NRW-Piraten in seinem Kandidatensteckbrief. Im Netz ist der 54-Jährige übrigens als "Nick Haflinger" unterwegs - das ist der Name eines hoch begabten Computer-Hackers aus dem Science-Fiction-Roman "Der Schockwellenreiter" von John Brunner.
Sollte Paul erwartungsgemäß mit den Piraten in den NRW-Landtag einziehen, werden die Newcomer wohl erst mal auf der Oppositionsbank Platz nehmen. In jedem Fall müssen sich die Landtags-Neulinge aber in den nächsten fünf Jahren als Team erweisen. Wenn es um mannschaftliche Geschlossenheit geht, fällt Paul sofort eine prominente Leitfigur ein - der Trainer des deutschen Fußballmeisters Borussia Dortmund. "Was das angeht, ist Jürgen Klopp mein Vorbild", bekannte Paul jüngst im Gespräch mit AFP. "Weil er ein Team zusammenstellen kann."