SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat für seine Forderung nach getrenntem Sportunterricht von muslimischen Mädchen und Jungen Kritik quer durch die Parteien geerntet.
SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat für seine Forderung nach getrenntem Sportunterricht von muslimischen Mädchen und Jungen Kritik quer durch die Parteien geerntet. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), widersprach ihm energisch: "Gemeinsames Lernen und gemeinsamer Sportunterricht fördern die Integration in unserem Land." Kritik kam auch von Unions-, FDP- und Linkenpolitikern.
Steinbrück hatte bei einer Diskussionsveranstaltung auf eine Frage zum Thema religiöse Toleranz gesagt, dass Schulen getrennten Sportunterricht anbieten sollten, wenn sie dies einrichten könnten. Er verwies dabei auf Erfahrungen seiner Ehefrau, die Lehrerin in Bonn ist. Bei gemeinsamem Schwimm- und Sportunterricht laufe es meist darauf hinaus, "dass die Eltern eines Mädchens islamischen Glaubens einfach eine Krankheitsmeldung machen, damit sie nicht teilnehmen muss". Ehe das so ablaufe, würde er versuchen, "nach Lösungen zu finden, um den religiösen Überzeugungen Rechnung zu tragen".
Böhmer sagte der "Bild"-Zeitung: "Peer Steinbrück irrt!" Gerade der Sportunterricht sei ein Ort des sozialen Lernens, wo Herkunft, Religion und Hautfarbe keine Rolle spielen sollten. Die Schulen sollten bestärkt werden, diesen Weg weiterzugehen.
Forderungen nach getrenntem Sportunterricht werden von einigen muslimischen Eltern erhoben, die auf religiöse Vorschriften verweisen. Dies ist an Schulen hierzulande aber nicht vorgesehen. Es gab schon mehrere Prozesse zu dem Thema.
Berlins langjährige Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) nannte Steinbrücks Äußerungen rückwärtsgewandt. "Die Diskussion über eine Trennung ist von gestern", sagte sie der "Bild"-Zeitung.
FDP-Generalsekretär Patrick Döring sagte der "Rheinischen Post": "Steinbrück liegt falsch." Die Diskussion um die Koedukation von Jungen und Mädchen sei in den 1960er Jahren entschieden worden.
Auch der Grünen-Migrationspolitiker Memet Kilic sprach sich gegen Änderungen der herrschenden Praxis aus. Die bisherige Rechtsprechung zweifle nicht an gemeinsamem Sport- oder Schwimmunterricht, erklärte er in Berlin. Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle dürfe nicht auf Kosten universell gültiger Menschenrechte gehen. Zu diesen gehöre unter anderem die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.
Der Linken-Bundestagsabgeordnete Jan Korte mahnte: "Wer in der Schule nach Geschlechtern trennt, zementiert Ungerechtigkeit." Es stünde dem SPD-Kanzlerkandidaten besser, "die Werte des Grundgesetzes gegen Angriffe von Konservativen jeder Couleur zu verteidigen", erklärte Korte.
Steinbrücks Parteikollege Heinz Buschkowsky nannte die Äußerung "sehr unglücklich". Junge Leute bräuchten eine moderne gesellschaftliche Orientierung, "in Ergänzung oder auch im Gegensatz zu tradierten Familienriten", sagte er der Zeitung "Welt". "Bei uns gibt es keine Hierarchie, keine unterschiedlichen Aufgaben. Der Mensch ist absolut gleich", betonte der Bürgermeister von Berlin-Neukölln.
In Umfragen verliert Steinbrück derweil weiter an Zustimmung. Nach dem neuesten Deutschlandtrend der ARD zeigten sich nur noch 32 Prozent der Deutschen mit seiner politischen Arbeit zufrieden.