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News am 31.05.2012
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15. Februar 2012, 11:53 Uhr

REPORTAGE: Syrer in Deutschland - Kampf aus weiter Ferne

Die Bilder von blutverschmierten Opfern und zerbombten Straßen gehen ihr nicht aus dem Kopf.

Die Bilder von blutverschmierten Opfern und zerbombten Straßen gehen ihr nicht aus dem Kopf. "Ich kann mir das nicht mehr angucken", sagt die in Berlin lebende syrische Journalistin Alia Atassi. Laufend habe sie sich im Internet Videos von den Gräueltaten in ihrem Heimatland angesehen. "Das hat mich jedes Mal für den Rest des Tages blockiert", sagt die zweifache Mutter. "Vor allem wenn Kinder betroffen sind."

Ein syrischer Mediziner, der eine Hausarztpraxis in Berlin betreibt, verlor seinen fünf Jahre alten Neffen: Sicherheitskräfte hätten den Jungen Ende Dezember im besonders umkämpften Stadtteil Baba Amr in der Rebellenhochburg Homs erschossen. "Die Kugel traf ihn direkt ins Herz." Die Familie sei im Visier der Regierung, weil sie aus ihrer Ablehnung von Präsident Baschar al-Assad keinen Hehl mache. Vielleicht gebe es aber auch einen Zusammenhang mit seinen Aktivitäten in Deutschland, ergänzt er.

Von Berlin aus sammelt der Arzt, der seinen Namen lieber nicht öffentlich nennen will, Medikamente und Geld für bedürftige Syrer. Auch Vereine wie "Adopt a Revolution", der über "Revolutionspaten" Oppositionsgruppen vor Ort unterstützt, sammeln Spenden. Beim Verein "Lien" kann mit 20 Euro "ein Korb für eine syrische Familie" unterstützt werden, in dem sich das Nötigste befindet.

Der Einsatz der Exil-Syrer ist der Regierung in Damaskus längst ein Dorn im Auge. "Normalerweise kommen in meine Praxis zu 99 Prozent deutsche Patienten", sagt der syrische Hausarzt. "Aber seit ein paar Monaten kommen verstärkt Südlibanesen oder Syrer." Diese versuchten, durch die Verwicklung in Gespräche Informationen über seine Aktivitäten zu bekommen. Im Südlibanon ist die radikale Hisbollah aktiv, die von der syrischen Regierung unterstützt wird.

Der syrischstämmige Berliner Grünen-Politiker Ferhad Ahma musste am eigenen Leib erfahren, wie die Assad-Regierung im Ausland Oppositionelle unter Druck setzt. Ende Dezember drangen mutmaßliche Spione in seine Wohnung ein und schlugen ihn zusammen. "Das Regime hat die Nerven verloren", sagt Ahma, der 2004 als Asylbewerber nach Deutschland kam.

Drohungen erhielt auch Sondos Sulaiman, die 2002 als politisch Verfolgte nach Deutschland kam. Die 34-Jährige ist ebenso wie Ahma Mitglied des syrischen Nationalrates, des wichtigsten Zusammenschlusses der syrischen Oppositionsgruppen, und Mitglied der Al-Hadatha-Partei. Sie organisiert Demonstrationen, informiert über die Lage in Syrien und hält Kontakt zu Mitstreitern in der Heimat.

Sulaiman erhielt zahlreiche anonyme Anrufe und Droh-Mails, nachdem sie im vergangenen Jahr ein Protestvideo im Internet veröffentlichte. Ihr Bruder wurde gezwungen, sich von ihr zu distanzieren. Aber ihre Familie habe sie nie aufgefordert, ihre Aktivitäten zu stoppen, sagt Sulaiman. "Sie haben verstanden, dass ich es für die Zukunft unseres Landes mache."

Anfang Februar nahm die Polizei in Berlin zwei mutmaßliche Spione fest, vier syrische Diplomaten wurden ausgewiesen. "Vielleicht lernen die Syrer, dass wir in Deutschland in einem Rechtsstaat leben und dass sie hier nicht dasselbe mit uns machen können wie in Syrien", hofft Sulaiman. Mit einer Unterschriftenaktion setzen sich die Exil-Syrer für die Ausweisung des Botschafters ein.

Doch vorrangig ist der Schutz der Zivilbevölkerung in Syrien. Dabei stelle sich nicht die Frage von Waffenlieferungen aus dem Ausland, sagt Ahma. "Wir wollen politischen Druck ausüben." Der 37-Jährige hofft, dass die Bundesregierung "schneller und intensiver" handelt. "Die Opposition muss als legitimer Vertreter der syrischen Bevölkerung anerkannt werden", ist eine seiner Forderungen.

Spekulationen, in welche Richtung Syrien nach einem möglichen Sturz Assads treiben könnte, halten viele für verfrüht. "Erstmal muss das Regime weg, danach können wir uns politisch auseinandersetzen", sagt der Braunschweiger Zahnarzt Sadiqu Al-Mousllie, der sich ebenfalls im syrischen Nationalrat engagiert. "Wichtig ist, dass das Blutvergießen gestoppt wird." Denn es gebe ein "echtes humanitäres Problem".

AFP