US-Informant Snowden in Moskau gelandet

23. Juni 2013, 16:28 Uhr

Nach der offiziellen Beschuldigung durch die US-Justiz hat sich der untergetauchte Enthüller des Spähprogramms Prism, Edward Snowden, offenbar in Richtung Venezuela abgesetzt.

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Nach der offiziellen Beschuldigung durch die US-Justiz hat sich der untergetauchte Enthüller des Spähprogramms Prism, Edward Snowden, offenbar in Richtung Venezuela abgesetzt. Snowden wolle über Moskau und Havanna nach Caracas fliegen, meldeten russische Nachrichtenagenturen. Laut Snowden, dessen Angaben am Wochenende auch ein beispielloses Spähprogramm Großbritanniens offenbarten, sollen die USA auch China ausspioniert haben. Deutsche Politiker fordern derweil Aufklärung über die neuesten Enthüllungen Snowdens.

Letzten Berichten zufolge ist er an Bord einer russischen Linienmaschine in Moskau gelandet. Das Flugzeug landete am Nachmittag auf dem Scheremetjewo-Flughafen. Von dort aus wolle Snowden über Havanna in die venzeolanische Hauptstadt Caracas fliegen, zitierten russische Nachrichtenagenturen aus Kreisen der russischen Fluggesellschaft Aeroflot. Ein Vertreter der russischen Sicherheitskräfte sagte der Nachrichtenagentur RIA Nowosti, in Russland liege nichts gegen Snowden vor, und es gebe keine Anweisung ihn festzunehmen.

Am Morgen hatte der ehemalige Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA Hongkong, wo er sich seit Ende Mai versteckt hielt, in Begleitung von Rechtsexperten der Enthüllungsplattform Wikileaks verlassen. Am Freitag hatte die US-Justiz den 30-Jährigen offiziell der Spionage beschuldigt, Haftbefehl ausgestellt und die Auslieferung verlangt.

Für neue Aufregung sorgte ein Interview der britischen Tageszeitung "Guardian" mit Snowden, in dem er den Briten vorwirft, beim Ausspähen von Daten "schlimmer als die USA" zu sein. Demnach bespitzeln die Government Communications Headquarters (GCHQ) in London systematisch Telefon- und Internetnutzer in aller Welt und teilen ihre Erkenntnisse mit den US-Kollegen.

Snowden beschrieb im "Guardian" ein schier grenzenloses Überwachungsprogramm mit dem Decknamen "Tempora", das "ohne jede öffentliche Kenntnis oder Debatte" ablaufe. Von ihm vorgelegte Dokumente sollen beweisen, dass GCHQ sich heimlich Zugang zu mehr als 200 Glasfaserkabeln verschafft hat, über die der weltweite Telekommunikationsstrom läuft. Dem Bericht zufolge kann das GCHQ die abgesaugten Daten für 30 Tage speichern, auch wenn sie von gänzlich unbescholtenen Bürgern stammen. Zudem könnten Telefonate, Inhalte von E-Mails, Facebook-Einträge und der Verlauf des Webbrowsers von Verdächtigen gespeichert werden.

Bundesregierung und Opposition forderten von London rasche Aufklärung über die jüngsten Vorwürfe. Berlin nehme den Zeitungsbericht "sehr ernst", sagte Regierungssprecher Georg Streiter der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) appellierte in der "Welt am Sonntag" an die deutschen Sicherheitsbehörden, deutsche Gesetze zu beachten.

Das GCHQ verwies darauf, grundsätzlich keine Kommentare zu Geheimdienstaktivitäten abzugeben, aber stets alle "strengen rechtlichen Vorschriften" zu befolgen. Dem "Guardian" zufolge führte das britische Programm zur Festnahme einer heimischen Terrorzelle und anderer Anschlagsplaner. Auch Angriffe im Vorfeld der Olympischen Spiele 2012 in London seien dadurch vereitelt worden.

Ebenfalls unter Berufung auf Snowden berichtete die Zeitung "Sunday Morning Post" in Hongkong, die US-Regierung zapfe auch chinesische Mobilfunkanbieter an. Dabei sollen Daten von Millionen SMS gesammelt worden sein. Auch der asiatisch-pazifische Glaskabelnetzbetreiber Pacnet sei "gehackt" worden. Snowden habe Dokumente mit Einzelheiten über gezielte Computer-Attacken über eine Zeit von vier Jahren bereitgestellt.

Pekings amtliche Nachrichtenagentur Xinhua brandmarkte die USA daraufhin als "größten Schurken unserer Zeit" in der IT-Spionage. Washington müsse mit der Welt "die Reichweite, das Ausmaß und die Absicht seiner geheimen Hackprogramme teilen".

Unterdessen wurde eine Sicherheitspanne in der Facebook-Datenbank bekannt, durch die private Informationen von rund sechs Millionen Nutzern des sozialen Online-Netzwerks ungewollt verbreitet wurden. Freunde der Betroffenen oder deren Bekannte konnten zeitweise E-Mail-Adressen und Telefonnummern einsehen, die eigentlich nicht für sie bestimmt waren, wie Facebook am Freitag erklärte. Zu "bösartigem Missbrauch" kam es angeblich nicht, auch finanzielle Informationen der Nutzer seien nicht verbreitet worden.

AFP