Zehntausende Menschen haben am Sonntag der Opfer des Massakers von Srebrenica vor 15 Jahren gedacht. Nach einer Zeremonie sollten auf dem Friedhof im nahegelegenen Potocari weitere 775 erst kürzlich identifizierte Leichen beigesetzt werden. Zum Jahrestag des Verbrechens bosnisch-serbischer Milizen an der muslimischen Bevölkerung wurden Forderungen nach einer Festnahme des früheren Armeechefs Ratko Mladic erneut lauter.
Das von den Vereinten Nationen als Völkermord bezeichnete Verbrechen ist das dunkelste Kapitel aus der Zeit des Zerfalls des früheren Jugoslawiens in den 1990er Jahren und das schlimmste Kriegsverbrechen seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Im Juli 1995 waren bosnisch-serbische Milizen in die damalige UN-Schutzzone Srebrenica einmarschiert und hatten an den leicht-bewaffneten niederländischen Blauhelmsoldaten vorbei rund 8000 Muslime - vorwiegend Männer und Jungen - verschleppt und getötet.
"Wie kann man das vergessen, wie kann man das vergeben?", fragte Ramiza Gurdic, deren Sohn Mehrudin erst 15 Jahre nach dem Massaker identifiziert werden konnte und nun seine letzte Ruhe finden sollte. Ihr Mann und ihr zweiter Sohn sind auf dem Erinnerungsfriedhof in Potocari bereits begraben. "Ich denke jeden Tag an sie", sagte sie der Nachrichtenagentur AFP.
In Potocari sollten nun auch der Mann und die beiden Söhne der heute 68-jährigen Hatidza Mehmedovic beigesetzt werden. "Ich konnte nicht glauben, dass solch ein Verbrechen begangen werden kann, aber heute stirbt meine Hoffnung", sagte sie.
Um ihre Verbrechen zu vertuschen, hatten die bosnisch-serbischen Milizen die Toten aus Massengräbern wieder ausgegraben und letztlich an mehr als 70 Orten erneut verscharrt. Experten identifizierten nach Knochenfunden bisher insgesamt rund 6500 Opfer. In Potocari liegen erst etwa 3750 Tote begraben. Am Sonntag sollten dort 775 weitere Opfer ihre letzte Ruhe finden.
An der Gedenkfeier in Potocari nahmen mehrere ausländische Staats- und Regierungschefs teil, darunter auch Serbiens Präsident Boris Tadic. Seine Teilnahme an der Zeremonie sei "ein Akt der Aussöhnung und des Brückenbauens" zwischen den Nationen des ehemaligen Jugoslawiens, sagte er am Samstag. Das serbische Parlament hatte das Verbrechen im März verurteilt und sich bei den Opfern und deren Familien entschuldigt.
Zahlreiche Angehörige der Opfer standen der Teilnahme Tadics an der Zeremonie dennoch kritisch gegenüber. "Er sollte sich schämen nach Potocari zu kommen, solange er nicht die meistgesuchten Kriegsverbrecher gefasst hat", sagte die Witwe Mehmedovic. Während der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic im Sommer 2008 in Belgrad gefasst wurde und vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag steht, ist der frühere bosnisch-serbische Armeechef Ratko Mladic auch heute noch auf der Flucht.
Der Chefankläger des UN-Tribunals, Serge Brammertz, sagte der Zeitung "Die Welt" vom Samstag, die Festnahme von Mladic sei ein "Test für die Glaubwürdigkeit der EU". "Ohne die juristische Aufarbeitung gibt es keine Versöhnung, dann bleibt die Stabilität des Balkans eine theoretische Angelegenheit."
Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte, die Anstrengungen zu einer Festnahme Mladics zu intensivieren. Er appellierte zugleich an die Politiker auf dem Balkan, "über den schmerzhaften Erinnerungen an die Kriegsereignisse nicht die Chance zu versäumen, im Sinne der gemeinsamen europäischen Perspektive erfolgreich zusammenzuarbeiten".