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11. Mai 2011, 10:50 Uhr

Hamm-Brücher sieht Erbe des Liberalismus bei den Grünen

Hildegard Hamm-Brücher findet, dass die Grünen das Erbe des Liberalismus angetreten haben. Die FDP-Politikerin wird am Mittwoch 90 Jahre alt.

Die frühere FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher hat den Grünen das Erbe des Liberalismus zugeschrieben. "Ich finde, dass die Grünen eigentlich das Freiheitserbe des politischen Liberalismus angetreten haben und insoweit sympathisiere ich auch heute damit, weil ich ja mein eigenes Motto habe, dass ich eine freischaffende Liberale bin", sagte Hamm-Brücher, die am Mittwoch 90 Jahre alt wird, im Deutschlandradio Kultur. Sie unterstütze heute alle Kräfte, die vernünftige liberale Politik betrieben, unterstrich die Ex-Politikerin an ihrem 90. Geburtstag. Das könne mal in der FDP, mal bei den Grünen, mal bei der SPD sein. Sie sei nie eine Parteisoldatin gewesen.

Hamm-Brücher war 2002 im Zusammenhang mit antiisraelischen Äußerungen des damaligen Düsseldorfer FDP-Landeschefs Jürgen Möllemann nach 54 Jahren aus der FDP ausgetreten. Ihrer früheren Partei empfahl die 90-Jährige eine neue Positionierung. Die neue Parteiführung um den künftigen Vorsitzenden Philipp Rösler solle die Erneuerung des ganzen Gemeinwesens und der Demokratie als Staatsform vorantreiben, aber auch die Bürgerdemokratie als Lebensform. Wenn die FDP diesen Kurs einschlage, dann sei sie sicher, dass die Partei auch wieder eine Existenzberechtigung habe.

"In der heutigen FDP sind die jungen Leute lammfromm, sie drängen nicht auf inhaltliche Veränderung", forderte die Grande Dame des deutschen Liberalismus erst zu Wochenbeginn eine Kurskorrektur bei der FDP - just während deren Führung um die personelle Neuaufstellung der krisengeschüttelten Partei rang. Doch auch nach ihrem Parteiaustritt 2002 ist die gebürtige Essenerin geblieben, was sie stets war: eine streitbare Liberale.

Die einstige Staatsministerin im Auswärtigen Amt und Kandidatin für das Bundespräsidentenamt gilt seit jeher als Querdenkerin, weshalb sie mit ihrer Meinung in der FDP oft allein blieb. Hildegard Brücher wuchs in Berlin-Dahlem auf und lebte nach dem frühen Tod beider Eltern bei ihrer Großmutter in Dresden. 1940 begann sie ein Chemie-Studium in München, wo sie zum weiteren Kreis der "Weißen Rose" zählte, der Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl gegen die Nazi-Diktatur.

1948 wurde Brücher FDP-Mitglied. Den Anstoß dazu hatte der damalige Stuttgarter Kultusminister und spätere FDP-Bundespräsident Theodor Heuss gegeben: "Mädle, Sie müsset in d' Politik", riet Heuss der Mittzwanzigerin, als Brücher ihn 1946 für eine Münchner Zeitung interviewte. Bis 1954, dem Jahr ihrer Heirat mit dem CSU-Kommunalpolitiker Erwin Hamm, saß Brücher für die FDP im Münchner Stadtrat, außerdem war sie bis Mitte der 1960er Jahre und dann erneut in den 1970er Jahren Mitglied des Bayerischen Landtags. Im Freistaat löste sie 1964 den Sturz von CSU-Kultusminister Theodor Maunz wegen dessen NS-Vergangenheit aus.

Hamm-Brücher zog 1976 erstmals in den Bundestag ein und wurde in der sozialliberalen Koalition von SPD-Kanzler Helmut Schmidt parlamentarische Staatssekretärin im Auswärtigen Amt. Als die FDP 1982 aus dem Bündnis mit der SPD ausscherte, stellte sich Hamm-Brücher quer: Die damalige Wende der FDP hin zur Union sei nicht mit dem Versprechen an die Wähler vereinbar, mit der SPD zusammenzuarbeiten. Auch in den Folgejahren verärgerte die entschiedene Verfechterin der sozialliberalen Koalition wiederholt die FDP-Führung - etwa 1984 mit der Forderung, die FDP solle die Koalition mit der Union aufgeben und nur noch von Fall zu Fall eine Minderheitsregierung von CDU-Kanzler Helmut Kohl unterstützen.

Solche Positionen brachten Hamm-Brücher FDP-intern den durchaus abschätzigen Titel einer "gewissenspolitischen Sprecherin" ein. Nach mehr als 40 Jahren zog sich die konfliktbereite Freidemokratin nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 aus der Politik zurück - um 1994 im Alter von 73 Jahren für manchen überraschend ein Comeback zu versuchen: Hamm-Brücher trat für die FDP als Kandidatin bei der Bundespräsidentenwahl an. Letztlich war dieser FDP-Schachzug aber nur eine Revanche an der CDU, die den damaligen sächsischen Justizminister Steffen Heitmann nominiert hatte, ohne dies mit dem liberalen Koalitionspartner abzustimmen.

Bei der Wahl zog die FDP Hamm-Brücher dann auch im dritten und entscheidenden Wahlgang zurück. Gewählt wurde der CDU-Kandidat Roman Herzog, der für den nach scharfer Kritik als Kandidat abgelösten Heitmann ins Rennen gegangen war. In den Folgejahren blieb Hamm-Brücher vor allem als Buchautorin und politische Publizistin in der Öffentlichkeit präsent. 2002 erklärte die promovierte Chemikerin nach 54 Jahren ihren Austritt aus der FDP - weil die Parteiführung den rechtspopulistischen und antiisraelischen Kurs des damaligen Düsseldorfer Landesparteichefs Jürgen Möllemann geduldet habe.

Gleichwohl ist die seit 2008 verwitwete Mutter eines Sohnes und einer Tochter auch im hohen Alter eine Liberale im Unruhestand geblieben - getreu einem ihrer Grundsätze: "Durch Ruhe und Ordnung kann die Demokratie ebenso gefährdet werden wie durch Unruhe und Unordnung."

AFP
 
 
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