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„Wenn es einfach wäre, könnten es ja auch die andern machen!“

Donald Trump, Recep Erdoğan, Brexit, Syrien, Terror und eine immer stärkere Rechte in Europa. „Ein Scheißjahr“ meint der Soziologe, Autor und Vater Harald Welzer zu 2016. Und dennoch: Uns ging es noch nie so gut wie jetzt. Sein persönlicher Jahresrückblick. 

Als Vorstandsmitglied der Initiative „Die Offene Gesellschaft“ setzt sich der 58-jährige Autor, Soziologe und Sozialpsychologe für die Verbreitung und Aufrechterhaltung demokratischer Werte in Deutschland ein.

Meine Lieben, soll ich euch erzählen, was meine wichtigste Erkenntnis aus diesem seltsamen Jahr ist? Ihr werdet überrascht sein: dass es uns noch nie so gut ging wie jetzt. Und dass es vielleicht in Zukunft nicht immer so gut geht wie jetzt. Beide Erkenntnisse hängen für mich ganz eng miteinander zusammen, denn man merkt ja erst, wie wichtig etwas ist, wenn man es zu verlieren droht.

Für mich, den Babyboomer, groß geworden in den 1960er- und 1970er-Jahren, schon fast immer ein hartnäckiger und nervtötender Kritiker von all dem, was nicht stimmt in unserer Gesellschaft und der Welt, immer unterwegs in Richtung Veränderung, chronisch unzufrieden mit der Politik, der Wirtschaft, dem ökologischen Zustand der Welt, ist 2016 klar geworden: Ich und alle anderen meiner Generation, die das hatten, im reichen Westen aufzuwachsen, haben ein halbes Jahrhundert lang auf das Prächtigste von all dem profitieren dürfen, was andere zuvor geschaffen haben. Wirtschaftswunder, Öffnung des Bildungssystems, super Lebenserwartung, steigende Einkommen, offene Grenzen, das Ausprobieren von Lebensformen und Protest, Great Fun, Motorräder, Punkmusik, Studieren, Arbeiten, Welten entdecken und: Frieden.

Okay, dieser letzte Punkt gehört schon in die Reihe der Dinge, die mir nicht wichtig waren. Aus einem, ich muss es leider sagen, ziemlich unintelligenten Grund: Weil es nichts anderes gab als Frieden. Bei uns. Krieg gab es schon, die ganze Zeit, irgendwo, aber nicht bei uns. Genauso wie Gewalt, Unterdrückung, , Zwang – irgendwo, aber nicht bei uns. Und wozu führt es, wenn man sein Leben in Frieden, sicher, frei und selbstbestimmt führen darf? Dass man vergisst, wie kostbar das ist. Dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass das alles andere als selbstverständlich ist. Ja, dass man es für ganz und gar unmöglich hält, dass es auch „bei uns“ jemals anders sein könnte.

Warum ist mir das 2016 klar geworden?

Weil es ein Scheißjahr war. Nicht nur, weil komischerweise in diesem Jahr ganz viele Menschen gestorben sind, die für mich sehr wichtig waren, weshalb ich oft sehr traurig war, sondern weil ganz viel ganz anders gelaufen ist, als es hätte laufen können. Nehmen wir mal die Sensation, dass die allermeisten Deutschen die vielen Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen mussten, nicht nur willkommen geheißen, sondern ihnen auch ganz handfest geholfen haben: mit Geld, mit Kleidung, mit Decken, mit Behördengängen und was weiß ich noch alles. In Flensburg, wo viele Flüchtlinge ankamen, die nach Dänemark und Schweden wollten, bis auch diese Länder ihre Grenzen dicht machten, waren von 80 000 Einwohnern sage und schreibe 10 000 als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer registriert! Und in vielen anderen Orten sah es genauso aus! Man konnte in dieser Zeit sehr stolz sein, in Deutschland zu leben, besonders angesichts der menschen- und übrigens auch rechtsfeindlichen Haltung in anderen Ländern der EU, allen voran Ungarn, Polen, Großbritannien. Es war ekelhaft zu sehen, wie Menschen in behandelt wurden, und lächerlich zu hören, dass eine politische Union mit 510 Millionen Einwohnern sich als überfordert damit erklärte, eine weitere Million, geschweige denn zwei oder drei weitere, aufzunehmen. Ekelhaft, wirklich. Versagt in der ersten Prüfung.

Noch ekelhafter kam es mir vor, dass deutsche Politiker, allen voran ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident , Ressentiments nicht nur gegen die Regierung schürten, sondern vor allem auch gegen die Flüchtlinge. Damit hat Seehofer sich zum besten Marketing-Mann der AfD gemacht, und seltsamerweise hört er mit seinem demokratieschädigenden Verhalten nicht auf, obwohl er damit keine einzige Stimme gewinnt, wie die Umfragen zeigen. Meine Lieben: Ein paar Rechte sind für eine stabile Demokratie überhaupt kein Problem, das hält man aus. Aber etablierte Politiker, die die Themen und Begriffe der Rechten übernehmen und in die Mitte der Gesellschaft tragen: Die sind ein Problem, und sie waren schon früher die eigentlichen Totengräber der Demokratie. Gut aber, dass die Deutschen sich auch hier wiederum als klüger erweisen als solche Politiker: Denn nach wie vor, gerade hat es eine Umfrage gezeigt, finden 85 Prozent der Deutschen die Aufnahme der Asylsuchenden richtig! Darauf können wir bauen, übrigens auch darauf: Was halten 84 Prozent der Deutschen für das größte Problem im Land? Richtig: rechtsextreme Gewalt! Wenn wir so etwas wissen, wissen wir, dass wir zur Mehrheit gehören, und zwar sehr sehr gern, mit Freude und Engagement!

Nun wieder zu einer schlechten Nachricht

Die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten ist zweifellos eine Katastrophe, nicht nur für Amerika, sondern für die ganze Welt. Auch wenn er jetzt, bevor er tatsächlich im Amt ist, hier und da einen freundlichen und harmlosen Ton anschlägt, ist es grundfalsch, darauf die Hoffnung zu bauen, er würde doch als Präsident anders handeln als in seinem ganzen Leben zuvor. Denn erstens handelt niemand jemals grundsätzlich anders als in seinem ganzen Leben zuvor – der Typ ist 70! –, und zweitens: Wer, der charakterlich so strukturiert ist wie dieser Mann, würde denn ausgerechnet nach dem größten Erfolg seines Lebens seine Weltsicht, seine Absichten und seine Strategie ändern? Eben. Man muss sich nur das Team anschauen, dass er zusammenstellt. Dieser Mann und seine Freunde werden sehr viel Schlimmes anrichten.

Die Wahl von Trump hat aber noch etwas anderes Irres hervorgebracht. Deutschland ist in der Nacht vom 8. auf den 9. November zur wichtigsten Demokratie der Welt geworden. Das muss man sich mal reinziehen. Das Land, das vor drei Generationen das Empire of Evil war, das schlimmste und mörderischste Land der Erde, ist heute nicht nur das beliebteste Land weltweit, sondern auch das Sehnsuchtsland für unendlich viele, besonders junge Menschen aus allen Teilen des Globus geworden! Das ist unglaublich, auch deswegen, weil das alles zeigt, wie schnell und intensiv sich die Dinge nicht nur zum Schlechten, sondern auch zum Guten wenden können. Das Land, das aus zwei totalitären Gesellschaften entstanden ist, eine mörderische Geschichte hat und den ganzen europäischen Kontinent in ein Inferno der Zerstörung gerissen hat, ist heute das Land, auf das die Verfolgten und Unterdrückten, die Demokraten und Freiheitsliebenden ihre Hoffnung richten.

Tatsächlich, so seltsam es sich anhört: Jetzt, gerade nach der US-Wahl, kommt es darauf an, dass wir bei der Fahne bleiben, der Fahne der Demokratie, der Freiheit und der Offenen Gesellschaft. Wir haben dafür eine super Ausgangsposition: Die Rechten sind nicht stark bei uns, sondern die demokratische Mehrheit, und jetzt müssen wir Verantwortung zeigen, indem wir für diese Gesellschaft eintreten. Wer sagt eigentlich, dass es nur interessant ist, gegen etwas zu sein? Lasst uns doch darüber sprechen, was eigentlich alles wahnsinnig gut läuft in der Offenen Gesellschaft!

Fangen wir mal mit dem Einfachsten an

Viele Flüchtlinge müssen sich erst mal daran gewöhnen, dass man in diesem Land nicht geschlagen oder bedroht wird, auf Ämtern, von Polizisten, in den Heimen. Dort, wo sie herkommen, ist das nämlich anders, Gewalt eine Alltäglichkeit. Und Not ganz normal. Wir leben so unglaublich sicher und merken es nicht; wenn man aus anderen Verhältnissen kommt, fällt es sofort auf. Positiv. Und fragt mal alle Idioten, die von „Staatsversagen“ hierzulande sprechen, ob sie schon mal zum Beispiel in Rumänien oder Pakistan in einem Krankenhaus waren? Oder beim Zahnarzt? Oder sich in den USA ein Bein gebrochen haben? Die Leute, die unsere Gesundheitsversorgung für ein Problem halten, waren noch nirgendwo anders auf der Welt in Not.

Deutschland ist eine extrem reiche Gesellschaft, die den Menschen, die in ihr leben, Freiheit und Sicherheit bietet, Handlungsspielräume und Entfaltungsmöglichkeiten. Die Kritik duldet und sogar braucht, um sich weiterzuentwickeln. Eine solche Gesellschaft lässt uns die Wahl. Wir dürfen ganz normal sein oder ganz anders. Wir dürfen Traditionen hochhalten oder Neues denken. Wir dürfen provinziell sein oder weltgewandt. Oder all das auf einmal.

Die offene Gesellschaft ist ein beispielloses Erfolgsmodell

Was sich unter anderem daran zeigt, dass bei uns die Arbeitslosigkeit so niedrig ist wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Dass mehr Kinder Abitur machen als jemals zuvor. Dass die Polizei immer mehr Beamte mit „Migrationshintergrund“ einstellt. Dass Radfahren in der Stadt normal geworden ist. Dass Menschen Genossenschaften gründen, um gemeinsam zu bauen, zu gärtnern, zu arbeiten, Energie zu erzeugen. Dass das Politikinteresse bei jungen Menschen stark gestiegen ist, ihre Angst vor Zuwanderung dagegen stark gesunken. Dass sie Gewalt in jeder Form ablehnen, sich in unglaublich großer Zahl ehrenamtlich engagieren, bei den Landfrauen genauso wie bei Amnesty International, in Sprachcafés, bei Greenpeace oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Das müssen wir sagen, laut und deutlich und überall, gerade nach diesem Scheißjahr. Das alles heißt ja nicht, dass es nicht viel zu ändern und verbessern gäbe, auch in diesem Land: Wir müssen gegen die Bildungs- und Chancenungleichheit kämpfen, gegen verantwortungslose Manager wie bei der Deutschen Bank oder bei VW, gegen die ausufernde Überwachung und, natürlich, gegen die fortschreitende Zerstörung der Lebens- und Überlebensräume überall auf der Welt durch unsere absurde hyperkonsumistische Lebensweise. Müssen wir machen, aber das wisst ihr ja eh! Weil es uns, und damit komme ich auf den Anfang zurück, so gut geht.

Aber das hat Voraussetzungen. Und die müssen wir bewahren, dafür müssen wir kämpfen. Denn jetzt, nach diesem Jahr, ist eben noch eine Erkenntnis dazugekommen: Wenn wir es nicht machen, also ich und ihr und unsere Freundinnen und Freunde, dann macht es keiner! Ausgerechnet wir? Ob das nicht zu schwierig ist, alles? Na, dafür haben wir doch ein Motto: Wenn es einfach wäre, könnten es ja auch die andern machen!


Harald Welzers aktuelles Buch „Die smarte Diktatur: Der Angriff auf unsere Freiheit“ erschien 2016 im Fischer Verlag.


Dieser Text ist in der Ausgabe 01/2017 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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Harald Welzer