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„Wenn die Wespe angreift: Luft anhalten“

Justin Schmidt ist der berühmteste Insektenforscher der Welt. Hier verrät er, welcher Stich am meisten schmerzt und warum es nie verkehrt ist, zum Selbstschutz ein kühles Bier zu trinken.

Text: Stefan Kuzmany

Nido: Herr Schmidt, was war der schmerzhafteste Insektenstich, den Sie jemals erlebt haben?
Justin Schmidt: Der Biss einer 24-Stunden-Ameise. Ich hatte gelesen, dass diese Dinger wirklich weh tun, und dachte mir: Hey, das ist doch ein gutes Forschungsobjekt. Ich war damals auf einer Forschungsreise in Brasilien. Ich habe einige ohne Probleme aufgesammelt, riesige, klebrige Dinger. Aber früher oder später, wenn man versucht, fünf Ameisen gleichzeitig aufzusammeln, dann wird es eine schaffen, dir auf den Arm zu krabbeln. Und dann hat sie dich. Ich bin innerhalb einer halben Stunde viermal gebissen worden. Ich habe meine Schaufel fallen gelassen, habe geschrien, bin im Kreis herum gerannt, es hat verdammt weh getan. Aber ich musste diese Ameisen bekommen. Also bin ich wieder zurück und habe mehr aufgesammelt. Und als das endlich erledigt war, war ich fertig. Der Schmerz hat erst am nächsten Morgen etwas nachgelassen.

Schlafen konnte ich in der Nacht überhaupt nur, weil ich eine Menge Bier getrunken hatte. Und Eis auf den Finger gepresst. So etwas vergisst man nicht. Das war ganz eindeutig etwas anderes als von einer Honigbiene oder einer Wespe gestochen zu werden.

Im Laufe Ihrer Forschungen sind Sie von hundertfünfzig verschiedenen Insektenarten gestochen worden.
Das könnte hinkommen.

Aus Ihren Erfahrungen als Entomologe ist der „Schmidt Sting Pain Index“ entstanden, eine Skala, die die Schmerzen nach Insektenstichen quantifiziert. Haben Sie sich dafür etwa absichtlich stechen lassen?
Normalerweise nicht. Aber manchmal musste es sein, bei besonders interessanten oder wichtigen Insekten, von denen ich die Daten brauchte. Mir fallen da zwei Arten ein, über beide gibt es viele Schauergeschichten. Die eine ist die Mauerwespe. Kinder haben große Angst vor denen, weil sie sehr unheimlich aussehen. Aber ich habe nie jemanden getroffen, der tatsächlich von einer gestochen worden wäre. Also habe ich mir gedacht, das muss ich ausprobieren.

Der Stich war dann aber ganz harmlos, viel weniger schmerzhaft als der einer Honigbiene. Gerade mal eine Eins auf meiner Skala. Die andere Art war die größte, am gefährlichsten aussehende Wespe der USA. Sie ist etwa drei- oder viermal länger als die deutsche Wespe und etwa hundertmal schwerer. Sie jagt Zikaden, deshalb heißt sie hier „Cicada Killer“. Diese Wespen werden gerne in der Werbung verwendet, wenn man ein besonders großes, fürchterliches Insekt mit einem Stachel zeigen möchte. Aber schon wieder scheint niemand jemals von einer gestochen worden zu sein.

Also haben Sie gesagt: Auf geht’s

Ja, ich habe mir eine geschnappt und sie dazu gebracht, mich zu stechen. Das ist gar nicht so leicht, weil ich keine Zikade bin und der Zikaden-Killer kein Interesse daran hatte, mich zu stechen. Der Stich hat mich dann überrascht, weil ich erwartet hatte, das wäre nur eine kümmerliche Eins, aber es war mehr, irgendwo auf der Hälfte zwischen einer Eins und einer Zwei, sicher weniger als eine Honigbiene, aber eindeutig mehr als eine Mauerwespe, eine Feuerameise oder eine Schweißbiene.

Es ist keine lineare Skala. Etwa neunzig Prozent der stechenden Insekten sind eine Zwei oder eine Eins. Der Zikaden-Killer war vielleicht eine Anderthalb. Eine Honigbiene ist eine Zwei. Die 24- Stunden-Ameise ist eine Vier. Das ist das Maximum.

Kann man sagen: Je gemeiner ein Insekt aussieht, desto harmloser ist es in Wirklichkeit?
Nein. Es gibt zwar einige, die besonders fies aussehen, aber völlig harmlos sind, weil sie nur das Aussehen der wirklich gefährlichen nachahmen, um ihre Feinde abzuschrecken. Der Zikaden-Killer zum Beispiel ahmt die richtigen, kleineren Wespen nach, die ja wirklich wehtun können. Wenn die Leute schon die kleinen Wespen fürchten, und dann kommt eine daher, die viel größer ist, dann hat sie es nicht mehr nötig, dass ihr Stich so eine durchschlagende Wirkung hat. Aber dann gibt es zum Beispiel den Tarantulafalken (Pepsis formosa), der Vogelspinnen jagt. Der sieht echt gefährlich aus, und tatsächlich ist sein Stich genauso schmerzhaft wie sein Aussehen vermuten lässt – der ist eine Vier. Aber er ist nicht giftig. Bienengift ist da giftiger. Man merkt das ja, wenn man von einer gestochen wird: Die Schwellung bleibt für eine Weile.

Stimmt es eigentlich, dass die Biene sterben muss, nachdem sie zugestochen hat?
Normalerweise stirbt sie, weil sie ihren Stachel und den ganzen Stechapparat verliert, um möglichst viel Gift in den Feind zu pumpen. Aber sie muss nicht. Das ist faszinierend. Wenn man eine Biene fängt, sie herunterkühlt, ins Labor bringt und sie zwei oder drei Stunden später dazu bringt, einen in den Arm zu stechen, aber nur ganz behutsam, und sie danach in Ruhe lässt, dann merkt die Biene manchmal, dass sie gerade noch auf einer Blume gesessen hat und jetzt plötzlich jemanden stechen musste, aber dass sie nicht sterben will. Und dann bewegt sie sich wie ein Korkenzieher, dreht sich auf deinem Arm im Kreis herum und versucht, den Stachel wieder herauszuschrauben. Und wenn man sie nicht vorher zerquetscht, kann sie sich befreien. So etwas erleben aber nur Insektenforscher.
Andere Leute sehen sich das nicht so lange an.

Hier in Deutschland hat man den Kindern immer erzählt, der Stich einer Hornisse wäre besonders gefährlich. Ist das wahr?
Bis zu einem gewissen Grad schon. Hornissen sind fünf- bis zehnmal schwerer als Wespen, also können sie wesentlich mehr Gift in dich hineinbekommen. Viele Insektengifte sind ja sogar gefährlicher als das Gift einer Kobra.

Trotzdem bringen sie einen normalerweise nicht um. Die Kobra verspritzt eine vergleichsweise große Menge Gift, während ein Insekt nur ein kleines bisschen hat. Die Hornisse ist zwar auch klein, aber sie hat trotzdem mehr Gift als Bienen oder Wespen. Wenn man es schafft, von einem ganzen Hornissenschwarm gestochen zu werden, dann kann man Blut- und Nierenprobleme bekommen. Das passiert einem bei Bienen oder Wespen normalerweise nicht.

Was kann man eigentlich tun, um nicht gestochen zu werden?
Wenn dich eine Wespe angreift, halte die Luft an. Einatmen ist erlaubt, ausatmen nicht. Bienen und Wespen orientieren sich nämlich hauptsächlich nach Gerüchen, und unser Atem riecht aufregend für sie. Zweitens: Beweg dich nicht.
Sie können zwar Bilder nicht so gut erkennen, Bewegungen aber umso besser. Hör also auf, herumzufuchteln.
Das bringt überhaupt nichts. Das reizt sie nur. Besser: Luft anhalten und langsam weggehen – dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Wespe abhaut. Rückzug vom Picknick ist aber keine Option. Dann sollte man sie gar nicht erst anlocken. Keine Marmeladenbrote einpacken, besser Käsebrötchen. Milchprodukte mögen sie nicht, Tomaten, Salat und Erdnussbutter auch nicht. Sie lieben Softdrinks. Sie mögen kein Bier.

Was kann man machen, wenn man doch gestochen worden ist?
Was eigentlich jeder machen kann, ist, eine Paste aus möglichst feinem Salz herzustellen, mit ein bisschen Wasser oder Spucke oder Bier, was halt gerade da ist, und das auf die Stichwunde zu schmieren. Wenn man es innerhalb von 30 Sekunden schafft, wird der Schmerz normalerweise sofort aufhören. Das ist ein altes Hausmittel, keine Ahnung, warum das funktioniert, aber die Hauptsache ist ja, dass es funktioniert. Kann auch sein, dass es einfach dafür gut ist, die Eltern zu beschäftigen, damit sie nicht in Panik ausbrechen, wenn das Kind schreit, weil es gestochen worden ist. Es gibt allen etwas zu tun, sie können das Salz suchen, die Paste machen und so weiter.

Also eine Art Placebo?
Ja, könnte sein. Aber was zum Teufel soll man sonst schon machen? Herumspringen und schreien und mit dem Kopf gegen einen Baumstamm rennen?

An der Wunde saugen?
Ja, das ginge auch. Aber ich hätte da die Sorge, dass man damit die Stelle erwärmt, was den Schmerz eher verstärkt. Dasselbe gilt auch für Reiben. Also besser nicht dran reiben, das macht die Sache noch schlimmer. Lieber ein wenig Spucke drauf, das kühlt.

Wir haben noch gar nicht über Mücken gesprochen. Die stechen ja nicht, weil sie sich verteidigen wollen, sondern weil sie Blut saugen möchten.
Ach, Mücken. Die sind das Letzte. Total uninteressant. Es gibt auch praktisch keine Mückenforscher.
Das sind einfach nur armselige Viecher, die nichts Besseres können, als uns zu stechen. Am liebsten wäre es ihnen ja, wenn wir das gar nicht merken würden. Aber dummerweise müssen sie das Blut an der Gerinnung hindern – und das machen sie mit einem Wirkstoff, der juckt. Das ist unser Pech. Und ihres. Ich mag es nicht, wenn es juckt. Darum habe ich auch ein sehr schlechtes Verhältnis zu Mücken.

Würde es nicht jucken, könnte man sie ja das bisschen Blut saugen lassen.
Genau. Aber das Jucken ist ja nicht das Einzige. Die Mücken sind noch dazu die besten Überträger aller möglichen widerlichen Krankheiten. Wahrscheinlich mehr als die Hälfte aller ansteckenden Krankheiten werden von Mücken übertragen. Malaria. Gelbfieber.
Dengue-Fieber. Das ganze Zeug.

Und was kann man gegen die machen?
Am besten ist es, sie zu erwischen, bevor sie einen erwischen. Anstatt Löwen oder Tiger zu jagen, sollte man Mücken klatschen. Das wäre viel sportlicher. Ich bin schon ziemlich gut darin.

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