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Büro und Kita unter einem Dach

Als Sandra Runge nach der Geburt ihres Sohnes wieder arbeiten will, sucht sie nach einem Büro, in das sie ihr Kind mitbringen kann. Weil sie nichts Geeignetes findet, gründet sie kurzerhand ihre eigene Coworking-Kita.

Von Verena Friederike Hasel

Elf Uhr vormittags, Malu Mähler sitzt im Büro und arbeitet konzentriert am Laptop, als ihr Telefon klingelt. Im Display sieht sie die Nummer der Kita, in die ihre zehn Monate alte Tochter Magalie vor Kurzem gekommen ist. Mähler nutzt die Kitazeit, um sich auf ihre Prüfung als PR-Referentin vorzubereiten. Nun geht sie schnell an ihr Handy. „Malu“, sagt der Erzieher. „Magalie lässt sich gerade nicht beruhigen. Ich glaube, es ist besser, wenn du kommst.“

  Gründerin Sandra Runge

Gründerin Sandra Runge

Mitten am Tag die Nummer des Kindergartens auf dem Handydisplay – das ist eins der Schreckensszenarien aller berufstätigen Mütter und Väter. Denn dann braucht das Kind meist die Eltern, und Mutter oder Vater setzen sich ins Auto oder die Bahn, fahren weite Wege durch die Stadt, um ihr Kind in den Arm zu nehmen. Malu Mähler dagegen steht von ihrem blauen Schreibtisch in Berlin-Prenzlauer Berg auf, geht durch eine Tür und schon ist sie in der Kita ihrer Tochter.

Ihr Konzept ist die Antwort auf vieles, wonach Sandra Runge selbst lange gesucht hatte. Magalies Kita heißt Coworking Toddler – und ihre Gründerin Sandra Runge ist angetreten, die Kinderbetreuung in Deutschland zu revolutionieren. Bei Coworking Toddler („toddler“ heißt übersetzt Kleinkind) verbringen Eltern und Kinder ihre Zeit unter einem Dach, die einen zum Arbeiten, die anderen zum Spielen. Drei Räume gehören den Kindern, betreut von professionellen Erziehern. In einem weiteren haben die Eltern ihr Büro.

Eröffnet hat Coworking Toddler im Mai 2016 in Berlin-Prenzlauer Berg. Hier in der Gegend wohnen besonders viele Familien mit kleinen Kindern, Kreative und Freiberufler. Es gibt drei Erzieher, geöffnet ist jeden Tag von 8 Uhr 30 bis 17 Uhr 30. Die Kinderbetreuung wird ganz regulär über den Kitagutschein finanziert, der Büroplatz kostet 350 Euro im Monat. Derzeit werden hier zwölf Kinder im Alter von sieben Monaten bis drei Jahren betreut. Unter den Eltern sind Politikwissenschaftler, Journalisten und eine Mathematikerin, die gerade ein Start-up gründet. Die Warteliste reicht bis ins kommende Jahr. Dass Coworking Toddler so gut ankommt, liegt auch daran, dass die Gründerin elterliche Bedürfnisse aus eigener Anschauung kennt. Sandra Runge, 39, ist Mutter von zwei Söhnen. „Coworking Toddler“, sagt sie, „ist die Antwort auf vieles, was ich mir als Mutter gewünscht habe.“


„Es ist angenehm, wenn man nicht erst einen halben Tag Urlaub beantragen muss, nur weil man mit dem Kind mal Laterne basteln will“


Vor knapp drei Jahren stand Sandra Runge selbst vor der wohl wichtigsten Frage, mit der sich Familien im 21. Jahrhundert konfrontiert sehen. Wie kann man Arbeit und Familie vereinbaren? Runge ist Juristin. Bis zur Geburt ihres ersten Sohns im Jahr 2010 hatte sie fest angestellt in einem Unternehmen gearbeitet. Am ersten Tag nach der Elternzeit fand sie ihre Kündigung auf dem Tisch. „Das war ein richtiger Schock.“ Runge machte sich als Anwältin selbstständig und genoss die damit verbundene Freiheit. „Es ist angenehm, wenn man nicht erst einen halben Tag Urlaub beantragen muss, nur weil man mit dem Kind mal Laterne basteln will.“ Doch nach der Geburt ihres zweiten Sohnes im Jahr 2013 stand sie vor einem Problem, das viele Selbstständige haben. „So einfach ein Jahr lang weg vom Fenster sein, das geht nicht, wenn man freiberuflich ist“, sagt Runge. Und auch wenn ihr älterer Sohn glücklich in seiner Kita war: Runge konnte sich nicht vorstellen, den sechs Monate alten Carl auch dort hinzugeben. „Ich fand, er war einfach noch zu klein, um den ganzen Tag so weit weg von mir zu sein.“

Immer wieder warnen Wissenschaftler vor den Folgen früher Fremdbetreuung, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. So stellte man in der sogenannten Krippenstudie der Universität Wien bei Krippenkindern unter zwei Jahren erhöhte Werte des Stresshormons Cortisol fest. Die Bindungsforscher Karin und Klaus Grossmann weisen darauf hin, dass es der in Deutschland übliche Betreuungsschlüssel Erziehern schwer macht, eine sichere Bindung zu den Kindern aufzubauen. Hier ist in manchen Bundesländern ein Erzieher für bis zu sechs Kinder unter drei Jahren zuständig. Die Psychoanalytikerin und Professorin von der International Psychoanalytical University (IPU) Christiane Ludwig-Körner sagt: „Wenn eine Frau Drillinge hat, versteht jeder, dass sie Hilfe braucht. Wie kann es sein, dass man von Erziehern erwartet, dass sie die doppelte Anzahl an Kindern betreuen?“ Fremdbetreuung sei eine Herausforderung für die kindliche Psyche. Die Eltern ins Kitageschehen einzubinden sei deshalb ein guter Gedanke.


„Eine Kita zu gründen ist in etwa so kompliziert wie ein Atomkraftwerk zu bauen“


Und so sucht Sandra Runge Anfang 2014 nach alternativen Betreuungsformen für ihren sechs Monate alten Sohn. Im Netz findet sie eine Gruppe von Frauen, die sich auch ein Büro wünschen, in dem Kinder willkommen sind. Auf der Suche nach einer zeitgemäßen Form der Kinderbetreuung trifft sie sich mit den anderen, als Gründungsmitglied einer Kita kommt sie nach Hause. Als der Rest abspringt, macht sie sich allein auf die Suche nach Vorbildern. Sie wird fündig bei Eltern-Kind-Büros in Leipzig und München, bei denen Eltern und Freiwillige sich mit der Betreuung abwechseln, und entwickelt dann ihre eigene Idee: ein Ort, an dem Eltern sich ganz auf die Arbeit konzentrieren können, während die Kinder nebenan unter Aufsicht professioneller Erzieher spielen.

Sie holt ihren Mann, einen Unternehmensberater, ins Boot und erstellt gemeinsam mit ihm einen Projektplan. Im September 2014 spricht sie bei der Berliner Senatsverwaltung vor. „Als ich den Mitarbeiterinnen von der Kitaaufsicht sagte, dass ich eine Kita mit dazugehörigem Büro gründen will, guckten sie mich an, als sei ich verrückt geworden“, sagt Runge. Heute weiß sie, warum. „Eine Kita zu gründen ist in etwa so kompliziert wie ein Atomkraftwerk zu bauen.“ Die Auflagen sind bis ins letzte Komma geregelt: So brauchen Kitaräume einen Lichteinfall von 300 Lux, eine Raumhöhe von zwei Meter fünfzig und einen Außenbereich mit sechs bis zehn Quadratmeter pro Kind. Mehrere Monate verbringt Runge mit der Suche nach dem richtigen Ort. Eines Tages sieht sie sich ein ehemaliges Kindercafé an und ist sofort begeistert. Doch der Umbau zieht sich. Denn auch er folgt genauen Vorgaben: So muss jedes Kind 0,4 Quadratmeter Platz in der Garderobe haben, und die Handtuchhalter im Bad brauchen einen Mindestabstand von fünfzehn Zentimetern. Am 1. Mai 2016 kann Coworking Toddler endlich eröffnen.


Der dreijährige Theo sitzt an einem warmen Julitag im Spielzimmer auf dem Boden. Eine Wand ist orange gestrichen, auf dem Regal liegt eine Gitarre, im Raum stehen Puppenhaus und Murmelbahn. Theo hat ein Polizeiauto in der Hand und fährt es auf dem Tisch hin und her. Der Erzieher Jannik Voise hockt sich neben ihn und macht die passenden Geräusche dazu.

"Ich habe das Gefühl, das  ich trotz Arbeit bei der Entwicklung meiner Tochter dabei bin"

Vor den beiden, neben dem Regal an der orangefarbenen Wand, ist eine Tür. Hinter ihr befinden sich das Büro und die Teeküche der Eltern, doch das wissen die Kinder nicht. Und so soll es noch möglichst lange bleiben. Anlügen würden die Erzieher die Kinder nicht, doch sind sie froh, dass die Kinder noch nicht ahnen, dass sie nur diese Tür öffnen und durch einen schmalen Gang hindurchgehen müssten, und schon bei ihren Eltern wären.

Deshalb nehmen die Eltern, als sie kurz vor zwölf zum Mittagessen erscheinen, auch den Vordereingang der Kita. Wenig später sitzen Theo und seine Mutter im gelb gestrichenen Essraum. Am Tisch sieht es so aus, als seien mehrere Generationen einer Großfamilie beisammen. Da sind die Kinder, die Eltern und Erzieher und eine Großmutter, die sich den Büroplatz mit der Tochter teilt. Es gibt Fisch und gekochten Ebli-Weizen, die Erwachsenen staunen, diese Weizenart kannten sie nicht. Die fünfzehn Monate alte Fritzi würde am liebsten gleich mit der Hand hineinlangen. Ihre Mutter Petra Borrmann arbeitet als Social-Media-Beraterin und stand schon Monate vor der Eröffnung auf der Warteliste von Coworking Toddler. „Hier habe ich ein Guckloch in Fritzis Welt. Das finde ich toll.“ Nach einer Weile legt Theo seinen Löffel weg. „Na, bist du satt?“, fragt der Erzieher ihn. „Nein“, antwortet die Mutter. „Er ist nur ein langsamer Esser, genau wie sein Papa. Die beiden sind einfach Genießer.“

Genau wegen solcher Momente habe er sich für die Arbeit bei Coworking Toddler entschieden, sagt der Erzieher Jannik Voise. „Da erfahre ich so viel über die Eigenheiten der Kinder. Und wo sonst gibt es die Gelegenheit für so einen Austausch?“ Voise, 26, ist ein Erzieher, wie Kitas sich ihn wünschen: jung, motiviert, männlich. Tatsächlich hat er auf jedes seiner Bewerbungsschreiben Antwort bekommen, aber erst als er Runge traf, sagte er zu. „Damit ich ein Kind gut betreuen kann, brauche ich auch guten Kontakt zu den Eltern.“ Neulich hat Voise bemerkt, dass eine Mutter ein Geräusch macht, wenn sie den Löffel zum Mund ihres Kindes führt. Das ahmt er nun nach, wenn er das Kind füttert. „Eltern sind die Experten fürs Kind. Wenn ich ihre Rituale kenne, kann ich den Kindern die Trennung erleichtern.“


„Und ich hatte das gute Gefühl, dass ich in dieser Kita für meine Tochter da bin, wenn sie mich braucht, aber trotzdem arbeiten kann“


Elternarbeit lautete früher das Schlagwort im Kitaalltag. Eltern blieben außen vor. Ihre Unterstützung beschränkte sich weitgehend auf Kuchenbacken für das Sommerfest. Heute spricht man von Erziehungspartnerschaften. So heißt es in der fünften Auflage des Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplans: „Anzustreben ist eine Erziehungspartnerschaft, bei der sich Familie und Kindertageseinrichtung füreinander öffnen, ihre Erziehungsvorstellungen austauschen und zum Wohl der ihnen anvertrauten Kinder kooperieren.“ Doch für so etwas ist in vielen Kitas kaum Zeit. Mehr als kurze Tür-und-Angel-Gespräche sind in der Regel nicht drin. Dass bei Coworking Toddler durch die gemeinsamen Mahlzeiten ausführliche Unterhaltungen möglich sind, schätzen auch die Eltern. „Ich habe das Gefühl, dass ich trotz Arbeit bei jedem Entwicklungsschritt meiner Tochter hautnah dabei bin“, sagt eine Mutter. „Als sie das erste Mal ohne Hilfe stand, haben mir das die Erzieher mittags gleich erzählt.“

An dem Vormittag, als Malu Mählers Handy klingelte, stillte die Mutter ihre Tochter eine Weile (dafür gibt es einen grauen Stuhl mit Sichtschutz). Danach war Magalie beruhigt und schlief in der Obhut Janniks ein. Mähler ging zurück an den Schreibtisch. Es war kaum mehr als eine Viertelstunde vergangen. „Und ich hatte das gute Gefühl, dass ich in dieser Kita für meine Tochter da bin, wenn sie mich braucht, aber trotzdem arbeiten kann.“ In den Tagen danach horchte Malu Mähler manchmal noch auf, wenn ein Kind nebenan weinte. Inzwischen hört sie meist glucksendes Lachen von ihrer Tochter. Vor allem wenn Magalie Xylofon spielt. Eine schönere Geräuschkulisse kann sich Malu Mähler bei der Arbeit nicht vorstellen.

Dieser Text ist in der Ausgabe 11/2016 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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