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Die Kunst des Verduftens

Mal wieder ohne Mann und Kind wegfahren, davon reden Mütter ständig. Warum machen sie es bloß so selten?

Von Caroline von Lowtzow

Als Mutter alleine in den Urlaub: Die Kunst des Verduftens

Ein Müttertraum: Mal wieder in Ruhe was lesen. Pool muss gar nicht sein.

Ich bin also ein Mamatier. Ich habe einen Abend lang geheult, als wir das Babybett aus dem Schlafzimmer ins Kinderzimmer schoben. Ich gerate in Panik, aus Angst, mein Kind könnte sterben, wenn ihm nur mal das Essen hochkommt. Ich habe mich eine Woche gefreut, als es mir den ersten Kuss auf die Backe gedrückt hat. Und: Ich schaffe es nicht, ein alleine wegzufahren.

Das alles hätte so niemand ahnen können, am wenigsten ich selbst. Lange Zeit war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt wollte, und als ich schwanger war, stand sofort mein Entschluss: Ich würde nach der Geburt möglichst bald wieder arbeiten. Das Kind sollte nicht der alleinige Mittelpunkt meines Lebens sein. Ein Wunsch, der viel mit eigenen Erfahrungen zu tun hatte.

Meine Mutter war vor allem Mutter. Sie hat zwar studiert und eine Weile in ihrem Beruf gearbeitet, aber als ich auf der Welt war, wurde sie zur „Hockey Mom“. Sie hat mich vom Tennis zum Ballett zu Freunden und wieder nach Hause kutschiert und jeden Tag ein ganz hervorragendes Mittagessen gekocht. Hat meine Mutter diese Entscheidung je bereut? Ich habe sie nie gefragt. Aber Einkaufen und Kochen kann sie nicht mehr leiden. Mein Mann und ich schworen uns damals: Wir würden uns beide gleichberechtigt um unser Kind kümmern.

Wir würden nicht nur Kleinfamilie sein, sondern weiter ein Ehe- und Liebespaar und Menschen mit individuellen Bedürfnissen, die natürlich auch weiter befriedigt würden. Soweit die Theorie.

Als unser Kind sechs Monate alt war, wollte ich das in die Praxis umsetzen und zum ersten Mal ein paar Tage alleine wegfahren. In ein Wellness- Hotel oder zum Wandern in die Berge. Mit einer Freundin oder alleine. Ganz egal was, nur mal wieder Zeit für mich haben, ein paar Nächte durchschlafen und etwas anderes sein als ausschließlich Mutter.

Überraschend: Aus der Distanz wirkten alle meine Bedenken plötzlich ziemlich absurd. Was war noch mal genau das Problem gewesen?

Allein: Es hat nicht nur Wochen, sondern Monate gedauert, bis ich endlich für zwei Nächte ein Hotel buchte. Mindestens fünf Mal hatte meine Freundin angerufen und Termine vorgeschlagen. Immer wieder sind mir neue Ausreden eingefallen:

Das Kind ist krank, war gerade krank oder wirkt so, als würde es krank werden. Ich bin krank. Mein Mann ist krank. Ich bin gerade knapp bei Kasse. Das Kind ist noch nicht so weit und so weiter und so fort. Ich habe diesen Kurzurlaub so lange rausgezögert, bis ich schon wieder gearbeitet habe und er deswegen beinahe ganz ins Wasser gefallen wäre. So sehr ich mir die Trennung herbeigesehnt habe, so schwer fiel es mir, sie wirklich zu wagen.


Seit unser Kind neun Monate alt ist, geht es in die Krippe. Seit es elf Monate alt ist, arbeite ich wieder. Ich erfülle also meinen mir selbst auferlegten Plan, und doch stelle ich fest: „Die sanfte Tyrannei der Mutterpflichten“, so eine Formulierung der französischen Feministin Elisabeth Badinter, hat mich voll im Griff. Ich kann mich einfach nicht trennen. Nicht von meinem Kind, nicht von meiner Rolle.

Als es schließlich soweit war und meine Freundin mich zu unserem Kurzurlaub abholte, war ich höllisch nervös. Wie würde mein Kind das verkraften? Und wie ich? Zwei Stunden später saßen wir in der Sauna, schauten durch große Panoramafenster auf die Berge, tranken Wasser mit Holundersirup, kuschelten uns in Decken neben einen Kamin, meldeten uns für Yoga und Massage an, aßen Kuchen, gingen in der Sonne spazieren und redeten ohne Pause. Natürlich dachte ich ab und zu an meine Familie zu Hause, aber ohne mir Sorgen zu machen. Im Gegenteil: Ich war geradezu euphorisch. Aus der erholsamen Wellness-Distanz wirkten all meine Bedenken plötzlich ziemlich absurd. Was war noch mal genau das Problem gewesen?

Die Heimkehr-Keule schlug umso härter zu. Es trat ein, wovor ich zwar unterbewusst die ganze Zeit Angst, womit ich aber nicht wirklich gerechnet hatte: Wieder daheim, wurde ich von meinem Kind keines Blickes gewürdigt.

Es war tage-, ja wochenlang auf seinen Vater fixiert. Ich war völlig verwirrt, weil ich nicht wusste, was ich fühlen durfte. Bin ich eifersüchtig auf meinen Mann? Oder gar sauer auf mein Kind, das mich nach all den Monaten der Zuwendung so links liegen lässt, nur weil ich zwei Nächte weg war? Habe ich die Bindung zu meinem Kind aufs Spiel gesetzt, weil ich einmal nur an mich gedacht habe? Hat es mich verlassen, weil ich es verlassen habe?

Was für ein erleichternder Satz: Ich bin eine mittelmäßige Mutter.

Und warum habe ich überhaupt solche Probleme mit dieser Situation? Ich bin doch keine Glucke. Warum kann ich nicht einfach die Pause genießen, die mein Kind mir lässt? Gerade die Pausen im Alltag gelingen mir am allerwenigsten. Zu sagen „Ich gehe heute Abend ins Kino“ oder „Geht ohne mich schwimmen, ich lege mich hin“, das schaffe ich nicht. Dabei wäre es überhaupt kein Problem. Ich müsste es einfach nur machen.

In der Psychoanalyse nennt man das den Konflikt zwischen Autonomie und Abhängigkeit, vereinfacht „Trennungsangst“. Die Psychoanalytikerin Sylvia Zwettler-Otte beschreibt in ihrem Buch „Die Melodie des Abschieds“ den ganz normalen Tag einer jungen Mutter. Ein Tag voller kleiner Trennungen: „Das Kind trennt die Eltern, das verlockende Spielzeug des fremden Kindes, die Babysitterin und der heimkehrende Vater verdrängen die Mutter usw. – immer wieder verursacht eine dritte Person oder ein dritter Bereich, dass es zu Überschneidungen und Konflikten kommt, die alle mit zumindest vorübergehenden Trennungen und den damit verbundenen Trennungsängsten und Trennungswünschen zu tun haben.“ Jeden Tag erlebe ich diese Gleichzeitigkeit von Trennungsangst und Trennungswunsch.

Ich will weg, weil ich erschöpft und genervt bin, und ich will gleichzeitig nicht weg, weil ich so gerne Zeit mit meinem Kind und meiner Familie verbringe. Aber auch weil ich Angst habe, dass die Verbindung abreißen könnte.

Anscheinend kennen auch Männer diese Schizophrenie: Als mein Mann drei Monate nach der Geburt das erste Mal beruflich weg musste, wäre er beinahe nicht in den Zug gestiegen vor lauter Angst, er könne die Beziehung zu seinem Kind gefährden.

In manchen Situationen ist er sogar die viel größere Glucke. So musste ich unserem Kind beibringen, alleine einzuschlafen, weil er es nicht aushält, wenn es schreit.

Und als wir das erste Mal einen Babysitter engagieren wollten, damit wir als Paar mal wieder etwas gemeinsam erleben, war er der Bedenkenträger.

Einen Unterschied gibt es aber doch: Mein Mann kann zugeben, dass er sich Sorgen macht. Ich versuche dagegen so zu tun, als wäre alles kein Problem. Anders als ich macht mein Mann aus seinen Trennungsängsten eine Tugend. Er feiert sich selbst als Angehörigen der neuen Vätergeneration, die gerne viel Zeit mit ihren Kindern verbringt und sich dafür beruflich einschränkt.

„Bei uns ist der Vati die Mutti“, ist einer seiner Lieblingssätze.

Auf meiner Seite dagegen immer wieder Gefühlsverwirrung. Ich fange reflexartig an zu kochen, Wäsche zu waschen und mit unserem Kind zu spielen, wenn er diesen Satz sagt. Am besten alles gleichzeitig.

Ich bin zwar berufstätig, aber ich will mir auf keinen Fall nachsagen lassen, dass ich darüber meine Mutterpflichten vernachlässige. Ständig dieses Hin und Her: Wie viel Muttergefühl darf ich zulassen, ohne mich selbst als Frau aufzugeben? Warum habe ich trotzdem ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich für die Frau und gegen die Mutter entscheide?

Den Kurzurlaub hat mir unser Kind mittlerweile verziehen, und auf die Papa-Phase folgte auch wieder eine Mama-Phase. Heute weiß ich, dass unser Kind schlicht überfordert war. Monatelang war ich Tag und Nacht verfügbar und dann einfach verschwunden. So wie ich monatelang gebraucht habe, um mich auf diese erste Trennung vorzubereiten, so brauchte auch unser Kind Zeit, diese Trennung zu verarbeiten. Aber mit jedem Mal fällt es uns beiden leichter. Mein Kind weiß mittlerweile: Ich komme wieder.

Und ich weiß mittlerweile: Mein Kind wird mich immer noch lieben.

"Ich muss nicht alle Ansprüche erfüllen, die an mich herangetragen werden. Ich darf auch mal Pause machen vom Kind und alleine in Urlaub fahren."

"Ich muss nicht alle Ansprüche erfüllen, die an mich herangetragen werden. Ich darf auch mal Pause machen vom Kind und alleine in Urlaub fahren."


Und so wie wir mit jeder neuen Trennung etwas besser umgehen, lerne ich mit jedem Tag als Mutter besser zu verstehen, Mutter sein heißt genau das: zu akzeptieren, dass es einen Konflikt gibt zwischen den eigenen Bedürfnissen als Frau und denen des Kindes oder auch des Partners. Diesen Konflikt kann man nicht lösen.

„Ich bin eine mittelmäßige Mutter, wie wahrscheinlich die meisten Frauen“, sagt Elisabeth Badinter, die ihr Buch „Der Konflikt. Die Frau und die Mutter“ genannt hat. Was für ein erleichternder Satz. Ich bin eine mittelmäßige Mutter. Genauso ist es – und das ist auch gut so. Ich muss nicht alle Ansprüche erfüllen, die an mich herangetragen werden. Ich darf auch mal Pause machen vom Kind und alleine in Urlaub fahren. Das befreit mich und wahrscheinlich auch mein Kind. Mamatier war gestern.


Dieser Text ist in der Ausgabe 03/12 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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