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Angst essen Eltern auf

Eltern haben Angst um ihre Kinder. Das ist normal. Das muss sogar so sein. Doch wann wird diese Furcht zu groß? Was kann man tun, wenn die Angst überhand nimmt und die Familie belastet? Unsere Autorin hat Antworten gefunden: bei Fachleuten – und bei ihren Kindern.

Von Nataly Bleuel

Angst Foto

"Mit meinem Kind, diesem unfassbaren Geschenk, wurde auch die Angst geboren. Dass es mir wieder genommen werden könnte."

Gerade wieder. Meine Jungs sind aus dem Haus, zur Schule, kurz vor halb acht. Der eine mit dem Rad, der andere mit der Tram, in der Großstadt. 14 und zwölf sind sie jetzt und sollen sich frei und unbeschwert bewegen. Es ist noch nicht acht, da höre ich das Martinshorn. Ich lege die Hände auf die Augen, ich halte die Luft an, und mein Herz, das spüre ich ganz genau, sackt anderthalb Zentimeter tiefer. In ein Loch, ins Bodenlose. Ich habe Angst. Ich habe Angst, dass das Kind angefahren wurde. Angst, dass sein Kopf auf eine Bordsteinkante … das Genick. Angst, dass es auf der Straße liegt. Der Notarzt kommt, das Martinshorn brüllt, es klingelt an meiner Tür, und da steht ein Polizist mit traurigen Augen und sagt: "Sind Sie Frau Bleuel, die Mutter von …?" Ich kann den Namen gar nicht hinschreiben. So eine schreckliche Angst kriege ich da. Gegen neun werde ich ruhiger, jetzt müssten sie doch in der Schule angekommen sein.

Wenn ich pathetisch bin, dann denke ich, vermutlich werde ich diese Angst noch mit ins Grab nehmen. Und dass sie mich da auch noch überleben wird. Das liegt ja in der Natur der Sache. Denn solange ich lebe und darüber hinaus, nämlich solange meine ein langes, glückliches und gesundes Leben haben werden, werde ich mich wie jede Mutter, jeder Vater davor fürchten, dass ihnen irgendetwas Schlimmes passieren könnte.

"Hoch vom Sofa, lasst uns raus uns leben!"

Dabei hätte ich nie gedacht, dass ich mal eine ängstliche Mutter werden würde. Ich bin kein ängstlicher Mensch. Ganz generell habe ich mehr Lust aufs Unbekannte als Angst vor Gefahren. Und in der Familie gebe ich gern den Daddy, wie er im Bilderbuch steht, wenn ich rufe: "Los, kommt, hoch vom Sofa, lasst uns raus und leben!" Denn Leben ist doch: auf Bäume kraxeln, Feuer entfachen, mit dem Wind fliegen, Menschen umarmen, Abgründe erkunden, Abenteuer!

Dazu gehört auch, dass man mal Zucker schleckt, Cola trinkt und Pommes futtert, die nicht bio sind. Dass man mal später nach Hause kommt und nicht auf Schritt und Tritt verfolgt wird, von Messages und Ortungen. Dass man nicht wegen jedem Husten zum Arzt rennt und hinter jedem Busch einen Sittenstrolch vermutet. Der gute Glaube, dass meine Kinder das Glück im Leben schon finden werden, auch wenn sie keine Einsen schreiben. Und das alles auch, weil ich sie loslasse, um es zu erkunden.

"Mein Sohn", würde ich sagen, wenn ich so grandios rüberkommen wollte wie Captain Fantastic im Kino, "sprich immer die Wahrheit! Folge deiner Überzeugung! Lebe jeden Tag, als wäre er dein letzter! Saug es auf, nimm alles mit, genieß es!" Denn du hast nur dieses eine Leben, habe ich kürzlich gesagt, als der Große zu seiner ersten Fernreise aufbrach: Probier es aus! Doch als ich ihm nachwinkte, hallte der letzte Satz, den der Vater im Film gesprochen hat, durch meinen Kopf: Stirb nicht! Und schon sank mein Herz hinab.

Was ist das für eine Angst, frage ich mich. Ist es die Angst, das Kind könnte Schmerzen und Leid ertragen müssen? Ist diese Angst begründet? Passiert wirklich so viel? Soll ich darauf hören, weil sie mir signalisiert, dass etwas nicht stimmt? Mich ihr stellen, wie Therapeuten zuweilen raten? Lauert da unten in meinem Bodenlosen dann die Angst vor der Verletzung meines Kindes – oder meine eigene Verlustangst? Soll ich sie wegdrängen? Bringt doch nichts, wie mein Mann, der Pragmatiker, sagt. Oder ist sie eine anthropologische Unabdingbarkeit, weil der Mensch sich nun mal fortpflanzen und auf die Erhaltung seiner Art achten muss? Und ist es wirklich wichtig, wo die Angst herkommt – oder wichtiger, wie man mit ihr auskommt?

Psychologen, die sich früher mehr um die Kinder und Jugendlichen gesorgt haben, befassen sich zunehmend auch mit den Ängsten der Eltern. Silvia Schneider, Professorin für Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, sagt etwa: "Viele psychische Störungen von Eltern oder Kindern sind das Ergebnis eines Prozesses zwischen beiden Seiten, der sich selbst verstärkt." Es gibt also eine Art Rückkopplung der Angst.

Es begann mit der Geburt des ersten Kindes

Die kenne ich gut. Es begann mit der Geburt meines ersten Kindes. Davor war ich noch – ja, was? – unabhängig, frei von Angst, frei? Ich hatte nicht mal Angst vor der Geburt, sondern erwartete gespannt diese außerordentliche Erfahrung. Währenddessen erlebte ich dann zum allerletzten Mal einen Zustand hoch dosierter Angstfreiheit, des Nichtfesthaltenwollens, quasi kurz vor dem Nirwana (das ja nicht nur schön sein soll). Es war eine schwierige Geburt, und es kam zu einer Phase, während der ich dachte: Ich sterbe. Das Kind stirbt. Aber es ist egal.

Wir überlebten. Und mit meinem Kind, diesem unfassbaren Geschenk, wurde auch die Angst geboren. Dass es mir genommen werden könnte. Die ersten Nächte schlief ich kaum. Denn ich musste lauschen, ob es atmete; seine Haut fühlen, ob es nicht erfroren war; seine Händchen halten, bewegten sie sich noch? Machte ich was falsch, Fenster zu, Heizung hoch, Licht an? Denn ich trage jetzt Verantwortung für dieses kleine Wesen. Und ich bin schuld, wenn ihm etwas passiert. Angst kommt von Verantwortung, Kontrolle und Schuldigkeit.

Die ersten Jahre gingen ganz gut. Es heißt ja auch: kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Angst. Man wächst hinein. Einmal schloss ich mich aus dem Zimmer aus, während mein Säugling auf dem Wickeltisch lag. Meine Nachbarin wurde hysterisch. Ich wusste: Der liegt da und guckt die Sterne vom Mobile an, er kann sich nicht mal umdrehen. Gegen Angst hilft Vertrauen. Wenn man es erwerben konnte, meist dank angstfreier Eltern, kann es einen tragen. Ein Leben lang. Oder bis es zum ersten Mal gestört wird. Manche Menschen sind stabil, weil sie ein starkes Urvertrauen mitbekommen haben. Bei anderen wurde es so tief verletzt, dass ihr einzig beständiger Begleiter die Angst ist. Als ob sie eine weitere Verletzung verhindern könnte.

Der Sündenfall kam, als mein Großer zweieinhalb Jahre alt war. Es geschah, und das macht die Sache noch beängstigender, kurz nach einem Traum. Ich träumte, eines meiner Kinder würde von einem Felsen ins Meer stürzen. Seither habe ich schon Angst vor Albträumen – als wären es Vorzeichen. Oder habe ich solche Träume womöglich andauernd? Und wird die dauerhaft in mir schlummernde Angst mir nur rückwirkend bewusst, wenn wirklich etwas passiert ist? Und schon befinde ich mich im Echoraum der Angst. Der ist voller Rückkopplungseffekte. Das sei doch nur mein Kopf, sagt der Pragmatiker dann. Aber da fiepe es halt, erwidere ich trotzig. Und dass Angst nun mal irrational sei. Drehe ich mich da rein, weil ich Mutter bin? Und damit die anderen an meiner Leine halten kann? Angst macht auch Macht.

Kurz nach dem Traum fiel mein Kleiner vor mir eine Feuertreppe hinunter. Er überschlug sich zweimal. Ich bekam ihn, kurz bevor er mit dem Genick auf eine Kante zu stürzen drohte, am Handgelenk zu fassen. Dieser Augenblick sitzt, wie die Treppe in unserer Wohnung, wie ein Stachel in meinem Fleisch, in jeder meiner Zellen.

Mein Sohn hatte nicht mal einen blauen Fleck. Doch jeden Morgen, jahrelang, wenn meine Kinder die Treppe hochstiegen, schreckte ich hoch. Hielt den Atem an, vibrierend. Und verbat mir zu rufen. Denn ich wollte meine Angst nicht auf sie übertragen. Versuchte, was im Echoraum abging, nicht nach außen dringen zu lassen. Nicht dass sie ängstliche Menschen würden, gehemmt und instabil. Kinder haben unglaubliche Antennen! Die spüren alles: Vibrato in der Stimme, Stirnfalten, besorgte Blicke, Körpersprache überhaupt. Also sandte ich dem Großen, wenn er auf Bäume kletterte, stets ermutigende Blicke. Und versteckte meine sich verkrampfenden Hände in den Hosentaschen. Manchmal drehe ich mich auch einfach weg. Und gucke nicht hin. Passiert auch ohne mich, das Leben.

Zwei Möglichkeiten im Umgang mit der Angst

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit der Angst umzugehen, wenn sie einmal da ist. Das weiß ich von unseren Großmüttern. Die eine hat mir, als ich meine Vespa verkaufte, wie nebenbei erzählt: Sie habe jede Nacht, in der ich damit unterwegs war auf Partys in der Stadt, wach gelegen, bis sie das Knattern meines Motorrollers hörte. Ich habe von ihrer Angst nichts mitbekommen. Sie hat sie bei sich behalten. Und mir gesagt: "Sie hört ein Leben lang nicht auf."

Die andere hat eine Art Fluch über mich verhängt. Nachdem ich mich jahrelang über ihre Angst mokiert hatte. Wenn ihr Kind und ihre Kindeskinder zu Besuch waren, mahnte sie ununterbrochen: Pass auf dein Portemonnaie auf! Vorsicht, fall nicht hin! Guck auf den Schlüssel! Bind den Schnürsenkel! Achtung! Guck dir "Aktenzeichen XY" an, alle xy Tage stirbt ein Kind, wird eines vergewaltigt, verhauen, überfahren. Ihre Angst musste raus. Nach 48 Stunden Angstbad beginnt jeder Mensch, in seiner Jackentasche nach der Börse zu tasten, langsamer zu gehen und hinter jedem Baum einen Räuber zu vermuten. Das ist Osmose: Angsteindringen durch Schwingungen. Als ich sie fragte, weshalb sie bei jeder von den etlichen Reisen, die ihr Kind von 44 Jahren tätigt, nach Abfahrts- und Ankunftszeiten fragt, was das denn bringe oder verhindere, sprach sie: "Du wirst schon sehen: Es wird auch dir so ergehen."

Ich versuche nun, einen Mittelweg im Umgang mit der Angst zu finden. Indem ich sie vor meinen Kindern ein bisschen lächerlich mache. Ich spreche sie ihnen gegenüber aus, ich sage, wenn sie die Treppe runterstürmen: "Bitte passt auf, ihr wisst ja, ich hab da einen Knall!" Damit mache ich ihnen bewusst: Die Mama hat Angst. Aber sie spinnt auch ein bisschen. Also nehmen wir darauf mal Rücksicht und sind vorsichtig. Dürfen aber auch wissen, dass es ihr Problem ist und nicht unseres.

Die Psychologin Schneider rät Eltern zu drei Mitteln im Umgang mit der Angst. Zum Ersten solle man sich doch einfach mal informieren, über Realitäten und Unverhältnismäßigkeiten. Okay, habe ich. Hier ein paar Zahlen: In Deutschland starben 2015 von 1000 Säuglingen drei, in Angola waren es 96. Dem plötzlichen Kindstod erlagen 2015 von 737 575 lebend geborenen 127 Kinder, das ist ein Risiko von 0,017 Prozent. Im Schnitt sterben in unserem Land von 1000 Kindern vier, bevor sie fünf Jahre alt werden. Zum Vergleich: 1870 überlebte ein Viertel der Menschen das erste Lebensjahr nicht.

Zweitens: Vertrauen. In die Kinder. Habe ich. Eigentlich. Sogar in die Welt, in den Menschen, in seine Klugheit, seinen Instinkt, seinen Überlebenswillen, sein Körpergefühl. Das wird schon signalisieren, wann er Hunger und Durst zu haben hat, wenn etwas schmerzt oder nicht stimmt. Hört immer auf euren Bauch, sage ich meinen Söhnen, wenn sie losziehen in die Welt. Er ist schlauer als der Kopf. Ich habe im Laufe des Lebens mit meinen Kindern sogar einiges an Vertrauen in sie gewonnen. Mein Großer ist jetzt im drogenfähigen Alter. Davor hatte ich früher auch Angst. Weil er einen recht obsessiven Charakter hat. Aber offensichtlich auch zu viel Angst vor Drogen. Sagt er, und ich glaube ihm das, denn die haben seine Eltern auch. Insofern ist Angst nicht immer schlecht.

Es gibt im Leben von Kindern "kein Nullrisiko"

Drittens, sagt die Psychologin wie eine Philosophin: Es gäbe im Leben von Kindern, wie im Leben des Menschen ganz allgemein, "kein Nullrisiko". Das hören wir Eltern natürlich nicht gern. Meine Schwägerin behauptet, sie habe deswegen gar keine Kinder haben wollen: Die Angst, dass ihnen etwas passieren könnte, hätte sie nicht ausgehalten. Die Psychologin hat da einen Trick. Sie sagt Eltern: Ihre Versuche, sämtliche Risiken zu meiden, könnten die Kinder erst recht in Gefahr bringen! Denn ängstliche Eltern machen ängstliche Kinder – und ängstliche Menschen sind nicht so sicher im Alltag. Weil sie, durch die Abnabelung von den Eltern, nicht lernen mussten, unabhängig zu werden. Und daher keine Übung erlangen konnten, Risiken richtig einzuschätzen. "Je ungefährlicher unsere Welt wird", sagt Silvia Schneider, "desto seltener müssen wir Wagnisse eingehen, und desto geringer ist unser Vertrauen, dass Gefahren auch bewältigt werden können."

Und so entsteht dann sogar ein Echoraum auf der Couch: Psychologinnen und Soziologen beobachten, dass Heranwachsende heute später erwachsen werden. Schulabschluss, Berufswahl, Wohnungssuche: Immer öfter sind junge Menschen noch in diesen Phasen auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. "So verwandelt sich die Angst der Eltern um ihr Kind", sagt Silvia Schneider, "in die Angst der Kinder vor der Welt." Also bleibt mir, dachte ich neulich, als ich meinem Großen beim Aufbruch in die weite Welt nachwinkte, doch nur eines: schlucken. Und dazu ein Hauch von der Ergebenheit, der mich bei seiner Geburt zum letzten Mal streifte. Es kommt, was kommt. Und jetzt geh leben, mein Kleiner!

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