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Carolin P., 39 Jahre: Ihr Mann nahm ihr erst die Kinder, dann die Existenz

Nach dem ersten Kind erlosch die Liebe, nach dem zweiten begann der Vernichtungskrieg. Carolins Mann entsorgte seine Frau, nahm ihr die Kinder, machte sie obdachlos, trieb sie in die Schuldenfalle. Protokoll einer Mutter, die alles verloren hat.

Von Andrea Müller

Entsorgte Mutter

Dies ist nicht Carolin P., dies ist ein Symbolfoto. In einer Selbsthilfegruppe für "entsorgte Mütter" heißt es, dass vor allem gesellschaftlich gut gestellte Männer, die sich ihren Partnerinnen überlegen fühlen, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickeln.

Mein sechstes Weihnachten ohne meine war 2016. Leni, 15, und Leo, 11, leben 300 Kilometer entfernt von mir, in der Nähe von Hannover. Leos letzter Wunschzettel hängt in meiner neuen Küche, darauf steht "Plehmobiell" und "Kaubeuhut", Leo war damals in der ersten Klasse. Was er sich 2016 gewünscht hat, weiß ich nicht.
Ich habe einige Weihnachtsverdrängungstaktiken entwickelt. So meide ich Weihnachtsmärkte, den Duft von gebrannten Mandeln, Schmalzkuchen und Apfelpunsch. All das, was meine Kinder liebten.

Heiligabend meide ich meine Eltern

Heiligabend war für mich ein Tag wie jeder andere. Nicht einmal meine Eltern habe ich besucht. Sie machen mir Vorwürfe, weil ihre Enkel nicht mehr bei uns sind. Als hätte ich nicht gekämpft. Auch mit meinem neuen Freund wollte ich diesen Tag nicht verbringen. Er hatte dafür kein Verständnis, er hat keine Kinder. Hätte ich Geld, wäre ich in den Süden geflohen. Aber letztlich ist es egal, wo ich bin: Die Sehnsucht holt mich überall ein.
Auch im Sommer, wenn ich nach der Arbeit am Freibad vorbeiradle, wenn die Wiese voll ist mit kreischenden, lachenden Kindern. Bei Mamarufen drehe ich mich immer noch um. Erstaunlich, wie ähnlich Kinderstimmen klingen, wenn sie "Mama" rufen. Ich habe mir 1000 Mal gesagt: Dreh dich nicht um! Du bist nicht gemeint.

Seit vergangenem Sommer ertrage ich sie wieder, die Mutter-Kind-Szenen. Seit Leni wieder zu meinem Leben gehört.
Mein Ex-Mann hat mir nicht nur die Kinder genommen. Sondern mein gesamtes Leben.

Das letzte Video - 10.000 Mal gesehen

Ein paar Tage ehe ich unser Haus verlassen musste, saß ich mit meinen Kindern in einem Fast-Food-Restaurant, sah ihnen zu, wie sie Nuggets in sich hineinstopften, Leo bis hinter die Ohren voller Ketchup. Leni aß, als hätte sie seit Tagen gehungert. Ich habe es mit dem gefilmt. Das Video habe ich mir 10.000 Mal angesehen. Ich dachte, egal was kommt, ich werde euch niemals aufgeben. Der Vater hatte mich gewarnt: "Wenn du gehst, dann gehst du alleine."
Ich hätte nie gedacht, dass er es wahr machen würde.

Vor 18 Jahren haben wir geheiratet. Anfangs war ich verliebt. Er war Unternehmer und Architekt in seiner Baufirma, ich hatte einen guten Job als medizinische Verwaltungsangestellte. Ich war 22, er 38.
Er bot mir Sicherheit und gesellschaftlichen Status. Ich war stolz, die Frau eines Unternehmers zu sein, mit Rang und Namen in unserer Kleinstadt. Heute weiß ich: Eine Frau sollte sich nie auf einen Mann verlassen.

Plötzlich nörgelte er an allem herum

Nach Lenis Geburt erlosch die Liebe. Ich konnte es ihm nicht mehr recht machen, er nörgelte plötzlich an allem rum. Drei Jahre später war ich wieder schwanger, aber er wollte kein zweites Kind. Ein Schwangerschaftsabbruch aber kam für mich nicht infrage. Ich dachte, wenn das Baby erst da ist, wird es schon wieder mit unserer Familie.

Sich um die Kinder zu kümmern war eh mein Job. Meine Schwiegereltern fragten, ob ich nicht langsam mal wieder arbeiten wolle. Auf einmal war ich "die, die nichts leistet". Trotz zweier kleiner Kinder und eines Haushalts, den ich zu führen hatte.
Wir hatten ein großes Haus. Zwei gesunde Kinder. Wir hätten glücklich sein können.

Wir bezogen getrennte Schlafzimmer. Er wohnte oben, ich unten. Auch weil Leo nachts oft wach wurde. Der Ton wurde rauer, seine Gebärden bedrohlich: Wenn wir stritten, drückte er mich gegen die Wand. Ich bekam Angst.

Irgendwann sagte ich ihm, dass ich mich trennen würde, und wiederholte es jeden Tag. Er sagte: "Was bist du schon ohne mich? Ein Nichts. Alles, was du hier siehst, gehört mir. Wenn du gehst, dann gehst du allein." Also blieb ich.

Mein Ex begann seinen Rachefeldzug

Ich begann eine Affäre mit unserem Kinderarzt. Seitdem führt mein Ex einen Rachefeldzug gegen mich. Ich habe ihm Hörner aufgesetzt, und er erklärte mir den Krieg. Hätte ich mich rechtzeitig informiert und getrennt, hätte er zahlen müssen, und die Kinder wären bei mir. Doch ich habe gewartet, bis die Stimmung unter null und sein Plan, mit den Kindern im Haus zu bleiben, ausgefeilt war.
Er hatte Geld für Anwälte. Ich nicht. Seiner riet ihm, mich aus der Fassung zu bringen. Es war einfach für ihn. Weil ich emotional und dumm genug war, die Kontrolle zu verlieren.


Und so passierte es: Er stand hinter mir, seinen Arm vor meinem Mund. Ich wollte, dass er loslässt, aber er drückte meinen Kopf von hinten an seine Schulter. Er drückte immer fester. Da biss ich zu. Er ließ mich nicht los, und ich biss, bis das Blut kam. Die Kinder kamen die Treppe herunter und weinten. Ich weinte. Er sagte: "Seht ihr, Mama ist verrückt." Die Stelle am Arm wurde blau und lila. "So, und das war’s jetzt für dich", flüstere er mir zu, als er die Notrufnummer wählte. Die Beamten forderten mich auf, das Haus zu verlassen. Man berief sich auf Paragraf 1 des Gewaltschutzgesetzes, wonach gegen den vermeintlichen Gewalttäter in der Ehe ein sofortiges Betretungsverbot der ehelichen Wohnung ausgesprochen werden kann, wenn eine Art der Körperverletzung oder Bedrohung besteht.
Ich hatte 30 Minuten zum Packen und um das Haus zu verlassen. Ich legte Schlüssel, Kreditkarten und die geforderten Dokumente auf den Küchentisch. Es war, als ob man mich zum Schafott führte.

Da war er der Beweis: Ich bin die Gewalttätige

Er hatte endlich einen sichtbaren Beweis, wer hier die Gewalttätige in der Ehe war. Er war derjenige mit einer gut beleumundeten, reichen Familie. Mit einem teuren Anwalt. Ich musste gehen.
Es war 2011. Er ließ mein Konto sperren. Ich war nicht nur obdachlos und entmuttert. Ich war stigmatisiert. Mein soziales Umfeld, das war im Grunde ja eher seines. Ich zog in eine Stadt im Ruhrgebiet, 300 Kilometer südlich von meiner Familie. Viele fremde, neue Menschen, Anonymität. Das wollte ich. Ich hatte nichts. Also wohnte ich erst mal in einer Obdachlosenunterkunft.
In meinem alten Beruf kam ich nicht mehr unter, ich hatte zehn Jahre Weiterentwicklung in Sachen EDV versäumt, weil ich mit Kindererziehung beschäftigt war. Mein Ex beantragte das alleinige Sorgerecht. Die Mutter sei psychisch krank und abgehauen, sagte er. Und das sagten auch die Kinder vor Gericht. Wie er es ihnen eingetrichtert hat. So hatte er mein Leben innerhalb von Tagen ausgelöscht. Ich war da, wo er mich haben wollte. Ganz unten.

Ein Anwalt von meinem ersten Geld

Ich fühlte mich wie eine Trümmerfrau nach dem Krieg. Und mir war klar: Den Krieg um die Kinder konnte ich erst führen, wenn ich wieder Boden unter den Füßen hätte.
Dank medizinischer Vorkenntnisse konnte ich die Ausbildung zur Physiotherapeutin relativ problemlos absolvieren. Drei Jahre lang drückte ich wieder die Schulbank. Nebenbei ging ich putzen. Das Jobcenter bezahlte die Erstausstattung meiner Wohnung, Handtücher, Matratzen, Bettzeug. Ich bekam einen halben Job in einer Klinik. Von meinem ersten Gehalt habe ich dann endlich einen Anwalt engagiert.
Kaum hatte ich das Gefühl, wieder halbwegs auf die Beine gekommen zu sein, kam der nächste Tritt. Eine Unterhaltsforderung! Unterhaltspflichtig ist immer derjenige, bei dem die Kinder nicht leben. Der Anwalt meines Ex-Mannes berief sich auf ein "fiktives" Einkommen aus den letzten drei Jahren. Ich hatte keine Chance, den Forderungen nachzukommen. In der Schuldnerberatung erfuhr ich, dass Unterhaltsschulden nicht zur Insolvenzmasse zählen, falls ich Privatinsolvenz anmelden sollte. Mein Konto wurde gepfändet: Ich hatte weder Geld für Miete noch für Lebensmittel.

Gerichtsvollzieher gehen bei mir ein und aus

Die Hälfte meines Gehalts geht seitdem für Unterhalts- und Anwaltskosten drauf. In einem Versäumnisurteil steht, dass ich auch seine Anwaltskosten mitbezahlen muss. Jedes Mal mit Haftandrohung. Gerichtsvollzieher gehen bei mir ein und aus. In den nächsten 30 Jahren werde ich arm bleiben.
Was die Kinder betraf, so hatte die Zeit gegen mich gearbeitet. Sie waren längst verwurzelt in ihrem schönen Haus, ihrem Umfeld, ihren Schulen, mit ihren Freunden. Ich konnte sie dort nicht mehr rausreißen. Was konnte ich ihnen schon bieten? Eine Zweizimmerwohnung in der Fremde statt eines Einfamilienhauses mit Pool, Garten und sieben Zimmern? Welches Kind hätte dem Gericht gesagt, dass es nicht zu Hause bleiben wollte?
Natürlich leiden meine Kinder unter einem Loyalitätskonflikt. Ich wünschte, dass sie irgendwann verstehen, was ihr Vater mit uns gemacht hat. Dem Vater meiner Kinder geht es gut: Sein Haus ist abbezahlt, seine neue Frau verdient mit. Er trägt Ralph-Lauren-Hemden und fährt Porsche. Sie machen Urlaub auf den Malediven. Meine Wohnung ist dunkel, zwei Zimmer, kein Balkon.

Urlaub hatte ich seit Jahren nicht. Neulich, im Hallenbad, als ich ein paar Kinder bat, ein wenig leiser zu spielen, meinte ein Vater extralaut: "So sind sie, die kinderlosen Frauen." Ich habe nichts gesagt. Ich sage eigentlich nie etwas.

Wenn ich meine Geschichte erzähle, denken die Leute: Sie muss verrückt, drogensüchtig oder gewalttätig sein, sonst hätte man ihr in Deutschland nicht die eigenen Kinder entzogen.

Viele stellen die Rache über das Kindswohl

In einer Selbsthilfegruppe für "entsorgte Mütter" hieß es, dass vor allem gesellschaftlich gut gestellte Männer, die sich ihren Partnerinnen überlegen fühlen, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickeln, wenn sie verlassen oder betrogen werden. Sie stellen ihre persönliche Rache und ihr männliches Ego über das Wohl der eigenen Kinder. Viele entsorgte Mütter begehen Suizid.
Bis zum heutigen Tag stellt mein Ex auch noch mein Umgangsrecht infrage. Jeden Umgang mit den Kindern musste ich gerichtlich beantragen. Fünf lange Jahre.
Immer wieder besorgte er psychiatrische Gutachten, die den Zustand meiner Kinder als schlechter beschrieben, nachdem sie mich getroffen hatten. Sie seien nervös, übergäben sich, schrieben schlechte Noten. Solche Gutachten sind leider immer noch eine effiziente Handhabe, um die Kinder vom jeweils anderen Elternteil zu entfremden. Auch wenn sie gelogen sind.

Vergangenen Sommer aber hat sich mein Leben geändert. Ich entdeckte Lenis Foto auf der Facebook-Seite eines Jungen, der mir bekannt vorkam. Ich hatte sie gesucht. Immer wieder. Ich habe ihm geschrieben. Ein paar Tage später schrieb er zurück. Ich saß auf dem Balkon, Laptop auf den Knien, zitterte. Er sei Nick, Lenis Freund, und Leni in seiner Klasse. Er kenne meine Geschichte über einen Blog über entsorgte Mütter, schrieb er, und Leni würde mir nur aus Angst vor dem Vater nicht schreiben. Er schrieb auch, meine Kinder würden mich vermissen und lieben. Ich weinte und weinte. Ich war so glücklich. Es gab einen Weg.

Und dann traf ich meine Tochter wieder

Drei Wochen später traf ich meine Tochter. Ich war aufgeregt. Es war ein heimliches Date, weil wir Angst hatten, der Vater würde uns einen Strick daraus drehen. Wir verabredeten uns in einer Stadt, die genau zwischen uns lag. In geheimer Mission. Sie trug ein buntes Blümchenkleid, sah aus wie Schneewittchen mit langem, lockigem Haar. Ich musste sie ständig ansehen. Ich hatte Herzklopfen und fand sie wunderschön. Ich bin stolz, dass sie meine Tochter ist. Wir waren shoppen, essen und beim Friseur.
Weil Leni älter ist als 14, hat sie das Recht, auch ohne Einverständnis des Vaters Kontakt und Umgang mit dem nicht sorgeberechtigten Elternteil zu haben. Also mit mir.
Inzwischen auch mit Kenntnis des Vaters. Weil er Leni nicht erlaubt, dass sie zu mir kommt, sehen wir uns außerhalb. Kurz vor den Treffen schreibt er mir jedes Mal, sie sei krank oder habe einen schulischen Termin. Das stimmt eigentlich nie, wenn ich bei ihr nachhake. Ich will sie nicht unter Druck setzten, ich frage nur nach, ob es wirklich klappt, ehe ich wie so oft schon über 300 Kilometer umsonst fahre.

Leni schreibt von ihrer Angst vor ihrem Vater

Leo vermisse ich weiterhin. Manchmal skypen wir. Beim ersten Mal habe ich geweint, als ich sah, wie er in all den Jahren vom stupsnasigen Wuschelkopf zum präpubertären Kerl geworden ist. Jahre, die ich alle versäumt habe. Während wir skypen, steht sein Vater immer hinter ihm. Lenis Freund schickt mir regelmäßig Screenshots von blauen Flecken, die ihr Vater ihr zugefügt hat. Neulich schrieb er: "Lenis Vater hat sie auf den Boden geworfen, weil sie nicht mit nach Frankreich wollte." Und kurz später: "Du musst sie da rausholen." Auch Leni schreibt von ihrer Angst vor ihrem Vater.
Mit solchen Informationen sitze ich hier, verbannt in 300 Kilometer Entfernung: machtlos. Ich kann meine Kinder nicht "da rausholen". Kann sie nicht beschützen. Das Jugendamt vor Ort hat den Vorfall geprüft. Es liege keine Kindeswohlgefährdung vor. Natürlich nicht. Ich weiß, wie er die Kinder vor offiziellen Anhörungen manipuliert. Er macht ihnen klar, dass sie ihr Zuhause verlieren, wenn er Ärger mit dem Jugendamt bekäme. Und bei mir hätten sie eh keine Lebensgrundlage. Das glauben sie ihm dann. Schlimm für meine Kinder, dass sie Angst haben. Schlimm für mich, dass ich ohnmächtig bin.

Ich kämpfe nicht mehr

Inzwischen habe ich aufgehört zu kämpfen. Ich bin schon froh, wenn kein Gerichtsvollzieher bei mir klingelt, wenn keine neuen finanziellen Schockdiagnosen kommen. Wenn ich einfach nur schlafen kann.
Er hat mich in die Knie gezwungen und mir alles genommen. Aber ich bin aufgestanden. Ich habe einen neuen Job, einen Freund und habe zumindest ein wenig Kontakt zu meinen Kindern. Ich fühle mich als Opfer der Justiz, die sich in unserem Fall schlichtweg geirrt hat. Und natürlich seiner Anwälte, gegen die wir keine Chance hatten.
Doch all das kümmert mich nicht mehr. Nach fünf Jahren Kampf habe ich Frieden gefunden. Ich freue mich auf die nächsten Treffen mit meiner Tochter. Ich kämpfe nicht mehr, und ich hasse nicht mehr. Ich liebe nur noch, wie eine Mutter eben lieben kann - aus der Ferne.
*Alle Namen von der Redaktion geändert

Andrea Müller, 47, selbst Mutter von zwei Kindern, hat sich nicht nur die Geschichte erzählen lassen, sondern auch die Gerichtsakten eingesehen. Ihr Urteil: Erschreckend, wie schnell eine Mutter ihre Kinder verlieren kann.

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