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Woran ich als Kinderlose gute Eltern erkenne

Ich habe keine Kinder. Aber eine klare Meinung zu Erziehungsmethoden habe ich trotzdem. Will sie jemand hören?

Von Simone Deckner

Kinder Nido

Ein wichtiger Faktor in der Erziehung ist Humor und die Erkenntnis, dass man als Eltern nicht perfekt sein kann

Ich habe nichts gegen . Viele meiner Freunde haben sogar selber welche. Vermehren macht Spaß, für die Rente kommender Generationen muss ja auch irgendjemand rackern, und Kinder sind unsere Zukunft. Selbstredend. Immer öfter frage ich mich in der Gegenwart der kleinen Scheißerlein jedoch, wo das alles hinführen soll. Mit diesen Eltern.

Neulich saß ich in einem Café, an dem die Tische so eng beieinander standen, dass ich ungewollt Ohrenzeugin eines angeregten Gesprächs zweier Jungmütter wurde: "Wenn das in zwei Monaten noch so hängt, muss ich echt was machen lassen", klagte Mutter A über ihre Körperform nach der Schwangerschaft und legte die Stirn in Falten. "Hast Du es mal mit Bikram-Yoga probiert?", fragte Mutter B voller Anteilnahme. Dann lästerten Mutter A und B noch über Mutter C. Die hatte es gewagt, erst im biblischen Alter von 41 Jahren das erste Mal zu werfen.

Es gibt immer einen besser informierten Vater

Was die Anderen denken, das scheint für Eltern heutzutage immens wichtig zu sein. Immer hat irgendwo ein besser informierter Vater gelesen, dass es jetzt diesen ultimativen, schadstoffarmen Kinderwagen gibt. Kostet zwar so viel wie ein Gebrauchtwagen, aber darunter geht es nun wirklich nicht. Willst Du nicht auch das Beste für dein Kind? "Wie, du gibst Lasse noch zu trinken?" Dass es im Jahr 2017 ernsthaft so etwas wie eine Anti-Impf-Bewegung gibt, darüber kann selbst ich keine Witze mehr machen, so traurig ist das.

Was ich aber kann: Meine Meinung darüber teilen, woran ich als Kinderlose gute Eltern erkenne. Ich höre schon die Einwände: "Pfft! Das ist ja so, als wenn ich mir von einem Metzger die Vorzüge von Vegetarismus erklären lasse" oder "Soll die arrogante Schnepfe doch erst mal selbst ein Kind großziehen, dann kann sie mitreden!" Fair enough. Aber ich muss auch nicht Musik studiert haben, um einen großartigen Song zu erkennen. Oder irgendwo einbrechen, nur um zu wissen, dass man dafür in den Knast kommt. Ich beobachte einfach und ziehe meine Schlüsse daraus.

Hier sind elf Anzeichen, an denen ich als Nicht-Mutter gute Eltern erkenne:

1. Sie haben Humor

Wenn ihr Kind auf den Popo fällt und dabei urkomisch aussieht, befürchten sie nicht sofort, dass sie direkt in die Notaufnahme müssen. Sie erlauben sich, zu lachen - nachdem sie dem Nachwuchs wieder auf die Beine geholfen haben. Wenn sie wirklich Humor haben, sagen sie danach sogar so etwas wie: "Die motorischen Fähigkeiten hat er von mir." Ernsthaft: Eltern, die Witze über ihre Kinder und sich selbst machen, sind die Besten.

2. Sie lassen ihren Kinder nicht alles durchgehen

Nein, nicht alle Menschen finden es total süß, wenn ihnen Kinder lautstark 18 mal hintereinander die selbe Strophe ihrer Top 1 der aktuellen Kindergarten-Charts vorsingt. Oder ihnen beim Abendbrot kleine Häufchen aus Leberwurstpampe, Chips und Wasser auf den Teller legen und verlangen: "Das musst du jetzt essen, das habe ich gekocht!" Oder ihnen mit Fettfingern die Brille ("Ich will auch!") von der Nase fegen. Gute Eltern sagen ihren Kindern rechtzeitig, wann es reicht.

3. Sie wissen, dass sie nie perfekt sein werden

Sie haben natürlich die wichtigsten Ratgeber gelesen. Sie haben von den anderen Eltern im Freundeskreis ohnehin erfahren, ob man diese Fidget Spinners nun pädagogisch interessant finden oder verteufeln soll. Was gute Eltern aber vor allem wissen: Egal, wie sehr sie sich auch bemühen, ihre Kinder werden ihnen später trotzdem vorwerfen, dass sie alles falsch gemacht haben. Warum also stressen lassen? Gut ist gut genug.

4. Sie können auch über etwas anderes reden als über ihre Kinder

Es gibt eine Phase, wenn das Kind noch sehr klein ist, da verzeihe ich Eltern, dass sie kein anderes Thema mehr haben. Ist ja auch interessant, meistens. Nervig wird es immer dann, wenn klar wird: Mutter oder Vater schalten automatisch auf Durchzug, wenn ich mal etwas von meinem eigenen kinderlosen Leben erzähle. Wie langweilig! "Ach, hmm ... Ich muss mal kurz nach Kassandra sehen, ja? Merk' Dir, was du gerade erzählen wolltest."

5. Sie wollen nicht alles kontrollieren

Sie wissen, dass es im Leben nicht 100 Prozent Kontrolle gibt. Darum heften sie sich nicht wie ein Schatten an ihr Kind, kommentieren jeden Pups und machen auch keine große Welle, wenn im Sandkasten gerade etwas rüde die Besitzverhältnisse geklärt werden ("Der hat meine Schaufel genommen!"). Gute Eltern lassen die Dinge auch mal laufen. Weil sie wissen: Nur wer selbst Erfahrungen sammelt, kann später einmal auf sie zurückgreifen.

6. Sie geben zu, wie elendig das Elterndasein manchmal ist

Nichts ist schlimmer als Über-Mütter und -väter. Bei denen es einfach immer suuuuuper läuft. Ist ja schließlich auch ein Wunschkind gewesen und sie waren ja schon vorher so was von bereit. Dass das Elterndasein einen auch mal schlaucht, nervt und verzweifelt, haben sie nur mal in einer Arte-Doku gesehen. Wer's glaubt.

7. Sie geben ihr Leben als Paar nicht komplett auf

Ich sehe es zu oft und es tut mit Leid: Wenn Menschen sich komplett in ihrer Rolle als Mutter und Vater auflösen und darüber vergessen, dass sie ja auch Partner und Geliebte sind, waren, sein können. Wenn das Kind schon sieben Jahre alt ist, aber die Erzeuger seither kein Abend zu Zweit außerhalb der eigenen vier Wände verbracht haben, läuft irgendetwas schief.


8. Sie machen nicht mit beim ewigen Vergleichen

"Meine konnte das ja schon mit eins!" Schön für dich. Aus bitteren Erzählungen von Müttern weiß ich, dass es auf Spielplätzen schlimmer zugeht als im Finale von Germany's Next Top Model. Elternstolz in allen Ehren, aber dieses ständige Angeberei mit dem Nachwuchs hat doch nur einen Zweck: Sich selbst im besten Licht erstrahlen zu lassen. Ist ja super, wenn dein Kind schon gehen konnte, als alle anderen in der Krabbelgruppe noch den Fußboden gewischt haben mit ihren Verrenkungen. Zu einem besseren Menschen macht dich das noch lange nicht.

9. Sie diskutieren nicht mit einem Dreijährigen alles aus

Nein, Johannes weiß es auch beim vierten Mal Fragen nicht, ob er nun lieber die grüne oder die dunkelblaue Baggypants anziehen will. Er wird sich auch dann noch nicht entscheiden, wenn du ihm die Vorzüge der dunkelblauen nahelegst, als seist du Star-Moderatorin bei einem Shoppingsender. Johannes ist drei Jahre alt. Leg ihm einfach die Hose hin, die er anziehen soll. Diskussion beendet.

10. Sie scheuen sich nicht vor klaren Ansagen

Erziehung ist kein Kaffeekränzchen. Jeder weiß das. Eltern wollen oft andere Dinge als ihr Nachwuchs. Dann sollten sie es aber auch genau so sagen: klar und unmissverständlich. Seit wann fallen eigentlich Ansagen wie "Du darfst jetzt noch drei Mal schaukeln, aber dann ist Schluss!" unter Kindeswohlgefährdung? Konsequent sein schadet übrigens auch nicht.

11. Sie machen aus ihrer Erziehungsmethode keine Religion

Essen nur aus dem Bioladen. Kein Zucker. Jeden Tag nur zehn Minuten am Handy daddeln. Jedes Elternpaar hat seine Regeln. Das ist gut so. Weniger gut ist es, wenn sie daraus eine Religion machen. Echt irre: Andere Eltern haben andere Regeln. Manche findet ihr vielleicht seltsam bis bekloppt. Auch okay. Das Wichtigste sollte doch sein, dass niemand einen Schaden nimmt. Also, leben und leben lassen. Dann klappt es auch mit dem Nachwuchs.


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