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»Der engagierte Vater ist ein Exot«

Familienforscherin Irene Mariam Tazi-Preve über die Identitätssuche neuer Väter und wieso bisher doch alles beim Alten ist.

Interview: Meredith Haaf

Sie beobachten seit Jahrzehnten die Entwicklung der Familie im deutschsprachigen Raum. Mal ehrlich: Sind diese neuen Väter nicht ein Mythos?

Der engagierte Vater, der sich die Familienarbeit partnerschaftlich mit der Mutter teilt, ist tatsächlich nach wie vor ein Exot. Noch immer überwiegt das Modell mit männlichem Haupternährer, während die Frau Haushalt und Kinderbetreuung übernimmt. Das Problem an der ganzen Debatte ist aber, dass wir gar nicht wissen, was das eigentlich sein soll, ein neuer Vater.

Woran erkennt man denn einen, Ihrer Meinung nach?

Zunächst die Frage: Woran misst man, was ein moderner Vater ist? An der Zeit, die er mit seinen Kindern verbringt? Da stellt sich heraus, dass ein hoher Prozentsatz aller Väter nach der Geburt des ersten Kindes länger arbeitet als zuvor. Oder verhalten sich moderne Väter anders? Messen wir sie am Anteil ihrer Elternzeit? Die Vaterrolle ist sowohl auf gesellschaftlicher wie auf individueller Ebene unklar, ganz anders als bei der Mutterrolle. Wir wissen ganz genau, was eine Rabenmutter ist, aber einen schlechten Vater in dem Sinn gibt es nicht.

Der abwesende Vater gilt doch aber als schlecht.

Ja, mit dem haben sich Generationen von Männern bereits auseinandergesetzt. Aber was ist mit dem nachlässigen, unansprechbaren Vater? Der ist relativ normal.

Kann es sein, dass Männer sich als Väter viel leichter positiv abgrenzen können – weil ein Vater sofort als neu und modern gilt, sobald er nicht autoritär oder abwesend ist?

Wir wissen, dass etwa zehn bis zwanzig Prozent der Männer wirklich aktiv versuchen, ganz anders als ihre eigenen Väter zu erziehen. Die strampeln sich dann ordentlich bei der Identitätssuche ab und weisen die traditionelle Männerrolle von sich.

Was heißt das?

Der Mann ist bei uns immer noch erwerbszentriert. Er identifiziert sich über seinen Beruf, über seine Position, das Geld, das er verdient – und erst dann über seine Kinder. Deswegen nehmen Männer zum Beispiel einen beruflichen Abstieg durch Teilzeitarbeit praktisch nie in Kauf. Da sind Frauen anders, die planen ihr Berufsleben um die Kinder herum.

Warum eigentlich?

Berufstätige Mütter erleben einen ganz anderen sozialen Druck, so viel wie möglich für die Kinder da zu sein. Neulich habe ich ein Interview mit einem Manager gelesen. Der sagte, er habe sich leider nicht um seine Kinder kümmern können, das hole er jetzt bei den Enkeln nach. Stellen Sie sich nur mal vor, eine Frau sagt so was in der Öffentlichkeit!

Es wirkt so, als wandelten Väter mit einer Art doppeltem Boden durchs Leben. Die meisten von ihnen wissen ganz genau: Da ist wer da, die kümmert sich schon um alles.

Ja, ganz abgesehen davon, dass Mütter immer noch den überwiegenden Teil des Haushalts machen, liegt auch das Familienmanagement vor allem bei ihnen. Die haben im Blick, dass wieder eine Winterjacke fällig ist. Die kennen die Freunde ihrer Kinder. Die Väter sind für Spiel und Sport zuständig, und weil sie weniger am Klein-Klein beteiligt sind, bleiben sie das Besondere. Aber die Kinder merken, dass die ihr Leben nicht mitdenken.

Liegt das nicht auch an den Müttern, die am Ende alles lieber selber machen?

Das Problem beginnt schon vor der Geburt: Die wenigsten Paare regeln ganz eindeutig, wie sie sich die Familienarbeit aufteilen wollen. Wir merken bei unseren Befragungen, dass die partnerschaftliche Familienarbeit nur da funktioniert, wo Väter sich schon vorher ganz bewusst damit auseinandersetzen, dass sie zurückstecken müssen für die Familie, und wo Frauen das dann auch einfordern, was abgemacht wurde.

Das heißt, die Frauen geben zu schnell auf?

Man sollte das bitte nicht wieder auf die Frauen schieben. Klar müssen die sich artikulieren, aber es hat ja auch Gründe, warum sich viele denken, dass sie die Sachen lieber selbst erledigen. Ich habe in meinen Studien den Eindruck gewonnen, dass viele Väter die Detailarbeit am Ende doch auch gern der Partnerin überlassen.

Ein moderner Vater zu sein ist also mit viel Selbstüberwindung verbunden, richtig?

Die handeln sich vor allem harte Konflikte mit der Arbeitswelt ein. Da herrscht ja dieses erwerbszentrierte Männerbild, das müssen sie aktiv zurückweisen. Was die machen, ist echte Emanzipationsarbeit. Das kostet Kraft, und die bringen wirklich nur die wenigsten auf.

Also hat sich eigentlich nicht viel verändert bei den modernen Vätern?

Anspruch und Wirklichkeit klaffen stark auseinander. Wenn man die Einstellungen abfragt, hat sich viel getan: Männer glauben nicht mehr, dass Frauen für Haushalt und Kinderbetreuung alleine zuständig sein sollen. Sie glauben, dass sie sich genauso gut kümmern könnten. Aber in der Wirklichkeit sieht das so aus: Leider geht es nicht, weil der Chef keine Vätermonate akzeptiert. Weil man eben bis neunzehn Uhr arbeiten muss. Die Fakten passen nicht zum Wandel in der Mentalität. Deswegen kommen wir nicht um die Debatte über die Arbeitskultur herum. Eine Kultur des Teilens von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung muss normal werden – sonst kommen wir mit der Gleichberechtigung niemals ernsthaft weiter.

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