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„Muss ich alles dreimal sagen?“

Komm jetzt bitte! Du solltest doch dein Zimmer aufräumen! Bleib sitzen! Wir Eltern reden und reden. Und die Kinder? Schalten auf Durchzug. Was läuft da falsch?

Text: Christian Thiele

Es ist ein paar Wochen her:

„Du bist krank, nimm jetzt den Saft!“

„Nein, ich bin nicht krank.“

„Doch, du bist krank. Bitte nimm jetzt den Saft.“

„Der schmeckt aber nicht.“

„Das muss er auch nicht. Er muss helfen, dass du wieder gesund wirst.“

„Ich mag aber nicht.“

Dann probierte ich es mit Gewalt. Physischer Gewalt. Kopf festhalten, Mund aufdrücken, Saft reinträufeln. Klappt bei einem dreijährigen Mädchen nicht, auch wenn es durch eine astreine Bronchitis geschwächt ist. Und bricht dem Vater das Herz. Also probierte ich es mit der kommunikativen Atombombe:

„Wenn du den Saft nicht nimmst, musst du ins Krankenhaus. Allein. Ohne Mama, ohne Papa. Ganz lang.“

Widerspruchslos schluckte sie den Saft. Mein Ziel war erreicht. Der Saft war drin. Ich hatte gesiegt. Und dabei versagt. Ich will meinem Kind eigentlich nicht drohen. Und ich will es auch nicht anlügen, nie würde ich es alleine im Krankenhaus lassen. Aber warum sage ich es dann? Wie spreche ich überhaupt mit meinem Kind? Versteht es, was ich ihm sagen will? Sage ich es ihm so, wie ich es ihm sagen sollte? Damit es auch ankommt? Höre ich genügend zu? Und richtig?

Als vor drei Jahren meine Tochter auf die Welt kam, das erste und einzige Kind, musste ich eine neue Sprache lernen. Eine Sprache, die aus viel mehr und oft etwas ganz anderem besteht als nur aus Worten. Für die es kein wirkliches Wörterbuch gibt, die man an keiner Volkshochschule lernen kann. Eine Sprache, die sich jeden Tag weiterentwickelt, die erst mal nur aus Schreien besteht und Maunzen und Wimmern, zu der irgendwann Gesten dazukommen, Grimassen und schließlich auch Wörter – manchmal sogar die richtigen. Da die Mutter meiner Tochter und ich uns früh trennten, musste ich diese Sprache auch noch ziemlich alleine lernen – aber das spielt wohl nur eine untergeordnete Rolle. Denn ich denke, so wie mir geht es allen Eltern: Man muss und will und soll irgendwie mit diesem kleinen Wesen kommunizieren. Muss und will und soll seine Bedürfnisse, Gedanken, Gefühle verstehen – und die eigenen zu verstehen geben. Dabei geht verdammt viel schief: Wir drohen mit Dingen, mit denen wir gar nicht drohen wollen („… dann musst du alleine ins Krankenhaus“). Warnen vor möglichen Konsequenzen, die für ein Kind in der fernen Zukunft liegen und die wir dann oft doch nicht einhalten („… dann gibt es morgen kein Eis“). Korrumpieren unser Kind mit der Aussicht auf Dinge („… dann kriegst du später Gummibärchen“). Und überhaupt: „Wir reden viel zu viel mit unseren Kindern.“ Das sagt Jan-Uwe Rogge. Rogge ist Vater, Erziehungs- und Kommunikationsberater, Buchautor (u. a. „Wie Sie reden, damit Ihr Kind zuhört“). In seinen Seminaren betont er gegenüber den Eltern: „Wenn ihr weiterhin so viel mit euren Kindern redet, bekommen die ständig Mittelohrentzündung. Redet weniger. Und redet so, wie Kinder auch reden, kurz und knapp. Subjekt–Prädikat–Objekt.“ Die Eltern von heute, da sind sich Entwicklungspsychologen, Pädagogen, Mediziner und Hirnforscher einig, haben ein Quantitätsproblem in Sachen Kommunikation. Sie texten, schwallen, labern ihre Kinder zu. Schau hier. Schau da. Mach jenes.

Soyoun Maisch ist Kinderärztin im Süden Münchens. In ihrer Praxis haben achtzig Prozent der Kinder mindestens ein Elternteil, das nicht aus Deutschland kommt. Maisch stellt fest: „Niemand diskutiert so viel mit seinen Kindern wie die Deutschen. Wenn eine Mutter mit ihrem Kind zur Impfung kommt, wird erklärt, begründet, argumentiert. ‚Wir müssen dir jetzt einen kurzen Pieks geben. Dann wirst du nicht krank. Dann darfst du zur Oma. Dann darfst du nachher ein Eis haben. Und ein Spielzeugauto.‘ Trotzdem weint das Kind. Bei ausländischen Familien läuft das so: Die Spritze muss jetzt sein und fertig.“

Bitte zieh die Unterhose an. Bitte schmeiß nicht mit dem Käse. Nein, jetzt kein Versteckenspielen, wir müssen los: Ich wecke meine Tochter in der Regel um halb acht, um halb neun geht es ab in die Krippe. Allein in dieser einen morgendlichen Stunde muss sie schon ein kommunikatives Stahlgewitter ertragen. Eine Flut an Aufforderungen, Ermahnungen, Rechtfertigungen, Zurechtweisungen, jeden Morgen. Manche dieser kommunikativen Botschaften sind mir echt wichtig („Jacke an, es ist kalt“). Manche, wenn ich ehrlich bin, nicht so wichtig („Nein, heute kein Prinzessinnenkleid“). Manchmal schaue ich sie an, wenn ich mit ihr rede. Manchmal bin ich in einem anderen Raum.

Kurzum: Dass überhaupt etwas in unserer kleinen Familie vorwärts geht, dass ich meine Tochter überhaupt satt, sauber und angezogen bekomme und dass wir überhaupt irgendwo ankommen – eigentlich ein Wunder. Einer der größten Fehler: die Bitte. „Wenn eine Mama ,bitte‘ sagt, weiß das Kind doch immer: Es ist halb so wild“, sagt Jan-Uwe Rogge. „Gib mir bitte mal die Butter“ – das ist ein Höflichkeits-Bitte, das geht für Rogge in Ordnung. „Aber wenn ich von meinem Kind etwas will, dann muss ich schon sagen: Ich möchte, dass du jetzt dies oder jenes machst. Dann lässt man das Wort ‚bitte‘ bitte weg.“ Denn eine Bitte ist nur dann eine Bitte, wenn wir akzeptieren, dass sie abgelehnt werden darf. Und das tue ich zum Beispiel nicht, wenn es bei minus zehn Grad um das Anziehen oder Nichtanziehen der dicken Jacke geht. Und gleich dreimal nicht, wenn es bei Bronchitis um die Einnahme der Medizin geht. Dann ist meine Bitte in Wahrheit ein Befehl. Ein Befehl, um den ich ein geblümtes „Bitte“ gewickelt habe, damit er nicht so kalt, fies, alternativlos daherkommt.

Ein ähnlicher, zweiter sprachlicher Generaldefekt bei Eltern, auf vielen Spielplätzen aus vielen Mündern gehört: der Konjunktiv. Es wäre gut, wenn wir jetzt heimgehen. Könntest du bitte nicht im Dreck spielen. Würdest du bitte die Schaufel dem Mädchen zurückgeben. Martina Geisler, Leiterin der Kinderkrippe meiner Tochter, sagt: „Viele Eltern reden unheimlich viel im Konjunktiv mit ihren Kindern. Wenn ich das mitbekomme, denke ich häufig: ,Sag doch einfach deutlich, was du denkst.‘“ Kleine Kinder denken nicht im Konjunktiv, sprechen nicht im Konjunktiv, verstehen keinen Konjunktiv. Meine Tochter sagte heute nicht in der U-Bahn zu mir: „Papa, ich hätte vielleicht mal möglicherweise gerne einen rosa Regenschirm.“ Sie sagte, die Fü.e aufstampfend: „Ich! Will! Einen! Rosa! Regen! Schirm!“ Da könnten wir möglicherweise eigentlich ganz schön viel von unseren Kindern lernen, an Klarheit, an Kürze, an Präzision.

Wenn wir sie endlich weniger zutexten und ihnen mehr zuhören würden. Aber warum labern wir unsere Kinder so zu? Und sind dabei so verschwiemelt, so unklar? Warum scheuen wir die klare Ansage? Weil wir es besonders gut machen wollen. Und anders als unsere Eltern. Die Kinderärztin Maisch stellt fest: „Wir reden heute gar nicht mehr frei mit den Kindern. Wir haben viel zu viele Ratgeber gelesen und hören viel zu wenig auf unser Bauchgefühl. Früher hieß es: ,Du gehst ins Bett.‘ PUNKT. Heute immer dieses ewige Erklären.“

Der Sozialpädagoge Frank Gaschler trainiert gemeinsam mit seiner Frau, einer Psychologin, mit Eltern gewaltfreie Kommunikation. Er findet: „Unsere Generation erlebt sich im Umgang mit Kindern ständig als defizitär. Man fragt sich laufend: Welche Dramen wird mein Kind erleben, weil ich dieses oder jenes Buch nicht gelesen habe? Deshalb gibt es so viel Unklarheit in der Kommunikation mit unseren Kindern.“ Auch die Vorstellung, das Kind sei ein gleichberechtigter Partner, dem man durch Begründungen und Rechtfertigungen den Sinn von eigenen Wünschen oder Anweisungen oder Verboten zu erklären habe – aus Gaschlers Sicht eine totale Kommunikationsbremse. „Ich will keine partnerschaftliche Ebene mit einem zweijährigen Kind, das würde es völlig überfordern. Denn das Kind braucht Orientierung, Klarheit, Führung.“ Gleichwürdigkeit als Haltung, von diesem Begriff schreibt der dänische Familientherapeut Jesper Juul: Das Kind mit seinen Wünschen und Bedürfnissen ernst nehmen. Ihm aber deshalb noch lange nicht jeden Wunsch oder jedes Bedürfnis erfüllen.

Vielleicht hat mein persönliches Laberbackentum ja auch mit schlechtem Gewissen zu tun: Das Kind kommt, jedenfalls unter der Woche, bald nach dem Aufstehen in die Krippe, wird um fünf, halb sechs abgeholt, und kommt zur Tagesschau ins Bett. (Zumindest ist das der Plan …) In der Zwischenzeit will der Kümmererundkuschelpapa in mir das über den Tag am Kind Versäumte nachholen: „Schau mal, ein Bagger“, sage ich auf dem Heimweg von der Krippe zu ihr. „Sieh mal, das Riesenrad.“ „Oh, eine Kehrmaschine.“ Sie sagt dann in der Regel nichts. Schließlich hat sie schon den ganzen Tag lang mit anderen Kindern und Erzieherinnen gesprochen. Da muss auch mal eine Empfangs- und Sendepause erlaubt sein. Bagger, Riesenrad und Kehrmaschine hätte sie sicher auch ohne mich entdeckt.

Die Kinderkrippe, sagt Henning Scheich, ist so ziemlich das beste Kommunikationstraining, das ein Kind bekommen kann: „Diese ganzen sozialen Beziehungen und die Kommunikationsformen, die in frühkindlichen Bildungseinrichtungen vorkommen, die kann eine Kleinfamilie einem Kind nicht bieten.“ Scheich leitet die Abteilung Akustik, Lernen und Sprache am Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg. Dort werden die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Lernens und der Kommunikation erforscht. Scheich ist aber nicht nur Hirnforscher, sondern auch Pferdeliebhaber. Und er findet, der Mensch – und besonders die Untergattung Eltern – könnte vom Umgang mit Pferden und anderen intelligenten Tieren viel lernen. „Pferde können ziemlich unausstehlich sein. Aber sie lernen ganz leicht, dass Guuuuut oder Schöööööön eine Bestätigung dessen ist, was sie gerade tun. Und dass sie bei einem klaren Nein!, mit gesenkter Stimme vorgetragen, das zu lassen haben, was sie gerade tun.“

In all den Seminaren, auf die wir uns so schicken lassen, aus all den Kommunikationsbüchern, die wir so lesen, lernen wir: Non verbale Kommunikation wahrnehmen! Auf Körperhaltung achten! Nicht nur auf Worte hören, sondern auch auf die Stimme! Wir versuchen, möglichst alle Sendemasten und Empfangsantennen auszufahren, bei der nächsten Montagmorgenbesprechung, beim übern.chsten Ehestreit. Aber im Umgang mit kleinen Kindern? Die in den Vorschuljahren Sprache vor allem über die sogenannte Proso die lernen, den Klang, die Tonhöhe, das Tempo? Für die also die nonverbale Seite von Kommunikation zur Verständigung viel wichtiger ist, um zu hören und gehört zu werden? Bei denen schlampen wir. Mehr auf das Wie achten und nicht nur auf das Was.

Wenn meine Tochter fernsehen will und mir das nicht passt: Will sie dann wirklich Fernsehen schauen? Oder will sie nicht eigentlich mit mir auf dem Sofa sitzen, die blaue Decke über die Beine ziehen und kuscheln? Das ginge auch mit einem Buch, ohne Fernseher. Schon wären fünfzehn vergebliche Minuten an Ich-will-aber-Nein-Doch-Nein-Doch- Streit vorbei, bevor sie begonnen haben. Und warum will ich überhaupt, dass mein Kind in diesem Moment nicht Fernsehen schaut? Weil ich das im tiefsten Innern nicht mit meinem erzieherischen Ethos vereinbaren kann? Weil eine akute Gefährdung des Kindes droht? Oder weil irgendwas in mir meint, das Fernsehen in diesem Moment verbieten zu müssen? Wir handeln und sprechen, sagt Sozialpädagoge Gaschler, viel zu sehr nach unhinterfragten Glaubenssätzen.

Und wir wollen Dinge, von denen wir glauben, dass wir sie wollen oder nicht wollen müssen – ohne sie tatsächlich zu wollen oder eben nicht zu wollen.

Ein mögliches Kommunikationsvorbild: die eigene Frau oder der eigene Mann. Väter, sagt Gaschler, können von ihren Partnerinnen lernen – und umgekehrt: Warum kriegt sie das mit dem Anziehen immer so gut hin und ich nicht? Kniet sie sich nieder? Legt sie mal für einen Moment das Smartphone aus der Hand? Oder anders herum: Warum gibt es weniger Essenssauerei, wenn er das Frühstück gemacht hat? Sind seine Kommandos kürzer, knapper, eindeutiger? Klärt er seine Konflikte mit dem Kind dann, wenn Zeit ist – und nicht so wie ich, unter Strom, zwei Minuten, bevor alle in die Krippe müssen, in die Schule, zur Arbeit – zum Kommunikationstraining für Führungskräfte?

Tja, und ich mit meinem grauenhaften Medizinverabreichungssprech, wie kann ich den verbessern? Muss ich in Zukunft jedes Mal damit drohen, dass das Kind ins Krankenhaus bringe? Soyoun Maisch, die Kinderärztin, ist ziemlich gnädig mit mir: „Manchmal hilft nur Zwang. Selbst wenn es eine Wenn-Dann-Drohung ist. Damit muss man sich auch nicht im Nachgang lange beschäftigen. Was raus ist, ist raus und muss nicht jedes Mal hinterfragt werden.“ Jan-Uwe Rogge sagt: „Den pädagogischen Oscar bekommen Sie für diese Drohung nicht, und in den Elternhimmel kommen Sie damit auch nicht. Aber wenn die Beziehung zu Ihrer Tochter stabil genug ist, dann hält sie den gelegentlichen pädagogischen Schwachsinn schon aus, den der Vater so von sich gibt.“ Dann vertraue ich mal darauf. Und halte ansonsten einfach mal häufiger die Klappe. Punkt.


Wie ist das bei Ihnen? Wie schaffen Sie es, dass Ihre Kinder zuhören? Und in welche Fallen tappen Sie immer wieder?Was sind typische Situationen, in denen es schnell zu seinem Streit kommt? Wir freuen uns sehr über Ihre Antworten.

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