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„Wenn die Erotik erloschen ist, sollte man sich trennen“

„Wir sind im Guten auseinander“ - eine Floskel? Oder geht das wirklich? Wie lange ist eine Beziehung noch zu retten - und ab wann unheilbar kaputt? Ein Gespräch mit der Beziehungstherapeutin Catherine Herriger.

Catherine Herriger

Ein Kind gilt immer noch als Krönung einer Beziehung, gleichzeitig geraten viele Paare nach der Geburt des Kindes in eine Krise. Woran liegt das?
Das fängt schon oft vor der Geburt an, mit dem Kinderwunsch. In meiner Arbeit als Beziehungstherapeutin kann ich regelmäßig beobachten, dass der Wunsch nach einem Kind stärker von der Frau ausgeht. In den Sitzungen erzählt er dann Sachen wie: „Sie wollte unbedingt ein Kind, sie sprach immer von der biologischen Uhr, aber ich hätte ruhig noch ein paar Jahre warten können.“ Oder: „Für mich war das einfach nicht so wichtig.“

Woran liegt dieses Ungleichgewicht?
Auf einer ganz banalen Ebene hat das natürlich damit zu tun, dass ein Mann beliebige Male zeugen kann. Damit muss nicht unbedingt der Wunsch nach einem Kind verbunden sein. Hingegen ist die Zeugung bei einer Frau oft – auch heute noch – etwas Mystisches. Man sagt: „Sie hat empfangen“, oder wird biblisch: „Sie hat einen gesegneten Leib.“ Auf jeden Fall hat die Mutter eine natürliche, unabstreitbare Verbindung zu dem Kind. Die Beziehung des Mannes zum Kind muss erst hergestellt werden.

Aber hat das unterschiedliche Verhältnis zum Kind nicht vielmehr mit Geschlechterrollen zu tun?
Ja, natürlich. In dem Augenblick, wo Männer – wohlgemerkt: nicht alle! – erfahren, dass sie Vater werden, fühlen sie sich manchmal festgesetzt. Sie haben Angst, dass es dann mit dem freien Leben vorbei ist. Das aber hat in erster Linie etwas mit Rollenzuschreibungen zu tun, besser: mit Klischees. Denn das archaische Erbe, das so oft bemüht wird: der Mann als Jäger und Krieger, der umherstreunt und für den Fortbestand seiner Sippe auf eine maximale Samenstreuung bedacht ist, ist im Stammhirn längst zu einem bloßen Relikt geworden. Wir leben in einer hochzivilisierten Leistungsgesellschaft, in der solche Klischees eigentlich keine Rolle mehr spielen dürften. Und doch spuken immer wieder romantisch-verklärte Restbestände herum – wie zum Beispiel das Bild des attraktiven Steppenwolfes, das für viele Männer so wichtig ist und viele Frauen zum Träumen bringt. Egal, welche Liebesfilme und Hochglanzmagazine wir anschauen, welche Romane wir lesen – dieses „Ich Tarzan, du Jane“-Klischee findet sich in irgendeiner Form ständig wieder, infiltriert und prägt uns von jung an und wird einfach dem jeweils vorherrschenden Zeitgeist etwas angepasst. Die Konsequenz ist, dass ein Zerrbild in unseren Köpfen rumspukt, das weder der ursprünglichen noch der heutigen Lebens- und Beziehungsrealität entspricht. Solche verzerrten Rollenbilder können sich ausgesprochen schädlich auf Beziehungen auswirken. Gerade, wenn Kinder da sind.

Wieso, welche Probleme ergeben sich dann?

In meiner Praxis stellt sich oft folgende Situation dar: Sie hat das Kind bekommen, ist erschöpft zu Hause und bräuchte einen emotional zuverlässigen Beziehungspartner, der ihr diese enorme Belastung abnimmt – bitte möglichst zur Hälfte. Und während sie keine Nacht mehr durchschlafen kann, flüchtet er sich in seine wildromantischen Klischees: „Mein Gott, war das noch schön, als ich in meiner Studentenbude gewohnt habe, als ich noch um die Welt reisen konnte …“ Und so suhlt er sich in geistiger Abwesenheit. Dazu bleibt er länger im Büro, als er müsste, oder verkriecht sich zu Hause hinter dem Rechner und flüchtet sich so in eine andere Realität, bar jeglicher Beziehungsverantwortung. Sie hingegen fühlt sich zuständig für das Kind, sie ist gebunden. Sie hat das durch ihre Mutter und Großmutter so kennengelernt und handelt – auch wenn sie es vorher eigentlich nicht wollte – nun ähnlich. Und zähneknirschend denkt sie daran, dass er zumindest zur Hälfte an diesem schreienden Bündel beteiligt war.

Ist die Frage, wer wie viel arbeitet, oft ein Problem?
Natürlich. Sehr viele Eltern müssen realisieren, dass Kinder dann doch nicht so einfach managebar sind, wie sie es sich vor der Geburt vorgestellt haben. Und in der Regel sind es dann die Frauen, die ihren Job reduzieren, und sie hätten gerne, dass ihr Partner auch reduziert. Und dieser Streitpunkt kann riesig werden, vor allem dann, wenn das Rollenverständnis unreif, also klischeehaft geblieben ist.

Sehr oft hört man den Satz: „Wir haben uns einfach auseinandergelebt.“
Ganz frei heraus: Von diesem Argument halte ich gar nichts. Das ist die allerbilligste, oberflächlichste Rechtfertigung. Man liest sie leider auch in sogenannten Ratgebern. Als Beziehungstherapeutin frage ich: Warum kam man dann überhaupt irgendwann einmal zusammen? Diese emotionale Grundlage existiert nämlich nach wie vor, aber plötzlich wird es unbequem, sich daran zu erinnern und sich anzustrengen, wieder daran anzuknüpfen.

Aber sollte man das Argument nicht doch ernst nehmen? Wenn Kinder da sind, verflüchtigt sich die Beziehung im Alltagsstress. Wie ist es denn möglich, dass man sich nicht auseinanderlebt?
Es mag für viele unromantisch klingen, aber Beziehungen müssen designt werden. Man muss die Realität bemühen – und zwar bevor das Kind kommt. Man muss bedenken, dass Kinder Vampire sind, die Zeit und Energie saugen und sowieso immer an der Mutter dranhängen. Man muss bedenken, dass die Zeit und Energie knapp wird, dass wahrscheinlich nicht beide Partner Karriere machen können. Diese Probleme müssen rechtzeitig bedacht werden, und dann kann man gezielt nach Auswegen suchen. Man kann zum Beispiel planen, dass man vier Tage im Monat alleine sein möchte, man kann Großeltern in die Betreuung einbeziehen. Die werden zwar nicht verstehen, warum man streng auf den vier kinderfreien Tagen beharrt, aber werden in der Regel doch helfen. Bereitet man sich hingegen nicht auf die neue Situation vor, auf den Stress, den ein Kind mit sich bringt, kann die Beziehung leicht ins Schlingern geraten.

Gibt es einen Punkt, an dem die Beziehung nicht mehr zu retten ist?
Ja, natürlich. In dem Augenblick, in dem die Erotik vollständig erloschen ist, sollte man sich trennen und einfach gute Freunde bleiben.

Aber ist das nicht eine zu hohe Hürde? Ist es nicht ganz normal, dass nach der Geburt der Kinder Sex erst einmal ein Nebenthema oder vielleicht sogar ganz unwichtig ist?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Erotik kann ihre Pausen haben, und die braucht sie auch. Mit wunden Brüsten und übernächtigt hat wohl niemand Lust auf Sex. Es gehört vielmehr zum Beziehungsdesign, dass man auch auf diese Durststrecken vorbereitet ist und damit umgeht. Diesen Prozess spürt man, und auch hier kann man noch sehr viel tun für die Beziehung, zum Beispiel, indem man sich Freiraum für Sex schafft oder ihn plant. Wenn der Funke aber endgültig erloschen ist, fühlt sich das vollkommen anders an. Paare berichten mir immer wieder, dass es einen Punkt gab, an dem sie klar und deutlich gemerkt haben: Ich begehre meinen Partner nicht mehr und werde ihn auch nie mehr begehren. Und an diesem Punkt ist die Beziehung meiner Meinung nach unwiderruflich verloren. Weil der Wunsch nach Erotik weiterlodern wird und man früher oder später deswegen fremdgeht oder zunehmend aggressiv dem Partner gegenüber wird.

Was ist, wenn sich ein Partner einfach verliebt?
Es gibt 3,5 Milliarden mögliche Sexualpartner auf der Welt, und dass man den einzig attraktiven geheiratet hat, ist doch eher unwahrscheinlich. Aber, das frage ich immer die Paare, die mir so eine Geschichte erzählen: Dieses Verlieben in einen anderen, während man in der eigenen Beziehung gerade eine Durststrecke durchlebt – ist das nicht eine Flucht? Mann wie Frau sollten sich bewusst sein, dass nach der bestenfalls drei Jahre dauernden Betörungsphase jede Beziehung unweigerlich in das Stadium kommt, wo die rosarote Brille der Verliebtheit dem alltäglichen Blick weicht. Haare im Waschbecken, Mundgeruch am Morgen, nicht abgetretene Schuhe, zusammengeknüllte Handtücher können zu dominanten Themen werden und dienen dann als Erklärung für sexuelle Lustlosigkeit und zunehmende innere Distanz – aber das wäre auch in einer neuen Beziehung früher oder später der Fall. Wenn hingegen die eigene Beziehung gut gepflegt ist, also bereits zu Beginn ganz bewusst gemeinsame Aktivitäten eingeplant und individuelle Interessen und Freiräume respektiert werden, wird eine „aushäusige“ Verliebtheit lediglich den Stellenwert eines Kicks haben, mehr nicht. Und sich auf flirten beschränken, was ja immer etwas Schönes und Bestätigendes ist.

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