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Alle doof außer wir

Um sich in ihrer eigenen Wahrheit wohler zu fühlen, lästern Eltern gern über andere. Und das kann man ihnen noch nicht mal übel nehmen.

Text: Susanne Frömel

Die Jagd ist eröffnet. Man erkennt das daran, wie sie ihre Köpfe senken. Ein leichtes Schaudern durchbebt ihre Leiber, bevor sie auf ungute Art fest werden – ungefähr so wie ein angetrunkener Mann, von dem man ahnt, dass er gleich losschlagen wird. Ihre Augen fixieren die Beute, folgen ihr wie nebensächlich, und lassen sie trotzdem nicht aus dem Blick. Sie lassen sie sogar ein, zwei Mal vorbeispazieren und warten, bis der geeignete Moment gekommen ist, um zuzuschlagen. Da! Die Beute verzieht sich, ein Mitglied der Brut hat sich auf der anderen Seite in einem Holzgerüst verkeilt. Der Augenblick ist mehr als günstig. Los geht’s. „Also ehrlich“, sagt die eine, „hast du das gesehen? Trägt ihr Kind nach vorne gedreht im Baby-Björn. Das Baby war doch höchstens drei Monate alt. Wie soll das denn die ganzen Eindrücke verarbeiten können!“

„Der arme Wurm“, bestätigt die andere, „schreit sich bestimmt die halbe Nacht die Lunge aus dem Hals. Und überhaupt – ein Baby-Björn! Eigentlich müsste sie es doch besser wissen! Ich sage nur: Hüftdysplasie!“ Die andere nickt: „Schlimm. Hör bloß auf, sonst wird mir schlecht.“ Jeder Mensch hat sein Kryptonit. Das von Eltern sind andere Eltern.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich lästern nicht alle Eltern die ganze Zeit über andere Eltern. Aber es gibt, sagen wir: gewisse Tendenzen. Schließlich ist es ganz natürlich, dass man das eigene Kind und den eigenen Erziehungsstil am tollsten findet. Alles andere wäre evolutionstechnisch ziemlich bescheuert.

Wenn man von der Evolution mal absieht, muss man einsehen, dass es zum Beispiel Adam und Eva ziemlich gut hatten. Von Vater Gott und Mutter Erde abgesehen, hatten sie nicht viel, worüber sie sich das Maul zerreißen konnten. Moderne Elternschaft hingegen bedeutet, dass man ab dem Moment der Befruchtung bestimmten Glaubenssätzen anhängen wird, als wäre man in eine Sekte eingetreten, deren erstes Gebot lautet: Du sollst anderen Eltern nicht ehrlich deine Meinung sagen, sondern es nur hinter ihrem Rücken tun.

Früher, als Kindererziehen noch eine Sache war, die man tat, damit die Art nicht ausstirbt, gab es eine Richtung, in die alle Eltern gemeinsam marschierten. Oben steckte man in das Kind Nahrung hinein (so man welche hatte), und unten kamen die Reste der Nahrung wieder heraus. Ansonsten mussten Kinder eine Menge Dinge tun, die sie heute nicht mehr ohne Weiteres lernen, nämlich reibungslos funktionieren und versuchen, unter allen Umständen am Leben zu bleiben. „Natürlich haben wir unsere Kinder und unsere Erziehungsmethoden verglichen“, sagt eine Urgroßmutter, Jahrgang 1923. „Aber es gab da nicht viele Schattierungen. Erziehung war damals keine Frage des freien Willens. Man hat es eben so gemacht wie alle anderen.“

Ah, der freie Wille. Im Ansatz eine gute Sache. Aber seien wir mal ehrlich: Er hat das sahnetortige Wohlgefühl des gemeinschaftlichen Elternseins ganz schön in Stücke gehauen. Während sich Eltern zwar immer noch in gesellschaftsschichtig angemessenen Peergroups zusammenrotten (Ergo-Carrier/ Pekip gegen Baby-Björn/musikalische Früherziehung erst ab drei), kommt es heute längst innerhalb dieser Gruppen zu Splitterbewegungen. Die sorgen dafür, dass sich die einzelnen Peergroups in Einzelkämpfer zerlegen, die sich im Grunde darin übertrumpfen möchten, das bestmögliche aller Elternteile zu werden. Auf den Spielplätzen herrscht Krieg.

Kürzlich zum Beispiel hat Freundin T. ein Kind bekommen. Sie ist schon 38, ein bisschen alt, könnte man sagen, aber gut, wem die Karriere so wichtig ist, bitte sehr. Herrje, da ist es schon herausgerutscht: ein Stückchen Meinung. Die Sache ist ja überaus heikel. Wie schnell gerät man in einen fatalen Lästerstrudel, obwohl man doch eigentlich nur das Beste will! Aber: Ist T. als Mutter überhaupt geeignet, so wie die im letzten Jahr noch Rotwein in sich hineingeschüttet und die Nächte durchgetanzt hat? Ohne Frage ist sie eine liebenswerte Person, aber darf man in einer frisch entbundenen Mutter Zweifel säen, noch dazu, wo sie mit allem so offensichtlich überfordert ist? Und neulich, an einem dieser überraschend kalten Tage, hat sie das Kind tatsächlich OHNE MÜTZE durch die Gegend geschoben. Die Frau ist Ärztin, eigentlich müsste sie informiert sein.

Die Grenze zwischen „das Beste für das Kind wollen“ und „der Freundschaft durch affige Kommentare irreparablen Schaden zufügen“ ist ein mit Minen vollgestopfter Höhlengang ohne das kleinste bisschen Tageslicht. Es bleibt einem nicht viel übrig, als sich mit den Verbesserungsvorschlägen an jemanden zu wenden, der im Grunde nicht gemeint ist, einen aber immerhin darin bestärken kann, dass man im Recht ist und der andere im Unrecht. So ist Lästern die Sprache vieler Eltern geworden. Sie bemühen sich, aber sie können nicht anders.

Das Problem ist doch dieses: Moderne Eltern, die sich üblicherweise bereits pränatal die Standardwerke der Erziehungsliteratur reingezogen haben, sind informiert. Sie wissen, wie sich die Gehirnstrukturen des Kindes am günstigsten entwickeln, sie kennen den schädlichen Einfluss von Zucker auf das kindliche Immunsystem und ahnen, dass eine städtische Schule eine ungünstige Wirkung auf das spätere Konsumverhalten haben könnte. Wer Wissen besitzt, möchte es teilen. Das ist nur zu verständlich. Weil sie gleichzeitig emphatische Wesen voll eigener Unsicherheit sind, trauen sie sich nicht, es sich mit den anderen zu versauen.

Eltern sein bedeutet heute, sich in einer Zeit raschen Wandels möglichst fix zu orientieren. Wie schnell es wieder einer besser weiß, ist oft nur eine Frage des Amazon- Werbebanners: „Folgende Bücher könnten Sie interessieren …“ Was heute noch toll ist, kann morgen totaler Mist sein – kaum auszudenken, was etwa geschehen würde, fände jemand heraus, dass der Verzehr von Reiswaffeln zu dauerhaften Schwächen im mathematischen Bereich führte.

Wer unsicher ist, sucht Sicherheit in der aktuell gültigen Wahrheit. „Ich habe aber gelesen, dass …“ gehört zum Standardrepertoire der modernen Elternschaft. Das ist nicht gut. Es ist natürlich auch nicht richtig schlecht. Wer sich informiert, tut dies allgemein in dem Verlangen nach Wahrheit. Nur gibt es in der Kindererziehung keine Wahrheit, außer vielleicht jener, die der Pädagoge Friedrich Fröbel im frühen 19. Jahrhundert formuliert hat: „Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst nichts.“ Vom Ansatz her müsste die Sache mit der Elternschaft also ein Kinderspiel sein. Lästern macht einen Menschen nicht edler und besser, sondern es zeigt ihn in seiner ganzen Schwäche und Dummköpfigkeit. Man popelt in kleinen Wunden herum, anstatt zu sehen, dass die Haut drum herum im Wesentlichen intakt ist.

Zum Beispiel Freundin T. Immerhin ist sie mit ihrem Kind nicht in die Kneipe gegangen, sondern an die frische Luft. Was macht da schon die fehlende Mütze? Der Kleine entwickelt sich schließlich prima. Obwohl sie natürlich ein bisschen weniger am Computer und ein bisschen mehr mit ihrem Kind spielen könnte. Und das Stillkissen. Pfui, wie vollgekleckert das war! Wenn man nur daran denkt, was sich dort für Mikroben sammeln! Was die für Allergien auslösen können. Und waren auf den prallen Backen des Kindes nicht schon deutlich die ersten Zeichen einer satten Neurodermitis zu erkennen? Also, ich an ihrer Stelle … ach, verdammt.

Lästern macht Spaß. Es ist ja nichts anderes als der Abgleich mit dem Gegenüber, für junge Eltern kann so etwas überlebenswichtig sein. Indem sie ihre Wahrheit mit der Wahrheit des anderen (wenn auch auf unfeine Art) vergleichen, vergewissern sie sich, dass sie nicht komplett gescheitert sind. Denn leider, leider ist das Gefühl, permanent an der Grenze zum Scheitern zu stehen, ein ständiger Begleiter. So, wie die das Kind rüffelt – nein, da mache ich es besser. Und selbst in der Umkehrung funktioniert das. Oft wird ein scheinbarer Fehler des anderen nach einer Weile zu einer Erkenntnis, nach der es noch andere Wege gibt.

So viel Verständnis muss aber nicht sein. Wir hier im Prenzlauer Berg singen gerne ein Lied des Komikers Fil. Es heißt „Mein Kind“ und ist in Auszügen hier unten zu lesen. Aber so etwas darf man natürlich nicht laut sagen.

Wo kämen wir da hin.


Mein Kind ist geiler als dein Kind

Mein Kind weiß, wer die New York Dolls sind.

Mein Kind ist irgendwie geiler als deins.

Meins heißt Ngahugahuga und deins heißt Heinz.

Dein Kind kann auf der Blockflöte flöten.

Mein Kind kann deins mit bloßen Händen töten.

Mein Kind ist so viel geiler als dein Kind.

Dein Kind ist fast so kacke wie kein Kind.

Mein Kind konnte schon mit drei Monaten gehen.

Dein Kind hat Schwimmhäute zwischen den Zehen.

Frag mal mein Kind ne Frage und dann guck mal, wie es unterfordert ist.

Gib mal jetzt bitte selber ehrlich zu, dass mein Kind geiler ist.

Wenn mein Kind rappt, hört Jimi Blue zu.

Dein Kind ist Jimi Blue.

Dein Kind kann aber auch ganz niedlich sein, zum Beispiel, wenn es sich wehtut

oder wenn es was total falsch ausspricht oder wenn es bricht.

Ich mag’s eigentlich ganz gern, es kann von meinem Kind ruhig was lernen.

Und wäre es nicht so mager, wäre es ein prima Organersatzteillager

für mein Kind.

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