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Aus dem Lot

Manchmal kommt die Erkenntnis, dass man sich übernimmt, zu spät. Einen Job kann man kündigen, eine Beziehung beenden, zu große Turnschuhe kann man zurückschicken. Aber was, wenn das, was zu viel ist, liebreizend lächelt, unglaublich gut riecht und die niedlichsten Füße der Welt hat? Und es trotzdem das eigene Leben mehr verändert als man aushalten kann?

Text: Mascha Gilly

Und, fragten alle, nachdem wir zwei Kinder hatten, fühlt ihr euch jetzt komplett? Ich wusste nie, was ich darauf antworten sollte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mit dem Kinderthema noch nicht durch war. Die Babykleidung konnte ich verleihen, aber nicht weggeben. Familien mit zwei Kindern fand ich langweilig. Alles geht genau auf: zwei Erwachsene auf zwei Kinder. Vier Personen an einem viereckigen Tisch. Vier Menschen in einem Auto. Warum es nicht auch mal ein wenig unpraktisch haben? Bequem sein darf es, wenn ich alt bin. Dachte ich.

Meine Söhne waren drei und fünf Jahre alt, alles hatte sich gut eingespielt. Beruflich standen bei uns einige Veränderungen an und ich, die zuvor immer wieder das dritte Kind auf den Plan gebracht hatte, dachte: Von mir aus kann es bis auf weiteres genauso weitergehen.

Und dann guckte ich auf den Schwangerschaftsstreifen und mir wurde auf einmal klar, dass wir zu fünft nicht mehr an unseren Küchentisch passen würden. Und nicht mehr in unser Auto. Bis zu dieser Schwangerschaft hatten wir uns ziemlich unangreifbar gefühlt als Eltern. Aber auf einmal blitzte zwischen der Vorfreude eine große Unsicherheit durch. Wir hatten sechs Jahre mit Kindern hinter uns. Das macht in etwa tausend unruhige Nächte, zweimal Mundfäule, zehn Mal Magen-Darm-Infekt, etwa 580 Wutausbrüche, zehntausend nicht gesehene Kinofilme und 365 Mal bereits im Ansatz erstickter Sex.

Würden wir das alles noch einmal schaffen? Würde unsere Kraft reichen? Mein Körper würde sich wieder verfremden, mein „Ich“ wieder zu einer großen „Wir“-Wolke werden. Wieder lange Nächte, wenig Schlaf, Stillen, Weinen, Milcheinschuss, das ganze Programm.

Wie hätten wir vorher herausfinden können, wie viel Kind uns gut tut? Alter x Stressresistenz x Erfolgsdruck x Ehrgeiz x Entspannungspotenzial x Erziehungsklarheit = optimale Kinderanzahl? Hätte es eine Art Pre-Test gegeben, er hätte uns vermutlich gesagt: Als Eltern seid ihr okay, nicht unfehlbar, aber reflektiert, konsequent, manchmal vielleicht ein bisschen zu ernst. Aber um als Paar zu harmonieren, braucht ihr viel Zeit für euch. Ein drittes Kind ist nicht drin.

Und dann kam unser Sohn, Will. Es lag nicht daran, dass wir nach zwei Jungs lieber ein Mädchen gehabt hätten. Es lag überhaupt nicht an ihm. Will war großartig, wie seine Brüder vor ihm auch. Sogar die Geburt war problemlos. Aber er störte. Mich. Uns. Wie hart das klingt.

Auf einmal stimmte nichts mehr. Überall fehlte etwas: Zeit für die beiden großen Kinder, Zeit für uns, Zeit für uns selbst, Zeit, die Wohnung in Schuss zu halten, Zeit, Kontakt zu Freunden zu halten, Zeit, um noch über alles lachen zu können. Dem Kleinsten fehlten Ruhe und die Zuwendung der Eltern. Die großen Brüder wurden exponentiell anstrengender, wir Eltern fanden uns überhaupt nicht mehr. Kuschel-Stunde mit allen morgens im Bett zur Verfestigung der Familienharmonie? Mein Freund trat jedes Mal genervt die Flucht an, sobald sich die ersten beiden Kinder um den begehrtesten Platz zwischen Mama und Papa balgten. Und wir beide stritten uns darum, wer mehr Zeit unter der Dusche verbrachte – dem einzigen Ort, wo man Ruhe vor allem und allen hatte.

Wenn wir vor Freunden und Familie vage Andeutungen unserer Überforderung machten, hörten wir nur, dass „wir uns das doch sicher vorher überlegt hätten“. Und wenn jemand mit drei Kindern klar käme, dann doch wohl wir. Aber wir waren gerade in eine neue Stadt gezogen, fern von den Großeltern, dafür aber mit horrenden Kitaplatz- und Babysitterkosten. Wir steckten in einer Tabuzone fest und bemühten uns fortan, das totale innerfamiliäre Chaos nicht nach außen dringen zu lassen.

Als hätte Will das alles genau gespürt, wurde er fordernd. Brauchte viel Nähe, vor allem von mir. Er wurde ein Haare-Krauler. Wie ein Oktopus, der seine Fangarme ausfuhr, versuchte er, sich in mir festzukrallen – je mehr ich versuchte, mich von ihm zu lösen. Er war kein Kind, das man mal eben einem Babysitter anvertrauen konnte. Selbst die Omas hatten Respekt vor ihm. Also versank ich noch mehr in diesem Familiensumpf, in dem ich beim dritten Kind nicht mehr so lange feststecken wollte.

Manchmal kam es mir so vor, als wäre es mein erstes Kind. Ich agierte hilflos, ungeschickt, als würden dieses Baby und ich uns einfach nicht verstehen. Und als würde ihn dieser Umstand manchmal dazu animieren, in ein verzweifeltes Brüllen zu verfallen. Wahrscheinlich hätte ich einfach mehr Zeit und Ruhe gebraucht, um ihn kennenzulernen, eben so wie beim ersten Kind. Aber da war bereits dieser eng geschnürte Alltag vorgegeben und er musste da reinpassen, ob er wollte oder nicht. Meistens wollte er nicht. Wir hatten das Gefühl, das Koordinatensystem Familie, in dem vorher jeder seinen Platz gefunden hatte, war durch ihn komplett durcheinander geworfen worden, und richtete sich nun konzentrisch um ihn aus. Autofahrten mit allen drei Kindern verliefen schweigend, weil Will brüllte. Oder alle brüllten gleichzeitig, inklusive mir. Irgendwann sagte Arthur, unser größter Sohn, zu uns: „Mama, du hast den Will schon lieb, oder? Du willst ihn nicht zurückgeben, stimmt’s?“ Doch, Arthur, hätte ich am liebsten geantwortet, doch, wenn ich wüsste, wohin und dass er vielleicht in einer besseren Zeit zu uns zurückkäme, ich würde ihn zurückgeben.

Lag es an dem Baby, das vielleicht doch anstrengender war als seine Brüder? Oder war es nur anstrengender, weil wir angestrengter waren? Waren wir zu alt, diesmal? Aus der Übung? Gerade mal drei Jahre nach dem letzten Kind?

Ein Freund erklärte uns nach Wills Geburt: „Ab heute geht ihr von der Mann-Deckung in die Raum-Deckung über.“ Da ist etwas dran. Seitdem wir drei Kinder haben, fühlt sich alles immer zu wenig an. Immer eine Hand zu wenig, wenn man ein Baby auf dem Arm hat und ein anderes Kind an einem zerrt. Oder wenn man Hausaufgaben mit dem großen Sohn machen muss, die anderen beiden aber gerade sämtliche Telefonnummern auf dem Handy löschen.

Vor allem aber: immer zu wenig Nerven. Unser Konzept, nachdem wir unsere ersten beiden Jungs erzogen haben, war wie wir selbst total am Verschwimmen. Das machten sich auch die beiden älteren Brüder zunutze.

Wie kriegt man das Leben hin, ohne zu jammern? Und vor allem, ohne das jüngste Kind spüren zu lassen, dass es eigentlich zu viel ist? Denn natürlich lieben wir Will, genauso wie die anderen. Aber wir machen keinen Hehl daraus, dass es uns ohne ihn vielleicht besser ergangen wäre. Unterdrückte Unehrlichkeit aus Mitleid zu ihm würde niemandem helfen.

Also versuchen wir, Zeit zu gewinnen. Geduldiger zu werden. Es wird länger dauern als bei den anderen Kindern, bis alles wieder rund läuft, damit haben wir uns jetzt abgefunden. Wir wollen wenigstens den Kopf aus dem Nebel halten, um nicht völlig die Richtung zu verlieren, und uns nicht aufrechnen, was der eine mehr leistet als der andere. Das ist kaum durchzuhalten. Nähe herzustellen zwischen meinem Freund und mir ist immer noch schwierig.

Jetzt, anderthalb Jahre nach Wills Geburt, haben wir zum ersten Mal wieder Rudelgefühle. Der Kleine ist Teil davon. Und nicht immer ein Extra-Satellit, der um uns herumschwirrt – oder wir um ihn. Bald ziehen wir ins Ausland. Und hoffen, dass wir uns damit nicht schon wieder übernehmen.

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