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Ausgezeichnete Väter

Eine westfälische Bäckerei hat zum elften Mal den Preis „Spitzenvater des Jahres“ vergeben. Ist das immer noch nötig?

Elterngespräch in der Kita. Nach einer guten Stunde verabschieden sich Vater und Mutter von den Erzieherinnen. Es fällt der Satz „Schön, dass Du es auch einrichten konntest!“ An wen richtet sich dieser Dank? Klar, er gilt dem anwesenden Vater.

Termin beim Kinderarzt aufgrund akuter Krankheit. Nach zehn Minuten und einer Diagnose folgt die Therapieanweisung des Arztes: zuhause bleiben bis das Kind mindestens einen Tag lang fieberfrei ist. Es fällt der Satz: „Arbeiten Sie?“ An wen richtet sich die Frage? Klar, an die Mutter.

Dienstbesprechung mit dem Chef. Nach einem munteren Small Talk artikuliert man den Wunsch, an Freitagen bei Bedarf auch mal Home Office machen zu dürfen. Klar, sagt der Chef, das mache er auch öfter, wenn er in Ruhe arbeiten wolle. Bei Bedarf Home Office heißt aber vor allem im Krankheitsfall des Kindes. Wer artikuliert diesen Wunsch auf diese Weise? Und wer bekommt ihn zugesichert? Klar, der Vater.

Diese und ähnliche Szenen ereignen sich nach wie vor. Die Rollenzuschreibungen sind weiterhin klar, obwohl viele Väter den Anspruch haben, anwesende und partizipierende Väter zu sein: Mutter kümmert sich hauptsächlich ums Kind, Vater arbeitet und verbringt vor allem seine Freizeit mit den Kindern. Wenn Väter etwas Erwerbsarbeitszeit opfern, um sich zu kümmern, ist das keineswegs selbstverständlich, vielmehr wird es extra gelobt. Wenn sich Mütter kümmern, ist keineswegs selbstverständlich, dass sie auch arbeiten, vielmehr werden sie danach gefragt. Fast 80 Prozent der Väter entscheiden sich laut Statistischem Bundesamt noch immer für die zweimonatige Elterngeldzeit, die verbleibenden 12 Monate übernimmt die Mutter. Im Anschluss sieht die Verteilung der Aufgaben ähnlich aus.

Da liegt es doch auf der Hand, die verbleibenden 20 Prozent der Väter etwas mehr zu würdigen. So jedenfalls macht es eine westfälische Bäckerei seit etlicher Zeit und kürt jedes Jahr einen „Spitzenvater“. Dotiert ist der Preis auch, was ihn nicht nur als Marketing-Tool aufwertet. Der ausgezeichnete Vater und seine Familie dürfen sich über 5000 Euro freuen. Voraussetzung für die Nominierung zum Spitzenvater ist, dass er die Zweiversorgerfamilie ermögliche. „Er hält es für sinnvoll, aber nicht zwingend notwendig, dass beide Elternteile erwerbstätig sind und gemeinsam das Familieneinkommen erwirtschaften. Beide Elternteile erwerben eine eigene Altersversorgung und stärken die familiäre Kaufkraft und damit den familiären und wirtschaftlichen Nutzen“, so heißt es auf der Website der Bäckerei.

Die Kritik an so einer Sichtweise liegt ebenso auf der Hand: Wollen wir die gleichberechtigte Aufgabenteilung nur deshalb, damit die Kaufkraft und der wirtschaftliche Nutzen oder gar die „Leistungsgesellschaft“ gestärkt wird, wie es weiter auf der Website heißt?

Nein, das wollen wir eigentlich nicht. Wir begreifen die Arbeit in vielen Fällen auch als einen Weg der Selbstverwirklichung, den wir nicht aufgeben wollen, nur weil ein anderer Weg im Leben dazugekommen ist: der des Mutter- und Vaterseins. Genau deshalb ist es jedes Jahr wieder so wichtig, einen weiteren „Spitzenvater“ des Jahres auszuzeichnen. Denn die meisten Preisträger sehen sich gar nicht aus wirtschaftlichen Gründen dazu bewogen, eine andere Aufteilung in der Familie zu finden, sondern weil sie Lust darauf haben. Schön wäre es, wenn das viele weitere Väter entdecken könnten. Ob der Preis da hilft? Zumindest hofft das auch der diesjährige Gewinner: dass der Preis ein „Ansporn für andere Väter“ sein kann, „die Aufteilung von Kindererziehung und Hausarbeit zu überdenken.“

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