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Baby auf Entzug

Jessy ist heroinsüchtig. Und schwanger. ­Unsere Autorin Maris Hubschmid hat die junge Frau bis zur Geburt und die ersten Wochen mit ihrem Neugborenen ­begleitet.

In Woche fünfzehn wird Jessy von einem Freund gefragt, ob sie schwanger sei. Sie lacht. Dann betrachtet sie ihren Körper aufmerksam, das erste Mal seit Langem. Die Wölbung ist nicht zu leugnen. Jessy versucht sich zu erinnern, wann sie zuletzt Sex hatte, und scheitert. Sie dreht sich ein Röhrchen aus Alufolie, lässt mit dem Feuerzeug bräunliches Pulver schmelzen und zieht den Dampf ein, etwas Heroin gegen die aufkommende Nervosität. Dann steigt sie in die Straßenbahn und fährt zum S-Bahnhof Berlin-Neukölln. Einen Schwangerschaftstest holt sie sich am Automaten.

„Wegmachen geht nicht mehr“, erzählt sie wenige Tage später in einem Parkcafé. Der Arzt habe sofort den Kopf geschüttelt. Es ist ein sonniger Tag im Juni. Kinder spielen mit Hula-Hoop-Reifen, Erwachsene führen ihre Hunde spazieren. Jessy mag diese Gegend. Früher ist sie oft hier gewesen, hat in der Nähe gewohnt, bis sie eine größere Wohnung brauchte, für drei Personen: sich selbst, ihren Mann und ein Baby. Jessy war schon einmal schwanger, hat schon einmal ein Kind geboren. Ein eigenes Kinderzimmer, das ist wichtig, hatte die Sachbearbeiterin vom Jugendamt damals gesagt. „Find du mal eine Bude für drei Leute, nur mit Hartz IV“, sagt Jessy.

Jessy. Einssechsundsechzig groß, schmale Statur, lange, schwarz gefärbte Haare, Ober- und Unterlippenpiercing. In Wirklichkeit heißt sie anders. Auch die Namen der anderen Familienmitglieder wurden für diesen Text geändert. Jamal, Jessys Mann, ist Liba­nese und nur nach islamischen Begriffen ihr Mann. In Deutschland ist er lediglich geduldet. Das Zuhause, das Jessy für 459 Euro Miete monatlich fand, ist in Hellersdorf. Dort leben sie seither, Jessy und Jamal. Ohne ihr Mädchen, ihr erstes Kind.

Die Hälfte ihres Lebens ist Jessy jetzt schon hero­insüchtig. In Potsdam ist sie aufgewachsen, im Plattenbau, ihr Vater ist Gas-Wasser-Installateur, ihre Mutter arbeitet als Köchin in einem Krankenhaus. Drei ältere Halbgeschwister hat Jessy. „Was willst du schon machen, mit siebzehn, achtzehn in Brandenburg?“, singt der Kabarettist Reinald Grebe. Jessy ist vierzehn Jahre alt, als sie das erste Mal Heroin inhaliert. Aus Liebe. Ihr erster Freund ist bereits abhängig, als sie ihn kennenlernt. „Ich wollte wissen, was das ist, das ihm wichtiger war als ich“, sagt sie.

Mindestens 200 süchtige Frauen, so die Schätzungen, werden jedes Jahr in Deutschland schwanger. Es ist noch nicht lange her, da fand die Polizei in Leipzig einen Zwei­jährigen tot neben seiner Mutter, verdurstet, nachdem sie sich einen Goldenen Schuss gesetzt hatte. Die meisten Schicksale aber spielen sich im Verborgenen ab, jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das heißt nicht, dass sich niemand kümmert. Es gibt ein Netz aus Ärzten, Ämtern und Sozialarbeitern, die dabei helfen wollen, den Kindern den bestmöglichen Start ins Leben zu geben. Medi­kamente, Kontrollen, Beratung – Jessy hat all das beim ersten Kind schon einmal mitgemacht. Und sie hat es gut gemacht. Bis der Rückfall kam. Am Tag vor der Entbindung hatte sie sich unwohl gefühlt, war erst frische Luft schnappen gegangen und dann zum Dealer. Ihr kleines Mädchen wollte nach der Geburt nicht alleine atmen. Zu heftig wirkte das Rauschgift auf das Neugeborene.

„Diesmal muss alles anders werden“, sagt Jessy. Diesmal ist sie 27 Jahre alt, zwei Jahre älter, und war „so tief unten wie nie zuvor“. Ihr größter Absturz kam, nachdem sie ihr das Sorgerecht entzogen hatten. Monatelang war sie fast ununterbrochen auf Trips, versuchte, zu verdrängen. Ihre Tochter, Sainab, lebt jetzt bei den Großeltern in Potsdam. Sie entwickelt sich gut, sie ist gesund, und Jessy kann zu ihr, wann immer sie will. Jessy liebt ihre Tochter. Trotzdem ist sie lange nicht besuchen gegangen. „Ich habe mich geschämt“, sagt sie. „Ich habe ihr Leben aufs Spiel gesetzt.“

In Berlin bietet die Charité ein umfassendes Betreuungskonzept an. Der leitende Arzt der Infektambulanz, Jan-Peter Siedentopf, hat Jessy bereits durch die erste Schwangerschaft begleitet. Das Erste, was er heroinabhängigen Frauen rät, wenn sie sich bei ihm vorstellen: „Hören Sie jetzt bloß nicht auf zu konsumieren.“ Einen Entzug im Mutterleib überleben die meisten Kinder nicht. Zu groß ist die Umstellung. Viele Frauen kämen mit den besten Absichten zu ihm, empfänden das Kind als eine Fügung des Schicksals und wollten endlich ihr Leben umkrempeln, sagt Sie­dentopf. Manche haben einfach Angst. Dass da eine Art Alien in ihnen heranreift, aus all ihren Fehlern und Lastern erwachsen, wenn sie nicht sofort einlenken, wiedergutmachen, was sie versäumt haben. Und die meisten haben viel versäumt.

Die erstaunliche Wahrheit ist: Unter den richtigen Begleitumständen ist Heroin für ein Kind im Mutterleib weniger schädlich als Alkohol. Heroin macht das Ungeborene abhängig, als Drogensüchtiger kommt es auf die Welt. Es gibt auch ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten, Frühgeburten, vorzeitige Wehen und plötzlichen Kindstod. Sofern die Drogen aber in Maßen konsumiert werden, drohen dem Ungeborenen grundsätzlich keine bleibenden Schäden. Heroin-Babys sind die ersten Wochen ihres Lebens auf Entzug, der ihnen einiges abverlangt. Danach aber „sind sie okay“, sagt der Arzt. Für Kokain- und Crystal-Meth-Babys sind die Aussichten weniger gut, Fehlbildungen an Hirn, Herz und Geschlechtsorganen wahrscheinlich. Ecstasy kann zu eingeschränkter Intelligenz und Koordinationsstörungen führen.

Dass Jessy Heroin nimmt, ist so gesehen ein Glücksfall. Das Problem ist: Der Satz „Für Ihr Baby nur das Beste“ gilt auch für Suchtmittel. Ein Fötus braucht gute Drogen, reine – nicht solche, die man im Berliner Straßenverkauf bekommt, wo alles Mögliche beigemischt ist. Also verbieten die Ärzte ihren Patientinnen die Straßendrogen und verschreiben Subs­titute, klinisch „saubere“ Ersatzdrogen, die dem Körper geben, wonach er verlangt, ohne wirklich high zu machen. „Das finden die Frauen natürlich schade“, sagt Siedentopf. „Es fehlt der Kick.“ Schwangere wie Jessy bekommen Polamidon verordnet, das die Leber und das Kind im Bauch wenig belastet.

Zweiundzwanzig Stationen mit der Straßenbahn, sechs Stationen Ringbahn, eine Station U-Bahn, das ist Jessys Weg jetzt jeden Morgen. Sie lässt sich auf ihre Schwangerschaft ein in einem Stadium, in dem andere bereits den Kita-Platz reserviert haben. Nur 24 Wochen sind es noch bis zur Entbindung. Bis dreizehn Uhr muss sie sich jeden Tag auf dem Campus Virchow-Klinikum, Mittelallee, Haus 9, Frauenklinik, Infektambulanz, Erdgeschoss links einfinden. Dann bekommt sie einen großen weißen Plastikbecher, in den sie pinkelt, anschließend einen kleinen transparenten, der mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt ist. Polamidon sieht aus wie Wodka. Zwanzig Milligramm rechnen die Ärzte für 0,5 Gramm Straßenheroin, Jessy kriegt 35. Das reicht, um über den Tag zu kommen. „Haben Sie Beikonsum gehabt?“, fragt die Sozialpädagogin. „Nein.“ „Entzugserscheinungen?“ „Nein.“

Der tägliche Klinikbesuch ist wesentlicher Bestandteil des Substitutionsprogramms. Er dient nicht nur der Urinprobe, die zeigt, ob die Frau tatsächlich nicht mehr konsumiert hat, als die Ärzte ihr zugestehen. Er soll auch Stabilität geben. Die Ärzte meinen: In der Routine liegt die Kraft. Die meisten Patientinnen haben keinen Job, Jessy hat die Schule mit sechzehn Jahren verlassen, nichts gelernt. Tags wie nachts hängt sie ab, mal mit „Bekannten“, mal allein. Die Schwangerschaft fordert sie mit immer neuen Terminen. Das ist gewollt. „Da kommen die Frauen weniger auf dumme Gedanken“, sagt Siedentopf.

Im Flur der Infektambulanz hängt ein Plakat. Es zeigt einen Fötus, der eine Zigarette am Mund hat. „Nicht an allem sind die Gene schuld“, steht dabei. Jessy raucht fünfzehn bis zwanzig Zigaretten am Tag. „Darauf kann ich nicht auch noch verzichten“, sagt sie.

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