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Blau, Rot, Grün?

Heute geht´s los! Die Fußball WM 2014 beginnt. Aber wie wird man eigentlich Fußballfan? Der Sohn unseres Autors hat das Asperger-Syndrom und reist mit seinem Vater seit zwei Jahren durch die Stadien, um eine Antwort zu finden.

Text und Fotos: Michael Kretchmer

„Die Scheiße kannst du alleine fressen.“

Mein Sohn ist ein Freund der deutlichen Worte. Ich bin die Rücksichtslosigkeit seiner Ausdrücke eigentlich gewöhnt, doch dieser Ausbruch schockierte mich doch. Die übrigen Gäste im ICE Bordrestaurant, ihre entgleisenden Gesichtszüge und ihr Kopfschütteln waren dabei das kleinste Problem. Warum mein Sohn so reagierte? Wir bestellten Nudeln mit Tomatensoße. Eine seiner Regeln besagt, dass Soße und Nudeln, oder Soße und Fleisch, Rotkraut und Knödel, was auch immer auf seinem Teller ist, sich nicht berühren dürfen. Bei meinem Sohn läuft nichts ohne Regeln. Nicht beim Essen, nicht beim Spielen. Gar nichts.

Was mit meinem Sohn los ist? Jay-Jay hat das Asperger-Syndrom, eine Entwicklungs­störung, die mit autistischen Symptomen einhergeht. Kein Grund, nun in Betroffenheit zu verfallen oder gar Mitleid zu haben. Ich habe den besten Sohn der Welt. Und kommen Sie mir nicht mit dem Film „Rain Man“. Das ist Unsinn. Das Spektrum dieser Andersartigkeit ist breit und unglaublich vielfältig. Mein Sohn hat Schwierigkeiten, das Regelwerk des sozialen Miteinanders zu erlernen. Sein Gehirn filtert die Geschehnisse des Umfelds kaum. Alles prasselt auf ihn ein, unge­filtert und rund um die Uhr. Neben Regeln ist ihm Logik besonders wichtig.

Unser erster Besuch in einem Fußball­stadion war deshalb nicht nur ein Wochenendausflug, sondern der Gründungstag der zwei Mann starken „Mannschaft-für-Sohn-Findungskommission“. Denn die fußballerische Fan-Sozialisation meines Sohnes musste einen streng geregelten Weg gehen. Wie man Fan wird, wollte er eines Tages wissen, und warum man Fan von Mannschaft X ist, während andere die Mannschaft Y oder Z mögen. Der erste Stadionbesuch in Fürth brachte etwas Licht ins Dunkel. Natürlich konnte Jay-Jay sich aber nicht schon nach einem einzigen Spiel entscheiden. Dafür müsse er auch noch die anderen Mannschaften und deren Fans begutachten. In ihrem eigenen Stadion. Die ganze Bundesliga. Und die zweite Liga auch. Zur Sicherheit vielleicht auch Liga drei. Er müsse sich erst ein umfassendes Bild von allen Mannschaften machen, bevor er sich festlegen könne. Logisch.

So wurden wir zu den Wochenendrebellen – wie wir uns selbst und unser Online-Blog nennen – und tingeln seitdem durch Deutschlands Stadien, um uns Glanzlichter wie die Partie VfR Aalen gegen SV Sandhausen anzuschauen, um freitags nach einem Spiel in Freiburg mit dem Nachtzug nach Hamburg zu fahren, um dort die Jungs des FC St. Pauli zu begutachten, um uns Nürnberg, Gelsenkirchen, Berlin, Hoffenheim, Mainz, München, Dresden anzusehen. Mehr als dreißig Stadien haben wir bisher besucht. Die Tour, die eigentlich nur das Ziel haben sollte, des Sohnes Lieblingsverein zu finden, besteht mittlerweile aus viel mehr als Fußball schauen. Unsere Stadionabenteuer helfen ihm dabei, seine Schwächen zu bekämpfen und sein Selbstvertrauen zu stärken.

Fußballstadien sind Orte, an denen mein Sohn nicht alle Regeln bestimmen kann. Obwohl er genau weiß, dass ihn dort einige Probleme erwarten werden, will er weiterhin hin. Ich versuche oft, ihn mit Dingen zu konfron­tieren, die ihm Schwierigkeiten und Sorgen oder auch Angst bereiten, die aber gleich­zeitig vielleicht einen für ihn interessanten Reiz bieten. Ich möchte ihm zeigen, wie er diese Ängste überwinden kann. Wenn er es einige Male mit mir an seiner Seite geschafft hat, so glaube und hoffe ich, schafft er es später auch alleine. Seine Schwierigkeitenliste ist sehr lang. Unglücklicherweise hat sie die Fähigkeiten einer Hydra: Schlägt man einem Problem den Kopf ab, tauchen zwei neue Probleme auf. Wir arbeiten an den kleineren Problemen. Wir leben zum Beispiel mitt­lerweile gut damit, dass unser Sohn zu niemandem „danke“ oder „bitte“ sagt, zur Begrüßung nicht die Hand gibt, oder, wie im ICE, Fäkalausdrücke übelster Gangart brüllt, gern auch durchs Wartezimmer des Kinderarztes, nur weil vielleicht jemand auf dem Sitzplatz sitzt, den er auch wollte.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir für Eltern gehalten werden, die unfähig sind, ein Kind großzuziehen. Umso mehr bereiten mir die Fußballausflüge Freude. Ich erinnere mich noch gut an den etwas verängstigt dreinblickenden Sechsjährigen, der sich damals in der Fürther Trolli-Arena neben mir in den Familienblock setzte. Heute, zwei Jahre später, fühlt sich dieser junge Mann in den Kurven der Heimteams, aber auch im Gäs­teblock bei den Ultras pudelwohl. Angst machen ihm nur noch die, die ihm auf den Kopf tätscheln und sagen, er bräuchte keine Angst haben. Er mag Berührungen nicht. Stehklos mag er auch nicht. Der Herr pflegt jegliches Geschäft auf weißen WC-Schüsseln zu verrichten. So weit, so unproblematisch.

Aber waren Sie schon einmal im Hamburger Millerntor-Stadion, kurz nach der Halbzeit, in einer dieser Bauwagentoi­letten, deren Boden mit Edelstahlriffelblech ausgelegt ist, an einer dieser leckeren Pinkelrinnen? Wenn Jay-Jay muss, ist das Prozedere relativ einfach. Er sagt, er müsse auf Toilette. Also muss ich eine besorgen. Eine zum Sitzen. „Lös das Problem!“, keift er mich in ­Anbetracht des mangelhaften Zustands der sanitären Anlage und der Dringlichkeit seines Vorhabens an.

Vor dem Benutzen der WC-Anlage musste man zunächst den gelben Fluss, ach, was sag ich, das gelbe Meer überqueren, das vervollständigte das Übel. Auch in Zügen haben wir oft dieses Problem. Dort gibt es zwar Schüsseln, aber die sind nicht weiß, sondern silbern. Sie zählen also nicht. Ich muss mich deshalb vor die WC-Schüssel knien, er stellt sich auf meine Beine und stützt sich mit dem Hintern an meiner Schulter ab. Genau so entledigte sich der Sohn dann auch am Ufer des gelben Flusses im Millerntor seiner Apfelschorle, während bekuttete St.-Pauli-Anhänger ihr Gemächt viel zu nah abschüttelten.

Ich genoss die zweite Halbzeit des Spiels mit dem Urin der halben Nordkurve in der Kleidung. Für ihn. Es gibt Schlimmeres. Gesänge zum Beispiel. Die Erklärung, dass die Fans von Borussia Dortmund erfahren haben, Schiedsrichter Wolfgang Stark wäre Sohn eines Uhrmachers und sie ihn deshalb als Uhrensohn beschimpfen, litt schon unter einer sehr wackeligen Argumentationskette meinerseits. Etwas einfacher war es bei ­Dietmar Hopp, dessen Mutter bei unserem Besuch von den Anhängern der Fortuna Düsseldorf eine Beschäftigung im horizon­talen Gewerbe nachgesagt wurde. In meiner FSK-6-Version sangen sie nämlich: „Dietmar Hopp, heut gibt’s Hohn eine Fuhre“, abgeleitet von dem altdeutschen Sprichwort: „Eine Fuhre Hohn ernten“.

Ich glaube nicht, dass unser Projekt so schnell endet und mein Sohn seinen Lieblingsverein findet. Es gibt viele Regelverstöße, die zwangsläufig zu Wiederholungsbesuchen eines Stadions führen. Zum Beispiel muss er unbedingt das komplette Spiel sehen, wenn wir eine Minute zu spät sind, zählt es schon nicht mehr. Außerdem sollten auch Tore fallen, damit er den Jubel der Fans begutachten kann. Geht das Spiel 0:0 aus, müssen wir noch mal hin. Wir werden also wohl nicht so bald nur noch bei meiner wunderbaren Fortuna aus Düsseldorf stehen, sondern uns auf Rückfahrten von der dritten kroatischen oder vierten spanischen Liga einrichten müssen. Ich unterstütze dies ausdrücklich. Auf den ersten Reisen war ich noch verunsichert, ob ich ihn mit einer Neuerung auf der Tour oder einer kurzfristig geplanten Veränderung überfordere und einen Overload riskiere. Inzwischen frage ich ihn dann ganz offen, ob alles in Ordnung ist? Die bestmögliche Reaktion ist, wenn er mich angrinst und sagt: „Papsi, wie schaut es bei dir aus? Kommst du klar damit?“ Er schreit aber eben auch schon mal ins Gesicht, dass er natürlich klarkommt. Das bedeutet dann genau das Gegenteil. Im Beisein von anderen nickt er manchmal nur zustimmend, während seine Augen sagen: „Papsi, ich fühle mich nicht wohl!“

Die beste Erklärung, wie die Welt für ihn ist, gab mein Sohn letztes Jahr beim Besuch eines Rockfestivals, ein kleines Randprojekt zu den Fußballtouren. Es sang Mike Muir, Leadsänger der Band „Suicidal Tendencies“. „Was singt der da, Papsi?“ „War inside my head – er hat wohl so etwas wie Krieg in ­seinem Kopf.“ „Ui. Das kenne ich. Unangenehme Geschichte. Ich würde meinen Kopf auch gerne manchmal leermachen können, und ich würde gerne weniger ausrasten. Aber der Rest an mir ist ziemlich gut.“ Papsi war ­wieder einmal sprachlos, aber dankbar, zum ­tausendsten Mal.

Dreißig Jahre Lebenserfahrung, berufliche Mentoren, schulische Lehrer und wunderbare Eltern waren nicht in der Lage, mir beizubringen, was dieses kleine, manchmal nervtötende Scheusal von wunderbarem Kind mich gelehrt hat. In unserer gemeinsamen Zeit hat er mir den Blick für das Wesentliche geschärft, simple Schönheit aufgezeigt und mir nahegelegt, die großen Probleme meiner Welt zu relativieren. Es klingt seltsam und zugleich logisch, auch weil das wohl jeder Papa über sein Kind sagen würde: Ich empfinde eine sehr große und aufrichtige Dankbarkeit, dass mein Sohn so ist, wie er ist. Kein Aber. Er ist der einzig normale Mensch, umgeben von Verrückten. Eine Vorstellung, die es mir oft erleichtert, mit seiner Situation klarzukommen. Und oft denke ich sogar, dass das stimmt. Es ist wie ein Blick in die Matrix, hinter die Fassade der Menschen, und Soh­nemann nimmt mich an die Hand und zeigt mir die reale Welt. Vielleicht ist dies alles
gar nicht mein Projekt oder unser Projekt. Manchmal glaube ich, es ist sein Projekt.

Die endlose Fußballtour von Vater und Sohn, nachzulesen auf wochenendrebell.de

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