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Bonjour Klischees

Die Französin: Kriegt viele Babys, macht Karriere, sieht super aus. Außerdem sind ihre Kinder tadellos erzogen. Dieses bekannte Bild verbreitet auch die in Paris lebende amerikanische Journalistin Pamela Druckerman in einem neuen Buch. Die Autorin Corinne Maier, Französin und Mutter, widerspricht in Nido.

Text: Corinne Meier
Übersetzung: Annabel Dillig

„Warum französische Kinder keine Nervensägen sind. Erziehungsgeheimnisse aus Paris“ heißt das Buch der amerikanischen Journalistin Pamela Druckerman, das im vergangenen Jahr in Großbritannien und den USA auf den Bestsellerlisten stand und nun auf Deutsch erschienen ist. Meiner Meinung nach trieft es nur so vor Klischees. Hier geht es nicht um den Franzosen mit der Baskenmütze und dem Baguette unter dem Arm, nein, das neue Stereotyp ist das französische Kind. Laut Druckerman ist es glücklich, es schreit nachts nicht, es schläft überhaupt schon mit drei Monaten durch, es kennt keine Trotzanfälle und versteht es, manierlich zu essen. Seine sexy aussehende Maman schafft es natürlich mühelos, zu arbeiten und gleichzeitig Mutter zu sein, sie blüht regelrecht darin auf. Und sie weiß nicht nur, wie man schön schlank bleibt, jetzt hat sie auch das Geheimnis der glücklichen Elternschaft gelüftet.

Beim Lesen dieser Lobrede auf die französische Erziehung habe ich mich zwei Dinge gefragt: Hat sich Pamela Druckerman eigentlich irgendwo anders als in Paris umgesehen? Und hat sie wirklich recherchiert? Ich glaube, sie ist auf einen französischen Mythos hereingefallen, und der lautet: „Wir, die Franzosen, haben die Möglichkeit, Kinder und Karriere zu verbinden. Und das ist der Grund, warum wir so viele Kinder kriegen. Hurra. Die armen Deutschen dagegen schaffen das nicht. Und haben deswegen auch eine niedrigere Geburtenrate.“ Wenn man mich fragt: Das alles ist nichts als nationale Angeberei. Die Realität sieht vollkommen anders aus.

Schauen wir genauer hin. Beginnen wir mit meiner persönlichen Erfahrung. Alle Jahre wieder verbringen wir Weihnachten im Familienkreis, mein Lebensgefährte, meine beiden Kinder, meine drei Brüder, ihre Frauen und Kinder. Acht Erwachsene und acht Kinder. Letztere rennen überall herum und machen einen entsetzlichen Lärm. Sie stehen beim Abendessen schon vor dem Dessert auf und schreien. Es ist unmöglich, sie vor Mitternacht ins Bett zu bringen, so aufgedreht sind sie. Im Gegensatz zu Druckerman würde ich nicht behaupten, dass Kinder bei uns besonders gut erzogen sind. Zumindest nicht besser als italienische, deutsche oder holländische Kinder, die ich kennengelernt habe. Die US-Journalistin bewundert Französinnen dafür, dass sie so schlank und elegant sind – selbst in der Schwangerschaft: „Aus französischer Sicht sind Schwangerschaftsgelüste ein Ärgernis, dem man den Kampf ansagen muss … In einem französischen Ratgeber für werdende Mütter steht, man solle den Gelüsten nicht nachgeben, sondern sich ablenken, indem man einen Apfel oder eine rohe Möhre esse.“

Nun, meine Schwägerinnen können ernsthaft nicht als sexy durchgehen, selbst mit großem Wohlwollen nicht. Flache Absätze, weite Kleidung und niemals Schminke. Sie kümmern sich zu sehr um ihre Kinder, als dass sie sich um sich selbst kümmern könnten. Ja, sie arbeiten, sie sind Lehrerinnen, Physiotherapeutinnen, Logopädinnen. Aber ihre Ehemänner verdienen mehr als sie und kümmern sich entsprechend weniger um die Kinder. Diese Mütter haben über Jahre im Beruf ausgesetzt. Irgendwann steigen sie wieder mit einem Teilzeitjob ein, weil Frauen, die nicht arbeiten, in Frankreich tatsächlich nicht sehr angesehen sind. Das Ganze ist aber allenfalls ein Zubrot, sie haben selten beruflichen Ehrgeiz.

Pamela Druckerman behauptet auch, französische Frauen würden es wie keine anderen schaffen, ein Gleichgewicht zwischen ihren Rollen als Businessfrau, Mutter und Ehefrau herzustellen. Ich für meinen Teil bin noch keiner Frau begegnet, die es schafft, Muttersein, Weiblichkeit und ein erfolgreiches Berufsleben wirklich unter einen Hut zu bekommen. Es gibt eigentlich nur Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds und Mutter zweier Söhne, die diese Anforderungen erfüllt, vorausgesetzt man findet sie sexy, das ist Geschmackssache. Mütter sind viel zu sehr mit ihren Kindern beschäftigt, um daran zu denken, auch noch Karriere zu machen.

Zwei Drittel aller französischen Kinder unter drei Jahren werden zu Hause betreut, im Normalfall von der Mutter – Krippenplätze sind rar, anders als Pamela Druckerman behauptet.

Hinzu kommt, dass Frauen rund neunzig Prozent mehr Zeit mit Kinderbetreuung und Hausarbeit verbringen als Männer. Sie sind es, die einkaufen und fast alle Mahlzeiten zubereiten – außer am Wochenende, wo jeder männliche Franzose, der etwas auf sich hält, ein oder zwei Essen zubereitet, und dabei stolz verkündet: „Ich bin derjenige, der bei uns kocht.“ Als 2002 für Väter die Möglichkeit geschaffen wurde, innerhalb von vier Monaten nach der Geburt elf bis achtzehn Tage Elternzeit zu nehmen, veränderte sich die Aufgabenverteilung in Familien ein bisschen. Aber auf die „neuen Väter“, die so häufig von Magazinen ausgerufen werden, wartet man bis heute vergeblich; auf Männer, die nachts Windeln wechseln, die mit zum Kinderarzt gehen und ein wichtiges berufliches Meeting abbrechen, wenn das Kind krank ist. Es gibt sie kaum.

Noch eine Wahrheit, die die wenigsten glauben werden: In Frankreich ist die Kluft zwischen den Gehältern bei Männern und Frauen besonders groß; nur sehr selten dringen Frauen in gut bezahlte, verantwortungsvolle Posten vor. Der Global Gender Gap Index, der jährlich vom Weltwirtschaftsforum ermittelt wird, ist unmissverständlich: 2012 lag Frankreich auf dem 57. Rang, weit abgeschlagen im Vergleich zu den USA auf dem 22. und Deutschland auf dem 13. Rang.

„Du hast dir deine Kinder nicht ausgesucht. Aber deinen Mann.“ Das sei, schreibt Pamela Druckerman, eine gängige Redensart in Frankreich, weswegen Mütter auch ihre Partnerschaft pflegen und nicht so kindzentriert seien. Ich kann das nicht bestätigen. Im Gegenteil. Für französische Mütter versteht es sich von selbst, dass alles, was sie im Zusammenhang mit ihren Kindern beschäftigt, auch ihr gesamtes Umfeld interessiert. Deren Ernährung, deren Hobbys und besonders deren schulische Leistungen sind Thema jeder Unterhaltung. Der Schulbeginn im September ist von nationaler Bedeutung. Ein Schulkind in Frankreich zu haben, ist nicht leicht; das System – kompliziert und ineffektiv – führt zu einer krassen Zweiklassengesellschaft. Um im Wettbewerb nicht das Nachsehen zu haben, müssen sich die Eltern (das heißt in der Regel die Mütter) über den Lehrplan informieren und die Lernfortschritte des Kindes beobachten. Die Mutter wird, manchmal höchst ungern, zur Hilfskraft der Schule. Das heißt konkret, jeden Abend für zwei Stunden Hausaufgabenhilfe verfügbar zu sein. Ich habe Jahre damit zugebracht … Und wenn die Ergebnisse nicht zufriedenstellend waren, wurde ich in die Schule bestellt und vom Lehrer unter der Büste der Marianne getadelt. Wer ein Kind hat, das in der Schule nicht mitkommt oder nicht gehorcht, ist in Frankreich ein schlechter Bürger. Die Schule sehen wir als eine eigene Lebenswelt an, wir reden uns ein, die Pädagogik dort sei kindgerecht.

Dieses Gerede will nur den autoritären Charakter unseres Erziehungssystems verdecken. Schon die Kleinen sind großem Druck und ständigen Bewertungen ausgesetzt, sie werden permanent ausgemessen, begutachtet, klassifiziert. Nein, die Schule in Frankreich hat nicht die Entfaltung des einzelnen Kindes zum Ziel, wie Magazine gerne behaupten. In Frankreich sind viel zu viele Schüler in einer Klasse – doppelt so viele wie in manch anderen OECD-Ländern–, als dass ihre individuellen Fähigkeiten gesehen werden könnten. In Frankreich zur Schule zu gehen, heißt: beigebracht zu kriegen, still zu sein, pünktlich zu sein, soziale Umgangsformen zu lernen und sehr viel Zeit im Sitzen zu verbringen – die Schultage in Frankreich sind sehr lang, sie gehen oft bis in den späten Nachmittag. Unsere strenge und unnachgiebige Erziehung dort würde Pamela Druckerman grauenvoll vorkommen.

Sie würde allen Amerikanern grauenvoll vorkommen, weil sie Kreativität unterbindet. Der ideale französische Schüler hört brav zu und meldet sich nur, wenn er eine gute Frage parat hat. Er zögert, das Wort zu ergreifen, weil er damit riskiert, Fehler zu machen, sich zu isolieren, sich der Lächerlichkeit oder der Kritik auszusetzen. So bringt das Schulsystem massenweise zivilisierte, folgsame, eben typisch französische Angestellte hervor. Fragt man Jugendliche, dann sind viele von ihnen deprimiert. Die Franzosen gehören zu den pessimistischsten Nationen der Welt! Nur 25 Prozent der jungen Erwachsenen denken, dass ihre Zukunft vielversprechend ist, im Vergleich zu 54 Prozent bei den Amerikanern und 36 Prozent bei den Deutschen. Aber noch trauriger ist die Zahl der jungen Franzosen, die dem Satz zustimmen: „Um Karriere zu machen, muss man die Erwartungen anderer erfüllen.“ 54 Prozent stimmen dem zu, ein Prozentsatz, der uns zu den unterwürfigsten Nationen der Umfrage macht. Wir schlagen in Sachen Gehorsamkeit sogar die Chinesen. Wie traurig. Aber ich versuche, Pamela Druckerman zu verstehen. Wie sie träume ich von einer guten Erziehung für meine Kinder. Gibt es die Zauberformel, die aus ihnen verantwortungsbewusste Individuen macht und gleichzeitig ihr Potenzial fördert? Wo ist dieses Eldorado? In einem fernen Land vielleicht. Neulich habe ich zu meinem sechzehnjährigen Sohn gesagt: „Cyrille, für deine Zukunft wäre es gut, im Ausland zu studieren. In den USA haben sie exzellente Universitäten. Dort ist die Erziehung viel besser als bei uns.“ Das Gras ist, wie man so schön sagt, auf der anderen Seite immer grüner.


Das Buch

Pamela Druckerman: „Warum Französische Kinder keine Nervensägen sind“, Mosaik-Verlag, 17,99 Euro


Die Superkinder der Franzosen

»Le cadre« = Der Rahmen

Franzosen haben laut Druckerman eine übereinstimmende Vorstellung davon, welche Höflichkeitsregeln wichtig sind. Innerhalb dieses Rahmens haben die Kinder große Freiheiten, aber die Ansagen der Eltern sind klar und frei von Zweifeln. Druckermans Freundinnen schärften ihr immer wieder eine Selbstverständlichkeit ein: „Du bist es, die das letzte Wort hat.“

»Attends!« = warte!

Französische Kinder lernen angeblich früher, dass ihre Bedürfnisse nicht sofort erfüllt werden. Schon Babys, behauptet Druckerman, würden nachts nicht sofort hochgenommen, wenn sie unruhig sind. Ein Aha-Erlebnis für die Journalistin, die an die Erkenntnisse des „Marshmallow- Experiments“ glaubt: Kinder, die auf eine Sü.igkeit warten können, seien ja auch später als Erwachsene erfolgreicher.

»Bon Appétit« = guten Appetit

„Die Vorstellung eines Kindermenüs ist für Franzosen absurd“, schreibt Druckerman. Statt Pizza, Pommes oder Nudeln ohne Soße essen schon Krippenkinder Salat mit Schimmelkäse. Kindern wird bei Tisch mit einem scharfen Blick bedeutet, das Gespräch nicht zu unterbrechen und die anderen ausreden zu lassen. Mit Erfolg!


Zahlen

87 % der französischen Mütter bekommen bei der Geburt eine PDA (in Deutschland ca. jede Vierte)

Die Hälfte der Mütter stillt nicht länger als 2 Monate (in Deutschland stillen 40-50% mindestens 6 Monate)

28 % Betreuungsquote (0–3 Jahre) (in Deutschland 27,6%)

62 % der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren arbeiten Vollzeit (in Deutschland 12,6%)

2 Kinder pro Frau – Frankreich hat eine der höchsten Geburtenraten Europas (Deutschland: 1,36)


Mythos und Wahrheit

Geneviève Hesse, französische Autorin aus Berlin:

»Der eigentliche Trick der Französin ist nicht die ganztägige Krippe. Sondern die Abschaffung ihres mütterlichen Instinktes. Wenn es um das Stillen geht, gehört Frankreich zu den europäischen Schlusslichtern. Dass Kinder im Elternbett schlafen, ist verpönt. Tragetücher gibt es kaum.«

Marie Bäumer, Schauspielerin, hat lange Zeit in Frankreich gelebt:

»Die Französinnen sind als Frauen aus der Emanzipa tionsbewegung herausgegangen.«

Tanja Kuchenbecker, deutsche Journalistin in Paris und Autorin des Buches „Le Fettnapf“:

»Die Folgen des allgemeingültigen Modells der arbeitenden Mütter baden oft die Kinder aus: Sie müssen funktionieren, im Arbeitsalltag ist für sie wenig Zeit. Oft erlebe ich, dass sie halb krank in Krippen geschickt werden, weil beide Eltern ins Büro müssen.«

Charlotte Gainsbourg, Sängerin und Schauspielerin, drei Kinder:

„Französinnen haben wirklich weltweit einen unglaublichen Ruf. Aber ich weiß nicht, ob der zeitgemäß ist, ob wir ihm noch gerecht werden.“

Trutz von Trotha, deutscher Soziologe

„Frankreich, in dem Familie und Verwandtschaft im sozialen Leben wesentlich mehr Gewicht als in Deutschland haben, hat die zugespitzte bürgerliche und postbürgerliche Kindzentrierung nicht mitgemacht.“

Bernard-Henri Lévy, französischer Philosoph

»Frankreich ist ein altes gallisches Macho-Land.«

Valérie Toronian, Chefredakteurin der französischen „Elle“

„Französische Mütter sind erschöpft. Wir haben das Recht, das Gleiche zu machen wie die Männer. Solange wir uns um die Kinder kümmern, ein leckeres Abendessen zubereiten und makellos aussehen. Wir müssen Superwoman sein.“

Barbara Vinken, Professorin für Literaturwissenschaft in München und Autorin des Buchs „Die deutsche Mutter – Der lange Schatten eines Mythos“

»Weil Französinnen Frauen bleiben dürfen, werden sie öfter Mütter als die Deutschen.«


Zur Autorin:

Corinne Maier, 49, ist Mutter zweier Kinder (18 und 16 Jahre alt) und Schriftstellerin. Ihr erstes Buch „Die Entdeckung der Faulheit“ war ein Bestseller, ebenso „No Kid: 40 Gründe, keine Kinder zu haben“. Zuletzt auf Deutsch von ihr erschienen: „Freud – Die Graphic-Novel“

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