HOME

Chefsache Elternzeit

Immer mehr Väter beziehen Elterngeld. Das ist gut. Schlecht ist, dass es die meisten auf zwei Monate beschränken. Was muss passieren, dass sich das ändert?

Manchmal kann man den Fortschritt schon an den Fragen ablesen, die einem im Elternleben so gestellt werden. Noch vor sechs Jahren, als unser erstes Kind unterwegs war, galt die Neugier ausschließlich mir. „Wann gehst du wieder arbeiten?“ fragten mich die meisten im Bekanntenkreis und in der Familie. Mein Mann saß unbeachtet dabei. Erst nach meiner Antwort richteten sich die Blicke auch auf ihn. „Neun Monate“, sagte ich regelmäßig mit einer Inbrunst von Selbstverständlichkeit im Ton als wäre eine andere Aufteilung der Elterngeldmonate undenkbar. Mein Mann lächelte dann meist etwas unsicher. „Ja, ich mache fünf Monate.“

Vor drei Jahren, als unser zweites Kind unterwegs war, galt die Neugier meinem Mann. „Wie lange nimmst Du Elternzeit?“ bekam er meist zu hören. Alleine die Frage war schon ein Fortschritt. Schließlich gingen die Leute selbstverständlich davon aus, dass er als Vater auch bezahlte Elternzeit in Anspruch nimmt. Und das nicht nur bei ihm. Väter, die möglichst früh eine enge Beziehung zu ihrem Kind aufbauen wollen und sich dafür beruflich eine Auszeit nehmen, gelten nicht mehr per se als Weicheier und Drückeberger. Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes bestätigen diesen Trend.

Gut 34 Prozent der Väter bezogen für 2014 geborene Kinder Elterngeld. Das sind gut 2 Prozent mehr als im Vorjahr. Noch deutlicher wird die positive Entwicklung im weiteren Rückblick. Beim Geburtsjahrgang 2008 nahmen nur knapp 21 Prozent der Väter Elterngeld in Anspruch, beim Geburtsjahrgang 2010 bereits gut 25 Prozent. Die Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) darf da zurecht „erfreut sein“, wie man auf Twitter lesen konnte, schließlich setzt sie sich kontinuierlich für mehr Partnerschaftlichkeit in den Familien ein (zuletzt hat sie das Elterngeld plus eingeführt, das bei der aktuellen Erhebung jedoch noch keine Rolle spielt).

Doch leider beinhaltet die Statistik eine weitere Zahl, ohne die das Ergebnis zwar schöner, aber nicht richtiger wird. Bezieht man sie ein, muss man leider am Fortschritt wieder etwas zweifeln: Denn immer noch leisten sich vier von fünf Vätern nur jene zwei Monate bezahlte Elternzeit, die gesetzlich vorgeschrieben sind, damit der Staat Eltern insgesamt über einen Zeitraum von 14 Monaten finanziell unterstützt. Vier von fünf – das sind genauso viele wie in den vergangenen Jahren.

Oft genug antworten jene Zwei-Monatsväter denn auch, dass sie mit der gesamten Familie zwei Monate lang mal richtig schön Urlaub machen werden. USA. Oder Thailand. Oder Spanien. Das lässt sich im Job gerade noch so als Abenteuer verkaufen und nicht als lästige Auszeit. Selbstverständlich wäre auch ein langer Urlaub nicht wirklich schlimm, wenn sich all jene Väter nach ihren zwei Monaten weiter überdurchschnittlich an der Kinderbetreuungs- und Erziehungsarbeit beteiligen würden. Dass sie das selten machen, liegt oft genug nicht mal am fehlenden Willen.

Die traurige Realität sieht leider auch neun Jahre nach der Einführung des Elterngeldes so aus, dass Väter noch ganz andere Fragen zu hören bekommen. Wie ein Bekannter zum Beispiel, Arzt in einer Klinik. „Sie wollen Elternzeit nehmen, ah ja. Sie wissen aber schon, dass Ihre Kollegen dann mehr arbeiten müssen?“ Oder ein anderer, Medienschaffender. „Also, Herr Maier, wollen Sie nicht doch nochmal mit ihrer Frau sprechen, wir haben hier demnächst viel vor.“ Oder wiederum ein anderer Bekannter, tätig in einem jener modernen Startup-Dienste, die in ihrer Binnenstruktur alles andere als modern sind. Kaum war er Vater geworden und zeigte als solcher Engagement, führte sein Chef Präsenztage und längere Dienstreisen ein.

Auch heute, im Jahr 2016 ist es für Väter noch sehr viel unakzeptierter als für Mütter, wenn Sie Ihre Familie mindestens gleich wichtig nehmen wie ihren Job. Das Elterngeld plus mag da hoffentlich für mehr Selbstverständlichkeit sorgen. Viel wichtiger wäre es aber, dass sich in Unternehmen und Behörden und Kanzleien und Kliniken eine andere Führungskultur durchsetzt. Wir brauchen viel mehr Chefs, die sich trauen selbst in Elternzeit zu gehen. Und viel mehr Mitarbeiter, die sich trauen, es auch einzufordern. Selbst wenn es am Ende mit einem Arbeitsplatzwechsel verbunden sein sollte. Frau Schwesig alleine wird die Umstände nicht ändern können.

Nido-Logo Das könnte Sie auch interessieren