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Das Beste fürs Kind

Wer sein Baby nicht stillt, steht im Verdacht, eine schlechte Mutter zu sein. Stillen fördere die Bindung, schütze vor Allergien und Übergewicht. Aber stimmt das wirklich?

Text: Katja Töpfer

Ingrid Reder hatte immer geglaubt, selbst über ihren Körper bestimmen zu können. Dann traf sie eine Entscheidung, die diesen Glauben erschütterte. Ingrid Reder, die in Wirklichkeit anders heißt, beschloss schon in der Schwangerschaft, ihr Baby danach nicht stillen zu wollen. Über ihre Gründe möchte sie nicht sprechen. „Zu intim. Das geht niemanden etwas an!“ Aber da irrte sich die 38-Jährige. Denn ihre Stillverweigerung kam einer öffentlichen Selbstanprangerung nahe. Die Schwestern auf der Wöchnerinnenstation knallten ihr die Abstilltabletten wortlos hin. Die kinderlose Schwägerin weinte, als Ingrid ihren neugeborenen Sohn mit einem Fläschchen fütterte. „Im Rückbildungskurs fragte mich eine Mutter, warum ich überhaupt ein Kind bekommen habe, wenn ich es nicht stillen will.“

Nicht stillen – Mütter, die diese Entscheidung treffen, müssen in Deutschland einiges aushalten. Dem Säugling die Brust zu geben, ist in unserer Gesellschaft Symbol für die gute, fürsorgende und liebende Mutter. Wer sich dem entzieht, womöglich sogar freiwillig, steht unter Generalverdacht: Nicht genug zu geben, nicht genug zu lieben, nicht genug zu tun für sein Kind.

„In Deutschland herrscht Stillzwang“, davon ist auch Barbara Vinken, Autorin des Buches „Die deutsche Mutter“, überzeugt. Stillkampagnen ähneln ideologischen Schlachten. „Stillen ist das Beste für Ihr Kind“, steht sogar auf den Packungen für Fertigmilch. Frauen, die Flasche füttern, werden gerügt – von Rentnern in der S-Bahn, pseudoverständnisvollen Laktationsberaterinnen, der Frau beim Bäcker. Die einfache Frage, was Säuglinge in den ersten Monaten essen sollten, ist zu einer Art Religionsersatz geworden.

Dabei gibt es ja durchaus auch Gründe, Fläschchen zu geben. Die Eltern können sich nachts abwechseln, wenn es um die Versorgung des Babys geht. Die Mütter sind unabhängiger, können sich leichter Auszeiten nehmen, Freunde treffen, ins Kino gehen. Sie können essen und trinken, was sie wollen. Französinnen stillen häufig gar nicht oder nur kurz, weil sie fürchten, das Aussehen ihres Busens würde darunter leiden. Und schließlich bedeutet für manche Frauen Stillen einfach Stress. Weil das Baby nicht so zunimmt, wie es zunehmen sollte. Weil eine Brustentzündung nach der anderen folgt, mit Fieberschüben und Schüttelfrost. Weil es eben einfach nicht so funktioniert, wie es funktionieren soll.

Für die Frauen der Nachkriegszeit war Flaschenfüttern ein Zeichen des Fortschrittswillens, des Glaubens daran, dass das Gute aus der Zukunft kommt. Flaschennahrung galt als gesund und praktisch. In den Siebzigerjahren wurde Stillen ein Thema der Frauenbewegung und damit ein Politikum. „Mein Körper gehört mir“, war das Motto der Feministinnen und Flaschenfüttern ein Statement gegen die patriarchalisch geprägte Gesellschaft. Es folgte eine kurze Zeit der Entspannung. Manche Frauen stillten, andere gaben die Flasche. Über das Für und Wider wurde nicht groß diskutiert. Dann wurde 1994 in Deutschland die Nationale Stillkommission gegründet. Die Kommission sollte im Auftrag der Bundesregierung durchsetzen, dass Stillen zur normalen Ernährung von Säuglingen wird, denn zahlreiche Studien hatten die gesundheitlichen Vorteile des Stillens belegt. Doch irgendwann wurde aus einer guten Idee eine Ideologie.

Neben all dem gesellschaftlichen Druck, stillen zu müssen, kommen die vermeintlichen gesundheitlichen Vorteile. Gestillte Kinder seien schlauer, erkrankten seltener an Diabetes. Muttermilch schütze vor Allergien, Morbus Crohn und Übergewicht, sorge für eine gute Sprachentwicklung, ein gerades Gebiss und eine höhere Sozialkompetenz – um nur einige Ergebnisse aus verschiedenen Studien zu nennen. Dabei sind nur wenige Gesundheitsvorteile der Muttermilch wirklich belegt. „Gestillte Kinder sind seltener dick, leiden als Babys seltener an Mittelohrentzündungen und Durchfall“, so viel, sagt Berthold Koletzko, Mitglied der Nationalen Stillkommission, könne man gesichert sagen.

„Das Problem vieler Studien ist, dass sie nie frei von Störfaktoren sind, die das Ergebnis in die eine oder andere Richtung beeinflussen“, so Koletzko, der an der Dr. von Haunerschen Kinderklinik in München den Fachbereich Stoffwechsel und Ernährung leitet. Außerdem werden häufig Zusammenhänge konstruiert, wo es unter Umständen keine gibt. Viele Studien zeigen, dass Kinder, die gestillt wurden, später bei Intelligenztests und in der Schule besser abschneiden als ehemalige Flaschenkinder. Langzeitstudien konnten auch belegen, dass ehemaligen Stillkindern häufiger der soziale Aufstieg gelingt. Doch ob das wirklich an der Milch liegt, ist fraglich. Fest steht, dass Frauen, die ihre Babys mit Muttermilch ernähren, häufiger selbst eine höhere Schulbildung als Flaschenmütter haben und ihre Kinder besser fördern.

Auch die These, Stillen senke das Allergierisiko, ist sehr umstritten. Viele Hebammen und Kinderärzte behaupten dies trotzdem. Für Amerikanerinnen ist der Schutz vor Allergien sogar einer der Hauptgründe für das Stillen. „Doch ein Zusammenhang zwischen Stillen und Allergierisiko kann nicht belegt werden“, sagt Berthold Koletzko. Man wisse nicht, ob allergiegefährdete Säuglinge mehr Allergien entwickelten, wenn sie die Flasche bekämen. Umgekehrt kann man nicht sagen, ob es am Stillen liegt, wenn Kinder nicht allergisch reagieren. „Lediglich bei der Neurodermitis lassen sich leichte Schutzeffekte durch das Stillen nachweisen“, so Koletzko.

In der Frage der Allergieprävention im Säuglingsalter haben die Forscher daher vor einigen Jahren eine 180-Grad-Wende hingelegt. Noch vor zehn Jahren vertraten die meisten Wissenschaftler die These, dass es Babys vor Allergien schützt, wenn sie Nahrungsmittel mit einem hohen Allergiepotenzial möglichst lange meiden. Inzwischen weiß man: Genau das Gegenteil stimmt. Kommen Kinder erst spät mit allergieauslösenden Nahrungsbestandteilen in Berührung, fehlt ihrem Immunsystem das Training im Umgang mit diesen Stoffen. Die Folge: Sie entwickeln häufiger Allergien oder Unverträglichkeiten.

Aus diesem Grund wurde die frühere Empfehlung, ein Kind mindestens sechs Monate lang voll zu stillen, inzwischen herabgesetzt. Der Rat jetzt: Schon nach dem vierten Monat mit der Beikost anfangen, egal ob ein Kind allergiegefährdet ist oder nicht. Viele Hebammen und Laktationsberaterinnen propagieren jedoch nach wie vor möglichst lange Stillzeiten. Dabei berufen sie sich auf die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Diese rät, Kinder sechs Monate voll zu stillen und danach bis zum zweiten Lebensjahr oder sogar länger weiter zu stillen. Allerdings muss man diese Empfehlung im weltweiten Kontext sehen. Denn sie bezieht sich vor allem auf Länder, in denen der Zugang zu sauberem Trinkwasser erschwert ist und daher bei der Zubereitung von Flaschenmilch ein hohes Infektionsrisiko für die Babys besteht.

Natürlich ist unbestritten: Stillen ist praktisch, gesund und kostenlos. Die Stillbeziehung kann eine intensive, schöne Zeit für Mutter und Kind sein, der enge Körperkontakt fördert die psychische Entwicklung des Babys. Aber ob ein Kind gesund groß wird oder nicht, hängt nicht von der Frage „Stillen oder Flasche?“ ab. Trotzdem fällt es vielen Frauen schwer, sich von dem gesellschaftlich verordneten Stillzwang zu lösen.

Wie die Geschichte von Joanna zum Beispiel zeigt, die mit ihren Zwillingen vor einiger Zeit einen Babymassagekurs besuchte. Sie fiel allen anderen Müttern auf, weil sie außer ihren Zwillingen einen riesigen Wanderrucksack mit sich herumschleppte. Zwischen Stillkissen und Matten massierten alle ihre Babys und sprachen über das neue Leben mit den Kindern. Joanna war sehr dünn, hatte dunkle Augenringe. Weinend erzählte sie, wie der Alltag mit den Babys sie auslaugen würde, dass sie keine Nacht durchschlafe. Ein großes Thema war regelmäßig Joannas mangelhafte Milchbildung. Dann sahen alle, wie Joanna ihre Babys fütterte. Erst zog sie mehrere Flaschen, Tuben, Schläuche und Klebeband aus ihrem Rucksack. Sie mixte die Milch, füllte sie in eckige Behälter, die an langen Schläuchen befestigt waren. Mit diesen legte sie eine Leitung über die Schulter hinunter zum Busen. An der Brustwarze wurde der Schlauch mit Pflaster angeklebt. Dann erst legte sie ein Baby nach dem anderen am Busen an. Manche Teilnehmerinnen dachten, die Kinder seien krank, vielleicht eine Gaumenspalte, und dies ihre Spezialernährung. Doch das war „Pseudostillen“, so tun, als ob – um das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein, zu unterdrücken. Die Hebamme lobte Joanna für ihre Mühen. „Wenn du die Babys an der Brust hast, stärkt das die Mutter-Kind-Bindung. Außerdem kurbelt das Saugen die Milchbildung an.“

Die Frankfurter Hebamme Jutta Ott- Gmelch glaubt deswegen auch, dass es nicht nur Mütter sind, die sich selbst unter Druck setzen. „Schuld sind auch übereifrige Laktationsberaterinnen und Hebammen“. Obwohl auch Ott-Gmelch eine hohe Stillquote für wünschenswert hält, ist sie doch der Meinung, dass sich viele Hebammen stärker an der Lebenswirklichkeit der jungen Mütter orientieren müssten. In ihrer Frankfurter Praxis sitzen Frauen, die das Stillen als belastend empfinden. Weil sie nachts jede Stunde die Brust geben müssen. Das Gefühl haben, ihr Körper gehöre nicht mehr ihnen. Schmerzen haben. Die bei jeder Zwiebel, die sie aus Versehen essen, glauben, sie seien verantwortlich für die Blähungen ihres Babys. Sie können sich aber trotzdem nicht von dem Glauben frei machen, eine schlechte Mutter zu sein, wenn sie aufhören würden. „Immer wieder muss ich Müttern die Absolution erteilen“, sagt Jutta Ott-Gmelch. „Du hast acht Wochen durchgehalten. Das ist toll. Du darfst aber auch die Flasche geben.“

Auch bei der Hamburger Psychotherapeutin Kathrin Peters sitzen oft Mütter, die das Stillen als belastend empfinden. Und die deswegen die ganze Beziehung zum Baby infrage stellen. „Die Beziehung zum Baby hängt aber nicht nur von einem Einflussfaktor ab. Sie ist etwas, was Eltern jeden Tag neu gestalten können.“ Für Kathrin Peters ist deswegen klar: Entspannt die Flasche füttern ist auf jeden Fall besser für die Beziehung zwischen Mutter und Baby, als auf Biegen und Brechen und unter Stress zu stillen.


Mythos und Wahrheit

Langes stillen beugt Allergien vor.

Stimmt nicht: Studien zeigen, dass Kinder, die lange voll gestillt werden, häufiger Allergien entwickeln als Babys, die schon im fünften Monat Beikost erhalten. Daher wurden die Empfehlungen angepasst. Heute sollen auch allergiegefährdete Babys ab dem fünften Monat Beikost essen.

Gestillte Babys sind schlauer.

Fraglich. Fakt ist: Gestillte Kinder schneiden in späteren Intelligenztests besser ab. Aber: Statistiker Geoff Der konnte nachweisen, dass nicht nur die gestillten Kinder im Schnitt einen höheren IQ haben als Nicht-Gestillte, sondern auch deren Mütter. Der kleine Unterschied hat also weniger mit Muttermilch, sondern mit Genen und Erziehung zu tun.

Gestillte Kinder sind dünner.

Möglicherweise. Wer als Baby gestillt wurde, ist später seltener übergewichtig – das ist statistisch eindeutig. Das Problem: Auch hier ist ein signifikanter Einflussfaktor der Bildungsgrad der Eltern. Man kann also nicht sagen, ob die Muttermilch oder der insgesamt gesündere Lebensstil von besser gebildeten Menschen der Grund für die geringeren Übergewichtsraten ist.


Still-Statistik„Breast is best“ – aber wie lange und wie häufig wird eigentlich gestillt?

6,5 Monate: So lange werden Babys in Deutschland im Schnitt gestillt.

90% aller Mütter wollen stillen. Die Hälfte füttern nach zwei Monaten zu.

81,5% aller Babys, die 2005 geboren wurden, bekamen Muttermilch. Ein Anstieg von acht Prozent im Vergleich zu Kindern, die 1986 geboren wurden.

600 Kilokalorien mehr verbrauchen stillende Frauen pro Tag. Nach vier Monaten Stillzeit sind das ca. 72 000 Kilokalorien. Das entspricht etwa 125 Tafeln Schokolade.

110 Liter Milch geben stillende Mütter in vier Monaten. Sie sparen damit 350 Euro für Fertigmilch.

1 Mio. Kindertodesfälle weltweit etwa sind auf zu frühe Flaschennahrung zurückzuführen, schätzt die Wohltätigkeitsorganisation World Vision. Die Gründe: Infektionen der Babys aufgrund von verschmutztem Trinkwasser, das für die Nahrungszubereitung verwendet wird.

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