HOME

Die Andere

Kinder haben im Normalfall eine Mutter, einen Vater – aber zwei Großmütter. Und natürlich vergleichen die Enkel. Drei Großmütter über ein Konkurrenzverhältnis, das man aushalten muss. Zwangsläufig.

Ältere Damen beim Schwof: „Tanztee“ heißt das Projekt der Berliner Fotografin Andrea Grützner.

Protokolle: Sara Kay Hellmers, Annika Mengersen, Nicole Stroschein | Fotos: Andrea Grützner

Waltraud

63, vierfache Großmutter. Die Kinder ihrer Töchter sind drei und fünf Jahre, bzw. ein und drei Jahre alt

„Als meine jüngste Tochter heiratete und ihr erstes Kind bekam, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und bin in den Wohnort der jungen Familie gezogen. Dadurch habe ich zu meinen mittlerweile zwei Enkeln hier ein sehr enges Verhältnis. Wir sehen uns mehrmals wöchentlich. Oft bringe ich die Kinder zum Beispiel zum Kindergarten oder betreue sie bei mir zu Hause, wenn ihre Eltern arbeiten müssen oder anderweitig zu tun haben. Die andere Oma meiner Enkel hier lebt viele Hundert Kilometer weit weg und sieht sie dadurch nur ein paar Mal im Jahr. Wenn meine Tochter mit ihrer Familie dort länger Urlaub macht, vermisse ich die Kinder schon sehr.

Wir beiden Großmütter haben kein enges Verhältnis zueinander, weil wir extrem unterschiedlich ticken. Manchmal erzählt mir meine Tochter, dass die andere Oma sich die Gunst der Kinder – gegen den ausdrücklichen Wunsch der Eltern – mit vielen Süßigkeiten zu ‚erkaufen‘ versucht. Dafür habe ich kein Verständnis. Auch die Geburtstags-, Weihnachts- und sonstigen Geschenke von dieser Seite sind meist sehr kostspielig und reichlich. Ich freue mich dann aber einfach für meine Kinder und Enkel und habe mir fest vorgenommen, mich nicht beeinflussen zu lassen und trotzdem so zu schenken, wie es meinen eigenen Vorstellungen entspricht.

Sind die anderen Großeltern hier zu Besuch, ziehe ich mich bewusst zurück, damit keine Eifersucht entsteht, und die andere Oma auch mal richtig zum Zuge kommt. Sie kann nämlich in schwierigen Situationen sehr empfindlich reagieren.

Einmal hat mein ältester Enkel zu mir gesagt: ‚Du bist die liebste Oma.‘ Das war natürlich ein sehr schönes Gefühl. Aber ich glaube, das war einfach ein Moment, in dem er mir seine Zuneigung zeigen wollte – ganz unabhängig von Gedanken an seine andere Oma. Generell erzählt selbst der ‚Große‘ noch nicht so viel von den anderen Großeltern. Ich bekomme mehr über meiner Tochter mit, wie es mit denen so läuft.

Mit der Schwiegermutter meiner älteren Tochter habe ich wenig Kontakt, weil wir beide in anderen Städten als die gemeinsamen Enkel wohnen. Ich finde sie sehr sympathisch. Aber als sie die junge Familie einmal auf eine komplette Urlaubsreise einlud, tauchte in mir der Gedanke auf: ‚Jetzt kauft sie mir meine Tochter weg.‘ Im Nachhinein habe ich begriffen, dass das wirklich eine schöne Geste war und es ihr einfach wichtig ist, ihr Geld in gemeinsame Zeit mit ihren Kindern und Enkeln zu investieren, anstatt in andere, vielleicht überflüssige Dinge. Danach habe ich mir vorgenommen, auch bald mal mit meiner gesamten Familie zu verreisen und dann die meisten Kosten zu übernehmen.“

Heidemarie

71, Großmutter von zwei Enkeln im Alter von acht und zehn Jahren

„Mein Sohn hat ein Mädchen und einen Jungen. Obwohl er seit einiger Zeit nicht mehr mit unserer Schwiegertochter zusammenlebt, haben wir zu ihr ein sehr gutes Verhältnis und besuchen sie und die Kinder auch regelmäßig. Leider ist die Mutter meiner Schwiegertochter häufig unangenehm dominant, vor allem in Hinblick auf die Enkelkinder. Wir pflegten zwar immer einen freundlichen Umgang. Aber von Anfang an zeichnete sich ab, dass sie der festen Überzeugung war, was Kinder angeht, alles besser zu wissen und zu können als ich. Schon als die Kinder noch ganz klein waren, kam es durchaus vor, dass sie mir meine Enkelin aus dem Arm nahm, weil sie glaubte, die Kleine besser beruhigen oder wickeln zu können.

Da wir etwa eine Stunde entfernt von den Kindern leben und die andere Oma gleich um die Ecke, war es ganz natürlich, dass sie die Kleinen auch öfter sah. Das fand ich auch nie schlimm. Aber immerhin habe ich auch zwei Kinder großgezogen. Ich bin also nicht völlig unerfahren. In ihren Augen schien das aber nichts wert zu sein.

Eine Situation werde ich nie vergessen. Ich hatte ja immer mal wieder gedacht, dass ich nur zu empfindlich sei und ihre Art helfen zu wollen, vielleicht nur falsch interpretierte. Doch an diesem Tag war ich mit den Kindern auf einem Spielplatz gleich in der Straße, in der sie wohnen. Es war später Nachmittag und ich entdeckte einen Heißluftballon am Himmel. Natürlich zeigte ich ihn den Kindern. Kaum hatte ich allerdings den Kleinen auf den Arm genommen, kam sie herbeigelaufen und riss beide Kinder förmlich an sich, um ihnen – unter großem Hallo – den Ballon zu zeigen. Spätestens in diesem Moment wusste ich, dass ich nicht zu empfindlich gewesen war. Sie gebärdete sich tatsächlich so, als wäre ich blind oder zu blöd, einen riesigen Heißluftballon zu sehen und den Kindern zu zeigen. Es muss ein immenses Problem für sie sein, mal nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Solche Situationen haben schließlich dazu geführt, dass ich die Kinder und Enkel nur noch besuche, wenn ich sicher sein kann, dass sie nicht dort ist. Seitdem ist das Leben viel entspannter. Ich genieße die Zeit mit den Enkeln immer sehr. Oft besuchen sie mich auch mit meinem Sohn zusammen – und auch meine Schwiegertochter sehen wir weiterhin, nur eben ohne ihre Mutter. Würde man sich mal wieder sehen, käme ich sicher damit zurecht. Aber ich kann auch nicht behaupten, dass ich sie vermisse. Inzwischen ist der Kontakt selbst bei meiner Schwiegertochter deutlich weniger geworden, die früher sehr viel Zeit mit ihrer Mutter verbracht hat. Doch als die selbst ihrer eigenen Tochter immer wieder Vorschriften – oder zumindest etwas zu gut gemeinte Ratschläge – unterbreitete, wie sie mit den Kindern umzugehen hätte, war es ihr auch irgendwann zu viel.“

Johanna

59, Großmutter von zwei Enkeln, ein Jahr und vier Jahre alt

„Ich bin die Fünf-Minuten-Oma. Viel länger brauche ich mit dem Auto nicht zu meinen Enkeln. Manchmal sind es sogar nur drei Minuten. Für mich ist das ein Segen, und ja, auch ein Privileg. Die andere Oma, Grete, und ihr Mann Klaus müssen über eine Stunde fahren, wenn sie die Familie besuchen wollen. Klar, dass ich für unsere Enkel da viel präsenter bin – und das auch wirklich sehr genieße.

Würde ich meine kleinen Enkelkinder nicht aufwachsen sehen, würde ich sehr darunter leiden. Meine Tochter bezeichnet mich manchmal als Helikopter-Oma. Ich weiß nicht genau, was sie damit meint. Aber das ist mir auch egal. Ich bin einfach sehr gerne Oma und eben sehr fürsorglich. Das ist so meine Natur.

Ob Oma Grete auch gerne Oma ist, kann ich nicht sagen. Jedenfalls gibt es bei uns keinen ‚Wer ist die bessere Oma‘-Wettbewerb. Ja, hin und wieder kommt es mal zu ein paar Eifersüchteleien. Aber die werden nicht offen angesprochen. Sie haben auch keine größere Bedeutung. Ich war zum Beispiel darüber zerknirscht, dass meine Enkelin Laura mehr Kleidung von Oma Grete trägt, meistens in Rosa. Das ist gar nicht mein Geschmack. So was wurmt mich, verfliegt aber auch schnell wieder. Ich ziehe dann meine Konsequenzen und kaufe einfach weniger für Laura – und mehr für ihren Bruder Lukas.

Für Auseinandersetzungen fehlen Grete und mir die Zeit und die Gelegenheiten. Dafür wohnen wir zu weit von einander entfernt. Wir sehen uns in der Regel nur bei Familienfesten und da nehme ich mich auch immer etwas zurück und lasse Oma Grete und Opa Klaus den Vortritt. Hin und wieder telefonieren wir auch. Aber in diesen Gesprächen tauschen wir uns über die Enkelkinder und ihre Entwicklung und Erziehung aus. Oft sind wir uns auch da einig. Zum Beispiel fanden wir beide, dass Laura zu früh in die Kita gekommen ist. Aber das behalten wir mittlerweile für uns. Wir haben gelernt, uns nicht in sensible Erziehungsfragen einzumischen. Das gibt doch nur Ärger!

Bei den Geschenken für die Enkelkinder stimmen wir uns meistens ab. Das macht es einfacher und die Kleinen bekommen so nichts doppelt geschenkt. Ach, wir sind schon ganz schön langweilige Omas, oder? So harmoniebedürftig. Aber ehrlich: Würden wir uns öfter sehen, wäre es mit der Harmonie bestimmt schnell vorbei. Ich würde Grete und Klaus dann deutlich darauf hinweisen, dass sie nicht immer alles mit dem Fotoapparat festhalten müssen: Laura beim Zähneputzen, Lukas im Bett, Laura im Auto, Lukas in der Badewanne, Laura lacht, Lukas lacht auch … Opa Klaus huscht ständig von einer Situation zur nächsten – als wäre er auf Safari im Enkelkinderdschungel. Ihm fehlen nur noch Fernglas und Safarihut. Aber wie hat meine Mutter schon immer gesagt: ,Do wat du wullt, de Lüüd snackt doch!‘ ,Mach was du willst, die Leute reden sowieso!‘ Also soll der Klaus mal machen, wie er meint.“


Dieser Text ist in der Ausgabe 09/15 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

Nido-Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools