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Fragen verboten!

»Und, wann ist es bei euch soweit?« Unser Autor findet: Geht euch nix an!

Text: David Pfeifer

Wenn man 42 Jahre alt wird, ohne Vater zu werden, bedeutet das üblicherweise, dass es Gründe dafür gibt. Es könnte sein, dass ich mir die nächsten (und vielleicht letzten) dreißig Jahre meines Lebens nicht versauen will. Es könnte auch sein, dass ich meine Arbeit und meine Freiheit über meinen Fortpflanzungsdrang stelle. Vielleicht sorge ich mich auch nur, dass meine schöne Freundin nachlässig und dauergestresst wird, wenn wir erst Kinder bekommen. Es wäre auch denkbar, dass ich zeugungsunfähig bin. Oder dass meine Freundin keine Kinder bekommen kann. Oder dass wir es seit Langem versuchen, es aber nicht klappt. Oder dass wir es versucht haben, es geklappt hat und sie das Kind verloren hat. All diese Antworten wären plausibel, Belege dafür begegnen mir täglich, doch wie immer die richtige Antwort auch lauten mag – sie geht niemanden etwas an, außer meine Freundin und mich.

Merkwürdigerweise begegnet man, wenn man 42 Jahre alt wird, ohne Vater zu werden, trotzdem einer Frage immer häufiger: „Und, wie sieht es bei euch mit Kindern aus?“

Diese Frage wird einem logischerweise nur von Eltern gestellt, oder von Menschen mit ausgeprägtem Kinderwunsch. Sie ist also schon deswegen nicht ganz leicht zu beantworten, weil der Fragesteller seine Haltung zu dem Thema bereits mit der Frage zum Ausdruck bringt. So, als würde ein Veganer fragen: „Und, wie lange willst du noch Fleisch essen?“

Die mögliche Antwort, dass man zu glücklich ist, um den eigenen Frieden durch Kinder zu gefährden, fällt aus, wenn man keinen Stress haben will. Am Ende einer langen, ermüdenden Diskussion steht man meistens als unmenschlicher Egoist da. Was ich nie verstanden habe, denn Kinder zu bekommen, halte ich für eins der egozentrischsten Hobbys überhaupt. Und wer weniger als drei in die Welt setzt, kommt mir bitte nicht mit „Rentensystem“ und „die Guten sterben aus“. Wenn man ausweichend antwortet, also ein „vielleicht später“ oder „mal sehen“ vorschiebt, um dem Gespräch zu entgehen, fordert man damit viele Eltern auf, einen Erweckungsvortrag zu halten, der das Gegenteil des gewünschten Effektes erzielt. Nach einer Stunde Frontalunterricht über die Freuden der Elternschaft stehe ich innerlich meist kurz vor der Sterilisation. Verheerender wirkt nur ein Spielplatzbesuch in einem gentrifizierten Stadtviertel.

Man kann davon ausgehen, dass Paare, die nicht mehr im Teenageralter und länger als ein Jahr zusammen sind, diskutieren, ob, wann und wie sie Kinder wollen. Wenn sie noch keine haben, könnte es sich um einen Fall von „Berlin-Mitte-Kontinuum“ handeln: Das Paar lebt seit Ewigkeiten zusammen, sie will Kinder, er aber noch nicht. Sie macht sich Sorgen, dass sie bald zu alt dafür wird, er agiert mit 37 Jahren noch so, als wäre in seinem Leben alles möglich, wenn er nur keine Verpflichtungen eingeht („Wollen wir nicht erst mal warten, bis ich Antwort von der Drehbuch-Förderung bekomme?“). Wenn man so ein Paar bei einem Abendessen fragt, was denn mit Kindern ist, macht man beiden schlechte Laune.

Hat die Kinderlosigkeit jedoch biologische Ursachen, würde man mit der Antwort eine Empathiewelle auslösen, der man sich auch nicht unbedingt aussetzen möchte. Viele Eltern wissen noch, dass es nicht so einfach war, Kinder zu bekommen, und jetzt, wo sie welche haben, sind sie der Meinung, es sei reichlich dumm gewesen, die Probleme nicht offen anzusprechen. Dabei vergessen sie, dass es dafür Gründe gab. Beispielsweise, dass Probleme, deren Ursachen nicht zu lösen sind, nicht unbedingt kleiner werden, wenn man sie ans Licht zerrt und gemeinsam betrachtet. Manchmal erhöht das einfach nur ihre Sprengkraft.

Es gibt genügend Paare, die sich ein Kind wünschen, sich aber kaum noch vor die Tür trauen, weil die Frau sich einer Hormonbehandlung unterzieht und in einer Art Dauer- PMS hängt, das es ihr fast unmöglich macht, einen Abend mit Freunden zu verbringen, ohne sich zu streiten. Und auch wenn die Frau ihrem Mann die Hand auf den Arm legt, damit er nicht noch ein Glas Wein trinkt, weil das seine Spermienqualität weiter beinträchtigen könnte, ist kein guter Zeitpunkt, um nach dem Kinderwunsch zu fragen.

Eine gängige Gesellschaftsregel lautet, dass nicht die Fragen blöd sind, sondern nur die Antworten. Das stimmt insofern, als dass die Frage nach Kindern nicht blöd ist und die Antwort interessant. Natürlich erklärt es viel über einen Menschen, wenn er erzählt, warum er keine Kinder will oder keine bekommen kann. Womöglich erzählt es zu viel, die Antwort wird intim. Sie ist irgendwo zwischen sexuellen Vorlieben und Traumata aus der Jugendzeit anzusiedeln. Darüber kann und muss man sich als Paar auseinandersetzen, man kann darüber auch vorsichtig unter sehr guten Freunden sprechen – zur Tisch- oder Partykonversation eignet sich die Kinderfrage jedoch nicht.

Warum wird sie bei solchen Anlässen also gestellt?

Da die Frage fast immer von Eltern kommt, gehe ich davon aus, dass es etwas damit zu tun hat, den eigenen Lebensentwurf abzusichern. Deswegen sind Eltern sehr hartnäckig und grenzüberschreitend, wenn es zu diesem Thema kommt. Vielleicht wollen sie nicht mehr allein sein mit Schlafmangel und brandheißen Themen wie der richtigen Breizubereitung. Im besten Fall hoffen sie auf Nachschub an sympathischen Leuten, wenn sie erst festgestellt haben, dass andere Eltern keine spannenden Menschen sind, nur weil sie auch Kinder haben. Auf jeden Fall scheint Kinderlosigkeit in den Augen von Eltern ein unhaltbarer Zustand zu sein – und das nicht nur, weil Kinder großes Glück bringen.

Eltern, so weit ich sie beobachten kann, definieren sich nicht mehr über ihr Geschlecht, ihren Beruf, die Bücher, die sie gerne lesen oder die Partei, die sie wählen, sondern auch und vor allem über ihre Kinder. Je mehr sie sich als Eltern begreifen, umso schwerer fällt es ihnen, mit Kinderlosen andere Themen zu finden. Das ist so, wie mit einem Blinden über Farben zu sprechen. Für den Blinden übrigens auch kein Vergnügen („So begeistert, wie du mir Karminrot beschreibst, hätte ich direkt mal Lust, es selber zu sehen“).Manchmal schwappt es fast raus aus Eltern: „Auch wenn es dich nicht interessiert, ich muss dir erzählen, was unsere Tochter heute gemacht hat …“ Und wenn viel schwappt und die Eltern bemerken, dass ich mir ein Gähnen verkneife, dann kommt direkt danach oft die verbotene Frage. Einerseits zur Verteidigung, um sich aus der Rolle dessen zu befreien, der merkwürdig ist („Sie hat auf meinen Pulli gedeutet und Pa gesagt!“). Aber auch als Angriff, um mich in die Rolle des Merkwürdigen zu drängen, der keine Kin-der hat („Aber was willst du denn sonst noch erreichen im Leben?“).

Das Problem ist aber nicht nur, dass die Frage ein Kommunikationskiller und ein Übergriff sein kann. Wenn sie zu häufig und von zu vielen Menschen gestellt wird, fühlt man sich plötzlich unter Stress, der bestimmt die schlechteste Grundlage ist, sich für oder gegen Kinder zu entscheiden.

Frauen, mit denen ich eine Beziehung hatte, waren schwer genervt von der Frage, egal ob sie Kinder wollten oder nicht. Gruppendruck ist das Stichwort, und dem kann man sich nicht entziehen. „Wir Menschen sind gesellige Lebewesen, und wir haben gelernt, die Informationen von anderen sehr wichtig zu nehmen“, erklärt der Neurobiologe Micah Edelson. Er hat mit einem Forscherteam an der Frage gearbeitet, inwieweit sozialer Druck das Gedächtnis beeinflusst. „Wir unterscheiden zwei Arten der Anpassung“, erklärt Edelson. Einmal die öffentliche Anpassung, die sich darin äußert, dass Menschen ihre Meinung ändern, um nicht als Außenseiter dazustehen. Man tut so, als wäre man einer Meinung, um Ruhe zu haben.

Die andere Art der Anpassung ist persönlich: denn sozialer Druck beeinflusst laut Micah Edelson in erheblichem Maße die eigene Erinnerung. Wir denken also irgendwann, es sei unsere innere Wahrnehmung, wenn wir die biologische Uhr wie eine Kirchturmuhr im Ohr klingen haben. Tatsächlich aber wird uns das Störgeräusch von außen souffliert.

Meine Ex-Frau, die keine Kinder wollte, sagte aus Entnervung bei einem Abendessen mal den schönen Satz, „ich will kein Baby, ich will noch ein Bier.“ Danach war Ruhe. Mit dem nächsten Mann wurde sie Mutter, eine sehr glückliche, nach meinem Eindruck. Warum mit diesem Mann und nicht mit mir, fragen Sie sich? Noch mal: Es geht Sie nichts an!

Vielleicht hat sie dem Druck irgendwann nachgegeben. Vielleicht hielt sie den neuen Mann als Vater für geeigneter oder sie musste erst ein Alter erreichen, in dem sie nicht mehr andauernd gefragt wurde, was denn nun mit Kindern sei, sondern sich selbst dafür oder dagegen entscheiden konnte.

Kluge, selbstbewusste Menschen neigen dazu, Außendruck zu erkennen und sich ihm widersetzen zu wollen. Irgendwann weiß man selbst nicht mehr, ob man Kinder will, oder nur alle so tun, als müsste man welche wollen. Ich bin mir mittlerweile nicht mal mehr sicher, ob ich mich sorge, Kinder könnten meine Beziehung zerstören, oder nur Angst davor habe, dass wir Eltern werden, wenn Eltern so sind. Persönlich mag ich Kinder. Aber ich liebe auch mein Leben, so wie es ist. Sollte ich auf diese Weise 93 Jahre alt werden, es würde nichts fehlen. Und wenn jetzt gleich wieder Eltern aus der Kiste springen, um zu sagen: Du weißt ja gar nicht, was du verpasst, dann kann ich nur sagen: eben.

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