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Häschen hüpf in Stock fünf!

Jedes Jahr um die Osterzeit stellt sich unserer Familie auch die Frage: Wäre es nicht doch besser auf dem Land zu leben?

Sie heißen Conni, Vincent oder Martha und sind in diesen Tagen schwer beschäftigt. Sie stürmen hinaus auf die Wiesen und Felder, über ihnen strahlt der blaue Himmel, auf den eine knallgelbe Sonne gepinselt ist. Früher oder später strahlen auch die Connis und Vincents und alle anderen Kinderbuchhelden, weil sie endlich ihre Nester gefunden haben, die der Osterhase unter Sträuchern und neben Bäumen versteckt hat. In ein paar Tagen ist es soweit, der Osterhase wird nicht nur bei den Kinderbuchconnis vorbeischauen, sondern auch bei uns in der Großstadt Berlin – und die Enttäuschung wird wieder groß sein.

Kein Garten weit und breit, der nächste Park ist einen Kilometer entfernt, der andere etwas kleinere zwar näher, aber derart überlaufen, dass man zwar Eier verstecken könnte, die aber mit Sicherheit nicht die eigenen Kinder finden würden. Wir könnten auf den Innenhof unseres Hauses ausweichen, dort gibt es eine kleine Sandkiste und einen großen Kastanienbaum, immerhin. Viel Fläche für Verstecke bleibt trotzdem nicht. Und während ich meinen Kindern all die Osterhasen-Stubs und Kinder-Conni-Geschichten vorlese, frage ich mich wieder mal: Wäre es nicht besser, den Kindern statt Beton Grünfläche und statt grüner Autoinnenstadtzonen besser autofreie Dorfzonen anzubieten?

Kinder brauchen Raum, um sich frei und wild bewegen zu können. Sie brauchen keine vierspurigen Straßen, die sie bereits mit drei Jahren souverän überqueren können müssen. Sie haben große Freude daran, Blumen oder Kräutern oder Bäumen beim Wachsen zuzusehen und sie gehen gerne auf Entdeckungsreise in der Natur, so sie überhaupt eine vorfinden. Psychologen schreiben dem Leben auf dem Land in den ersten Jahren einen klaren Vorteil zu: Landkinder sind selbstständiger und autonomer – vorausgesetzt ihre Eltern lassen sie auch alleine losziehen.

Das kann ich bestätigen, nicht als Mutter, sondern als Tochter. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, mit allem drum und dran: Garten, Felder, Wälder, ein paar Autos, aber keine Busse, LKWs oder Schwertransporte. Meistens sind wir einfach „raus gegangen“. Heute als Mutter plane ich „Wir gehen jetzt mal raus Kinder!“-Aktionen und finde mich auf einem der Spielplätze wieder, an denen trotz Zone 30 die Autos vorbeirasen.

Neulich traf ich eine alte Schulfreundin aus jener Zeit wieder, die mit ihrer Familie vor einiger Zeit aus München wieder zurückgezogen ist. „Und“, fragte sie mich und schaute mich erwartungsvoll an, „könntest du dir eigentlich vorstellen wieder zurückzugehen?“ Ich zögerte keine Sekunde und schüttelte schon den Kopf, bevor das „Nein“ dazu aus dem Mund kam.

Und damit stehe ich noch nicht mal alleine da. Der Trend geht zurück in die Städte, nachdem die Leute scharenweise aufs Land geflohen waren. Die meisten Paare bleiben weiter in den Großstädten, auch wenn sie Eltern geworden sind. Seit ein paar Jahren ziehen in Berlin, Frankfurt oder München Familien sogar wieder zu. Und das, obwohl auf dem Land auch mehr Wohnraum für weniger Geld zur Verfügung steht.

Sind das alle egoistische Rabeneltern? Stelle auch ich meine Interessen über die Bedürfnisse der Kinder? Klar, in der Stadt gibt es viele Museen, viele Aktionstage, viele Kindercafés – aber mal ehrlich, die gefallen vor allem mir, weil vor allem mir bei Regen die Decke mit den Kindern zuhause auf den Kopf fällt.

Meine Schulfreundin grinste damals, als sie mein überzeugtes Nein zu hören bekam und begann zu erzählen: Wie sie sich das auch so lange nicht vorstellen konnte. Dann der Platz in der Großstadtwohnung zu eng wurde, die Kosten zu hoch – und eines das andere ergab. Wie sie in den ersten Tagen sofort Kleinstadtgespräch wurde, weil sie sich gewagter gekleidet hatte (Lila! Rot!). Und wie ihre Tochter aber begeistert war von all den tollen Spielplätzen, die es dort gab.

Die Spielplätze waren die Gärten der Nachbarskinder, in die man selbstverständlich nur Zutritt bekam, wenn man sich in die Landgesellschaft integriert hatte. Das Stadtkind konnte das so gar nicht verstehen. Aus gutem Grund: Im urbanen Raum sind auch Kinder in größerer Gesellschaft, sie haben mehr Kontakt zu sehr viel mehr Kindern und sie sind nach psychologischen Erkenntnissen nicht zuletzt deshalb auch sprachlich meist weiter entwickelt als gleichaltrige Landkinder.

Vielleicht macht dieses soziale Stadtleben die Kinder am Ende auch toleranter. Wer weiß. Mit dieser Vorstellung tröste ich mich jedenfalls über den anstehenden Osteridyllen-Blues hinweg.

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