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Lasst die Mütter raus!

Sind Väter die besseren Mütter? Das fragt der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe. Wir fragen: Haben die Kollegen beim Spiegel alle Tassen im Schrank richtig sortiert?

Die Mütter sind also schuld. Mal wieder. Sie schleppen ihren Nachwuchs zu Babytreffs und singen alberne Lieder mit ihm, scheppern mit Rasseln, klatschen in die Hände und glauben, dass sie ihrem Kind damit etwas gutes tun. Sie sind überfordert mit ihrer Rolle zwischen Beruf und Familie und quälen ihre Kinder deshalb mit angespanntem Perfektionismus, der sich in Cafés öffentlich beobachten lässt: „Kind, willst du noch dies oder lieber jenes, lass das bitte mal, hör auf, mach doch besser das“ und so weiter… Sind die Kleinen endlich größer, starten die Mütter ihr Helikopter-Programm und verfolgen auf allen digitalen Kanälen, was ihre Kinder so machen. Als wäre das nicht schlimm genug, halten sie auch noch die Väter von ihren Kindern fern. „Gatekeeping“ nennen Psychologinnen wie Lieselotte Ahnert das Verhalten, wie man der aktuellen Ausgabe des Spiegel entnehmen kann. Wie man sich denken kann, verheißt das nichts Gutes – die Kinder bräuchten schließlich auch ihre männlichen Bezugspersonen. „Lasst die Väter ran!“ so lautet konsequenterweise die Forderung des Textes in der Überschrift.

Wow. Was für eine Weihnachtsbotschaft! Darauf wäre man jetzt nicht gekommen, wo sich doch die meisten gerade die kleinen Holzfiguren der Urfamilie in die Wohnzimmer stellen: Maria und Josef, die göttliche Mutter und der väterliche Erfüllungsgehilfe? Alles Bockmist. Die Mütter sind das wahre Übel, denn sie enthalten ihre Kinder den Väter einfach vor, indem sie schlichtweg behaupten, dass die das alles gar nicht könnten. Nur weil die sich nicht in Babykurs-Runden „zum Affen machen wollen“, wie der 28-Jährige Protagonist der „Spiegel“-Geschichte klagt, sondern lieber mit ihnen toben.

Tja. Ich bin so eine Mutter. Was soll ich nun dazu sagen? Dass ich mich fürchterlich über so ein Titelcover ärgere? Dass es mich wütend, ratlos und wenig hoffungsvoll zurücklässt, dass sich hier jemals etwas ändern wird? Dass ich ziemlich oft in diesem Jahr zu einem dieser Väter gesagt habe: Könntest Du nicht bitte mehr übernehmen, öfter da sein, vielleicht auch in spontanen Situationen wie: Kinder sind plötzlich krank? Dass er immer gute, wichtige Gründe hat, es doch nicht zu schaffen, obwohl er sich nichts mehr wünscht als mehr Zeit mit seinen Kindern zu verbringen? Dass ich gerade wieder am Schreibtisch sitze, hektisch auf die Uhr sehe, um den Zeitpunkt nicht zu verpassen, an dem ich spätestens los muss, damit ich die Kinder pünktlich aus der Kita abhole?

Dass ich wie so viele andere Mütter Teilzeit arbeite, obwohl ich nichts gegen eine Vollzeittätigkeit habe? Dass ich nachgegeben habe, weil meiner Tätigkeit auch flexibler nachzugehen ist? Dass ich noch Glück habe, weil ich in Berlin lebe, wo es eine relativ gesehen gute Infrastruktur bei der Betreuung gibt und eine sehr gute Akzeptanz von Elternbedürfnissen – was im Umkehrschluss bedeutet: in Berlin geht es aber auch nicht um das ganz große Geld, wer hier arbeitet, kann das oft auch flexibler machen. Dass ich gerne eine Zahl erfahren würde, wieviele der im Spiegel beschriebenen Mütter es tatsächlich gibt, die den Vater vom Kind so sehr abschirmen, dass irgendwann nicht nur seine Beziehung zum Kind zerstört ist, sondern auch die Paarbeziehung?

Dass ich von älteren Vätern auf Parties gerne mal Sprüche höre, dass sie ja nichts dagegen hätten, wenn ihre Partnerin soviel verdienen würde, dass sie nicht mehr arbeiten müssten. Dass alle in der Runde dann lachen, weil irgendwas an diesem Spruch sehr komisch sein muss, ich aber leider nicht verstehe, was?

Dass ich wie all jene junge Frauen und Männer, die die Soziologin Jutta Allmendinger für eine Studie zu ihren Lebensentwürfen befragt hatte, immer von einem Partnerschaftsmodell ausgegangen bin, das Männer und Frauen als gleichberechtigt begreift und so ermöglicht, dass Beruf und Familie vereinbar werden?

Dass später 30 Prozent der befragten Männer aber nicht bereit waren, ihre Erwerbsarbeit für die Kinder zu unterbrechen? Dass ich mich nicht beeindrucken lasse von den „immer-mehr-Männern“, die ZWEI Monate Elternzeit nehmen, immerhin ja besser als nichts, danach dann aber Vollzeit weiterarbeiten? Dass ich nicht glaube, dass es die Mütter sind, die irgendwann lieber bei Dawanda Selbstgehäkeltes oder Gebackenes verkaufen, sondern dass die kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hierzulande Frauen immer noch in diese Rolle der Hausfrau drängen, weil sie alles andere gegen alle möglichen Widerstände durchsetzen müssen?

Oder soll ich nochmal laut fragen, warum es kein Klischee ist, sondern Wirklichkeit, dass die meisten Väter den nächsten Impftermin nicht kennen, obwohl das Impfheft samt Termin (der auch noch im Kalender eingetragen ist) frei zugänglich ist? Soll ich diese Väter anschreien, weil sie sich nicht mehr Zeit nehmen? Oder soll ich ihre Arbeitgeber anklagen, weil sie es nicht machen?

Oder soll ich mich darüber aufregen, dass in Deutschland Geld immer noch den Rang von Beziehungsgeld hat, wie ebenfalls Jutta Allmendinger herausgefunden hat, dass in Paarbeziehungen immer noch männliche Versorgung gegen weibliche Fürsorge getauscht wird?

Dass die Frage „Sind Väter die besseren Mütter?“ in unserer Gesellschaft offensichtlich Sinn ergibt, in anderen nur Kopfschütteln hervorrufen würde?

Oder soll ich den Spiegel ignorieren? Soll ich darauf hoffen, dass die meisten Väter mir zumindest still und leise zustimmen, weil sie wissen, dass sie es sind, die defensiv agieren und nicht wir, die offensiv Zugänge zu Kindern verhindern? Soll ich weiter darauf hoffen, dass die Familienpolitik so langsam es auch vorangeht, eben aber weiter vorangehen wird und es Familien leichter machen wird?

Vielleicht genau all das. Wenn es sein muss, eben immer wieder aufs neue.

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