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Tödliche Masern

Im Wartezimmer eines Kinderarztes steckten sich vor vierzehn Jahren sechs Kinder mit Masern an. Zwei sind heute tot. Die Geschichte einer unheilvollen Verkettung.

Text: David Schumacher

Der 17. Mai 1999 ist ein milder Frühlingstag im ostwestfälischen Bad Salzuflen. Michas Fieber ist abgeklungen, aber da sind so komische Flecken auf seinem Bauch. Besser noch mal zur Kontrolle gehen, entscheidet Oxana Giesbrecht, seine Mutter. Also setzt sie sich mit ihrem sechs Monate alten Sohn ins Wartezimmer der Praxis von Dr. Christoph Holzhausen. Er untersucht Micha und gibt Entwarnung: klarer Fall von Drei-Tage-Fieber. Nicht weiter gefährlich.

Es ist ein typischer Praxis-Montag. Viel Betrieb nach dem Wochenende. Eine Schnittwunde hier, ein schmerzender Bauch dort, ein Ekzem, solche Sachen. Die kleine Natalie hat gerade ihren ersten Geburtstag gefeiert und kommt zur U6.

Ein Patient ist allerdings bemerkenswert: ein elf Jahre alter Junge, der am Wochenende unter Fieber gelitten hat. Holzhausen entdeckt einen Ausschlag am ganzen Körper, dazu Flecken im Mund: Masern. Die Eltern hatten sich über das Impfen offenbar keine Gedanken gemacht, sprachen nur mit Mühe deutsch. „Ich merkte schon, sie verstanden nicht alles, was ich sagte. Einen Impfpass konnten sie nicht vorlegen“, erinnert sich der Arzt heute.

Wenig später hat Micha wieder Fieber, dazu Ausschlag am ganzen Körper. Holzhausen diagnostiziert Masern. Diesmal ist es kein Einzelfall. Sechs erkrankte Kinder kommen innerhalb weniger Tage allein in seine Praxis: drei Säuglinge, zwei Kleinkinder, ein Schulkind. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass sich alle bei ihm im Wartezimmer, an jenem Montag, innerhalb nur kurzer Zeit angesteckt haben. Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass zwei Kinder viele Jahre später deswegen sterben werden.

Micha ist fünfeinhalb, als er an einem Tag dreimal die Treppe herunterfällt. Seine Mutter findet das merkwürdig. Sie ruft Holzhausen an, der sofort alarmiert ist: „Micha war ein gesundes Kind, normal entwickelt. Wenn so ein Sturz mehrfach passiert, gibt es ein Problem.“ Aber Holzhausen findet keine Ursache und überweist an einen Nervenspezialisten im nahen Detmold. Dort tritt ein Arzt an Oxana Giesbrecht heran und fragt: „Hatte Micha die Masern?“ „Ja. Warum?“ Dann müsse er eine schlimme Diagnose mitteilen: subakute sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE. Eine Hirnentzündung, ausgelöst durch Masernviren, die Jahre nach der eigentlichen Infektion mutieren. Äußerst selten, erklären die Ärzte. Und unheilbar. Die Treppenstürze seien erst der Anfang. Micha werde sich zurückentwickeln und alles verlernen, bis er in ein Wachkoma falle. Er werde an SSPE sterben.

„Wir konnten das gar nicht begreifen“, erinnert sich Oxana Giesbrecht rückblickend. „Micha hatte ein paar motorische Probleme, ja. Aber ansonsten schien er noch gesund.“ Die Eltern wissen nicht, was sie die Ärzte fragen sollen. Nur dies fällt der Mutter ein: „Bald ist Michas Schuluntersuchung. Sollen wir da überhaupt hingehen?“ Der Arzt schüttelt den Kopf. „Nutzen Sie die Zeit, die Ihnen noch bleibt.“ Vielleicht Monate, vielleicht ein Jahr.

Vor fünf Monaten ist Micha mit vierzehn Jahren gestorben, im Juni. Den Großteil seiner Kindheit verbringt er fast blind und
bewegungsunfähig, sein Körper gekrümmt wie der eines Embryos. Kurz vor seinem Tod macht Oxana Giesbrecht noch ein letztes Foto ihrer vier Söhne: Felix, 16, Marc Noah, 10, Elias, 8. Auf dem Bild nehmen sie Micha in ihre Mitte wie ein riesiges Baby.

Sein Tod fällt in eine Zeit, in der Deutschland einen der größten Masernausbrüche der vergangenen Jahre erlebt. Der Verband der Kinder- und Jugendärzte und das Robert-Koch-Institut greifen den Fall auf, um zu zeigen: Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit. Etwa jede zehnte Erkrankung führt zu Komplikationen wie Ohr- oder Lungenentzündung, ungefähr eine Erkrankung von 1000 verläuft tödlich. SSPE, die tödliche Krankheit von Micha, trifft einen von 3300 Menschen, bei denen Masern im Alter bis zu fünf Jahren ausgebrochen ist. Bei Säuglingen, so schätzen Forscher heute, liegt das Risiko vermutlich sogar um ein Zehnfaches höher. Sie sind also besonders gefährdet und dazu auch noch besonders ungeschützt. Da der Nestschutz gegen Masern im Alter von spätestens sechs Monaten endet, ist das Kind für etwa ein halbes Jahr nicht geschützt – eine Impfung wird erst ab elf Monaten empfohlen. Diese Babys wären darauf angewiesen, dass ihre Umgebung immun ist, es einen Herdenschutz gibt, aber dafür müssten
95 Prozent einer Gesellschaft geimpft sein. Unerreichbar, wenn immer weniger Eltern ihre Kinder impfen.

Oxana Giesbrecht sitzt in dem Zimmer, das sich die Eltern mit ihrem schwer kranken Sohn die letzten fünf Jahre geteilt haben. Sie mussten die Magensonde überwachen, jede Nacht Micha von einer auf die andere Seite drehen, damit er sich nicht wund liegt. Morphium verabreichen gegen die Schmerzen.

Wo Michas Bett stand, sitzt heute seine Mutter in einem weißen Sessel. Die Vierzigjährige spricht mit fester Stimme, an ihren Worten hält sie sich fest. „Reden ist besser für mich als schweigen“, sagt sie. Giesbrecht hat einen Karton hervorgeholt mit alten Kinderzeichnungen, die besser als jeder Medizinaufsatz zeigen, was SSPE anrichtet. Sie kniet auf dem Boden, kramt und sortiert. Und lächelt. Es bleiben Bilder eines Fünfjährigen. Micha malte gern und akribisch. Sein liebstes Motiv waren Häuser, so wie sein Vater Peter sie baut. Samt Bäumen und Schaukeln und spielenden Kindern. Im August 2004 zieht er noch gerade Linien, zeichnet Dachziegel,
Türen, Fenster, die Flächen malt er sorgfältig aus. In den Wochen nach der Diagnose werden die Bilder immer primitiver, die Linien krümmen sich, Micha bekommt keine spitzen Ecken mehr hin. Oxana sah, wie er sich vergeblich mühte und brach in Tränen aus, aber Micha fragte nur: „Warum weinst du, Mama? Mir geht’s doch gut.“ Wenn es einen kleinen Trost gibt, dann diesen: Micha registrierte seinen mentalen und körperlichen Verfall nicht.

Schon an Weihnachten kann sich der Sechsjährige kaum mehr bewegen und sprechen, das Gehirn hat die Kontrolle über seinen Körper verloren. Doch „das Monster in seinem Kopf“, wie seine Mutter die Krankheit nennt, scheint eine Verschnaufpause einzulegen. Giesbrecht lernt über Internetforen andere Familien kennen, die mit SSPE leben, einige Dutzend sind es in Deutschland. Die Giesbrechts finden Halt in ihrem christlichen Glauben und gewöhnen sich an eine neue Art von Alltag mit einem schwer kranken Kind, sie planen den nächsten Sommerurlaub in Cuxhaven, zu sechst.

Es ist zu dieser Zeit, als eine Erstklässlerin in Holzhausens Behandlungszimmer sitzt. Die Mutter macht sich Sorgen: Das Mädchen ist zu Hause die Treppe heruntergefallen, zweimal an einem Tag. Das Mädchen heißt Natalie. Jenes Mädchen, das am 17. Mai 1999 zu ihrer Einjahresuntersuchung im Wartezimmer saß.

Die Hirnentzündung SSPE nachzuweisen, übersteigt die Möglichkeiten einer Kinderarztpraxis. Lange Zeit konnten nur wenige Labors in Deutschland die notwendige Untersuchung einer Hirnwasserprobe durchführen. Das virologische Institut der Universität Würzburg gehört dazu. Dort bekommt der Forscher Benedikt Weißbrich die Probe von Natalie in die Hand, mit dem tragischen Befund: SSPE. Weißbrich wird klar: Gleich zwei Fälle aus einem Ort. „Die Situation war schon extrem ungewöhnlich.“ Der Würzburger Mediziner zweifelt schon länger am damals gültigen Stand der Forschung, der
besagt: Das Risiko von SSPE liegt bei weniger als 1 zu 100.000. Er beteiligt sich an einer Studie mit dem Ziel, das Risiko neu zu berechnen. Auch Holzhausen trifft das Resultat hart, auch wenn es ihn nicht überrascht:
Wie Micha ist auch Natalie ein gesundes, fröhliches Kind, das plötzlich motorische Probleme zeigt.

Der Kinderarzt ist ein Mann der Wissenschaft, schlank, nüchtern, in der DDR aufgewachsen und ausgebildet. „Ich war ein radikaler Schulmediziner“, sagt er. Erst in seinen späten Jahren, er ist heute 73 und weißhaarig, sei er milder geworden. Holzhausens zweiter Studienwunsch war Mathematik, der Verstand leitet sein Handeln. Ein halbes Jahr vor der Wende 1989 wird seinem Ausreiseantrag stattgegeben, er siedelt nach Westfalen über, übernimmt die Praxis in Bad Salzuflen. Als erster Kinderarzt weit und breit führt er schon 1994 die digitale Patientenverwaltung ein. „Das war doch ein klarer Fortschritt.“

Er will es genau wissen und durchforstet seine Datenbank. Mit den damals noch verbreiteten Pappkärtchen wäre ihm dieser Nachweis nicht gelungen: Die Masern haben sich damals, sechs Jahre zuvor, in seinem eigenen Wartezimmer ausgebreitet. Der elfjährige Junge hat sechs Patienten angesteckt. Zwei werden an SSPE sterben. Holzhausen hat die Ausdrucke der Patientendaten aufgehoben, er hält sie in der Hand und sagt: „So war es. Kein Zweifel.“ Die Stimme wird dünn. „Das belastet mich, immer noch.“

Damals fasst Holzhausen einen Entschluss: Er wird kein Kind mehr behandeln, das nicht geimpft ist. Von Notfällen und medizinisch begründeten Ausnahmen abgesehen. Wer sich weigert, sein Kind gegen Masern impfen zu lassen, muss sich fortan eine andere Praxis suchen. Und er beginnt zu grübeln: Wie oft hat er in seinen Jahrzehnten als Arzt Kinder mit Hirnerkrankungen erlebt. „Viele hatten sicher SSPE, es wurde nur nicht nachgewiesen.“ Und Ansteckungen im Wartezimmer, von Eltern seit jeher gefürchtet, wird es auch schon immer gegeben haben – nur sind die eigentlich nicht nachweisbar. Es sei denn, einer wie Holzhausen folgt seinem Streben nach Erkenntnis.

Die Infektion aus dem Wartezimmer – diese Erkenntnis ändert auch Oxana Giesbrechts Sicht auf die Dinge. Sie kam erst als
Jugendliche nach Deutschland, wuchs in der Sowjetunion auf. „Da wurde keiner gefragt, da wurden alle geimpft.“ Ihr war lange Zeit nicht klar, dass in Deutschland gar kein Impfzwang besteht. Sie zeigt eine Narbe auf ihrer rechten Schulter, charakteristisches Mal der Pockenimpfung. Die war im Gegensatz zur Masernimpfung alles andere als harmlos. Auf eine Million Impfungen kamen statistisch 1000 schwere Erkrankungen, dreißig Dauerschäden und zwei Todesfälle. Experten sagen hinter vorgehaltener Hand: Zum Glück war die Öffentlichkeit für diese Nebenwirkungen nicht sensibilisiert, das hätte die weltweite Impfkampagne wohl scheitern lassen. In den 1970er Jahren konnten die Pocken ausgerottet werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO strebt seit Jahrzehnten an, die Erfolgsgeschichte zu wiederholen, diesmal bei den Masern: Bis 2010 sollte diese gefährlichste aller Kinderkrankheiten zumindest in Europa eigentlich ausgerottet sein.

Aber das hat nicht funktioniert. Warum? „Die Masern haben ihren Schrecken verloren“, konstatiert Holzhausen. Die Fallzahlen sind zurückgegangen in den vergangenen Jahrzehnten, von mehreren Zehntausend in den 1960er Jahren auf normalerweise weniger als tausend Fälle heute. Die Komplikationen wie Ohr- und Lungenentzündungen können heute besser behandelt werden. Das habe die Impfneigung gedämpft und auch viele Ärzte schludrig werden lassen, gerade die jüngeren, glaubt Holzhausen: „Die haben das Elend ja nie gesehen, das die vermeintlichen Kinderkrankheiten anrichten.“ Das Wort „Kinderkrankheiten“ spuckt er aus wie eine tote Fruchtfliege.

Mit Aufkommen des Internets verbreiten sich zudem die Theorien der Impfgegner: Nebenwirkungen würden systematisch verharmlost, die Pharmaindustrie frisiere Studien, das kindliche
Immunsystem stähle sich nur im Kampf gegen Viren. Viele Kinderärzte scheuen die mühsamen Diskussionen mit skeptischen Eltern. „Ich mache nicht die Eltern verantwortlich, sondern die Ärzte“, sagt Holzhausen.

In manchen Ortschaften in Deutschland sind heute weniger als die Hälfte der Erstklässler gegen Masern geimpft. Und auch ihre Eltern haben oft keinen Schutz. Was das bedeutet, kann Peter Seiffert, Chef der Duisburger Kinderklinik, erklären. Peter Seiffert hat schon einige Kinder an SSPE sterben sehen. „Das ist eine große Belastung.“ Besonders schmerzlich ist der Fall der kleinen Michaela, die er momentan in Behandlung hat, ohne Aussicht, sie zu heilen. Michaela wurde als Säugling ausgerechnet von ihrer Mutter angesteckt. Die wusste nicht, dass sie als Kind gar nicht geimpft worden war. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts ist nur gut die Hälfte der Dreißig- bis 39-Jährigen überhaupt gegen Masern geimpft. Ausgerechnet die
aktuelle Elterngeneration stellt also ebenfalls ein großes Risiko für ihre eigenen Babys dar.

In Bad Salzuflen starben zwei von drei Säuglingen, die sich im Wartezimmer mit Masern angesteckt hatten, Natalie im Oktober 2011. Holzhausen wusste über all die
Jahre, wer das dritte Baby war, das damals Masern hatte. Natürlich hat er den Eltern
nie erzählt, dass ihr Sohn einmal unheilbar erkranken könnte. Der Junge ist verschont
geblieben, bislang hat es noch keinen SSPE-Fall gegeben, der später als zehn Jahre nach der Masernerkrankung aufgetreten ist. Er war am 17. Mai 1999 übrigens aus gutem Grund in der Praxis. Holzhausen impfte ihn gegen Diphterie, Tetanus und Keuchhusten.

Warum also hat es Micha erwischt? Zornig hat Oxana die Frage Gott entgegengeschleudert in ihren Gebeten. Als das „Monster im Kopf“ sich wieder zurückmeldete,
als Micha unter Schmerzen wimmerte und das Morphium nicht wirkte. Den Urlaub in Cuxhaven 2005 mussten sie abbrechen: Der Wind, die Sonne, alles war Micha zu viel. Danach machte die Familie ihren Jahresurlaub immer ohne ihn.

Am 10. Juni 2013 schlugen die Maschinen an Michas Bett noch einmal Alarm. Seine Eltern eilten herbei. Aber Micha schien plötzlich entspannt wie selten. In den Armen seines Vaters machte er noch drei tiefe Atemzüge. Dann hatte sich das Monster ausgetobt.

Bei der Trauerfeier im Juni trat auch Christoph Holzhausen an Michas Sarg. Die Giesbrechts hatten entschieden, ihn geöffnet zu lassen, so blickte der Kinderarzt ein letztes Mal in das Gesicht seines früheren Patienten. „Es war gar nicht so verkrampft und entstellt, wie ich es erwartet hatte“, erinnert sich Holzhausen. Oxana Giesbrecht geht auf den Mann zu, der ihre vier Jungs begleitet hat, seit sie Babys waren, sie ergreift seine Hand und sagt: „Ich möchte, dass Sie eines wissen: Sie trifft keine Schuld.“

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