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Vorsicht, Teilwut!

Warum es so schwer ist, Bilder der eigenen Kinder nicht online zu stellen - und warum man es trotzdem auf keinen Fall tun sollte.

Text: Meredith Haaf | Foto: Kniel & Mess

Jede Schwangerschaft hat ihre eigenen Begleiterscheinungen, Kohldampf, Kotzen, Sexsucht und so weiter. Bei mir kam noch dauerndes Kopfschütteln dazu. Das lag daran, dass ich während meiner Schwangerschaft sehr viel Zeit vor dem Computer verbrachte. Deshalb geriet ich täglich in Versuchung, diese Internetforen zu besuchen, in denen sich werdende Mütter unter Namen wie „Karin mit Toni inside (24 SSW)“ über ihre Schwangerschaftsentwicklungen austauschen.

Viele von ihnen legen Profile an und laden dort erst Ultraschallscans, dann Bilder ihrer wachsenden Bäuche und schließlich Fotos ihrer verschrumpelten Neugeborenen hoch, damit alle Mädels in der Community an ihrem Glück teilhaben können. Ich verglich die Bäuche der Gleichschwangeren mit meinem eigenen und schüttelte den Kopf: Warum sollte man das tun?, fragte ich mich.

Wie entfesselt kann der Exhibitionismus sein, der einen veranlasst, Aufnahmen des eigenen Körperinneren zur Schau zu stellen?

Wie man das so macht, wenn man durchs Internet hechelt, floh ich dann oft zu Facebook, aber das half auch nicht: Seitdem meine alte Studienkollegin Carina endlich Mutter geworden ist, machen sie und „das Muffelchen“ viele Ausflüge, wobei das sechs Monate alte Muffelchen stets in sehr adrette Gewänder gehüllt ist, die Carina offenbar selbst anfertigt. Dass das so ist, weiß ich, weil Carina nicht nur ihre diversen Versuche, schwanger zu werden, auf ihrer Facebook- Timeline fein säuberlich inklusive späterer Ultraschallbilder dokumentiert hat, sondern auch mindestens einmal pro Woche ein neues „Muffelchen“-Album hochlädt.

Und dann gibt es noch Dominique, die für eine zweifache Mutter nicht nur ungewöhnlich frivole Party-Pics von sich online stellt, sondern auch sehr viele, eher unsüße Minifilme ihrer beiden Kinder, die zur Gattung der verzogenen Bratzen gehören. Ich habe die zwei nie getroffen. Es ist einfach die Art und Weise, wie ihre Mutter sie mir präsentiert, die sie mir unsympathisch macht.

Das ist die eine Gefahr, wenn man Bilder der eigenen Kinder ins Internet stellt: Diese Bilder gucken sich Menschen wie ich an, die sehr neugierig und gleichzeitig sehr leicht zu irritieren sind. Menschen, die Kinder, die sie nicht kennen, blöd finden – einfach nur wegen der Bilderauswahl, die ihre Eltern treffen.

Das ist von mir natürlich extrem ungerecht gegenüber den unschuldigen Kleinen – aber eigentlich finde ich es vor allem extrem ungerecht von den Eltern. Schließlich haben die ihre Kinder auf diese Weise online gestellt.
Angeblich sind zwei Drittel aller Kinder unter zwei Jahren mit Bildern im Internet zu finden, das behauptet zumindest der Internetdienst golem.de. Egal, wie viele es wirklich sind, eindeutig haben null von ihnen das selbst veranlasst. Man kann dazu natürlich sagen: Der oder die Erziehungsberechtigte entscheidet ja sonst auch selbstständig darüber, was für das Kind das richtige ist. Warum sollte das bei der Internetpräsenz anders sein? Das stimmt natürlich, das Problem ist nur, dass so viele von uns Erwachsenen selbst das Vernunftpotenzial von Teenagern haben, was soziale Netzwerke angeht.

Wir wissen ganz genau, dass Facebook alles speichert, und wo das alles auftauchen kann, aber wir wollen doch bitte, bitte noch ein paar Likes. Wir gucken uns im Internet gern selbst an und wir finden es sehr wichtig, dass andere das mögen, was man von uns im Netz sieht – und nur weniges mag die Welt so gern wie schnuckelige Kleinkindfotos.

Der Unternehmer Stefan Freise hat deswegen die Initiative „Keine Kinderfotos im Social Web“ gegründet. Seine Arbeit besteht bisher vor allem darin, eine Facebook-Seite zu betreiben, mit deren Hilfe er Bewusstsein für das Thema schaffen will. Er sagt: „Eltern übergehen im eigenen Interesse die Persönlichkeitsrechte ihrer Kinder.“ Für ihn sei das das eigentliche Ärgernis. „Mit der Anti-Pädophilen- Front will ich aber nichts zu tun haben.“ Laut Staatsinstitut für Frühpädagogik nutzen viele Pädophile frei verfügbares Bildmaterial.

Es gibt also mehr als genügend Gründe dafür, niemals irgendwelches Bildmaterial der eigenen Kinder online verfügbar machen.

Und trotzdem ist es schwer, der Versu chung zu widerstehen. Abgesehen davon, dass gerade Babys (zumindest im Bild) meist unbestritten süße Dinger sind, die ihre Eltern und Angehörigen permanent mit irrationalem Stolz erfüllen – sie sind auch massive Lebensveränderer. Unsere Generation ist es gewohnt, schon so mäßig bewegende Erlebnisse wie eine Urlaubsreise oder einen „Tatort“- Abend per Statusmitteilung oder Tweet an die Halböffentlichkeit des sozialen Netzwerkes zu versenden. Insofern stellt es eine gewisse Herausforderung dar, ein solches Megaereignis wie ein neues Kind lediglich im Echtleben zu feiern. Ich weiß, wovon ich spreche: Wenige Wochen, nachdem mein eigenes Baby zur Welt gekommen war, wandelte sich mein abgeklärtes Schwangerenhirn in einen benebelten Neumutterapparat, der nach dem ersten Ausflug zurück ins Internet beschloss, dass mein aktuelles Profilbild, ein professionelles Porträt, dem neuen Ich einfach nicht mehr gerecht würde. Schon bald zierte die extrem reizende Schnute meines Jungen meine Facebookseite, und, wer hätte es gedacht: Sie sammelte beträchtlich „Likes“.

Und natürlich sind die Online-Fotos auch praktisch: Gerade, wenn Oma und Opa, Tante und Freunde nicht gleich um die Ecke wohnen, ist es die einfachste Möglichkeit, sie trotzdem, wenigstens ein bisschen, am Familienleben teilhaben zu lassen. Allerdings gibt es auch durchaus Möglichkeiten, Babyfotos mit anderen zu teilen, ohne den Nachwuchs als „Like“-Lieferer bei Facebook einzusetzen (siehe Kasten auf der nächsten Seite).

Gut haben es auch die Eltern, für die das Internet nur zum Informieren, Einkaufen oder Ignorieren da ist. Sie sind auf Facebook nicht registriert oder haben dort nur das absolute Datenminimum vermerkt und als Profilfoto nicht irgendein vorteilhaftes Selbstporträt mit Sonnenbrille, sondern eine schöne Landschaft aus dem letzten Urlaub oder ein normales Porträt. Der Vorteil dieser Menschen:

Ihnen ist es egal, wie sie im Internet aussehen. Das ist die Art von Eltern wie die der sechs Kinder in Goslar, die vor ein paar Monaten in die Zeitung kamen. Die Schule veranstaltete eine Lesung und wollte davon Fotos auf die eigene Facebook-Seite stellen.

Weil die besagten Eltern das verboten, schloss die Leitung die Kinder einfach von der Veranstaltung aus, was in Niedersachsen zu einem kleinen Skandal führte.

Den Kindern selbst wäre es wahrscheinlich sogar egal gewesen. Allein in den USA sind über sieben Millionen Unter-Dreizehnjährige bei Facebook registriert. Auch im deutschsprachigen Raum werden es immer mehr. Diese Kinder möchten aber wohl kaum Bilder von sich im Internet finden, die sie da nicht selbst hingetan haben. Und sie brauchen Eltern, die ihnen zeigen, was Zurückhaltung bedeutet – und sich nicht online selbst noch in der Pubertät befinden.

FOTOS TEILEN:

Mit Oma und Opa – Digitaler Bilderrahmen:

So funktioniert’s: Direkt vom Familienurlaub ins Wohnzimmer der Großeltern: Die Wifi-Bilderrahmen haben eine personalisierte E-Mail- Adresse, an die die Fotos versendet werden. Mehr als einen WLAN-Anschluss brauchen die Empfänger nicht.
Vorteile: Die Bilder kommen sicher nur im ausgewählten Zimmer an.
Nachteile: Noch sehr wenige Modelle sind leicht zu bedienen und haben eine gute Auflösung.
Zum Beispiel: Kodak Pulse W730S 7″, ca. 170 Euro.

Oder: Familiar-App:

So funktioniert’s: Im Prinzip dasselbe wie ein digitaler Bilderrahmen. Nur dass sich die Fotos von iOsund Android-Handys nicht nur auf einen Rahmen, sondern als Album oder Bildschirmschoner auf Computer oder Smartphones übertragen lassen.
Vorteile: Einfach zu bedienen; gratis.
Nachteile: Noch sehr neu und wenig Erfahrungsberichte; beide Seiten müssen die App installiert haben.

Mit den engsten Freunden – Dropbox:

So funktioniert’s: Das Programm legt auf dem Computer einen Ordner an. Alle Dokumente darin werden online gespeichert – dort können autorisierte Personen darauf zugreifen.
Vorteile: Der Speicher des eigenen Rechners wird nicht belastet. Dateien lassen sich direkt vom Handy hochladen.
Nachteile: Wie bei allen Cloud-Diensten gibt es Sicherheitsbedenken, ob alle Daten gut genug verschlüsselt sind; in der Gratisversion nur 2 GB Speicherkapazität.

Oder: Von Handy zu Handy:

So funktioniert’s: Die neuesten Smartphones (I-Phones mit iOs 6 oder auch Samsung Galaxy SIII) verfügen über eine Funktion, bei der die Bilder wie bei Dropbox online gespeichert werden. Wird der Ordner für einen anderen Nutzer freigegeben, kann der direkt darauf zugreifen.
Vorteile: Bequemer geht’s nicht!
Nachteile: Alle Beteiligten benötigen dasselbe Betriebssystem.

Mit Bekannten – Flickr:

So funktioniert’s: Viele Mitglieder der Foto-Community von Yahoo! tauschen öffentlich ihre Bilder aus. Es gibt aber auch die Möglichkeit, sie nur für Freunde freizugeben. Ähnlich: Picasa von Google.
Vorteile: Keine App nötig.
Nachteile: Uploadlimit in der Gratisversion; der Pro-Account kostet 24,95 Dollar/Jahr.

Mit der ganzen Welt – Instagram:

So funktioniert’s: Die derzeit wahrscheinlich populärste Foto-App: einfach öffnen, Bilder auswählen, mit Filter bearbeiten und teilen – nur mit Instagram oder auch mit Facebook/Twitter.
Vorteile: Einfach und schnell von unterwegs zu bedienen; viele schöne Bearbeitungsmöglichkeiten.
Nachteile: Wer den Account nicht auf privat setzt, dessen Fotos sind für alle sichtbar – selbst für nicht angemeldete Nutzer.

Mit wem ich will – Facebook:

So funktioniert’s: Im größten sozialen Netzwerk der Welt gibt es verschiedene Möglichkeiten, Bilder zu teilen: Über Listen kann bestimmt werden, welche Freunde was sehen dürfen – und es lassen sich sogar Fotos privat hochladen, deren Links an Bekannte verschickt werden können, die selbst keinen Account haben.
Vorteile: Hier sind sowieso schon fast alle angemeldet; das Hochladen der Bilder geht schnell und einfach.
Nachteile: Der Hauptgrund, warum man sich gut überlegen sollte, ob man wirklich Fotos über Facebook teilt, ist die Rechtefrage:

Es gibt immer wieder Diskussionen darüber, wer die Rechte an den einmal hochgeladenen Bildern hat: Darf Facebook damit Werbung machen? Und was geschieht mit den gelöschten Bildern? Natürlich gibt es Möglichkeiten, die Rechte des sozialen Netzwerks über die Privatsphäreeinstellungen zu begrenzen, allerdings ist Facebook bemüht, sie gut zu verstecken.

Zudem löscht das Unternehmen immer wieder Fotos, die es für unangemessen hält.

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