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Weiter eine Familie

Wenn Kinder kommen, geht manchmal die Liebe verloren. Unser Autor meint: Das muss nicht das Ende der Partnerschaft sein.

Text: Johann Filber

Ich leide unter partieller Blindheit. Staub zum Beispiel sehe ich kaum, mit herumliegenden Kleidungsstücken ist es genauso, und wenn ich abwasche, lasse ich jedes Mal einen Topf oder ein Messer ungewaschen in der Spüle liegen. Ich habe einen irritierenden Hang zum Unvollkommenen. Die Frau, mit der ich ein Kind habe, hat das immer gestört. Sie versteht es nicht, wie vieles andere, zum Beispiel unsere unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Ich erledige nur die Dinge schnell, die mir wichtig sind, die anderen können sich ziehen. Zögern kennt sie nicht und auch meine Zerstreutheit in Gesprächen ist ihr fremd – wenn es wichtig ist und ich nicht zuhöre. Vergesslich bin ich auch und einiges Schlimmeres mehr. Kurz: Ich genüge in vielem nicht dem, was sie sich einmal von ihrem Partner erhofft hat. Das gilt auch umgekehrt. Über ihre Schwächen aber schweige ich, denn eine meiner Stärken ist der Anstand.

Nun könnte man sagen: Kleinigkeiten, das ist doch alles nicht so schlimm. In der Liebe muss man die Erwartungen an den anderen dämpfen – je mehr man auf Vorstellungen beharrt, desto größer wird die Enttäuschung. Der Philosoph Friedrich Nietzsche, selbst zeitlebens in der Liebe unglücklich, schrieb, dass man die Liebe lernen müsse, dass es Mühe und Willen brauche, die Fremdheit des anderen zu ertragen und dass man Mildherzigkeit gegen dessen Wunderlichkeiten walten lassen müsse. Er mag recht haben, klingt vernünftig. Für uns genügte Milde aber nicht mehr, wir bekamen ein Kind, die kleinen Risse wurden zu unüberwindbaren Schluchten, wir verloren unsere Liebe. Denn nicht mehr nur das Wunderliche, die Schwächen des anderen strapazierten nun die Mildherzigkeit, die ganze Organisation des Alltags tat es. Wollte ich Freiheit, und sei es nur ein Kinobesuch, musste ich fragen, ob sie sie mir gewährt. Wenn man kein Kind hat, muss man das nicht. Hat man eins, bestimmt dessen Betreuung, wie die Zeit von Vater und Mutter eingeteilt wird.

Kein Weltuntergang, aber es wälzt die Beziehung vollkommen um. „Das ist Familie, du bist nicht mehr allein, du egomaner Hedonist, es gibt neue Verpflichtungen, kapier das doch endlich“, würde meine Mutter sagen, wenn sie sich trauen würde. Aber so einfach ist es nicht. Die Rollenbilder lösen sich auf, Frauen und Männer wollen das Gleiche – Karriere, Kinder, auf die Kacke hauen. Alles muss verhandelt werden: Wer arbeitet wann und wie viel, wer putzt, wer kocht, wer bringt dem Kind das Fahrradfahren bei. Wenn beim streng getakteten Alltag dann einer nicht mitzieht, weil er etwa immer den letzten Topf nicht abspült, kommt es zum Vorwurfs- Shootout: „Du machst dies immer, und du machst das immer nicht, und du und du und immer, immer, immer …“. Keiner gewinnt, beide verlieren sich. Die Seltsamkeiten des anderen, die vielleicht einmal charmant waren, werden zur Last. Die Pest der nicht erfüllten Erwartungen breitet sich aus. Man kann die Liebe nicht mehr lernen, man vergisst sie. So war es bei uns.

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