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Wie glücklich machen Kinder?

Sie bringen einem zum Lachen. Sie können unglaublich nerven. Sie sind das größte Geschenk, das man bekommen kann. Oder?

Wer sich ein Kind wünscht und es dann auch bekommt, erwartet, dass es einen glücklich macht. So wie es sich ja eigentlich mit jedem Wunsch verhalten sollte, der einem erfüllt wird. Rike Drust kann sich noch gut erinnern, wie sie hochschwanger war und Bilder in ihrem Kopf herumspukten: ihr Mann und sie, an den Türrahmen gelehnt. Sie schauen verliebt auf ihren kleinen Sohn, warmes Sonnenlicht fällt in das Zimmer, das Baby liegt in seinem Bettchen, gluckst vor sich hin, dicke Bäckchen, süße Fäustchen, ein vollkommener Moment, das reine Glück. „Ich hatte so weich gezeichnete Fantasien, wie im Film. Die die meisten anderen werdenden Eltern vermutlich auch haben.“

Monate später steht Rike Drust vor dem Wickeltisch und heult. Vor Verzweiflung. Vor Erschöpfung. Vor Wut. Ihr Sohn ist unruhig, schläft schlecht. Sie denkt: Himmel, wo ist die Stopp-Taste, die mich aus die- ser Situation befreit? Sie ist schockiert, über sich selbst: „Weil ich mich dabei ertappt habe, mein Kind blöd zu finden.“ Weil sie es eben nicht bedingungslos liebt, obwohl sie es doch sollte. Weil sie eben nicht grundsätzlich nur verzückt ist, sondern manchmal auch ganz schön genervt. Sie kann sich nicht erinnern, verträumt im Türrahmen gelehnt zu haben, zumindest nicht die ersten Monate. Sie erinnert sich an bleierne Müdigkeit, Überforderung, an ein Gefühl des Alleinseins.

Rike Drust, Werbetexterin aus Hamburg, ist Autorin von „Muttergefühle. Gesamtausgabe“, im vergangenen Herbst erschienen, laut Klappentext ein Buch über den „Druck, glücklich sein zu müssen“. Sie hatte die Idee dazu nach einer dieser „stinklangweiligen Kinderwagentouren“. Sie war an einer Wohnung vorbeigegangen, in der eine Mutter versucht hatte, ihr kleines brüllendes Baby zu beruhigen. „Die ist genauso einsam und hilflos wie ich“, dachte sich Rike Drust. Und als sie auf der Suche nach Ratgeberhilfe im „Seifenblasen-niedlich-Land“ landete, war sie sich sicher, selbst etwas schreiben zu müssen. „Die Mütter in diesen Büchern waren debil grinsende Untote, die niemals schlafen mussten und jeden noch so beschissenen Zustand mit Fassung und Dankbarkeit ertrugen.“

Der Druck, glücklich sein zu müssen, sobald ein Kind da ist: Den kennt jede Mutter, jeder Vater. Es ist eine unausgesprochene Erwartungshaltung der Gesellschaft, der Großeltern, ach eigentlich aller: Es gibt kein größeres Geschenk, als ein eigenes Baby zu bekommen, also sei dankbar, erfüllt, beseelt. Die „debilen Untoten“, diese dauergrinsenden jungen Mütter und Väter, die durch die Werbung für Milchpulver, Tragehilfen und Fencheltees geistern, die rosaroten und hellblauen Parallelwelten, in die man als junge Eltern eintaucht, sobald man auch nur ein Spucktuch kaufen möchte – sie alle tragen zu einem seltsamen Paradox bei: In Momenten größter Einsamkeit und Erschöpfung – und diese Momente kennt eben auch jeder – fühlt man sich doppelt schlecht. Weil es einem nicht nur schlecht geht, sondern sich dazu auch noch das Gefühl gesellt, sich nicht schlecht fühlen zu dürfen.

Rike Drust sagt, sie wollte ein „Zeichen setzen“, ein Buch schreiben, das „wie eine beste Freundin ist“ und alle Höhen und Tiefen beschreibt. Das endlich ehrlich ist. Und sie hat damit eindeutig den Zeitgeist getroffen: Denn nachdem Eltern jahrelang von Ratgebern wie „Mein Baby – Das 1. Jahr“ oder „Jedes Kind kann schlafen lernen“ belehrt wurden und zwischendurch mit alarmiertem Unterton der „Erziehungsnotstand“ ausgerufen wurde, gibt es plötzlich eine neue Sorte von Elternbüchern: Die der deftigen, schonungslosen Bekenntnisse – keine herzerwärmenden Väterberichte von der „Wickelfront“, sondern zum Teil ziemlich beklemmende Offenbarungen aus der Familienhölle. Da geht es wirklich überhaupt nicht mehr um die besten Breirezepte, die wirkungsvollsten Schlafrituale, die schönsten Kinderspiele.

Sondern um fiese Brustentzündungen, übel riechende Babykotze, streitende Eltern. Die Titel dieser Bücher klingen nicht mehr lieblich, sondern radikal: „No Kid: 40 Gründe, keine Kinder zu bekommen“ (geschrieben von einer zweifachen Mutter), „Verdammte Scheiße, schlaf ein!“ oder einfach „Wer sagt, dass Kinder glücklich machen?“. In „Kinderkacke. Das ehrliche Elternbuch“ des Paares Julia Heinemann und Thomas Lindemann, schreibt die Mutter: „Mir fällt ein, wie ich schon am Mittag aus dem Flaschenregal wahllos vier verschiedene Schnäpse in mich hineingeschüttet habe, weil ich es nicht mehr aushielt.“ Und der Vater: „Wenn wir nicht fix zur Sache kommen beim Sex, passiert gar nichts mehr.“ Diese Bekenntnisbücher sind nur die logische Weiterentwicklung dessen, was User und Userinnen schon seit Jahren in Internetforen anonym preisgeben: „Ich habe so darauf gewartet, dass ich glücklich werde, wenn die Händchen um meine Finger fassen, … ich war froh, wenn ich meiner Schwiegermutter das kleine Bündel in den Arm drücken konnte“, schreibt eine unter dem Nicknamen „hilfe3“. Die Amerikanerin Ayelet Waldman, Mutter von vier Kindern, Autorin von „Böse Mutter“ und so etwas wie die Vorreiterin der „Ich-sage-jetzt-malwie- Elternsein-wirklich-ist“-Welle, bekennt in einem Interview: „Nicht glücklich zu sein war Ausweis meines Versagens … Wir erwarten, dass uns die Elternrolle glücklich macht. Obwohl wir selbst einmal Kinder waren und noch ziemlich gut wissen, dass unsere Eltern keineswegs immer glücklich waren.“

Wenn man diese Bücher liest, scheinen sie einen geradezu anzubrüllen: Liebe Eltern, ihr seid einem riesigen Betrug aufgesessen! Kinder machen nicht furchtbar glücklich, so wie es einem die eigenen Eltern, Medien, die Kleinkind-Produkte- Kataloge einflüstern. Sie machen einen in erster Linie fertig. Vergräbt man sich dann noch in die Erkenntnisse der Glücksforschung, steigt die Laune auch nicht unbedingt: 2003 beispielweise werteten die Psychologen W. Keith Campbell und Jean Twenge 97 Studien aus – mit einem klaren Ergebnis: Wer Kinder bekommt, ist in den ersten Jahre eher unglücklich. Während der Grundschulzeit steigt die Glückskurve wieder an, bevor sie während der Pubertät komplett in den Keller rauscht. Erst wenn die Kinder aus dem Haus ausziehen, sind viele Eltern – sofern sie dann überhaupt noch zusammen sind – glücklicher als gleichaltrige Kinderlose.

Natürlich gibt es nach diesen Studien graduelle Unterschiede – ist man verheiratet (gut) oder hat man viele Kinder (weniger gut), und auch in welchem Land man lebt, ist nicht egal. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock veröffentlichte im vergangenen Jahr das Ergebnis einer Studie, für die weltweit 200 000 Frauen und Männer in 86 verschiedenen Ländern zu Kindern und Lebensglück befragt worden waren. Wie zufrieden Eltern sind, hängt auch davon ab, wie sehr der Staat sie unterstützt – und zwar vor allem durch Kinderbetreuung. Was erklärt, warum deutsche Eltern nur im Mittelfeld liegen, abgeschlagen hinter den skandinavischen Ländern und Frankreich. Und in einer Umfrage des Allensbach-Instituts sagten im vergangenen Jahr nur knapp die Hälfte der Deutschen, nämlich 47 Prozent, Kinder seien eine Voraussetzung dafür, wirklich glücklich zu sein.

Das ist eine Menge Statistik, aber mit einer gewissen Aussagekraft. Man könnte fragen: Wenn seit Jahren bekannt ist, dass Kinder einen nicht unbedingt glücklich machen – warum bekommt man dann noch welche? Vielleicht liegt es an dem, was Wissenschaftler das „Paradox der Elternschaft“ nennen, was man aber auch genauso gut als den unbedingten Willen zur Arterhaltung bezeichnen könnte: Kinder müssen als ein Quell des Glücks erscheinen, weil die Menschen ansonsten einfach keine Kinder mehr bekommen würden. Eltern, haben kanadische Forscher herausgefunden, idealisieren das Elternglück, um die gewaltigen Mühen, die sie für ihren Nachwuchs auf sich nehmen, innerlich zu rechtfertigen.

Der amerikanische Psychologe Daniel Gilbert behauptet, Eltern belögen sich, um den frustrierenden Alltag zu verdrängen – und vergleicht Kinder sogar mit Heroin. Habe man sie erst einmal in sein Leben gelassen, würden alle Dinge, die man früher gerne gemacht habe, verdrängt. Freunde treffen, Sex haben, zu zweit ins Kino gehen.

Und jetzt: Stopp. Ist das alles wirklich so? Oder ist es möglicherweise ganz anders, nämlich, dass das Glück, das Kinder bedeuten, völlig abseits liegt von dem, was die Wissenschaft mit ihren Skalen, Tabellen und Umfrageergebnissen zu erfassen versucht? Dass es einfach um eine andere Art von Glück geht, ein beiläufigeres Glück, mehr um eine „untergründige Musik“, wie es der Philosoph Dieter Thomä (siehe Interview) nennt? Die Glückswissenschaft untersucht, wenn man so will, eine Art Lebenszufriedenheit. Sie fragt nach Stress, danach, wie selbstbestimmt man sich fühlt, solche Sachen, und wie man sich auf einer Glücksskala selbst einstuft. Ja, Eltern fühlen sich meistens ziemlich gestresst, meistens fremdbestimmt und in einer schlechten Phase vermutlich auch nicht überglücklich. Wenn ihr Kind durch den Supermarkt tobt und brüllt, die letzte Schulnote schlecht war, man seit zwei Stunden mit einem fiebernden Kind im Wartezimmer sitzt. Aber Eltern werden im größten Stress immer von Momenten zehren, die sie sehr glücklich gemacht haben. Der Zweijährige, der mit Verstecken spielen will und sich einfach die Augen mit seinen kleinen Händchen zuhält. Die Vierjährige, die nach vielen rührenden Versuchen plötzlich alleine davonradelt. Der Sechsjährige, der einem seinen ersten Brief schreibt, voller Rechtschreibfehler, aber absolut herzerwärmend. Eltern werden sich noch Jahre später an den Duft von Kinderhaaren erinnern, sie werden immer das Gefühl abrufen können, wenn sich weiche warme Körper beim Vorlesen an einen schmiegen, sie werden immer innerlich auflachen können in der Erinnerung an lustige Gespräche mit ihren Kindern. Könnte es also sein, dass es bei Eltern eine gewisse Gleichzeitigkeit gibt – ein alltägliches Unglück neben einem langfristigen echten Glück? Selbst die Glücksforscherin Sonja Lyubomirsky gibt zu: „Kinder zu haben, schenkt Menschen viel Wertvolles und Wichtiges, das zum Glück beiträgt, aber mit den üblichen Fragebögen nicht gut zu erfassen ist.“

Es ist also einfach eine Frage der Definition: Was ist Glück? Der Philosoph Wilhelm Schmid unterscheidet in seinem Buch „Glück“ drei Formen. Da ist das reine „Zufallsglück“, also ein Lottogewinn beispielsweise, und daneben das „Wohlfühlglück“, bei dem es darum gehe, guter Stimmung zu sein. „Die moderne Spaß- und Erlebnisgesellschaft wäre ohne Streben nach Glück in diesem Sinne gar nicht denkbar gewesen.“ Und dann ist da noch das „Glück der Fülle“, das sich gerade nicht durch eine permanente Jagd nach positiven Erlebnissen auszeichne, sondern durch ein tieferes Verständnis davon, dass es nicht nur Freude, sondern auch Schmerzen im Leben gibt, nicht nur schöne Erfahrungen, sondern manchmal auch furchtbare. Es ist sozusagen ein Ganzheits-Glück, ein Glück, bei dem sich Eltern wohl am ehesten wiederfinden. Sie können vielleicht keine spontanen Städtereisen mehr machen und nicht mehr so oft schick essen gehen und statt Wellness wünschen sie sich einfach mehr Schlaf. Ihr „Wohlfühlglück“ ist kleiner. Dafür sind sie einer echten Extremerfahrung ausgesetzt, mit vielen Höhen und manchen Tiefen. Die sie am besten bewältigen, wenn sie sie auch im Sinne des „Glücks der Fülle“ als Erfahrung ansehen.

Rike Drust ist vor Kurzem 36 Jahre alt geworden. An dem Tag „haben wir eigentlich nur rumgegammelt. Wir haben Matratzen ausgelegt und Purzelbäume darauf geschlagen.“ Vollkommen unspektakulär also. „So glücklich wie an diesem Tag“, sagt sie, „bin ich ohne Kind nie gewesen.“

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