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Wie Kinder trauern

Die Oma liegt im Sterben, mit dem Onkel geht es zu Ende: Wie soll man mit Kindern darüber sprechen? Die Psychologin Barbara Cramer sagt: Möglichst ehrlich.

Interview: Julia Decker | Fotos: Dara Scully

Nido: Frau Cramer, Sie arbeiten als Psychotherapeutin mit sterbenden und trauernden Kindern und Erwachsenen. Haben Sie Angst vor dem Tod?

Barbara Cramer: Kein Mensch kann von sich sagen, er habe überhaupt keine Angst vor dem Tod. Früher hatte ich große Angst. Heute stehe ich dem Tod, zumindest im Augenblick, eher gelassen gegenüber.

Wie kam es zu dieser Veränderung?

In meiner Familie kam der Tod nicht vor, es wurde nie über ihn gesprochen. Er wurde verdrängt. Während der letzten zehn Jahre habe ich mich viel mit dem Thema beschäftigt und diese Auseinandersetzung hat mir geholfen. Es ist immer wieder anstrengend, über ihn zu sprechen. Aber meistens sind die Leute danach dankbar.

Wann sollte man mit Kindern übers Sterben sprechen?

So früh wie möglich und ohne Anlass. Nicht erst, wenn jemand in der Familie gestorben ist. Man kann schon mit Dreijährigen über den Tod sprechen. Je früher das Wort zum selbstverständlichen Wortschatz gehört, desto besser.

Warum?

Weil sich keine komischen Fantasien aufbauen können, die Kinder beunruhigen. Ich kenne ein fünfjähriges Mädchen, das seine verstorbene Großmutter beim Malen immer nur zur Hälfte gemalt hat, weil sie sich bei der Beerdigung gefragt hat, wie sie in eine so kleine Urne passt. Ich hatte auch einen Jungen bei mir in Behandlung, der im Kindergarten auffiel, weil er nicht mehr klettern wollte. „Man muss immer gut aufpassen, denn wenn man hinfällt, dann ist man tot“, hat er zu mir gesagt. Er hatte gesehen, wie seine Großmutter auf der Treppe gestürzt war, ins Krankenhaus kam und kurze Zeit später starb. Also bedeutete hinfallen für ihn sterben! In den Gesprächen mit den Eltern kam dann raus, dass sie mit dem Jungen überhaupt nicht über den Tod der Oma gesprochen hatten.

Für viele Eltern dürfte es seltsam sein, aus heiterem Himmel über den Tod zu sprechen.

Ich empfehle immer, mit dem Kind Bilderbücher anzuschauen, die machen es leichter. Wörter wie Sterben, Tod, Traurigkeit, Beerdigung kommen darin ganz selbstverständlich vor. Auch helfen die Bilder das verständlich zu machen, wofür die Wörter fehlen. Es ist aber wichtig, das Buch vorher alleine zu lesen, nicht nur um nachzusehen, was dort gesagt wird. Auch, um zu sehen, an welchen Stellen das Buch einen selbst rührt. Es hilft, sich das Buch mehrmals laut vorzulesen, dann wird auch die Stimme fester. Ein Kind erinnert sich viel mehr an die Stimmung, in der über etwas gesprochen wird, als an den genauen Wortlaut.

Bekommen Kinder, die so aufgeklärt werden, nicht Angst vor dem Tod?

Das kleine Kind weiß nichts vom Tod. Ein Kind findet den Tod nicht von selbst zum Fürchten, das wird ihm von seiner Umgebung vermittelt. Deshalb sollte man behutsam sein, wenn man mit Kindern über den Tod spricht. Wenn ein Kind zum Beispiel eine tote Fliege sieht, sollte man sich verkneifen zu sagen: „Pfui, igitt, Vorsicht, nicht anfassen.“ Besser ist es, wenn man dazu ermuntert, Fragen zu stellen. Warum fliegt die nicht mehr? Und so weiter.

Aber oft weiß man selbst keine gute Antwort. Zum Beispiel auf die Frage: Wie geht es der Fliege jetzt?

Man kann ehrlich sagen, dass man es nicht weiß. Unsere Antworten sind gar nicht so wichtig. Wenn das Kind nur alles fragt, was ihm im Kopf herumgeht, dann entstehen weniger Ängste.

Kann man den Umgang mit dem Tod üben, zum Beispiel mit Haustieren?

Es kann Kindern helfen, zu erleben, dass ein Tier stirbt. Es kann auch einfach ein Vogel sein, der gegen eine Fensterscheibe geflogen ist. Statt den Vogel in die Mülltonne zu werfen, kann man mit den Kindern ein Grab schaufeln und Beerdigung spielen. Das machen alle Kinder gern. Und so nimmt man dem Sterben und der Beerdigung das Unheimliche.

Beim Cowboyspielen tun Kinder so, als würden sie sich erschießen. Heißt das, dass sie den Tod begreifen?

Nein, sie legen sich auf den Boden und rühren sich nicht, sind kurz nicht ansprechbar und dann spielen sie weiter. Die Vorstellung „tot sein“ ist gleich „mal kurz weg sein“ und typisch für das Vorschulalter. Eltern erschrecken, wenn Kinder auf dem Friedhof den Opa wieder ausgraben wollen. Kleine Kinder denken eben, der Tod sei ein vorübergehender Zustand. Wenn Kinder ihre Mutter nicht gleich finden, weil sie im Keller etwas holt, kommt auch die Frage: „Bist du tot? Ist Mama tot?“ Oder Kinder sagen plötzlich: „Ich wünschte, du wärst tot.“ Dahinter steckt kein Mordgedanke, sondern eher die Aufforderung: „Geh weg, lass mich mal in Ruhe.“

Wenn man vom Kind die Frage gestellt bekommt: „Mama stirbst du auch?“, erschrickt man aber erst mal.

Sie fragen, weil sie Angst haben, alleine gelassen zu werden, das ist völlig normal im Kindergartenalter.

Es geht einem nicht so leicht über die Lippen, ehrlich zu sagen: „Ja, ich werde auch sterben.“

Aber man kann antworten: „Ich bin noch jung, ich will sehen, wie du groß wirst, ich passe lange auf dich auf, ich will wissen, wie es dir in der Schule gehen wird, aber irgendwann werde ich auch sterben.“

Also immer bei der Wahrheit bleiben?

Ja, es ist wichtig, nichts zurücknehmen zu müssen, von dem, was man gesagt hat. Man sollte aufrichtig aber behutsam sein und den Entwicklungsstand des Kindes berücksichtigen. Und über das Leben erzählen. Jedes Kind macht diese Entwicklungsschritte durch: Zuerst glaubt es, dass nur die alten Menschen sterben. Und im Laufe der Zeit erfährt das Kind, dass alle Menschen altern und sterben, auch sie selber.

Wann begreifen Kinder, was es bedeutet, wenn jemand stirbt?

Mit ungefähr zehn Jahren. Erst wenn sie zählen können, die Uhrzeit beherrschen, Monatsnamen, Wochentage, Begriffe wie „vorgestern“, „übermorgen“, „in einem viertel Jahr“ richtig verwenden, begreifen sie, was das heißt, dass der Opa gestorben ist und nicht wiederkommt. Ein fünfjähriges Kind kann das noch nicht. Anders ist es bei kleinen Kindern, die eine lebensbedrohliche Krankheit haben. Oft sind sie reifer als gesunde Kinder. Sie ahnen, dass sie sterben, und wissen auch, was das bedeutet.

Sie empfehlen, immer ehrlich zu sein, aber es kann doch trösten, wenn man in Bildern spricht und sagt, die Oma hat sich auf eine lange Reise gemacht.

Das hilft nur für einen sehr kurzen Moment. Als nächstes fragen Kinder: Wann kommt die Oma wieder? Warum schreibt sie mir keine Postkarte? Oder sie bekommen plötzlich Angst, wenn die Eltern mal übers Wochenende verreisen. Deshalb: Immer ehrlich bleiben.

Sollte man Kinder auf eine Beerdigung mitnehmen?

Darüber wird in den Familien immer wieder gestritten. Ich empfehle, das Kind mitzunehmen, wenn eine Freundin, ein Pate, jemand, der das Kind gut kennt, sich nur um dieses Kind kümmern kann. Jemand, der zum Beispiel mit ihm einfach aus der Kirche gehen kann, wenn es nicht mehr dabei sein möchte.

Können Kinder verstehen, was da vor sich geht?

Nein, das fällt uns Erwachsenen ja auch oft schwer, es ist für jeden eine komische, unsagbar schwer verständliche und schmerzliche Situation. Es hilft Kindern, wenn sie etwas tun können und nicht passiv einer für sie unverständlichen Zeremonie zuschauen. Sie können in der Kirche eine Kerze anzünden, ein selbst gemaltes Bild oder Spielzeug mit ins Grab geben, Blumen aussuchen, Luftballons steigen lassen. Manche Bestatter erlauben Kindern sogar, den Sarg anzumalen.

Ist es in Ordnung, wenn Kinder mitbekommen, wie erschüttert man selbst ist?

Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn man vor dem Kind weint. Es lernt, dass weinen zum Leben gehört. Aber man sollte es begründen: „Ich weine, weil wir die Oma nicht mehr wiedersehen werden!“ Es gibt so kleine Tricks, die helfen Kindern: Wenn jemand gestorben ist, sollte man nicht sagen: „Es ist etwas ganz Schreckliches passiert!“, sondern: „Es ist etwas Trauriges passiert!“ Das macht einen großen Unterschied. Die Gefühle der Kinder unbedingt zulassen, und bloß nicht an die Vernunft appellieren und sagen: Du musst nicht mehr weinen, du bist doch schon groß.

Zur Person:

Barbara Cramer ist Autorin des Buches „Bist Du jetzt ein Engel? Mit Kindern über Leben und Tod reden“. in den letzten Jahren hat sie mehr als 140 Kinder zu ihrer Vorstellung vom Tod befragt. Die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen lebt und arbeitet in Düsseldorf.

Zum Nachlesen – Bücher die helfen, über das Thema Tod zu sprechen:

1) Susan Varley: „Leb wohl, lieber Dachs“. Annette Betz Verlag, 12,95 Euro.
2) Marie-Thérèse Schins: „Eine Kiste für Opa“. Aufbau Verlag, 16,95 Euro.
3) Max Velthuijs: „‚Was ist das?‘, fragt der Frosch“. Verlag Sauerländer, 12,90 Euro.
4) Ulf Nilsson: „Die besten Beerdigungen der Welt“. Moritz Verlag, 13,95 Euro.

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