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Wie viel Autorität braucht ein Kind?

Der israelische Psychologe Haim Omer ist überzeugt, dass Autorität Kindern gut tut. Ein Gespräch über Verhandlungen im Kinderzimmer und Eltern, die Stärke zeigen, indem sie mal eine Viertelstunde still sind.

Interview: Christian Thiele | Fotos: Stefanie Moshammer

Haben es Eltern heute schwerer als die Generationen der Eltern vor ihnen?
Haim Omer: Viel schwerer.

Warum?
Früher war alles viel klarer. Auftrag der Eltern war es, Regeln und Werte vorzugeben. Auftrag des Kindes war es, sich einzufügen. Kinder erziehen hieß früher, sie zu wohlerzogenen, braven Kindern zu machen. Ein gehorsames Kind zu haben, gilt heute aber schon fast als verfehlte Erziehung. Heute sind wir der Meinung, dass wir unseren Kindern einen Beziehungsrahmen geben sollten, und wenn der stabil und positiv ist, können Kinder innerhalb dieses Beziehungsrahmens gut aufwachsen. Familie ist heute häufig ein Kreis, mit dem Kind in der Mitte. Aber ich glaube, dass Familie eher eine Ellipse sein sollte, mit zwei Zentren – den Eltern und dem Kind. Denn wenn die Eltern im Familienleben nicht bekommen, was sie brauchen, um gute Eltern zu sein, dann werden sie auch nicht imstande sein, dem Kind zu geben, was es braucht.

Was brauchen denn Eltern und was Kinder?
Meine Arbeit zielt darauf ab, Eltern zu helfen, präsenter, unterstützender, weniger einsam und handlungsfähiger zu sein. Wenn sie das lernen, werden sie besser leben und auch besser imstande sein, ihrem Kind einen positiven Beziehungsrahmen anzubieten. Das Kind braucht die Eltern als Anker, der imstande ist, es vor dem Strom der eigenen Triebe zu schützen. Ich glaube, die Eigenschaften, die ich aufgezählt habe, sind die, die unserer Generation am meisten fehlen.

Wie wollen Sie es hinbekommen, dass Eltern präsenter werden?
Wir sollten eine positive Autorität von Lehrerschaft und von Elternschaft fördern.

Erklären Sie doch bitte, was das sein soll: „positive Autorität“?
Ich fange mal damit an, was es nicht sein soll. Das alte Konzept von Autorität basierte auf Distanz. Diese Autorität will kontrollieren und bestimmen, was das Kind macht. Das finde ich falsch. Eltern, Lehrer und andere Verantwortliche sollten unseren Kindern nahestehen. Die herkömmliche Autoritäts­person schuldete niemandem Rechenschaft. Nach dem Motto: „Was ich in meinem Haus oder in meiner Klasse tue, ist meine Sache.“ Diese Immunität wird schnell missbraucht. Und dann ist da noch das Problem mit der unmittelbaren Reaktion…

Was meinen Sie damit?
Kennen Sie diesen Film mit dem französischen Kinderchor „Die Kinder des Monsieur Mathieu“? Im Film gibt es diesen autoritären Schuldirektor, der an einer Stelle sagt: In unserem Heim haben wir einen Grundsatz und der heißt „Aktion-Reaktion“. Ein Kind, das die Regeln nicht befolgt, wird unmittelbar bestraft, sprich: geschlagen. Wer so handelt, der macht sich zur Marionette eines Prinzips und riskiert die permanente Eskalation von Konflikten. Das sind Elemente einer traditionellen Form von Autorität, die ich ablehne.

Es gibt ja schon ein anderes Erziehungsprinzip: die antiautoritäre Erziehung. Sie ist doch als Reaktion auf diese, wie Sie es nennen, traditionelle Form der Autorität entstanden.
Genau, in den 60er, 70er Jahren haben wir versucht, gänzlich ohne Autorität zurechtzukommen. Ziel war es, absolut frei zu sein von jedem Zwang. Eine Erziehung, die nur auf Liebe und Verständnis für das Kind, auf Ermutigung und Freiheit beruht. Das hat so viele Menschen angesprochen, dass es vielleicht zum größten Ideal in der Geschichte der Erziehung wurde.




Das klingt, als hielten Sie nicht viel von diesem Ideal. Was war so falsch daran?
Dass jedes Kind mit dem Kern einer eigenen Identität geboren wird und dass dieser Kern nur aufblühen kann, wenn er ganz frei ist, war eine vielversprechende Idee. Wir haben damals gedacht, dass Kinder so zu besonders selbstständigen, kreativen, sozialen Menschen würden. Und dass dann, wenn diese Kinder groß wären, eine gerechtere, posi­tivere und kreativere Gesellschaft entstehen würde. Aber dieses Ideal hat sich als Illusion erwiesen. Es ist viel darüber geforscht worden, was aus den antiautoritär erzogenen Kindern geworden ist. Es wurde festgestellt, dass Kinder, die so aufwuchsen, häufiger mit bestimmten Problemen zu tun haben als Kinder, die traditionell erzogen wurden.

Was für Probleme meinen Sie?
Diese Kinder haben eine niedrige Frustrationstoleranz, weil sie nicht gelernt haben, sich anzupassen. Und wenn sie älter werden, nehmen sie über­durchschnittlich häufig Drogen, haben sehr früh ungeschützten Sex und kommen mit dem Gesetz in Konflikt. Aber wissen Sie, was mich am meisten überrascht hat an den Ergebnissen?

Nein …
Die größte Überraschung war für mich, dass der Selbstwert dieser Kinder geringer war. Obwohl sie immer so viel Aufmunterung bekommen hatten, ermutigt wurden, positive Rückmeldung erhielten; sie kritzelten etwas auf ein Blatt Papier und wurden für Picasso gehalten. Das Erstaunliche ist doch: Trotzdem hatten diese Kinder einen Mangel an Selbstwert entwickelt. Das klingt paradox.

Wie definieren Sie denn Selbstwert?
Es ist das Gefühl, dass ich zu etwas tauge. Um dieses Gefühl zu entwickeln, müssen Kinder lernen, auch mit Schwierigkeiten zurechtzukommen, nach dem Motto: „Es ist schwierig, aber ich kann es schaffen.“ Viele antiautoritär erzogene Kinder haben solche Erfahrungen nie gemacht. Aber solche Ich-habe-keine-Wahl-Situationen sind so etwas wie das Kalzium, das das Rückgrat unseres Selbstwertes bildet.

Sie sind offenbar weder Freund der traditionellen Autorität noch der Antiautorität …
Das ist das Dilemma unserer Generation. Wir haben zwar die traditionelle Autorität hinter uns gelassen, aber es ist keine Alternative, Kinder ganz ohne Autorität großzuziehen.

Wie können wir das Dilemma lösen?
Helfen kann uns das Konzept der „elterlichen Präsenz“, wie ich es nenne. Das bedeutet, dass Eltern sich dem Kind gegenüber so verhalten – nicht nur in Worten, sondern durch Taten –, dass sie permanent die Botschaft vermitteln: „Ich bin dein Vater oder deine Mutter, du kannst mich nicht wegwerfen, du kannst mich nicht feuern, ich bin da und ich bleibe da.“ Wenn Eltern diese positive, aber entschlossene Präsenz zeigen, fühlen Kinder, dass sie Eltern haben und nicht nur Dienstleister oder Finanziers. Ein Beispiel dafür ist das Sit-in.

Sie meinen ein Sit-in wie damals zu Zeiten der Studentenproteste?
Das Prinzip ist dasselbe. Wenn Sie ein dauerhaftes, massives Problem mit einem Kind haben, gehen Sie in sein Zimmer, setzen sich vor die Tür und sagen dem Kind: Wir sind nicht mehr bereit, das und das zu akzeptieren. Und zählen dabei konkrete Beispiele auf. Sie sagen, wir akzeptieren nicht mehr, dass du deine Mutter beschimpfst oder deine Schwester schlägst. Und ich werde hier sitzen bleiben, bis wir eine Lösung gefunden haben. Und dann sitzen Sie da und warten still ab.

Eine Schweigedemonstration?
Ja. Die meisten Eltern müssen das erst üben, weil sie es nicht schaffen, still zu bleiben. Aber Sie sollten still sein, denn wenn Sie zu viel sprechen, verplappern Sie sich und werden so Ihre Präsenz verlieren. Es ist gar nicht so leicht, haben Sie es mit einem Zehn- oder Zwölfjährigen zu tun, müssen Sie damit rechnen, bis zu einer Stunde sitzen zu müssen. Erst wenn ein Vorschlag kommt, den Sie akzeptieren können, sagen Sie: Wir probieren es aus. Erst dann ist das Sit-in zu Ende.

Und das ist dann schon die Lösung?
Sehr oft kommt keine Lösung zustande oder keine akzeptable: „Ich werde meine Schwester nicht schlagen, wenn ihr mir das und das kauft.“ – Das ist keine akzeptable Lösung. Es ist aber auch gar nicht so wichtig, dass vom Kind ein Lösungsvorschlag kommt. Selbst wenn das Kind gar keine Lösung anbietet, ist das Sit-in sehr hilfreich. Denn es geht darum, Präsenz zu zeigen. Die Veränderung beginnt damit, dass Eltern eine Viertelstunde oder länger einfach nur dasitzen. Diese Veränderung betrifft die Eltern selbst. Sie werden spüren, dass sie wieder Platz ausfüllen, Gewicht und eine Stimme haben: Das ist, was ich mit Präsenz meine. Es ist die vielleicht wichtigste Säule unseres Konzepts der neuen Autorität.


Neue Autorität in 5 Schritten

1
Das Positive im Verhältnis zum Kind suchen. Das, was gut läuft, betonen, loben, ­ausbauen.

2
Nicht wegschauen bei Pro­blemen, sondern mit Methoden des gewaltlosen Widerstandes deutlich machen: „Ich bin dran an dir, du wirst mich nicht los, egal was du tust.“

3
Für inakzeptables Verhalten neue, akzeptable Vorschläge vom Kind einfordern und mit ihm aushandeln.

4
Nähe statt Distanz. Bei Ver­stößen gegen Verein­barungen Gesten der Versöhnung wagen, dabei aber an den eigenen Forderungen festhalten.

5
Raus aus der Einsamkeit. Bündnisse schmieden mit Nachbarn, Verwandten und Freunden, um sich gegenseitig zu stärken.


Was für andere Säulen gibt es?
Die stehen alle in meinem Buch „Autorität durch Beziehung“, es würde zu weit führen, sie alle hier detailliert aufzuführen. Aber um es kurz anzureißen: Es geht um Kontrolle meiner eigenen Gefühle – im Unterschied zur Kontrolle des Kindes. Es geht darum, vom „Ich“ zum „Wir“ zu kommen, Eltern sollen begreifen, dass sie mit ihren Wünschen, Forderungen, Leitlinien dem Kind gegenüber nicht nur sich selbst vertreten, sondern die Großfamilie, man kann auch sagen, die Gesellschaft insgesamt. Es geht auch darum, dass Eltern lernen, sich in schwierigen Situationen Hilfe zu holen – von Nachbarn, Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousinen.

Das klingt einfach, aber kostet Eltern doch sicherlich große Überwindung. Welcher Vater oder welche Mutter gesteht sich schon vor anderen ein, dass er oder sie mit dem Kind nicht zurechtkommt.
Das stimmt, Eltern schämen sich und auch Lehrer schämen sich, wenn sie die Kinder nicht mehr erreichen. Sie haben häufig den Eindruck, es sei ein Zeichen von Schwäche, wenn sie andere um Hilfe bitten. Deshalb ist es wichtig, das Prinzip des „Wir“ zu einer Quelle des Stolzes zu machen. Und dafür zu sorgen, dass Eltern breitere Schultern bekommen.

Sie reden von der elterlichen Präsenz. Ich wollte gestern mit meiner Tochter Schuhe kaufen. Ordentliche Halbschuhe. Sie aber wollte nur Sandalen haben und sagte: „Nein, Papa, ich will keine festen Schuhe anprobieren.“
Wie haben Sie reagiert?

Ich sagte: „Hör zu, wir kaufen jetzt schöne feste Halbschuhe, die musst du zuerst anprobieren. Und zusätzlich kaufe ich dir auch noch Sandalen.“
Brauchte sie denn Sandalen?

Na ja, nicht wirklich …
Das ging, weil Sie die finanziellen Möglichkeiten haben, ihr auch noch Sandalen zu kaufen. Aber nicht alle Eltern können das. Und positive Autorität ist keine Autorität, die sich abhängig macht von der Akzeptanz des Kindes. Konsequenter wäre es gewesen, zu sagen: „Als Vater ist es meine Pflicht, meinem Kind ordentliche Schuhe zu kaufen. Du hast Sandalen zu Hause, aber es regnet jetzt, deshalb müssen wir Halbschuhe für dich kaufen.“

Also, manchmal auch weniger diskutieren und einfach machen?
Unbedingt! Es gibt Kinder, für die dieser stete Dialog zu einem Ziel an sich wird. Sie dialogisieren und diskutieren und argumentieren, sie werden zu einer Art Rechtsanwalt in eigener Sache. Man kann einem Kind auch einfach mal Dinge ankündigen, die nicht diskutiert werden. Anders können wir unsere Pflicht als Eltern oft gar nicht erfüllen.

Tun sich getrennte oder Patchwork-Mütter und -Väter schwerer mit elterlicher Präsenz und mit einer guten Form von Autorität?
Ja. Weil es schwieriger ist, Einverständnis mit dem anderen Elternteil zu erreichen. Aber um diese neue Form von Autorität zu entwickeln, müssen nicht beide Elternteile mit allem einverstanden sein. Sie sollten nur einander nicht sabotieren, dafür genügt begrenztes Einverständnis. Das heißt: Ich muss verstehen, dass mein Partner nie denken wird wie ich, dass es darauf aber auch nicht ankommt. Kinder brauchen stereofone Eltern, mit zwei verschiedenen, aber zu vereinbarenden Stimmen. Es geht darum, dass getrennte Eltern die großen Widersprüche ein Stück weit verringern und Inseln des Einverständnisses erzeugen können.

Wenn Ihr Vater hier sitzen würde und ich ihn fragen würde: Was hast du gut gemacht bei der Erziehung von Haim und was nicht so gut?
Er würde sagen: „Als Haim ins jugendliche Alter kam, habe ich vieles schlecht gemacht. Er hatte ältere Freunde, die, wie ich fand, schlechten Einfluss auf ihn hatten. Ich habe versucht, diese Freunde von ihm fernzuhalten, sogar mittels Bestechung. Und habe damit nur das Gegenteil erreicht von dem, was ich wollte.“ Meine Eltern haben uns sehr streng erzogen, mit harten, körperlichen Strafen. Wir Kinder mussten auf Erbsen knien, so wie es mein Vater als Kind selbst erlebt hatte. Irgendwann hat er verstanden, das es so nicht mehr geht. Nur wusste er nicht so richtig, wie es stattdessen gehen sollte. Es ist dieses Vakuum, das ich mit meiner Arbeit zu füllen versuche.

Sie selbst haben fünf Kinder.
Genau, und zwölf Enkelkinder.

Wenn ich Ihre Kinder fragen würde: Was hat euer Vater gut gemacht und was hätte er anders machen können – was würden sie mir sagen?
Meine Kinder haben mich alles über elter­liche Hilflosigkeit gelehrt, was ich weiß. Ich habe alle Dummheiten gemacht, die man nur machen konnte. Aber gelegentlich hatte ich die richtige Intuition. Einige schwere Gewitter habe ich dann doch ganz gut abgewendet. Heute habe ich ein sehr gutes Verhältnis zu allen fünf Kindern. Das heißt, sie würden mich wahrscheinlich im Großen und Ganzen loben. Und dabei hoffentlich ein Auge zu­drücken.


Dieser Text ist in der Ausgabe 07/16 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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