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Zu Besuch in Deutschlands geburtenstärkstem Ort (es ist nicht Prenzlberg)

1,8 Kinder bekommt jede Frau in Cloppenburg. Statistisch gesehen ist nirgendwo in Deutschland die Geburtenrate höher. Wieso ist das so?

Von Lisa Frieda Cossham

Parkplatz im Vorgartenbeet. In Cloppenburg sind Kinderspuren erwünscht.

Parkplatz im Vorgartenbeet. In Cloppenburg sind Kinderspuren erwünscht.

Das Abendbrot ist angerichtet, aber Karoline liegt auf dem Küchenfußboden, sie möchte nicht aufstehen, die Fünfjährige ist müde. Eben hat ihr Vater Mathias sie von einer Freundin abgeholt, nun ist es fast sieben. Elisabeth, 10, und Franz, 12, sitzen schon am Tisch, während eine helle Stimme in Schleifen wiederholt: Huhn, tot. Das ist Ulrich, er ist zwei. Er war dabei, als sein Vater am Vortag acht Hühner geschlachtet hat. Dass sie jetzt tot sind, beschäftigt ihn. Alle reden durcheinander, Mutter Annedore bleibt ruhig, hebt Karoline auf, setzt sie in ihren „Tripp Trapp“. Dann reichen sich sechs Menschen die Hände, gesegnete Mahlzeit, sie bekreuzigen sich. Graubrot in Scheiben, Schnittkäse, Wurst, Pfefferminztee. Später wird Franz auf sein Zimmer gehen, auf seiner E-Gitarre „Sweet Home Alabama“ zupfen und sich ein wenig dabei verlieren. An der Wand neben dem Kalender mit Treckern von Möller Landtechnik hängt ein Kreuz, sein Onkel hat es ihm zur Kommunion geschenkt. Bevor er einschläft, wird er noch einmal beten an diesem Montagabend in , Niedersachsen.

Die Kreisstadt ist berühmt, weniger für ihre Fußgängerzone mit C&A-, Street-One- und Rossmann-Filialen, mehr für ihre Vorgartenkultur und die höchste Mercedes-Dichte bundesweit. Vor allem aber für ihre Einwohner, die sich mehr Kinder zutrauen als andere: Rund 1,8 Kinder bekommt hier jede Frau im Durchschnitt, bundesweit liegt die Fruchtbarkeitsziffer bei rund 1,5. Während die Gesamtbevölkerung Deutschlands schrumpft, wächst sie im Oldenburger Münsterland seit den Fünfzigerjahren. Familien mit drei und mehr Kindern sind hier genauso normal wie mit zwei. Staunend und etwas neidisch schielt die Republik auf seine geburtenstärkste Region: Woher diese Gelassenheit, warum gerade hier? Fragt man Annedore und Mathias, warum sie vier Kinder bekommen haben, suchen sie nach Worten, als gelte es, einem neugierigen Kind die Beschaffenheit des Mondes zu erklären: Ist nicht der Sinn des Lebens, es weiterzugeben?

Kinderkrippe - eine traurige Vorstellung

Annedore, 44, ist Richterin in Vechta, sie entscheidet über Zivilsachen. Handwerker, die ihren Lohn einklagen, Vormundschaften für Demenzkranke. Ihr Mann Mathias, 48, ist Geschäftsführer einer Firma für Tiefkühlgemüse, früher hat er in der Veredelungswirtschaft gearbeitet. Seit 2002 wohnen sie gemeinsam in Cloppenburg, wegen ihrer Jobs, aber auch weil die Region katholisch ist und der Glaube so etwas wie ihre Heimat. 400 Jahre herrschten die Bischöfe von Münster über Cloppenburg, Landkreis Vechta, Landkreis Emsland und die ehemaligen Stifte Osnabrück und Hildesheim. Konfessionelle Inseln in einem ansonsten evangelischen . Seitdem mag sich das Leitbild Familie verändert haben, aber hier gilt es bis heute und hat sich fest in den Gemütern verankert.


"Dass wir haben wollen, war uns immer klar", sagt Annedore. 1999 haben Mathias und sie geheiratet. Nachdem Franz und Elisabeth geboren waren, haben sie für 120 000 Euro das Haus gekauft, in dem sie jetzt leben. Es ist von 1968, sie haben es renoviert, angebaut, 2010 sind sie eingezogen. Bodenfenster, offene Räume, die Einrichtung schlicht, fast karg. Das Haus hat zwei Eingänge, wie es früher üblich war: vorne einen für den Pfarrer, Postboten und Gäste, seitlich einen fürs alltägliche Raus- und Reingehen. Annedore und Mathias gefällt diese architektonische Reminiszenz. Hinten ein Garten, 6000 Quadratmeter, in dem bis vor Kurzem acht Hühner lebten, bald soll hier Gemüse wachsen. Nichts an diesem Ort wirkt provisorisch. Es ist ein Zuhause, später mal Heimat, prophezeien die alten Eichen vorm Haus. Nach jeder Geburt hat Annedore Elternzeit genommen, neun Monate, bei Ulrich waren es 15. Seit dem ersten Kind arbeitet sie halbtags, um den Kleinsten kümmert sich eine Tagesmutter. Keines der Kinder hat eine Krippe besucht. Annedore stellt sich das traurig vor, so viele Kinder in einem Raum, mittags schlechtes Essen, Spaß nach Anleitung: „Zu Hause haben sie mehr Anregungen“, sagt sie. „Sie können lernen, kreativ zu spielen, Langeweile auszuhalten und sich auszuruhen.“ So ein Achtstundentag raube ihnen ein Stück Kindheit, hemme sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Deshalb verlässt sie spätestens um 12.37 Uhr ihr Büro in Vechta und fährt 40 Minuten mit dem Auto nach Hause, um präsent zu sein. Sie sagt: "Ich möchte den Kindern eine Richtung vorgeben, ihnen zeigen, wo sie hingehören."

Die meisten leben in traditionellen Rollen

In Cloppenburg leben die meisten Eltern nach traditionellen Rollenbildern. Wer hinter dem Kindersegen französische Verhältnisse vermutet, eine flächendeckende Betreuung etwa, gleichberechtigte Elternschaft, hat sich getäuscht. Die Betreuungsquote liegt unter dem Landesdurchschnitt und der wiederum unterm Bundesdurchschnitt. Die erste Krippe wurde Anfang des 21. Jahrhunderts eröffnet, und auf 35 400 Einwohner kommen zwölf Kindergärten, die meisten von ihnen sind in kirchlicher Trägerschaft. Eltern greifen auf die Hilfe von Großeltern zurück oder engagieren Tagesmütter. Fremdbetreuung sollte so wenig fremd wie möglich sein, darin sind sich Eltern und Politik einig. Bürgermeister Dr. Wolfgang Wiese will deshalb keine Strukturen schaffen, die dem Zuhausebleiben der Mütter entgegenwirken, keine Krippen bauen, die leer stehen. Entsprechend niedrig ist die Frauenerwerbsquote. Sie wird von der Gleichstellungsbeauftragen Christina Neumann auf 59 Prozent geschätzt, viele der berufstätigen Frauen machen 400-Euro-Jobs. Sandra ist fest angestellt und arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten, halbtags, nachdem sie zehn Jahre in Elternzeit war. Die 35-Jährige hat fünf Kinder. Eigentlich wollte sie vier, aber dann kündigten sich Zwillinge an. Zoé und Eva sind heute sieben Jahre alt, Marlena ist neun, Josephine gerade zwölf und Tobias noch zwölf. Nur Marlena war zeitweise in der ersten Krippe Cloppenburgs, weil sie sich neben einer langweilte, die plötzlich zwei Kinder gleichzeitig zu versorgen hatte. „Die Aufgabenverteilung war immer klar“, sagt Sandra, sagt auch ihr Mann André, 38, war er doch beruflich oft unterwegs, bis ihn der Landkreis anstellte.

Bis auf die Zwillinge haben alle Kinder ein eigenes Zimmer in dem Haus, das die Familie 2003 gekauft hat. Der Garten gleicht einer Spielwiese – mit Rutsche und großem Trampolin. Die Spielzeugspuren der Kinder zeigen, dass sie in der Überzahl sind und überall sein dürfen, wenn auch nicht ganz regelfrei. Es gibt Fernseh- und Handyzeiten zum Beispiel, und sollte es einmal zu wild werden, hat André als Vater das letzte Wort, das zweifelt niemand an. Er fühlt sich wohl in seiner Rolle, seine Autorität wirkt natürlich. „Familie“, sagt er jetzt, „ist wie ein geschützter Raum, in dem man sich nicht verstellen muss. In dem man so angenommen wird, wie man ist.“ Vater und Mutter zu sein ist für ihn und seine Frau identitätsstiftend.


Bodenständig, zupackend, trau, stur, gläubig

Der CDU-Politiker Wolfgang Wiese saß schon oft an dem Tisch in seiner Amtsstube und hat versucht, Fremden den Kinderreichtum zu erklären. Seine Partei ist seit 1949 stärkste Kraft im Landkreis Cloppenburg, momentan hat sie 46,47 Prozent der Stimmen. Der 58-Jährige erklärt erst einmal sich selbst, um zu verdeutlichen, was die Menschen hier ausmacht: das Bodenständige, Zupackende, die Treue, vielleicht auch Sturheit, der Glaube. Er ist im Nachbardorf aufgewachsen, hat vier Geschwister, seine Frau auch, zusammen haben sie drei Kinder. Zehn Jahre lang war Wiese Baudezernent, bevor er 2001 zum Bürgermeister gewählt wurde. Seitdem erschließt sich der Planer die politische Welt über Raumkonzepte: Flüchtlinge? In kleinen Einheiten unterbringen, in allen Stadtteilen. Kinderreichtum fördern? Günstigen Wohnraum schaffen. Bauerweiterungsland kostet 110 Euro pro Quadratmeter. Die Stadt verkauft es direkt, ohne Makler, null Zugewinn.

Was den platten Landstrich wirklich geprägt hat, erklärt Wiese nun. Der Kunstdünger nämlich, der die Geest- und Moorböden fruchtbarer machte und Viehzucht, Veredelung, Maschinenbau und Verpackungsindustrie nach sich gezogen hat. Und die Pfingstler. Ohne sie wäre der Landkreis weder kinderreich noch wirtschaftlich stark. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind Spätaussiedler aus Russland und Kasachstan in den Nordwesten gezogen. Sie reisten in Bussen an, wie viele genau wurde nicht erfasst. Heute machen sie 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung aus und bilden eine Parallelgesellschaft in den Stadtteilen Molbergen und Sternbusch. Als Mitglieder der Freien Evangeliums-Christengemeinde lehnen sie alles ab, was ihnen nicht gottgewollt scheint, Homosexualität, Schwangerschaftsabbruch und Verhütung. Die Frauen bekommen acht bis 15 Kinder und bleiben zu Hause.

Väter im Kreißsaal, dann Mütter hauptverantwortlich

Dort besucht sie Uschi Fietz, 61, sie ist Beleghebamme im St.-Josefs-Hospital. Fast 5000 Kindern hat sie auf die Welt geholfen. Auf der Straße wird sie gegrüßt, jeder kennt sie. Sie könnte gegen Wolfgang Wiese antreten und würde wohl gewählt werden, so sehr zählt ihr Wort, so sehr schätzen die Eltern ihre unprätentiöse, pragmatische Art. Kurze rote Haare, freie Schnauze. Uschi Fietz weiß, wie die Hölle aussieht, in der sich die Pfingstler sehen, sollten sie die Pille nehmen, Fernsehen schauen, am Sexualkundeunterricht teilnehmen, nämlich so, wie auf alten Zeichnungen: mit Flammen und Teufeln. Sie kann mit dieser Form des Christentums wenig anfangen und setzt sich dennoch mit ihr auseinander. Die Hälfte ihrer Frauen sind Pfingstlerinnen.


Aber nicht nur die Spätaussiedler haben viele Kinder, sagt die Hebamme, und das liege daran, dass man sie hier gut großziehen könne: „Tür auf, Kinder raus.“ So hat sie das jedenfalls gemacht vor 30 Jahren, als sie nach Cloppenburg zog. Ihr Mann blieb zu Hause bei den drei Kindern, sie hatte Bereitschaftsdienst, damals noch freiberuflich. Normal war diese Aufgabenteilung nicht, wäre sie auch heute nicht. Väter sieht Uschi Fietz vor allem im Kreißsaal, anschließend sind die Mütter hauptverantwortlich. Dass beide Eltern Vollzeit arbeiten, hat sie bisher in keiner Familie beobachtet. Auch nicht, dass die Politik sich besonders für Familien engagiere, eine Feststellung, keine Beschwerde. Läuft ja, weil die Großeltern helfen, die Nachbarn und Vereine – Kirche, Sport, THW. „Da bilden sich lebenslange Freundschaften. Cliquen, die sich regelmäßig treffen, mindestens einmal im Jahr beim Cityfest am letzten Wochenende im September.“ 2000 Menschen in zwei Hallen, die füreinander einstehen, so beobachtet es Uschi Fietz an ihren erwachsenen Kindern.

Alles Ehen, die bis heute halten

In einer der Cliquen waren auch Sandra und André, sie sind in Cloppenburg aufgewachsen. Nach gemeinsamen Schützenfesten und Nächten in Clubs, die noch Disco hießen, kamen sie 14 Jahre später zusammen, so wie einige ihrer Freunde. Alles Ehen, die bis heute halten, vielleicht weil Gründe fehlen, sie aufzulösen. Weil keiner von ihnen die große Geschichte sucht. In schweren Zeiten müsse man sich eben anstrengen und durchhalten, sagt Sandra. Ein Satz wie aus Großmutters Zeiten, hier funktioniert er. In ihrem Freundeskreis gibt es keine Alleinerziehenden. Dass das anderswo schwieriger sei, das Zusammenbleiben, führt André auf den Stress zurück, dem sich die Familien aussetzten: „Wir müssen hier nichts repräsentieren. Ich brauche keine Karriere oder teure Autos und sehne mich nicht nach einem anderen, besseren Leben.“

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Eingereichte Fotografie  Die kleine Familie feiert die Ankunft des Neugeborenen. Fotografiert hat Amber Denae. "Die Geburt ist ein lebensverändernder Augenblick im Leben von Frauen und Familien", sagt Denae. "Diese Gefühle festzuhalten ist für mich ein Privileg."

Eingereichte Fotografie

Die kleine Familie feiert die Ankunft des Neugeborenen. Fotografiert hat Amber Denae. "Die Geburt ist ein lebensverändernder Augenblick im Leben von Frauen und Familien", sagt Denae. "Diese Gefühle festzuhalten ist für mich ein Privileg."

Sich zu trennen war auch für Annedore und Mathias nie eine Option. Seit Annedore Familiensachen am Gericht verhandelt hat, weiß sie, eine Scheidung schafft nur Verlierer und dass sie als Team mehr erreichen können als allein: „Wir sind stolz auf unsere vier Kinder, und dieses Gefühl spornt mich in stressigen Zeiten an durchzuhalten.“ Manchmal denkt Annedore darüber nach, was sie von Familien in der Großstadt unterscheidet. Sie blickt an sich herunter, blauer Pullover, Jeans. Vielleicht wäre sie öfter in Cafés verabredet, träfe Freundinnen, wäre schicker gekleidet, und dann? Nein, sie ist Mutter, Ehefrau, Richterin und zuletzt Frau – in dieser Reihenfolge, alles andere wäre Maskerade.

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