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Wider den Hygiene-Wahn

Der amerikanische Chemiker David Whitlock ist davon überzeugt, dass übertriebene Hygiene Menschen, vor allem Kinder, krank macht. Aber muss er deshalb gleich dreizehn Jahre lang nicht duschen?

Raus aus der Wohnung, rein in den Dreck! David Whitlock hält nichts von übertriebener Hygiene. Kinder müssen sich auch mal schmutzig machen dürfen.

Raus aus der Wohnung, rein in den Dreck! David Whitlock hält nichts von übertriebener Hygiene. Kinder müssen sich auch mal schmutzig machen dürfen.

Herr Whitlock, Sie haben seit unglaublichen dreizehn Jahren nicht geduscht. Stinken Sie?

Nein, ich stinke nicht. Und das überrascht die meisten Menschen. Sie können das gar nicht begreifen. Manchmal schnuppern sogar Passanten, die mich auf der Straße erkennen, misstrauisch an mir. Klar, wenn ich meine Kleidung nicht wechseln würde, dann würde auch ich stinken. Das käme dann aber nicht vom Körper, sondern vom Hemd.

Wie konnte es bitte so weit kommen?

Meine damalige Partnerin hatte ein Pferd. Jedes Jahr im März wunderte sie sich wieder, dass sich das Tier ausgiebig im Schlamm suhlte. Irgendwann fragte sie mich dann, woran das liegen könnte. Ich habe mich dem Thema also vor allem aus Liebe genähert. Zuallererst nahm ich Erdproben von der Pferdeweide und untersuchte sie.

Und was fanden Sie?

Dass die Bakterien in der Erde die Produktion von Ammoniak auf unserer Haut unterdrücken. Wissen Sie, Schweiß allein stinkt noch nicht. Es sind die schlechten Bakterien, die den Schweiß in seine Bestandteile zersetzen. Einer davon ist eben Ammoniak. Und der löst den schlechten Geruch aus.

wälzen sich also im Dreck …

… um ihrem Körper gute Bakterien zu geben und so ihren Bakterienhaushalt auszugleichen. Auf diese Weise stinkt ihr Schweiß im Sommer auch nicht. Ich dachte mir, was für Tiere gut ist, kann für Menschen doch nicht schlecht sein. Früher wuschen sich die Leute ja schließlich auch nicht. Wasser war nur zum Trinken da.

Aber allein wegen dieser Erkenntnis gleich das Duschen einzustellen ist schon ein, sagen wir mal, radikaler Schritt, oder?

Wissen Sie, man kann den menschlichen Körper mit einem Regenwald vergleichen: Nach einer Rodung wächst dort immer als Erstes das Unkraut. Genauso ist es auf unserer Haut auch. Beim Duschen waschen wir also alle Bakterien weg und die, die als Erstes wieder da sind, sind die schlechten. Dadurch entstehen viel leichter Allergien, Infektionen und Immunschwächen. Übrigens alles Probleme unserer modernen Gesellschaft. Menschen in weniger entwickelten Ländern haben tatsächlich weniger Immunkrankheiten. Sterilität geht nicht automatisch mit Gesundheit einher.

Dann hören wir am besten alle sofort auf, uns zu waschen?

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Wenn Sie von heute auf morgen aufhören würden, sich zu waschen, würde Ihr Körper nicht automatisch über die guten Bakterien verfügen, die die schlechten unterdrücken. Nach der jahrelangen Nutzung von Seife und Deodorant würden Sie mit Sicherheit erst einmal streng riechen. Wenn Sie Ihrem Körper dann aber gute Bakterien geben, würde sich Ihr Bakterienhaushalt mit der Zeit regulieren und Sie würden nicht mehr riechen. Dieser Prozess kann gut einen Monat dauern.

Wenn Wasser so schädlich ist, warum duschen Menschen dann überhaupt?

Früher waren wir viel mehr im Einklang mit der Natur. Aber mit den Jahrhunderten fingen wir immer mehr an, uns mit unserem Körper und mit Hygiene auseinanderzusetzen. Reinheit wurde zum Zeichen von Status.

Dieser Entwicklung wollten Sie offensichtlich etwas entgegensetzen.

Genau. Ich wollte beweisen, dass wir heutzutage viel zu viel Wert auf Reinlichkeit legen und vor allem, dass Hygiene und Sterilität zwei gänzlich verschiedene Dinge sind. Und wirklich: Als ich vor dreizehn Jahren das Duschen einstellte, wurde vieles besser.

Was zum Beispiel?

Meine Haut wurde weicher, mein Blutdruck senkte sich und meine Allergien verschwanden. Das Ökosystem unserer Haut hat wirklich einen sehr großen Effekt auf unsere generelle Gesundheit. Und davon abgesehen spare ich jeden Morgen rund zwanzig Minuten im Bad.

Aber tun Sie denn heute wirklich so gar nichts mehr für Ihre Hygiene?

Doch, ich sprühe mich morgens einmal mit einem von mir selbst entwickelten Spray namens „Mother Dirt“ ein. Im Laufe des Tages wiederhole ich das, sobald ich mit Wasser in Berührung gekommen bin, beispielsweise nach dem Händewaschen.

Wie genau funktioniert Ihr Spray?

Alle Menschen haben Bakterien in und auf sich. Und das ist auch in Ordnung so. Die meisten Menschen haben aber eben durch das viele Waschen einen unausgeglichenen Bakterienhaushalt, der sie irgendwann krank macht. Das Spray wiederum besteht aus den guten Bakterien und wirkt damit auf natürliche Weise neutralisierend auf den gesamten menschlichen Körper.


"Es gibt einfach keinen Beweis dafür, dass Duschen gut für uns ist."


Aber was haben Sie denn nur gegen Sauberkeit? Die hat doch durchaus ihre Vorteile. Wenn ich mir zum Beispiel vor dem Kochen nicht die Hände wasche, übertrage ich etliche Keime aufs Essen, oder?

Das stimmt. Deshalb ist es natürlich wichtig, dass man sich vor dem Kochen und Essen die Hände wäscht. Allerdings würde klares Wasser dazu völlig ausreichen. Wir brauchen keine Seifen. Und übrigens: Menschen mit gutem Immunsystem und ausgeglichenem Bakterienhaushalt könnten auch schlechte Bakterien auf und in sich tragen, ohne krank zu werden. Es sind die mit dem unausgeglichenen Bakterienhaushalt, die krank werden.

Kinder werden Sie jedenfalls für diese Forschungsergebnisse lieben. In den Badezimmern der Welt beginnt jeden Morgen aufs Neue das zähe Ringen ums Waschen. Warum waschen sich Kinder nur so ungern?

Ich könnte mir vorstellen, dass sie einfach nur ihren Instinkten folgen. Kleine Kinder spielen schließlich auch gerne im Dreck und essen sogar instinktiv Erde, wenn ihren Körpern Mineralien fehlen. Vielleicht wissen sie da wirklich mehr als wir Erwachsenen.

Sie sind selbst Vater von zwei Kindern. Mussten die duschen?

Meine Kinder sind heute Mitte zwanzig. Als sie noch kleiner waren, hatten sie aber ganz normale Gewohnheiten, was Hygiene angeht.

Wie oft sollten Kinder sich denn waschen?

Es wäre natürlich besser, die guten und gesunden Bakterien auf der Haut zu behalten. Diese unglaubliche Sterilität, der Kinder heute ausgesetzt sind, finde ich nur noch merkwürdig. Die Eltern fahren ihre Kinder zur Schule, dort sind sie den ganzen Tag drinnen und später werden sie wieder mit dem Auto abgeholt, um dann vor dem Fernseher zu sitzen. Trotzdem bestehen die Eltern abends darauf, dass sie sich gründlich waschen. Dabei sind die Kinder gar nicht schmutzig geworden.

Was raten Sie also?

Schickt eure Kinder in die Natur. Sie sollten möglichst viel mit ihrer Umwelt in Berührung kommen. Das stärkt die Abwehr.

Haben Sie selbst als Kind eigentlich auch schon so ungern geduscht?

Ich bin in den 60ern aufgewachsen. Wir hatten damals gar kein Shampoo. Das war nicht üblich. Wir wuschen uns mit Geschirrspülmittel. Deshalb konnte man auch nur einmal die Woche baden, sonst hätten wir Haare wie Stroh gehabt. Als ich älter wurde, wusch ich mich aber, wie alle um mich herum, täglich.

Hand aufs Herz, Herr Whitlock, wollen Sie denn nun wirklich den Rest Ihres Lebens nie wieder duschen?

Ich sehe zumindest keinen Grund dazu. Natürlich würde ich mich waschen, wenn ich von Kopf bis Fuß mit Schmutz bedeckt wäre. Ansonsten aber nicht, nein. Ich glaube ganz einfach nicht an die Idee, alles abtöten zu müssen. Es gibt einfach keinen Beweis dafür, dass Duschen gut für uns ist.


Dieser Text ist in der Ausgabe 09/2016 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.


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Eltern sollten Drohungen generell vermeiden. Dieser Spruch vermittelt dem Kind, dass eine fremde Verantwortung – die fürs Wetter – an sein Essverhalten gekoppelt ist. Es fühlt sich schuldig. Eltern können stattdessen darauf vertrauen, dass das Kind selbst merkt, wann es satt ist – vorausgesetzt, es ist gesund und munter. Man muss aber unterscheiden: Es gibt Kinder und Babys, die sich in einem Teufelskreis der Nahrungsverweigerung befinden. Anfangs verweigern sie nur bestimmte Speisen, mit der Zeit dann immer mehr. Es entsteht eine Dynamik, in der das Kind manchmal selbst kein Ende findet, abmagert oder sogar dehydriert. In diesem Fall müssen sie sich professionelle Hilfe holen.

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