HOME

Im Flohzirkus: die unsichtbaren Feinde

Der Zettel an der Kindergartentür, der auf beißendes und stechendes Ungeziefer hinweist, wird leicht übersehen. Bis man selbst befallen ist. Unser Autor berichtet von seinem Kampf gegen einen unsichtbaren Feind.

Von Philipp Kohlhöfer

Der erste Krieg, an dem ich beteiligt bin, findet im Schlafzimmer statt.

Zugegeben: Vielleicht ist die Wortwahl etwas martialisch. Andererseits haben wir es mit einem Feind zu tun, der so gut wie unsichtbar ist, in Massen auftaucht, asymmetrisch kämpft und hinterrücks, nämlich nachts, über seine Gegner herfällt. Dem .

Beide Seiten haben im Laufe der Auseinandersetzung ständig aufgerüstet.

Während ich auf High-Tech-Waffen wie Hochdruck-Dampfreiniger und Staubsauger setze, schwört die andere Seite auf Mannschaftsstärke. Flöhe sind so fertil, dass wir nichts entgegensetzen können. Meine Freundin und ich haben gerade mal einen einzigen Nachkommen zustande bekommen, und auch das ist schon fast vier Jahre her. Jede Flöhin schafft hingegen fünfzig am Tag, in einem Leben, das bis zu achtzehn Monate lang ist.

„Ötzi hatte Flöhe“, sage ich zu meiner Freundin, während ich das Giftgas auspacke. Ich habe mich die letzten Tage vorbereitet, um den Feind besser kennenzulernen.

„Der heilige Franziskus nannte sie Perlen der Armut.“ Ich öffne das Ventil.

„Und als der Bankier Charles Rothschild starb, hinterließ er dem British Museum of Natural History 100.000 Flöhe, insgesamt 800 Arten, die er im Laufe seines Lebens gesammelt hatte.“ Ich ziehe meine Atemschutzmaske zurecht. „Und jetzt: bitte.“ Ich weise Richtung Tür. Pia nickt. Sie hat bereits gepackt. Mit unserer Tochter wird sie die nächsten Tage bei Oma und Opa verbringen, bis das ganze Gift wieder abgezogen und weggeputzt ist, um dann in eine flohfreie Wohnung zurückkehren zu können. „Wir werden wohl nie erfahren, woher die Viecher kamen“, sagt sie leise auf dem Weg nach draußen. Ich grunze.

„Haben Sie Haustiere?“ hatte der Schädlingsbekämpfer am Vortag wissen wollen, als ich ihn nach dem entsprechenden Gift fragte.

Seine Firma heißt „Kill Team“ und ist schon von Weitem gut zu erkennen, kleben doch überdimensionierte Ameisen und Tauben, Wespen, Ratten und Schaben an der Fassade.

Hinter dem Mann im grauen Overall stehen große Glasvitrinen, in denen totes Ungeziefer ausgestellt ist und Schläuche, die Gift in jede noch so schwer zu erreichende Zimmerecke sprühen können. Alles in allem sieht es aus wie bei den Ghostbusters. Ich schüttelte den Kopf. Haustiere haben wir nicht. „Und Kinder, die in die Kita gehen?“ Ich nickte erschrocken. Verschwörerisch beugte er sich nach vorne: „Behalten Sie die Kita im Auge. Flöhe, vor allem aber Läuse, werden da gerne ausgetauscht.“ Ich versuchte mich daran zu erinnern, ob ich irgendwann mal einen Zettel an der Kita-Tür gesehen hatte, der auf dieses Problem hinwies.

Vor allem bei Läusen handelt es sich in Kitas um ein „Dauerproblem“

Vor Krankheiten, und seien sie noch so exotisch, wurde dort ständig gewarnt. Von Flöhen und Läusen aber, da war ich sicher, war nie die Rede. Was aber nicht heißen muss, dass es keine gab. Im Gegenteil: Vor allem bei Läusen handelt es sich in Kitas um ein „Dauerproblem“ (Gesundheitsamt ). „Gesellschaftliche Vorurteile und daraus resultierende Angst vor Stigmatisierung erschweren auch heute noch die frühzeitige Eindämmung“ (Niedersächsisches Landesgesundheitsamt). Mit anderen Worten: Wer gibt schon gerne zu, dass irgendwo auf seinem Kind Parasiten wohnen?

„Na ja“, sagt Klaudia Wöhlk am Telefon. „Eltern schämen sich zwar zum Teil sehr, wenn ihr Kind Läuse hat, aber letztlich verheimlicht es niemand.“ Sie muss es wissen, seit vierzig Jahren arbeitet sie in Kitas, leitet eine Einrichtung und ist Mitglied in der Vereinigung Hamburger Kindertagesstätten, dem größten Träger in der Hansestadt. „Läuse kommen periodisch vor, etwa zweioder dreimal im Jahr“, sagt Wöhlk. „Bei beiden Geschlechtern gleich stark, das kommt immer darauf an, wer mit wem spielt.“ Weswegen auch selten ganze Kitas befallen würden, sondern die Infektionen fast immer punktuell blieben, bei einer Gruppe von Freunden zum Beispiel. „Mit mangelnder Hygiene hat das jedenfalls nichts zu tun.“ Und wenn die Läuse da sind? „In diesem Fall gibt es einen Hygieneplan“, erklärt Wöhlk. Jede Einrichtung orientiere sich dann an den Vorschlägen des Gesundheitsamtes.

Das „Hamburger Programm gegen Kopflausbefall“ umfasst sieben Punkte, von „Sorgeberechtigte müssen der Gemeinschaftseinrichtung Meldung erstatten, wenn ihr Kind Läuse hat“ bis zu „Es muss acht bis zehn Tage nach der Erstbehandlung eine Zweitbehandlung erfolgen.“ Weil diese Punkte aber recht offensichtlich sind, können die Maßnahmen im Detail je nach Einrichtung voneinander abweichen.

In der Tat kämmen manche Kitas die Haare jedes einzelnen Kindes morgens mit einem Nissenkamm, um befallene Kinder sofort wieder nach Hause zu schicken. Andere beobachten nur, wer sich oft am Kopf kratzt und binden diesem Kind nach einer genaueren Untersuchung ein Tuch über die Haare, damit die anderen geschützt sind. Ist der Befall überstanden, verlangen manche Kitas eine Gesundschreibung des Arztes, andere verzichten darauf.

Allen gemein ist allerdings, dass sie eine Erlaubnis der Eltern benötigen, um die Kinder nach Läusen zu durchsuchen. Und die meisten beobachten einen Trend zu weniger Chemie. Wöhlk sagt: „Eltern überlegen lieber zweimal, bevor sie ein Insektizid ins Haar schmieren.“ Ob es deswegen weniger oder mehr Befall gibt, die Läusewellen gar zugenommen haben, ist nicht festzustellen, denn Läuse sind zwar meldepflichtig, die gemeldeten Zahlen werden von den Gesundheitsämtern aber nicht an die Landesbehörden übermittelt. Deutschlandweite Zahlen gibt es schlicht nicht. Und ohnehin betrifft das nur die Läuse. Was mir in meinem Fall wenig nutzt.

Nicht selten hat jemand Flöhe, ohne es zu merken

„Und Flöhe?“, frage ich. „Flöhe hatte ich in vierzig Jahren noch nicht“, lacht Wöhlk. Der Schädlingsbekämpfer hatte am Vortag eine Kiste mit Dutzenden Sprühflaschen aus dem Schrank geholt und versprochen, mir einen guten Preis zu machen. „Weil sie so viel von dem Zeug wollen.“ Er hatte mir erklärt: „Im Spätsommer rufen jeden Tag zwei oder drei Leute mit einem Flohproblem an.“ Während Läuse vor allem im Winter auftauchen, sind Flöhe der Umsatztreiber des Sommers. Nicht selten hat jemand Flöhe, ohne es zu merken – bis er in den Urlaub fährt und dabei sein flohverseuchtes Haustier in Pflege gibt.

Die zurückbleibenden Flöhe sind dann nach zwei oder drei Wochen so hungrig, dass sie sich sofort auf den erstbesten Wirt stürzen: den Menschen. Flöhe sind nämlich nicht wählerisch. Weswegen die meisten Leute auch Katzen- oder Hundeflöhe haben. Oder Flöhe von Tauben, immerhin wohnen sechs Prozent aller Floharten auf Vögeln. Den eigentlichen Menschenfloh hingegen gibt es nicht mehr oft.

Ich kaufte den ganzen Karton Flohgift, und als hätte ich noch nie so etwas Schönes gelesen, las ich laut und langsam auf dem Seitenteil der Kiste: „Hochwirksam“. Genau das, was ich brauchte. Denn im Gegensatz zu Läusen, die leicht zu bekämpfen sind, weil sie ausschließlich in den Haaren leben, ist Flöhen weitaus schwerer beizukommen: Sie sind Herumtreiber. Um ihrem Nachwuchs beste Startchancen zu geben, legen sie ihre Eier überall hin: in die Matratze, in den Teppich, in das Sofa, hinter den Schrank, in die Zimmerecken, in die Holzdielen. Oder in die Kinderjacke, die gerade auf dem Boden liegt.

Mit der Kiste unter dem Arm und dem sicheren Gefühl, die entscheidende Schlacht vor der Brust zu haben, verließ ich den Schädlingsbekämpfungsladen.

Der Mann warnte mich noch: „Nicht vergessen: Nur weil niemand in der Kita Flöhe gesehen hat, heißt das nicht, dass es dort keine gibt.“ Er zeigte mit dem Finger auf sein Auge: „Einfach im Auge behalten.“ Und das tat ich.

Als ich am Morgen darauf meine Tochter in die Kita brachte, war ich mir sicher, dass das glänzende Haar des Kindes hinten links im Spielraum damit zu tun hatte, dass es mit einem speziellen Killershampoo gewaschen wurde. Und wieso kratzte sich das Mädchen an der Tür ständig? War es gar möglich, dass das ständige Herumhampeln dieser beiden Jungs eine Reaktion des Gehirns auf ein Nervengift war, das Schädlinge bekämpfte? Ich war sicher, dass eines dieser Kinder schuld daran war, dass meine Tochter die Pest bekommen würde.

Flöhe, genau wie Läuse, übertragen nämlich diverses Zeug: Hirnhautentzündung, Fleckfieber, Bandwürmer, Wundbrand, Kinderlähmung, ja, und auch die Pest. Zumindest theoretisch. Praktisch besteht hingegen überhaupt keine Gefahr, wenn man nicht in einem Dritte-Welt-Land wohnt und nur von einer der bei uns heimischen, harmlosen Floharten gebissen wird. Egal, ich hatte mich in meiner Hysterie bequem eingerichtet. „Wussten Sie, dass der Russlandfeldzug Napoleons auch daran scheiterte, dass die Soldaten der französischen Armee an von Läusen übertragenen Krankheiten starben?“, fragte ich völlig zusammenhangslos und sah eine der Mütter an der Kita-Tür streng an. Ich stand etwa einen Meter entfernt von ihr, schließlich wusste ich, dass der Floh knapp einen halben Meter weit springen kann. „Ich bin erkältet“, begründete ich meine Distanz, „ich möchte Sie nicht anstecken.“ Sie guckte mich irritiert an.

„Jetzt ist Schluss“, denke ich und ziehe ein letztes Mal an meinem Mundschutz. Ich erwarte ein großes Hin- und Hergehüpfe, die Panik der Flöhe vor ihrem Tod, aber das ist nur Spekulation. Klar ist, dass ich Millionen Tiere aus Millionen Jahren Erdgeschichte rächen werde, schließlich nerven Flöhe, genau wie Läuse, schon ewig. Zwei im Baltikum gefundene Bernsteinklumpen zeigen Flöhe, die vor 64 Millionen Jahren dort eingeschlossen wurden: Sie sehen genauso aus wie die Flöhe von meinem Fußboden. Läuse sind ebenso alt, mindestens 65 Millionen Jahre. Manche Forscher versuchen gar anhand von Läuse-DNA die Entstehungsgeschichte von Vögeln aus Dinosauriern zu ergründen. Die Viecher in unserer Wohnung sind also lebende Fossilien, doch das ist mir egal. Ich sprühe in eine Ecke und muss gestehen: Es macht mir ein bisschen Spaß, diesen Krieg zu führen. Den Befall werde ich in den nächsten Tagen einfach verschweigen, Flöhe sind schließlich nicht meldepflichtig. Die Familie ist eben zur Erholung bei der Oma, was soll’s? „Tschüß jetzt“, sage ich zu meiner Familie und schiebe sie zur Wohnungstür. In dem Moment klingelt es. Unser Nachbar. Ich sehe ihn fragend an (und er mich, schließlich habe ich eine Maske auf dem Gesicht und eine Spritzpistole in der Hand). Er wolle mal Bescheid sagen, lächelt er. Falls wir seiner Katze begegnen, solle man vorsichtig sein. Sie hat nämlich Flöhe.

Läuse:

– ca. 3 mm groß

– können weder springen noch fliegen, nur krabbeln

– können nur wenige Tage ohne Nahrung überleben

– grau (blutrot, wenn sie gerade getrunken haben)

– verstecken sich gern hinterm Ohr und im Nacken

– verursachen Jucken, meist eine allergische Reaktion

– ihre Eier legen Läuse an den Haarschaft in Nähe der Kopfhaut. daher werden sie fast immer durch den direkten Kontakt von Haaren übertragen und fast nie durch das gemeinsame nutzen von Mützen, Decken oder Kämmen.

… und wie man sie wieder loswird:

Die einfachste Methode ist zugleich die beste, billigste und gesündeste: Haare ab.

Eine weitere Lösung ohne Chemie: mit einem speziellen Nissenkamm mindestens vier Wochen lang kämmen. Leider besteht die Gefahr, selbst befallen zu werden und dennoch nicht alle Tiere zu erwischen.

Einfacher: Insektizide nutzen. Hat ggf. den Nachteil, nicht nur für die Läuse unangenehm zu sein. Die Behandlung nach acht Tagen wiederholen. Zwischendurch kämmen, um nachgeschlüpfte Larven zu entfernen, bevor sie mobil sind.

Eine Alternative sind Mittel auf Silikonölbasis – sie ersticken die Läuse. Gesundheitliche Nebenwirkungen sind dabei nicht bekannt.

Für alle Methoden gilt:

Bettwäsche und Handtücher bei mindestens 60 Grad waschen. Alles, was schlecht waschbar ist, in eine Plastiktüte packen und drei Tage in die Gefriertruhe legen.

Flöhe:

– 2 bis 4 mm groß

– flügellos

– seitlich geplättet (können so durch Haare laufen)

– braun oder schwarz

– leben im Dunkeln, gerne in Holzleisten oder Fugen

– Stichmuster: eng nebeneinander liegende Stiche, „Flohleiter“ genannt

– springen nur nachts

– sind schwer zu zerdrücken, daher zwischen den Fingern zerreiben oder in Seifenwasser ertränken

– Frauen und Kinder werden häufiger gestochen als Männer.

… und wie man sie wieder loswird:

Täglich staubsaugen. Und zwar überall. Staubsaugerbeutel nach dem Saugen auswechseln.

Weil Flöhe bei Temperaturen ab 45 Grad sterben, sollte man alles, was man waschen kann, bei 60 Grad waschen.

Ebenfalls gut: einen Dampfreiniger kaufen und damit Boden und Ecken abdampfen – das tötet Tiere und Eier.

Einen Vernebler sollte man selbst nicht benutzen, da man sich sonst unsachgemäß dem Gift aussetzt. Zuerst ein Spray auf Salzbasis kaufen, das sowohl die erwachsenen Tiere tötet als auch die Larven in ihrer Entwicklung hemmt. Nach acht Tagen die Wohnung erneut behandeln.

Hilft alles nichts: den Schädlingsbekämpfer anrufen.


Nido-Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools