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Interview

Wie ein Inselstaat im Meer versinkt - ein Klimaflüchtling berichtet

Sigeo Alesana musste mit seiner schwangeren Frau aus dem Südseeinselstaat Tuvalu flüchten, da dieser im Pazifischen Ozean versinkt. Heute leben sie in Neuseeland - als weltweit erste anerkannte Klimaflüchtlinge.

Von Anke Richter

Die "Borrow Pits" in Tuvalu sind riesige Gruben, die mit Müll gefüllt sind, eine Hinterlassenschaft der US-Armee nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei Flut laufen sie sofort voll.

Die "Borrow Pits" in Tuvalu sind riesige Gruben, die mit Müll gefüllt sind, eine Hinterlassenschaft der US-Armee nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei Flut laufen sie sofort voll.

Herr Alesana, was war der Grund, warum Sie vor neun Jahren verließen?

Ich wollte vor allem eine eigene Familie gründen. Eine bessere. Ich habe jetzt drei gesunde Söhne, die alle in geboren wurden – acht, fünf und ein Jahr alt. Sie hätten in Tuvalu nicht überlebt.

Warum nicht?

Als meine Frau Siga zum ersten Mal schwanger wurde, sind wir zur Entbindung auf die Hauptinsel ins Krankenhaus gefahren. Aber dort gibt es keine Notfallmedizin, nur einfachste Versorgung. Die Nabelschnur hatte sich um den Hals des Babys gelegt, aber niemand konnte einen Kaiserschnitt machen. Ein Nottransport nach Fidschi ging auch nicht, weil das Flugzeug von dort nachts bei uns nicht landen konnte. Wir haben keine Lichter, wir sind ein armes Land. Die Infrastruktur ist sehr schlecht. Unser starb, und Siga verlor viel Blut. Sie hätte es beinahe nicht überlebt.

Wie erging es Ihnen danach?

Auch das zweite Baby verloren wir im achten Monat. Wieder gab es keine richtige ärztliche Versorgung. Wir wollten dann nur für einen Besuch nach Neuseeland fliegen, wo meine Schwestern lebten. In Fidschi mussten wir erst wochenlang auf ein Visum warten. Als wir endlich in Auckland landeten, war Siga wieder schwanger. Da wussten wir: Wenn wir haben wollen, können wir nicht nach Tuvalu zurück. Das konnten wir nicht riskieren.

Heftige Wirbelstürme, große Dürre, bedrohlicher Trinkwassermangel: Das Leben auf Tuvalu ist für die ca. 10.000 Insulaner zu einem dauerhaften Existenzkampf geworden.

Heftige Wirbelstürme, große Dürre, bedrohlicher Trinkwassermangel: Das Leben auf Tuvalu ist für die ca. 10.000 Insulaner zu einem dauerhaften Existenzkampf geworden.


Also blieben Sie illegal in Neuseeland?

Ich habe das Besuchervisum erst auf sechs und dann auf neun Monate verlängert. Ich musste einen finden, egal was, um meine Familie zu ernähren. Unser Geld war aufgebraucht. Ich arbeitete zuerst bei McDonald’s und versuchte es mit einem Arbeitsvisum. Es wurde abgelehnt. Aber ich habe dennoch geglaubt, dass ich es schaffe. Ich wusste auch, dass ich als illegaler "Overstayer" jederzeit geschnappt und abgeschoben werden könnte. Also hielt ich mich an alle Gesetze, trank keinen Alkohol, fuhr nur mit Führerschein. In Tuvalu läuft man überall hin, niemand hat ein Auto. In Neuseeland hatte ich schon nach zwei Monaten die Prüfung gemacht.

"Wie will man dort leben?"

Was wäre passiert, wenn man Sie in der Zeit ausgewiesen hätte?

Ich hätte es in einem anderen Land versucht. Ich wäre nicht in Tuvalu geblieben. Niemals.

Weil der Meeresspiegel aufgrund der Erwärmung des Pazifiks ansteigt?

Ich habe es mit eigenen Augen gesehen: Unser Haus stand mal 200 Meter vom Ufer entfernt, dann waren es nur noch 100 Meter. Bei der jährlichen "King Tide", der großen Flut, stand es jedes Mal unter Wasser. In zehn Jahren ist es vielleicht verschwunden. Das Meer kommt immer näher.

Wenn die jährliche Springflut einsetzt, stehen Teile der Insel tagelang unter Wasser. Durch das Ansteigen des Meeresspiegels haben sich alle Umweltprobleme, mit denen der Atollstaat Tuvalu seit Jahrzehnten zu kämpfen hat, drastisch verschlimmert.

Wenn die jährliche Springflut einsetzt, stehen Teile der Insel tagelang unter Wasser. Durch das Ansteigen des Meeresspiegels haben sich alle Umweltprobleme, mit denen der Atollstaat Tuvalu seit Jahrzehnten zu kämpfen hat, drastisch verschlimmert.


Was bedeutet der Klimawandel für die Wasserversorgung auf den Atollen?

Sie wird immer schlechter. Lange Dürreperioden sind jetzt normal. Das Wasser im Brunnen kann man oft nicht mehr trinken, weil es so salzig und schmutzig ist. Als Kind hatte ich ständig Hautausschläge. Wie will man dort leben?

"Ich musste vor ein Tribunal und von allem erzählen"

Wovon haben Sie gelebt?

Ich war Lehrer, aber wir alle müssen zusätzlich den Boden bewirtschaften. Durch die Dürre, die Versalzung und die Wirbelstürme gab es immer schlechtere Ernten. Unsere Atolle sind winzig, und es gibt viele soziale Probleme: zu viel Alkohol, zu viele Menschen auf wenig Raum. Tuvalu ist überbevölkert. Bei uns gibt es ständig Gewalt, und immer dreht es sich um Land.

Wie haben Sie die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommen?

Es war ein langer Prozess, bis ich schließlich einen Anwalt fand. In meinem Antrag habe ich nichts verschwiegen. Ich musste vor ein Tribunal und von allem erzählen – von meinem Leben, meinen Eltern, all unseren Problemen in Tuvalu. Es waren harte Fragen über ein hartes Leben, stundenlang. Die Fragen brachten mich sogar zum Weinen. Mein Antrag wurde in der Begründung auch deshalb bewilligt, weil meinen Kindern ein Leben in Tuvalu aufgrund der Zustände dort nicht zuzumuten wäre. Ohne meine Familie wäre ich abgeschoben worden. Aber ich bin dem neuseeländischen Staat unendlich dankbar, dass er mich angehört hat. Meine Frau schrie vor Freude, als dann die Zusage kam. Nach sieben unendlich langen Jahren der Ungewissheit!

Bei Ihnen hängen Bibelsprüche an der Wand. Sind Sie gläubig?

Ich bin immer noch Christ. Wenn mein Herz mir sagt, dass ich Tuvalu verlassen muss, weil es dort nicht sicher ist, kommt das von Gott. Gott will, dass ich meine Familie ernähren und beschützen kann.

Das neuseeländische Dunedin, wo Sie jetzt wohnen, ist eine kalte Stadt und hat kaum polynesische Einwohner. Fühlen Sie sich dort wohl?

Ich liebe es, mit meinen Jungen ins Kino, ins Schwimmbad und den Park zu gehen. Parks gibt es in Tuvalu nicht. Ich werde dann selber zum Kind und hole mit meinen Söhnen all das nach, was ich in Tuvalu nie hatte. Tupou, mein Ältester, spielt Rugby und Fußball, er hat sogar Auszeichnungen in der Schule bekommen. Ich weiß, dass meine Kinder hier etwas Richtiges lernen können und Chancen haben, die ich nie hatte. Ich will das Beste für sie und bin sehr glücklich, dass mein Leben sich so verändert hat.

Ob diese Kinder als Erwachsene noch in Tuvalu leben, ist fraglich - zu erdrückend scheinen die Umweltprobleme, die der Meeresspiegelanstieg verursacht.

Ob diese Kinder als Erwachsene noch in Tuvalu leben, ist fraglich - zu erdrückend scheinen die Umweltprobleme, die der Meeresspiegelanstieg verursacht.


Können Sie mir Fotos aus Tuvalu zeigen?

Wir haben dort nie eine Kamera besessen. Daher haben wir nichts als unsere Erinnerungen.

Gute oder schlechte?

Ich vermisse meine Heimatinsel sehr. Ich komme von Nanumea, ganz hoch im Norden. Es ist ein einmaliger Schatz, genauso wie unsere Kultur, unsere Lieder und Gebräuche. Aber dieser Schatz wird bald versinken.

"Wenn wir Kinder haben wollen, können wir nicht nach Tuvalu zurück"

Fehlt Ihnen das Inselleben manchmal?

Die Menschen dort sind entspannter, sie feiern mehr miteinander, tanzen und essen gemeinsam. Hier in Neuseeland musst du vor allem erst mal hart arbeiten. Das hat in Tuvalu nicht Priorität. Dort zählt die Gemeinschaft, hier zählt die Familie. Ich möchte, dass meine Kinder anders aufwachsen als ich. Sie essen auch lieber Brot als Taro. Aber wir sprechen unsere Sprache zu Hause und feiern den Unabhängigkeitstag.

Sorgen Sie sich denn um Ihr Land?

Wenn wir alle fortgehen, wird auch unsere Kultur und Identität verloren gehen. Das ist sehr traurig. Aber ich persönlich denke zuerst an meine Familie. Tuvalu kommt an zweiter Stelle.

Wollen Sie Ihren Kindern irgendwann einmal Ihre Heimat zeigen, bevor sie vom Klimawandel komplett zerstört ist?

Meine Frau Siga und ich wollen eigentlich nicht mehr zurück. Es ist auch viel zu teuer, und was dort passiert, macht uns nur traurig. Aber Tupou möchte gerne hin. Wir haben ihm erzählt, dass die Menschen auf der Hauptinsel auf der Landebahn vom Flughafen spazieren und spielen und nachts darauf schlafen, weil es da kühler ist als in den engen Häusern. Das findet er aufregend. Er möchte dort so gerne mal mit dem Fahrrad herumfahren.

Die Familie: Der ehemalige Lehrer Sigeo Alesana, 36, und seine Frau Siga, 32, lebten auf einem Atoll des Inselstaates Tuvalu, bis sie 2008 nach Neuseeland kamen. Dort wurden ihre drei Söhne Tupou, 8, Tolise, 5, und Alesana, 1, geboren. Die polynesische Familie bekam vor zwei Jahren eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis und lebt in Dunedin, einer Kleinstadt auf der Südinsel. Sigeo Alesana macht dort Schichtarbeit in einer Kaffeerösterei.

Die Autorin: Anke Richter, 53, lebt als Korrespondentin in Neuseeland. Davor war sie mit ihrer Familie ein halbes Jahr in Tokelau, einem Atollstaat in der Südsee; auch der wird vom Klimawandel bedroht.


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