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Mama ist dann mal verschwunden …

Zwei Tage ohne Kinder. Ohne Pups-Kacka-Witze und Tränen. Dafür treffen die Schriftstellerin Lena Gorelik und ihre Freundin Charlotte auf ihrem Kurztrip zwei gute Bekannte wieder – ihr altes Ich, das sie früher mal waren.

Von Lena Gorelik

Beim Kurztrip ohne Kinder findet unsere Autorin ihr altes Ich wieder

Beim Kurztrip ohne Kinder findet unsere Autorin ihr altes Ich wieder

Charlotte Troll 48, ist Fotografin in München. Ihre Freundin Lena hat sie kennengelernt, weil ihr Sohn in dieselbe Kita ging wie deren Söhne. Am liebsten reden die beiden jedoch über andere Themen als .

Erst kommt das Schnitzel ganz lange nicht, und dann ist es zu klein. Am Nebentisch kommt das Essen auch lange nicht, doch dort sitzen zwei Kinder: Sie werden langsam ungeduldig, sie quengeln, und die Eltern versuchen, sie erst mit Geschichten abzulenken und sie dann zu ermahnen, aber die Kinder sind nicht meine, und die Eltern bin ich nicht. Heute bin ich keine Mami, heute ist mein Sohn mit seinem Vater im Wald, und ich sitze da und ärgere mich, weil das Schnitzel erst ganz lange nicht kommt und dann zu klein ist, und über mehr muss ich mich heute nicht ärgern.

Manchmal ist es, als lebte ich in zwei Welten, als gäbe es zwei Versionen von mir. Die eine singt, wenn sie im Auto sitzt, mit ihrem Sohn zu Deine Freunde mit, und die andere hört mit ihrer Freundin auf der Autofahrt Floyd: "We don’t need no education." Die Songtexte weiß ich auswendig, und manchmal, wenn ich die eine Person bin, vergesse ich, dass es die andere gibt. Und ich vergesse, mich nach ihr zu sehnen.

Was wir machen, scheint nicht von Bedeutung

Von der Kinderwelt in diese andere zu treten, in der ich Pink Floyd hören, in die Endlosigkeit fahren, fotografieren, tanzen, wegfliegen will, ist einfach. Mein Sohn winkt mir zu, er tut das gut gelaunt und lachend, und dann blicke ich meine Freundin an, mit der ich zwei Tage habe. Wir trinken noch einen Kaffee vor der Abfahrt – to go, in einem Hauseingang sitzend, das ist das Gefühl von: Es geht gleich los.


Was wir machen, scheint nicht von Bedeutung. Wir liegen im , die Handtücher schneeweiß, und reden über eine Geschichte, die wir gelesen haben. Und wir haben Zeit, nicht nur über den Inhalt zu sprechen: Wir sprechen tatsächlich über einzelne, besonders schöne Sätze. Wir trinken etwas und schweigen, dabei starren wir nur ab und zu mal in den Himmel. Wir lassen uns beim Frühstücken Zeit. Wir albern viel herum und ärgern einander, mehr als sonst, vielleicht tun wir das, weil unsere Kinder das heute nicht tun. Die Gedanken an meinen Sohn sind, wenn sie auftauchen, die der Sorge, da ist keine Sehnsucht dabei: Sind sein Vater und er nach der Autobahnfahrt gut angekommen? Aber ich wünsche ihn mir nicht herbei.

Beim Spazieren gehen wir an einem Golfplatz vorbei, drei Kinder kommen uns in Polohemden entgegen. "Sahst du mal so aus?", fragt Lena, und so beginnen wir zu erzählen, ich davon, wie ich aufwuchs, und sie von ihrer ganz anderen Kindheit. Über die Kindheit unserer Kinder reden wir nicht, obwohl sie sie gemeinsam verbringen, obwohl unsere Söhne beste Freunde sind und ihre Erinnerungen später auch einander beinhalten werden. Das ist kein Zwang, ich muss mich selbst nicht unterbrechen, ich muss mir nicht sagen, dass ich nicht über meinen Sohn reden darf. Ich wusste nicht, fällt mir auf, dass Lenas Hund, den sie als Kind hatte, an einer Vergiftung zu sterben drohte und mit Wodka gerettet wurde. Ich habe vieles nicht gewusst. Die Geschichten, die wir uns über unsere Kinder erzählen, haben so manches Mal unsere eigenen vergraben. Aber das ist mir nicht immer aufgefallen.

Der Übergang in die andere Welt

Im Badezimmer stehen Lena und ich beide vor dem Spiegel, und wir grinsen uns an. Ich sehe zwei Freundinnen, ich sehe nicht zwei Mütter. Ich sehe zwei, die wollen in die Welt. Nach Hause wollen sie nicht. Ich bin die Erste, die es dann sagt, wir machen uns soeben auf den Rückweg: "Noch so ein paar Tage hier. Einfach nur durch den Park streifen. Einfach nur sein!", und Lena nickt, und sie muss auch gar nichts dazu sagen. Ich werde meinen Sohn umarmen, und ich werde mich an seinem frechen Blick freuen, ich werde ihn nach den Hausaufgaben fragen und ob er Hunger hat. Ich werde dann die andere Person sein, die ich mir gerade nicht vorstellen kann, und ich werde denken, was ich auch jetzt schon ahne: Der Übergang in die andere Welt, in der ich eine Mutter bin, wird der schwierigere sein. Und wenn ich dann Lena sehe, werden wir nicht über Texte sprechen. Wir werden entscheiden, ob die Kinder jetzt ein kriegen oder später.

Lena Gorelik 36, lebt als Romanautorin und Essayistin in München. Wenn sie nicht mit ihrer Freundin Charlotte einen Kurztrip macht, arbeitet sie zwischen den Legosteinen und Playmobilfiguren ihrer beiden Söhne.

Dieser T., so nenne ich ihn jetzt einmal, hat meinen Sohn mit Matsch aus der Pfütze beworfen, und mein Sohn hat fürchterlich geweint. Jetzt sitzt mein Sohn auf seinem Bett und will nicht rausgehen und will nicht Fahrrad fahren, und er will nicht einmal ein Eis. Mit T. gab es schon einmal eine blutende Lippe und einmal eine Wunde am Kopf und insgesamt zu viele Tränen. Jetzt sitzt mein Sohn also auf seinem Bett und will nichts machen, und ich sitze auf einem anderen Bett, ganz weit weg, und das Bett, auf dem ich sitze, ist wirklich sehr, sehr schön, und dass mein Sohn auf seinem Bett sitzt, möchte ich wirklich nicht wissen. Ich lege mein Handy in den Koffer, sodass ich es nicht sehen und hören kann, und ich versuche, meine Wut auf T. und die Gedanken an meinen Sohn danebenzulegen.


"Hast du", fragt meine Freundin Charlotte, die auf dem Bett liegt, "was von der gelesen?", und zeigt auf einen Artikel im Feuilleton, und ich werfe mich neben sie auf das schöne Bett, in dem schönen Hotelzimmer, und überfliege den Artikel. Zwei Tage ohne Kinder, zwei Tage, nach denen man sich mit Kindern immerzu sehnt. All die Zeitungsartikel, die begonnenen, aber nicht ausgelesenen, und all die Gespräche, die unterbrochenen, all die Filme, die zu schauen man dann nach Tagen mit Kindern doch zu müde war, und all die Cocktails, die ungetrunkenen.

Einen Apfelstrudel zum Kennenlernen

Zwei Tage ohne Kinder. Wenn in den vergangenen Wochen unsere Söhne auch nach der fünften Bitte, die Kacka- und Pups-Witze am Tisch zu lassen, damit weitermachten und wenn wir uns über einen Fotoband beugten und plötzlich Geschrei hörten, weil irgendein Kind irgendein anderes Kind irgendwie irgendwas – dann blickten wir uns nur an. Und dachten, ohne es aussprechen zu müssen, dass wir bald zwei Tage ohne Kinder haben würden. Und dass diese zwei Tage ohne Kinder versprachen, länger als zwei Tage zu sein.

Es ist jetzt schon ein paar Jahre her, da hatte mir Charlotte einen Apfelstrudel vor die Nase geknallt. Die Kinder – wir waren gerade dabei, sie in eine arbeitsintensive Elterninitiative einzugewöhnen – waren eingeschlafen, und der Apfelstrudel, den sie aus dem Nichts zauberte und mir in dieser endlichen Stille vor die Nase knallte, hieß so viel wie: Ich will dich kennenlernen. Und ich will mehr über dich wissen als die Geschichten deines Sohns. Wir sprachen über Filme, Bücher und Kunst, wir erdachten gemeinsame Projekte, und wir gaben uns Mühe, nicht zu viel darüber zu sprechen, wie viele Grenzen ein Kind braucht oder auf welche Schule es später kommt. Die Kinder unterbrachen uns bei diesen Gesprächen, und wenn es nicht die Kinder waren, die uns unterbrachen, dann waren es unsere Gedanken an sie. Jetzt sind die Kinder nicht da, der Kaffee schmeckt anders mit Zigarette, denke ich, wir sitzen draußen auf einer Terrasse.

Wie die Zeit vergeht

Ich habe zwei Bücher mitgenommen, aber am späten Nachmittag noch keine Seite gelesen. Der Tag ist bald rum, denke ich, beinahe ängstlich, als müsste ich ihm hinterher, und ich weiß nicht, wohin. Wir haben in der Sonne gesessen, und geschwommen sind wir auch, und wir haben uns wahnsinnig gefreut, keine Bälle schmeißen und keine Schwimmflügel aufblasen zu müssen. Wir sind spazieren gegangen, Charlotte sagte, der Rhododendron würde gut riechen, aber meine Nase ist zu. Wir haben gelacht, aber ich habe mir nicht gemerkt, worüber, und jetzt ärgere ich mich, als wäre das verschwendete Zeit.

Die Zeit: Sie bekommt eine andere Länge. Mit Kindern zieht sie sich manchmal ewig hin, und hier ist sie verflogen. Die Genüsse sind manchmal klein: Da ist niemand, der etwas von meinem Kuchen abhaben will, und niemand, der diesen über Tisch, Mund und T-Shirt verschmiert. Wenn ich daran denke, denke ich kurz an meinem Sohn, ob er vielleicht immer noch … aber den Gedanken wische ich schnell und erfolgreich beiseite.

Abends liegen wir auf dem Bett und teilen uns ein Club-Sandwich mit Pommes und können uns nicht entscheiden, ob wir eine Serie oder einen Film schauen, und welchen. "Ich wollte schon lang mal …", beginne ich, da unterbricht mich Charlotte. "Sag mal, möchtest du ihn nicht manchmal umbringen, diesen T.?"

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