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"Erster entdeckt die Welt" von Tino Hanekamp

Eine Vorlesegeschichte von Tino Hanekamp | Vorlesezeit: 10 Minuten | für Kinder ab 4 Jahren

Im Bau

Erster und sein Vater sind Hasen. Sie leben in einem Fuchsbau ganz in deiner Nähe, und jetzt fragst du dich vielleicht: Hasen im Fuchsbau? Geht’s noch? Und warum heißt Erster eigentlich Erster?
"Warum heiße ich eigentlich Erster?", fragt Erster nun auch seinen Vater.
"Weil du mein Einziger bist", sagt der Vater und guckt, als hätte er Staub im Auge. Dabei ist der Fuchsbau wie immer gut gefegt, da musst du lange suchen, um auch nur einen Krümel zu finden.
Den Fuchsbau fegen, das macht Erster, und er macht es gern.
Er kennt hier jeden Winkel und jede Wurzel, denn ob Du’s glaubst oder nicht: Er war noch nie draußen, dabei ist er schon 66 Tage alt.
"Papa", sagt Erster wie jeden Tag, "wann darf ich denn endlich mal raus in die Welt?" "Bald", sagt der Vater, aber das sagt er seit 45 Tagen schon, seit Erster drei Wochen alt ist.
"Aber warum darf ich denn nicht raus?", fragt Erster, obwohl er die Antwort schon kennt.
"Weil die Welt da draußen zu gefährlich ist für einen Hasenjungen", sagt der Vater wie immer.
"Aber wir leben in einem Fuchsbau!", ruft Erster. "Was, wenn der Fuchs zurückkommt?" "Der kommt nicht zurück", sagt der Vater und guckt wieder so staubig, fast, als fände er es schade, dass der Fuchs nicht zurückkommt. Vielleicht hat er aber auch wirklich was im Auge, den letzten Krümel oder so.
"Wie sieht der Fuchs überhaupt aus", will Erster jetzt wissen, denn im Fuchsbau gibt’s ja keinen Fernseher und keine Bilderbücher, nicht mal ein Fenster. Es gibt nur Erster, seinen Vater und all die tollen Dinge, die der Vater von der Arbeit mitbringt – nur ein Fuchs war bisher noch nicht dabei.

"Wie der Fuchs eben aussieht", sagt der Vater, "rotes Fell, scharfe Zähne, wuscheliger Schwanz." "Wie, wuschelig?", fragt Erster. "hasenschwanzwuschelig oder staubwedelwuschelig?" "Eher staubwedelwuschelig", sagt der Vater. "Bis später, mein Sohn, ich muss los." Wie jeden Abend, wenn der Vater auf Arbeit geht, rollt er den großen Stein vor den Fuchsbau, und wie jeden Abend bleibt Erster allein im Bau zurück. Ihm ist jetzt aber nicht etwa langweilig, weil du kannst ’ne Menge Sachen machen in einem alten Fuchsbau, vor allem, wenn dir dein Vater jedes Mal was mitbringt von der Arbeit: eine Eichel zum Beispiel, Glitzerpapier, einen Ast mit Gabel oder einen Tannenzapfen.
Und was macht Erster jetzt? Er knabbert am Tannenzapfen. Fegt ein bisschen. Rollt die Eichel hin und her. Hüpft vor, hüpft zurück. Und jetzt – oh, oh – hoppelt er zum Eingang hin. Und … nein! Er drückt am Stein.
Das darf er nicht, das weiß er auch, aber er will ja nur mal gucken. Seit 45 Tagen schon drückt er jeden Tag am Stein, und natürlich ist der Stein zu groß und Erster viel zu klein.

Aber wenn du jeden Tag am Stein rumdrückst, dann macht dich das stärker, und deswegen passiert jetzt was, am 66. Tag im Leben von Erster Feldhase, wohnhaft im Fuchsbau Nummer eins: Der Stein bewegt sich. Nur ein ganz kleines bisschen, mehr als ein Stück vom Himmel kriegt Erster nicht zu sehen, aber das guckt er sich ganz genau an. Bis er den Vater zurückkommen hört. Schnell hüpft er auf seine Lieblingswurzel und schaukelt, als wäre nix gewesen, aber der Vater sieht natürlich sofort, was los ist. Der Stein, der Spalt – der Vater weiß Bescheid. Er seufzt und schüttelt den Kopf und sagt mit staubiger Stimme: "Na gut, mein Sohn, es ist so weit: Morgen zeige ich dir die Welt." "Hurra!", ruft Erster und flitzt durch den Fuchsbau wie ’ne Flipperkugel. Am nächsten Tag schiebt der Vater den Stein beiseite, hoppelt raus, und diesmal – endlich! endlich! – hoppelt Erster hinterher.

Die Welt

Erster weiß gar nicht, wo er zuerst hingucken soll. Er stolpert über ein Schneckenhaus, macht einen Purzelbaum, liegt jetzt auf dem Rücken und ruft: "Wow, was sind denn das für wuschelige weiße Wirbeldinger da oben an der Himmelhöhlenweltendecke?" "Das sind Wolken", sagt der Vater und stellt ihn wieder auf die Hasenbeine. "Komm, weiter." "Und da, so ein eckiges, fleckiges Ästelgeflechteldingens, das habe ich ja noch nie gesehen!", ruft Erster.
"Nicht so laut", sagt der Vater und hoppelt einen Hops, "das ist ein Busch." "Aha", flüstert Erster und hopst, hopst, hopst hinterher.
"Und das rieselnde, pieselende Glitzerperlendingsbumsband da hinten?", ruft Erster schon wieder. "Was ist das?" "Das ist der Bach", sagt der Vater.
"Kann ich da reinspringen?" "Nein, Hasenjungen können nicht schwimmen." "Schwimmen? Was ist denn Schwimmen?" "Erklär ich dir später", sagt der Vater und guckt sich nervös um. "Los, Erster, komm weiter." Sie hoppeln am Bach entlang in den Wald, da ruft Erster: "Papa, was ist denn mit den Schmolken passiert? Die sind ja auf einmal alle grün und raschelrauschen und haben Stiele!" "Das sind Bäume", sagt der Vater. "Wir sind im Wald. Und die Dinger heißen Wolken." Und so geht das eine ganze Weile weiter. Der Wald ist nicht sehr groß, für uns Menschen nur ein Wäldchen, aber was es da alles zu sehen gibt! Glitschige, pitschige Einbeinhüte (Pilze), krabbelnde, sabbelnde Minipanzer (Käfer) und haufenweise knistrige braune Baumlappen (Laub). Erster fallen fast die Hasenaugen aus dem Hasenkopf, so doll guckt er sich das alles an, und eines weiß er jetzt schon: Das ist der beste Tag in seinem Hasenleben, die Welt, die findet er super!
Doch auf einmal stinkt es so komisch. Und es wird laut, superlaut. Es klingt, als würde die Erde dröhnen, und jetzt bebt sie auch noch und der Vater ruft: "So, mein Sohn, das war’s, hier geht’s nicht weiter!" "Was?" Erster kann’s nicht fassen. "Warum das denn?" "Weil da hinten die Welt zu Ende ist", sagt der Vater.

"Aber ich will mehr", ruft Erster. "Ich will die ganze Welt sehen, auch das Ende!" Der Vater seufzt und hoppelt weiter, Erster hoppelt hinterher, und auf einmal sind da keine Bäume mehr, sondern riesige Donnerdinger, die an ihnen vorbeibrausen – brumm, brumm, brumm. Es stinkt nach Stinkerauch, und der Rauch beißt in den Augen, und die Dinger donnern, und Erster hat zum ersten Mal in seinem Leben Angst. Der Vater guckt staubig und streichelt seinem Sohn über den Kopf.
"Okay", sagt Erster und lässt die Ohren hängen.
Sie hoppeln zurück. "Pilz", sagt Erster, als er einen Pilz sieht.
"Käfer", sagt Erster, "Laub, Wald, Baum, Bach, Busch" – und dann sind sie wieder vor dem alten Fuchsbau. "Tschüs, Wolken", sagt Erster, und er ist sich nicht mehr sicher, ob heute wirklich der beste Tag in seinem Hasenleben war, weil die Welt war super, aber auch so schnell wieder zu Ende.
Er will jetzt einfach nur wieder in den frisch gefegten Fuchsbau und ein bisschen in seiner Lieblingswurzel schaukeln.
"Warte mal, mein Sohn", sagt der Vater und stellt sich vor Erster in den Eingang, als wäre er jetzt der Stein. "Das da oben", sagt der Vater und wischt sich den Staub aus den Augen, "sind gar keine Wolken. Das sind wuschelige weiße … äh … Wirbeldinger an der Himmel … äh … weltendecke." "Okay", sagt Erster. "Darf ich jetzt bitte wieder rein?" "Und das", sagt der Vater, "das ist gar kein Busch!" "Aha", sagt Erster, aber eigentlich ist’s ihm egal.
"Das ist ein eckiges, fleckiges Ästelge … äh … flechtelbums … äh … dings … äh … dingens." "Hihi", macht Erster, weil der Vater so komisch spricht und sich dabei fast die Zunge bricht.
"Und morgen", sagt der Vater, "gehen wir schwimmen im pieselnden Glitzer … äh …" "Wirklich?", sagt Erster und stellt seine Hasenohren auf.
"Ja", sagt der Vater. "Und wir flitzen unter den raschelrauschenden Stielschmolken lang, springen über glitschige, pitschige Einbeinhüte und bauen uns ein Bett aus knistrigen Baumlappen!" "Haha", macht Erster, "das klingt super! Und dann?" "Dann machen wir ein Nickerchen in unserem Baumlappenbett." "Hurra!", sagt Erster. "Und dann? Und dann? Und dann?" "Dann gehen wir zu der Donnerdingerwand und pupsen die so lange an, bis sie umfällt!" Erster lacht sich schlapp. So lustig hat er den Vater noch nie erlebt, außerdem freut er sich jetzt auf den nächsten Tag, den übernächsten und den danach. Der Vater und Erster hoppeln zurück in den Fuchsbau, der Vater schiebt den Stein vor den Eingang und die beiden legen sich schlafen.
"Das ist also die Welt", murmelt Erster und kuschelt sich an den Vater.
"Ja, mein Sohn", sagt der Vater und hält ihn fest.
"Ein voll verrückter Superwundermegawahnsinn", sagt Erster, gähnt und schmatzt.
"Ganz genau", sagt der Vater, "kommt nur drauf an, was man draus macht. Gute Nacht."

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