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Wo ist der Sex? Teil 3: "Verdammte Müdigkeit"

Das verhasste Gesprächsthema in einer Beziehung: Sex. 64 Prozent der Befragten vermeiden es, darüber zu reden. Gefolgt von: Finanzen und Beziehungsproblemen generell. Vermutlich sieht es deshalb im Bett noch schlechter aus als auf dem Girokonto.

Wo ist der Sex? Teil 3: "Verdammte Müdigkeit"

Na, dann mal gute Nacht. Erschöpfung ist das wohl beste Verhütungsmittel der Welt.

"Verdammte Müdigkeit"

Kristina, 32, Marketingreferentin, und Markus, 32, Produktmanager, aus Berlin sind seit fünf Jahren verheiratet. Ihre Töchter Anika und Hanna sind vier und drei Jahre alt. Beide arbeiten fast Vollzeit, die Betreuung der nach Krippe und Kindergarten teilen sie sich. 

Neulich waren sie mal wieder tanzen. Auf einer Party von Freunden, schon um halb zehn war die Tanzfläche voll, schließlich waren sie alle Eltern, und zwei Stunden später musste man schon wieder den auslösen. „Wenn man euch beim Tanzen zusieht, ahnt man, dass ihr echt heißen Sex habt“, sagte der angetrunkene Gastgeber irgendwann zu Kristina. „Du bist wohl scharf auf meine Frau“, erwiderte Markus grinsend und legte den Arm um sie. An dem Abend, erinnert sich Kristina, hatten sie tatsächlich mal wieder Sex miteinander, das erste Mal seit Wochen. Vielleicht, weil sie sich durch die Bemerkung ermutigt fühlten. Sich selbst aus einem anderen Blickwinkel sahen. „Wir haben uns wohl daran erinnert, dass wir uns tatsächlich mal ganz schön heiß fanden“, sagt Kristina. „Die meiste Zeit vergessen wir das allerdings.“

Lust? Das sei der Punkt, der in ihrem straff durchorganisierten Alltag keine Rolle spiele.

Seit knapp einem Jahr arbeiten beide fast wieder Vollzeit, die Familie verlässt morgens um halb acht das Haus und kehrt erst zwölf Stunden später zurück. Die Kinder gehen in einen Kindergarten, der fast eine Stunde entfernt liegt, aber in ihrem Viertel war kein Ganztagsbetreuungsplatz zu bekommen. Wenn Anika und Hanna um siebzehn Uhr abgeholt worden sind, geht es weiter zur Frühmusikalischen Erziehung, zum Kinderturnen oder -malen. Die Einkäufe werden auf dem Nachhauseweg erledigt, oft mit übermüdeten und schreienden Kindern.

„Wenn wir dann die beiden gegen neun Uhr ins Bett gebracht haben, räumen wir noch auf, bereiten den nächsten Tag vor und legen uns dann nur noch aufs Sofa vor die Glotze“, sagt Kristina. Eigentlich haben sie die XXL-Couch gekauft, weil sie eine Spielwiese außerhalb des Schlafzimmers haben wollten. Anika und Hanna schlafen immer bei ihnen im Bett ein und bleiben oft die ganze Nacht. „Sex neben den Kindern ist krampfig“, sagt Kristina. Trotzdem könne sie an einer Hand abzählen, wie oft sie im Wohnzimmer miteinander geschlafen oder auch nur geknutscht hätten. Schon der Versuch, ein Gespräch hinzubekommen, das über ein „Wie war dein Tag? – Okay“ hinausgeht, scheitert meistens. Normalerweise schläft einer von ihnen irgendwann vor dem Fernseher ein.

Das nervt beide. „Wir wollen kein Bruder-Schwester-Verhältnis entwickeln“, sagt Kristina. Immer wieder gäbe es den gleichen Dialog kurz vor dem Einschlafen im Bett: „Wir haben bestimmt schon zwei Wochen nicht mehr miteinander geschlafen.“ „Hmmmm, kann sein, müssen wir mal wieder machen.“

„Jetzt?“

„Ich schlafe schon fast. Willst du noch?“

„Ich bin auch echt müde.“

„Vielleicht morgen, okay?“

„Schlaf gut.“

„Du auch.“


Dieser Text ist in der Ausgabe 11/2016 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

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