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"Sofies Welt"-Autor über das Geheimnis der lebenslangen Liebe

Wer könnte das Geheimnis einer glücklichen Beziehung besser erklären als Jostein Gaarder: Der norwegische Schriftsteller fand schon in seinem Jugendbuch-Klassiker "Sofies Welt" einfache Antworten auf die großen Fragen des Lebens. 

"Sofies Welt"-Autor über das Geheimnis der lebenslangen Liebe

Ist das nicht der eine von ABBA? Nein, der Schriftsteller Jostein Gaarder, 64, kann besser schreiben als singen. Und er kommt auch nicht aus Schweden, sondern aus Norwegen.

Reden wir nicht lange drumherum, Herr Gaarder: Was ist Liebe?

Die treffendste Antwort findet sich meiner Meinung nach in der Bibel. Paulus sagt da sinngemäß: Liebe ist, den anderen wichtiger zu nehmen als sich selbst. Der Begriff Liebe umfasst natürlich eine Menge Spielarten: die erotische Liebe zwischen Partnern, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, die Nächstenliebe … Wenn wir von der erotischen Liebe sprechen, braucht es zu deren Gelingen nur zwei Dinge: Freundschaft und Erotik. Fehlt eines von beiden, beginnt eine Beziehung zu bröckeln.

Mehr ist es nicht? Die Erfolgsformel für eine funktionierende Beziehung lautet: Freundschaft plus Sex?

Wenn ich höre, dass sich junge Paare über ihre Beziehung beklagen, frage ich manchmal ganz direkt, ob sie denn noch miteinander schlafen würden. Bejaht das Paar die Frage, glaube ich, dass sich an ihrer Freundschaft arbeiten lässt – einfach indem das Paar mehr Zeit zusammen verbringt, miteinander redet, sich einander anvertraut. Verneint das Paar meine Frage aber, steht es vor einem großen Problem, das es unbedingt ernst nehmen sollte. Vielleicht hilft da eine Paartherapie.

Wenn Menschen lange ­zu­sammenleben, führen sie sich manchmal auf, als wären sie im Krieg miteinander.

Sobald es im Bett nicht mehr läuft, fangen die Probleme an? Sind Beziehungen dann nicht doch etwas komplexer? 

Natürlich ist es auch wichtig, sich aufeinander einzulassen und Kompromisse einzugehen. In einer Partnerschaft geht der eine nun mal gerne ins Museum, der andere lieber in den Wald. Es braucht einen Mittelweg, den man aus Liebe einschlägt. 

Es kann schon eine Herausforderung sein, Kompromisse zwischen zwei Menschen auszuhandeln. Wie verändert sich eine Beziehung dann, wenn aus zweien drei oder vier werden, wenn dazukommen?

Es ist wissenschaftlich belegt, dass kinderlose Paare eine bessere Beziehung zueinander haben. Schließlich beanspruchen Kinder viel Zeit und Aufmerksamkeit. Die Zeit, die man ansonsten mit dem Partner verbracht hätte, verringert sich automatisch. Aber Kinder geben uns eben auch unglaublich viel zurück. Und oftmals reicht ja schon der eine Abend, an dem die Kleinen bei den sind, um das eingeschlafene Liebesleben der Eltern wieder in Schwung zu bringen. Meine Frau und ich sind früher häufiger mal nach Paris gefahren. Wir haben uns bewusst Zeit für uns genommen. Wir haben Wein getrunken, waren gut essen, haben viel geredet, ja, das gebe ich zu: durchaus auch über die Kinder. 

Das klingt alles so einfach bei Ihnen, Herr Gaarder. Warum empfinden so viele Menschen Beziehungen dann als harte Arbeit? 

Klar, eine gute Beziehung bringt auch Arbeit mit sich. Die Partner haben Stück für Stück eine vertrauensvolle Beziehung zueinander aufgebaut, und nun gilt es, diese Nähe möglichst lange aufrechtzuerhalten. Man darf den Zugang zueinander nicht verlieren. Beide Partner tragen Verantwortung dafür, dass ihre Liebe nicht erlischt. Beide müssen eine Balance zwischen Geben und Nehmen finden. Wenn der eine nur nimmt und der andere nur gibt, wird es schwierig. 

Beziehungsalltag kann ziemlich anstrengend sein, oder?

Tja, kommt drauf an, was man erwartet. Liebe ist nun mal nicht so, wie sie über Jahrhunderte in der Literatur beschrieben wurde: Man wird nicht von Amors Pfeil getroffen. Man ist auch nicht blind vor Liebe, zumindest nicht über all die Jahre einer Beziehung hinweg. Wenn Menschen lange zusammenleben, führen sie sich manchmal auf, als wären sie im Krieg miteinander. Unerlässlich ist dabei, dass man nach einer Auseinandersetzung wieder Frieden schließen kann, am besten noch bevor die Sonne untergeht.  

In „Sofies Welt“ von 1991 werden die grossen ­Philosophien der Menschheit jugendgerecht erklärt. Bis heute wurde der Roman in in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt und mehr als vierzig Millionen mal verkauft.

In „Sofies Welt“ von 1991 werden die grossen ­Philosophien der Menschheit jugendgerecht erklärt. Bis heute wurde der Roman in in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt und mehr als vierzig Millionen mal verkauft.

Warum tun Liebende einander überhaupt weh?

Menschen sind von Natur aus egoistisch. Es ist ja auch vollkommen okay, gut für sich selbst zu sorgen. Wenn Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, dann heißt das auch: Sei gut zu dir selbst. Aber eben nicht nur. Man sollte auch an den anderen denken können. Ein Kind, das nichts von seinem Kuchen abgeben will, muss eben lernen zu teilen. So einfach ist das.

Sie sind 42 Jahre verheiratet. Wird das Zusammenleben im Laufe der Zeit friedlicher, weil man irgendwann alle Kämpfe gekämpft hat?

Das kann ich pauschal nicht sagen. Das ist von so vielen individuellen Aspekten abhängig. Ich kann Ihnen aber sagen, dass ich persönlich nur ein einziges Mal geheiratet habe. Seit mehr als vier Jahrzehnten lebe ich mit meiner Frau zusammen – und bis zum heutigen Tage kann ich mir nicht vorstellen, mit einer anderen Frau verheiratet zu sein.

Ihrer Logik zufolge ist Ihre Frau Ihre beste Freundin, nicht wahr? 

Absolut. Meine Frau ist meine beste Freundin und noch viel mehr als das. Wir sind Freunde, Eltern und Liebende zugleich. Das ist etwas ganz Besonderes.

Respekt. 

Aber ich bin trotzdem froh, in meinem Leben die Erfahrung gemacht zu haben, allein zu wohnen und auf mich selbst gestellt zu sein. Es war zwar nur ein halbes Jahr in meinen Zwanzigern, aber immerhin! Nach zwei einsamen Monaten in meiner Studentenbude ist meine Frau, damals noch meine Freundin, über Nacht geblieben. Aber ich habe mal allein gewohnt. Das war ein wichtiger Schritt. 

Sie haben für einen kurzen Moment ein wenig Freiheit gekostet. Vermissen Sie diese Freiheit heute manchmal? 

Ach, spätestens sobald man Kinder hat, ist das nun mal so. Aber Freiheit scheint zu einem Schlüsselwort unserer heutigen Gesellschaft geworden zu sein. Für junge Leute gibt es nichts Wichtigeres als ihre Freiheit. Das sieht man auch an den diversen Singlehaushalten in europäischen Großstädten. 

Was verstehen Sie unter Freiheit?

Ich denke, Verantwortung zu übernehmen ist ein Teil von Freiheit. Wer 24 Stunden am Tag keine Pflichten hat, für den wird auch Freiheit zum Gefängnis. Das ist wie bei „“: Pippi geht nicht zur Schule und hat deshalb auch keine Sommerferien. Im Grunde hat sie die ganze Zeit ununterbrochen Ferien. Doch das macht sie nicht glücklich. Pippi befreit sich vom dauerhaften Freisein, indem sie zur Schule geht. Ohne Aufgaben und Pflichten kann man nie wirklich frei sein. 

Wie frei sind Sie?

Ich habe sehr viele Freiheiten in meinem Leben. Allerdings glaube ich nicht, dass ich diese Freiheiten genießen könnte, hätte ich nicht auch familiäre Pflichten. Ich bin begeisterter Vater, aber manchmal brauche ich eine Pause von Frau und Kindern. Wenn ich mir etwa zu einem bestimmten Thema Gedanken mache, hilft es mir, allein spazieren zu gehen, obwohl ich natürlich auch sehr gerne mit meiner Familie unterwegs bin. Sobald ich mich in die Natur begebe, fühle ich mich wie berauscht.  Bäume, Vögel und Blumen inspirieren mich. Das ist meine Freiheit.

Sie haben zwei erwachsene Söhne und fünf Enkelkinder. Wie muss man sich Familienleben bei den Gaarders vorstellen?

Nach der Geburt unseres ersten Sohnes Mitte der Siebziger bin ich mit dem Kind zu Hause geblieben. Ich war Hausmann. Meine Frau hatte einen tollen Vollzeitjob und ich eben nicht. Sie hat an einem Internat unterrichtet. Nachdem die Stillphase vorbei war, ging sie wieder arbeiten, und ich kümmerte mich um unser Kind. Windelwechseln, Füttern, Arztbesuche – das habe ich alles allein geschafft, die Bücher nicht zu vergessen, die ich währenddessen auch noch geschrieben habe.

Wie waren Sie als Vater? 

Ich war jedenfalls kein strenger Vater. Streng bin ich höchstens jetzt als Großvater. Ich habe ständig Angst, meinen Enkeln könnte irgendwas passieren. Sie könnten stürzen oder von einem Auto angefahren werden. Na ja, als „streng“ kann man das wohl auch nicht bezeichnen, eher als „besorgt“. Aber ansonsten bekomme ich als Großvater die Kirsche auf der Sahnehaube serviert: Ich habe die Freude mit den Kindern, aber nicht die Arbeit. Ganz ehrlich, ich habe nicht ein Mal die Windeln meiner Enkel gewechselt. Das ist einzig und allein Aufgabe ihrer Eltern. 

Sehen Sie Ihre Kinder und Enkel oft? 

Ja, wir wohnen sehr nah beieinander.

Denken Sie, Sie und Ihre Frau haben Ihre Aufgabe als Eltern gut gemacht? Und denkt Ihre Frau das auch?

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass wir herausragende Eltern für unsere Kinder waren oder sind, aber wir haben als Paar und als Familie großes Glück gehabt. Das sagen meine Frau und ich einander auch häufiger. Man weiß bei der Hochzeit nie, ob man sich nicht doch eines Tages scheiden lässt. Aber wir kriegen es seit 42 Jahren miteinander hin. Wir haben zwei Kinder geboren, noch dazu gesunde. Wir haben Freunde mit drogensüchtigen oder depressiven Kindern. Diese Familien leiden. Wir sind verschont geblieben.

Was geben Sie Ihren fünf Enkeln mit auf den Weg? 

Sie sollen tolerieren lernen, dass andere Menschen andere Meinungen haben. Sie sollen ein offenes Ohr für die Sorgen anderer haben. Sie sollen lernen zu teilen. Meine Enkel sollten aber auch wissen: Wenn du etwas erreichen möchtest, musst du hart dafür arbeiten. Das beginnt schon mit guten Noten in der Schule. Letzteres könnte in meiner Familie wirklich etwas mehr beherzigt werden.

Wenn Ihre Enkel fragen würden: „Opa, was ist das Wichtigste im Leben?“, was würden Sie antworten?

Diese Frage zählt für mich zu den Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Aber man sollte sie sich gestellt haben, um überhaupt ein gutes Leben führen zu können. Du kannst keine Liebe erfahren, wenn du dich nie gefragt hast, was Liebe für dich ist. Die Antworten kann sich nur jeder selbst geben.

Dann lassen Sie mich persönlicher fragen: Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?

Das Leben selbst. Das Leben selbst macht uns reich. Ich muss nicht mehr nach dem Sinn des Lebens fragen. Für mich ist das Leben schlicht ein Mysterium, ein Rätsel. Schon früh habe ich die Entscheidung getroffen, immer auch ein Kind bleiben zu wollen, und ich glaube, das ist mir gelungen. Auch heute bin ich noch neugierig, und auch heute fasziniert mich unsere mystische Existenz. Und ich schreibe, um meinen Reichtum und meine Fülle zu teilen.

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