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Maggies Kleid – "das ist so eine Geschichte, wie man sie sich wünscht"

An dieser Geschichte ist man zum Wochenbeginn nicht vorbeigekommen: Ein Twitter-Neuling sucht für seine Tochter ein Kleid und tritt eine Lawine an Reaktionen los. Papa Jörg erzählt, wie seiner autistischen Tochter geholfen wurde.

Maggie mit ihrer Familie

Maggie mit ihrer Familie: Die Zehnjährige steht in der Mitte und trägt natürlich ihr Kleid

Jörg hat erlebt, wie ein Hilferuf in den sozialen Medien ankommen kann. Wenn man so viel Glück hat wie er und alles optimal läuft. Der Vater von drei Kindern war für seine autistische Tochter Maggie auf der Suche nach einem Kleid, denn das Mädchen trägt nichts Anderes. Wir haben den Schleswig-Holsteiner gefragt, was genau passiert ist. Er möchte nicht, dass sein Nachname veröffentlicht wird und zeigt seine Familie zu deren Schutz auch nur bearbeitet – mit Sonnenbrillen. Die vergangenen 48 Stunden und ihre Vorgeschichte sahen für ihn so aus:

"Meine Tochter hat frühkindlichen Autismus und trägt nur dieses eine Kleid", berichtet Jörg

Mag sie das Muster gern?

Sie ist besonders empfindlich auf der Haut, der Stoff ist für sie angenehm und sie ist es eben gewohnt. Für Autisten ist es immer so: Je mehr gewohnte Umgebung sie haben, desto sicherer kommen sie durch den Alltag. Idealerweise haben sie jeden Tag den gleichen Tagesablauf und dazu gehört, gerade bei meiner Tochter, auch immer das gleiche .

Aus dem Kleid, das wir davor hatten, ist sie langsam herausgewachsen. Bei einem Ausflug auf den Hamburger Dom hatte meine Frau ein anderes Mädchen gesehen, das ebenfalls dieses Kleid trug und sagte zu mir: "Guck mal da, unser Kleid!" Und ich habe geantwortet: "Da gehe ich gleich mal hin!"

Das erste Ersatzkleid kam per Zufall

Papa Jörg machte sich also auf den Weg und sprach eine fremde Frau an. "Ich habe sie ganz allgemein gefragt, ob sie das kennt, Autismus, ob sie weiß, was das bedeutet und habe auf meine Tochter gezeigt, die fünf Meter weiter stand." Maggie trug an dem Tag natürlich auch "ihr" Kleid. Jörg hat sich mit der Unbekannten ein wenig unterhalten – und sie gefragt, ob er ihr das Kleid ihrer Tochter abkaufen könnte. "Natürlich nicht sofort!", sagte er und bot an, ihr seine Handynummer zu geben, sodass sie sich ihre Antwort in Ruhe überlegen könnte. "Und nach 20, 30 Minuten hatte ich sie dann weichgekocht", lacht Jörg stolz. Einen Tag später meldete sich die Dame und stimmte dem Handel zu. Das Kleid kam ein paar Tage später per Post. "Wir waren ganz glücklich, weil es genau eine Nummer größer war. Erst hatten wir 140, dann 146. Und damit sind wir bislang hingekommen – aber nun kommen die Knie langsam in Sicht.“

Weil das Modell gut neun Jahre alt ist, musste sich Jörg überlegen, wie er erneut an Ersatz kommt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiterer Kirmesbesuch auf dem Hamburger Dom Erfolg bringen würde, war schließlich viel zu klein. "Und da ich schon mal gehört hatte, dass sich Hilfe-Aufrufe im Netz schnell viral verbreiten, war das meine Hoffnung: Meldest dich mal an bei , machst da ein Foto rein, vielleicht verteilt sich das ja und in ein paar Monaten hast du dann ein Kleid oder zwei. Idealerweise sogar drei." Sonntagnachmittag überlegte er sich also einen Accountnamen, weil er "nicht gleich mit Klarnamen in die Welt gehen" wollte. "Man weiß ja nie genau, wie sich sowas entwickelt."

Jörg veröffentlichte sein Gesuch


Seinem Freund und Arbeitskollegen hatte Jörg schon einmal von der Idee berichtet, sein Glück über Twitter versuchen zu wollen und der hatte gleich angeboten, ihn dabei zu unterstützen und den Tweet über seinen Account weiterzuverbreiten. "Gesagt, getan, ich habe ihm eine Whatsapp geschrieben und dann war das wie eine Lawine, die langsam losgeht. Zum Abend hin hat mein schon die ganze Zeit vibriert, nachts wurde es dann ruhig. Und Montagmorgen ging es wieder los. Das Handy war eigentlich überhaupt nicht mehr benutzbar. Wir haben dann ab und zu bei meinem Kollegen aufs Handy geguckt: 'Oh, schon 1000 Retweets. Oh, schon 1300!'"

Das ist natürlich sehr ungewöhnlich für jemanden, der seinen ersten Tweet absetzt. Deswegen haben wohl auch manche User gedacht, das sei Guerillamarketing des Herstellers Ernsting’s Family.

Das kann ich auch gut nachvollziehen. Es gab online ja Vergleichbares in der Vergangenheit, wo sich hinterher herausstellte, dass es ein gesteuerter Marketinggag war. Das gehört zum Internet dazu. Aber in diesem Fall ist es einfach Realität, die toll läuft.

Einige User haben das Modell auch bei Ebay gefunden und die Angebote an Sie weitergeleitet. Sind Sie auf die Idee nicht gekommen?

Ich habe da Anfang des Jahres sporadisch geguckt, aber nie etwas gefunden. Und zu dem Zeitpunkt, als ich das getwittert habe, habe ich da nicht mehr reingeguckt. Und auch jetzt waren die Kleider, die die Twitter-User gefunden haben, in Größe 128 oder noch kleiner. Das nützt natürlich nichts, es muss ja auch passen.

Wenn Ihre Tochter zehn Jahre alt ist und das Kleid schon neun, haben Sie es dann damals gebraucht gekauft?

Sie hat es von einer Cousine bekommen.

Und Maggie hat noch zwei Geschwister?

Richtig, einen Bruder und eine kleine Schwester, sie ist in der Mitte.

Ernsting’s Family hat ja ziemlich cool reagiert. Wer kommt schon auf die Idee, das Muster nachzeichnen, es nach Asien zu schicken und dort produzieren zu lassen? Aber werden sie es schaffen, dass Maggie das für "ihr Kleid" hält oder reicht es, wenn das Dekor stimmt?

Das ist die spannende Frage, das weiß ich auch nicht. Das letzte Kleid haben wir ja unter der Hand ausgetauscht, sodass sie es nicht mitgekriegt hat. Das ist schwierig, denn zu Hause hat sie halt nichts an. Das Kleid trägt sie ja nur, wenn sie mal rausgeht. Und wenn die neuen Kleider einen anderen Stoff haben, könnte das schon schwierig werden.

Zu Hause hat sie nichts an? Läuft sie da nackig rum?

Genau.

Das erklärt natürlich, warum sie so wählerisch ist.

Ja, und zu Hause kann man das ja auch so entspannt halten.

Wie hat Ernsting’s Family Kontakt zu Ihnen aufgenommen? Haben sie Sie gebeten, Ihnen bei Twitter zu folgen?

Richtig und das war ein absoluter Zufall. Ich war in der Mittagspause und dachte: Guckste doch mal auf das Handy, ob es jetzt gerade reagiert. In dem Moment ging es dann ein bisschen und ich habe mir so ein, zwei Tweets angeguckt. Einer war dann von Ernsting’s Family: Hallo Feen_Papa, bitte folge uns. Das habe ich dann gleich gemacht. Und dann haben sie mir eine Persönliche Nachricht geschickt und wir haben kurz getextet. Da haben sie schon geschrieben, sie werden versuchen, eine Übergangslösung zu finden und dass sie die anderen Sachen nachproduzieren.

Am Abend wurden die Details geklärt und Jörg hat dem Hersteller nun das kleinere Kleid zugeschickt, damit es als Vorlage dienen kann.

"Man wagt ja nicht, sein Glück herauszufordern, aber ich habe dann gesagt: Wenn, dann bräuchte ich alle Größen. Und idealerweise zwei Stück pro Größe", erzählt Jörg. "Und sie sagten dann: Ja, kein Problem, machen wir. Und Sie kriegen auch alles kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das ist so eine Geschichte, wie man sie sich wünscht: Einer stellt einen Hilferuf ein und dem Menschen wird auch geholfen. Das macht einen wirklich sprachlos!"

Auch der Hersteller freut sich

Ein wenig stolz darauf, wie alles gelaufen ist, klingt auch der Pressesprecher von Ernsting's Family, Marcello Concilio: "Wir sind Montagvormittag auf die Anfrage und die unglaubliche Anzahl an Retweets aufmerksam geworden. Es stand sofort fest, dass wir schnell reagieren müssen und diese Geschichte so zu Herzen geht, dass wir keine andere Wahl haben, als dieses Kleid irgendwie zu besorgen oder nachzuproduzieren", antwortet er auf unsere Nachfrage. "Wir können das Design 1:1 nachbauen, sodass Maggie keinen Unterschied feststellen wird."

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