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Lebe lieber unperfekt: Wie Eltern ihr schlechtes Gewissen loswerden

Eine Mutter und ein Vater erzählen von ihrem schlechten Gewissen. Eine Expertin weiß, wie man es loswird.

Von Lena Gorelik

Und das schlechte Gewissen sagt: "Wie?" Ihr habt keinen Geburtstagskuchen gebacken? Pfui, was seid ihr als Eltern doch für Nieten!"


Autorin Lena Gorelik lebt mit ihren zwei Söhnen in Berlin. Regelmäßig beschleicht sie das Gefühl, dass ihre Liebe nicht reicht. Selbst wenn sie bei und mit den Kindern ist.

Ich habe Kuchen gebacken, und ich weiß nicht, warum ich das tat: Kuchen backen. In diesem Moment sitze ich schreibend vor meinem Computer, und ich schreibe wahnsinnig gern. Wenn ich schreibe, wird die Welt um mich herum ganz still, und wenn sie es nicht tut, ja, dann ist es auch egal. Bei Schneeballschlachten bin ich nach den ersten drei Schneebällen gelangweilt, Feuerwehr interessiert mich nicht, und Zeichentrickfilme habe ich noch nicht einmal gemocht, als ich selbst Kind war. Vorgestern habe ich Kuchen gebacken, und jetzt, während ich schreibe, sitzen drei Kinder in ihren Schlafanzügen im Kinderzimmer, sie haben noch nicht gefrühstückt, sie bauen vielleicht Lego, vielleicht schließen zwei eines aus, vielleicht haben sie Hunger, vielleicht wünschen sie sich eine bessere Mutter als mich. Aber vielleicht bin auch nur ich es, die sich das denkt und die sich dann laut sagt, um diese andere Stimme, die des schlechten , zu übertönen: Immerhin, ich habe vorgestern Kuchen gebacken. Dann schreibe ich weiter.

Als mein Sohn ein Baby war, habe ich ihm „Krieg und Frieden“ vorgelesen. Er lag auf meinem Bauch, und ich bereitete mich auf einen Dokumentarfilm über Tolstoi vor und las das Monumentalwerk laut, weil die Hebamme das eine gute Idee fand. Eine Freundin, die schon lange keine mehr ist – was deshalb erwähnenswert ist, weil sie wahrscheinlich wegen dieser Geschichte keine mehr ist –, überredete mich zu einem dieser Baby-Mutter-Kurse, bei denen die Babys Babys sind und die Mütter strahlen, als seien sie auf Droge. Die strahlenden Mütter wedelten mit Seidentüchern vor ihren Babys und rasselten mit in Öko-Farben gestrichenen Holzrasseln. Ich blickte ständig auf die Uhr und hätte den strahlenden Müttern das glückstrunkene Lächeln gern aus dem Gesicht gewischt. Ich redete böse, was sonst nicht meine Art ist, und ich redete laut, und ich tat das, um das Gefühl in mir zu übertönen: dass ich zu ungern und nicht ausdauernd genug mit Seidentüchern vor dem Gesicht meines Sohnes wedelte. Dass ich nicht so war. Nach drei Besuchen brach ich den Kurs ab.

"Und in die Sammlung meiner Unzulänglichkeiten reihten sich ein: die Unlust, Ball zu spielen, der Hass auf Drache Kokosnuss, die Ungeduld, wenn der Kleine sich auf dem Weg jeden Stein anschaut..."

Dies war nur der Anfang. Und in die Sammlung meiner Unzulänglichkeiten reihten sich ein: die Unlust, Ball zu spielen, der Hass auf Drache Kokosnuss, die Ungeduld, wenn der Kleine sich auf dem Weg jeden Stein anschaut, das „Ja, ja, ich hör dir ja zu“ während des E-Mails-Lesens, die fehlende Ehrlichkeit bei der Begeisterung über das Krickelkrakel, das die als Bilder bezeichneten, die der Müdigkeit geschuldete Unfreundlichkeit, das der Langeweile geschuldete Abbrechen von Spielplatzbesuchen, die meinen eigenen Wünschen geschuldete Abwesenheit. Und am Ende des Tages das unfaire Anschreien – und das schlechte Gewissen angesichts eines solchen Ausbruchs.

Dabei ist mein Wunsch ein ganz natürlicher: Wir alle, auch ich, wollen gute Eltern sein. Wir wollen unseren Kindern das mitgeben, was wir als das Beste für sie erachten: Liebe, Geborgenheit, Wissen, Können, Selbstbewusstsein, Empathie oder irgendeine Art von Pädagogik. Wir wollen ihnen manches ersparen und sie durch anderes begleiten, und wir wollen das gut machen, dieses Ersparen und dieses Begleiten und alles andere auch, und wir wollen, wir wollen, und wir wollen. Der Wunsch, der natürliche, der edle, der rührende wird stets von einem anderen Gefühl begleitet: dem schlechten Gewissen. Wenn wir unseren Ansprüchen, unseren Selbstbildern nicht genügen. Wenn wir andere Eltern mit ihren Kindern sehen – oder vielleicht auf eine bestimmte Art zu sehen meinen – und dann feststellen: Das wollte ich auch so gemacht haben. Wenn unsere Kinder uns in einem emotionalen Moment um die Ohren hauen: „Das hast du aber versprochen! Du bist doof! Ich will eine andere Mama! Papa, du bist fies.“

Wir wollen, wollen, wollen, weil wir unsere Kinder möglichst gut auf das Leben vorbereiten möchten, und zum Leben gehört auch das: das Scheitern. Auch unser eigenes Scheitern, an den eigenen Ansprüchen, an Ansprüchen anderer. Dazu gehört allerdings auch das Eingestehen dieses Scheiterns – und vielleicht auch dieser eine Satz, den wir unseren Kindern noch schuldiger sind, als alles richtig zu machen: „Es tut mir leid, das hätte ich anders machen sollen.“ Dazu gehört auch die Einsicht, dass Fehler, die wir gemacht zu haben meinen, vielleicht nur Fehler in unseren Augen sind – und nicht in den Augen unserer Kinder. Dass sie ihre eigenen Meinungen und Wertungen entwickeln, auch was das Verhalten ihrer Eltern angeht. Und dass schlechtes Gewissen erst da angebracht ist, wo wir ihnen das nicht zugestehen. Ich habe dennoch Kuchen gebacken. Das ist an sich nicht erwähnenswert, nur dass ich diesen absurden Schwur mal geleistet hatte: niemals zu backen. Weil die backende Mutter für mich am Ende die Frau ist, die ich niemals hatte werden wollen: die, die vergisst, ein Mensch zu sein, weil sie so sehr damit beschäftigt ist, Frauen- und Mutterrollenbildern zu entsprechen. Jedenfalls hatte ich diesen absurden Schwur geleistet und deshalb für die Kinder eine Patentante ausgesucht, die Kuchen in Form von Ritterburgen und ­Minions zaubert. Vorgestern habe ich trotzdem Kuchen gebacken. Am Vorabend hatten wir ein Buch von Astrid Lindgren gelesen, die Bullerbü-Kinder kamen nach einem Schlittentag in ein heimeliges Zuhause, im Kamin brannte das Feuer, und auf dem Tisch stand Selbstgebackenes, und meine Kinder sagten, wie ich meinte, mit neidischen Stimmen: „Das ist aber schön!“ Ich habe daraufhin Kuchen gebacken, er schmeckte nach ­Schokolade und schlechtem Gewissen, und ich wünschte ein bisschen, ich hätte es nicht getan.
Es gibt da noch diese anderen Tage. Das sind die Tage mit dem guten Gewissen. Die Tage sind eigentlich die gleichen, aber die Selbstzweifel bleiben weg und die Selbstvorwürfe halten die Klappe. Ich mach’s schon gut, sagt man sich und blickt das Kind an, und vielleicht lächelt man das Kind an oder tut es nur für sich. Diese Fähigkeit, in diesem Moment zu lächeln, sie hat nichts mit dem Kind zu tun. Sie liegt in uns. Das sind die Tage, da sind wir uns unserer selbst sicher. Bei mir sind es nicht die Backtage, sondern meistens die, an denen ich geschrieben habe. Heute ist so ein Tag.


Was tun, wenn das schlechte Gewissen schreit?

Sieben Wege zu mehr Selbstzufriedenheit:

1. Was habe ich tatsächlich gemacht?

Am Ende des Tages sind da immer Punkte auf der Liste, die man nicht geschafft hat. Jetzt aber mal nicht auf die Defizite gucken, sondern großzügig mit sich sein und genau aufs Haben schauen: Man war doch geduldig, fleißig und hat das Kind zum Lachen gebracht. Nicht schlecht!

2. Die Anderen sind mir egal

Immer sind da andere Eltern, Erzieher, Lehrer, die ihre eigenen Vorstellungen haben, wie ein Kind leben, wie es erzogen werden muss. Wir neigen dazu, uns diese fremden Ideale überstülpen zu lassen. Solange Sie und Ihr Kind im Reinen damit sind, wie Sie leben, können Sie die anderen getrost ignorieren.

3. Ich bin nicht allein

Wer vor der Arbeit schon diese eine lilafarbene Strumpfhose gefunden, Kinder in Schneeanzüge gezwängt und allen die Zähne geputzt hat, der kann um neun Uhr bereits müde sein. Umso wichtiger ist ein soziales Netzwerk, das einen nicht nur in Notfällen auffängt. Etwa: Großeltern, die Kuchen für das Schulfest backen. Freunde, die Vokabeln mit den Kindern pauken. Oder: der Pizzalieferant. Eltern, die Aufgaben ab-geben, neigen weniger zu schlechtem -Gewissen und Gereiztheit und sind zufriedener.


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