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Diese Erfindung bekämpft den Kitaplatz-Mangel in Deutschland

Seit vier Jahren haben Eltern einen Rechtsanspruch auf Betreuung für Kleinkinder. Doch es fehlen 290.000 Plätze. Mindestens. Eine Software hilft nun, das Problem zu lösen.

Von Doris Schneyink

Kita-Plätze sind in Deutschland vielerorts rar

Kita-Plätze sind in Deutschland vielerorts rar

Wohin mit Luis? In die "Flohkiste", zu den "Wurzelzwergen" oder doch lieber zur Tagesmutter Frau Haller und ihren "Krabbelkäfern"?

Als Luis' Eltern begannen, sich diese Fragen zu stellen, da war der Junge noch gar nicht geboren. "Ich glaube, ich habe schon im sechsten Monat angefangen, nach einem Platz zu suchen", sagt Jeanette Hesse. Sie ist 33 Jahre alt, wie ihr Mann Alexander. Sie sitzen auf einem niedrigen Holzstühlchen in der Stadtpark-Kita. Draußen flitzt Luis auf einem Laufrad vorbei und versucht Mama und Papa durch besonders schnelles Fahren zu beeindrucken. Drei Jahre ist er jetzt alt, braune Augen, verschmitztes Lächeln.

Und ganz nebenbei sagt Jeanette Hesse, während sie ihm zuwinkt, einen Satz, der Millionen junger Eltern in Deutschland neidisch machen dürfte: "Es war ziemlich einfach, für ihn einen Betreuungsplatz zu finden. Wir hatten dabei sogar die Auswahl aus mehreren Betreuungsangeboten." Und das auch noch ganz bequem online, abends vom Computer aus.

Wovon junge Eltern träumen

Die Hesses leben in , einer sächsischen Kleinstadt zwischen Dresden und dem Elbsandsteingebirge. 17.000 Einwohner, eine Fabrik für Tapeten, eine für Tauwerk, eine für Malz. Heidegrau hieß die Stadt zu DDR-Zeiten. Vor zwei Jahren machte sie bundesweit negative Schlagzeilen – ein brauner Mob bedrohte Flüchtlinge, es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen.

Und ausgerechnet hier soll eines der drängendsten gesellschaftlichen Probleme Deutschlands gelöst worden sein? Der Mangel an Kitaplätzen, der für Eltern, vor allem für Frauen, eine Falle ist. Denn mit der Kinderbetreuung steht und fällt ihr Berufsleben. Ihre ökonomische Unabhängigkeit. Ihr Seelenfrieden. 

Familie Hesse hatte dank "Little Bird" keine Probleme bei der Kitaplatzsuche

Familie Hesse hatte dank "Little Bird" keine Probleme bei der Kitaplatzsuche

Keine Kita für alle

Rund 290.000 Kitaplätze für unter Dreijährige fehlen derzeit in Deutschland, so eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Und das, obwohl Eltern seit dem 1. August 2013 einen auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab einem Jahr haben. Obwohl 2007 auf einem "Krippengipfel" beschlossen wurde, 750.000 Plätze für Kinder unter drei zu schaffen. Obwohl der Bund knapp sechs Milliarden Euro für den Bau und den Betrieb von Kitas ausgibt. Gewaltige Anstrengungen.

Und doch fühlen sich Eltern bei der Suche nach einem Kitaplatz wie Maria und Joseph bei der Herbergssuche: In Leipzig bildete sich vor wenigen Wochen eine Hunderte Meter lange Schlange junger Eltern – die Kreativkita der Johanniter hatte zur offenen Anmeldung eingeladen. In München verfassten 540 Mütter und Väter einen offenen Brief, weil die Situation chaotisch ist. Manche Eltern melden sich in ihrer Panik bei 30 oder gar 100 Kitas an – und verschlimmern so das Problem. In Stuttgart und haben Eltern Kommunen verklagt.

Die Fehler der Planer

Sylvia Röder leitet das Jugendamt von Heidenau, eine große, energische Frau mit langem, rotem Haar. Sie findet, der Mangel sei hausgemacht – die Folge katastrophaler Planung. "Die Prognosen beruhen vor allem auf statistischen Annahmen. Wie viele Frauen sind im gebärfähigen Alter, wie viele bekommen Kinder, wie entwickelt sich der Zuzug von Familien, das ist eine sehr komplizierte Rechnung", sagt Röder. Mit ungenauen Ergebnissen, die die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht erfassen.

Dass Großstädte wie Leipzig und Dresden etwa plötzlich boomen, tauchte in den Prognosen nicht auf. Auch dass die Geburtenrate seit 2012 steigt und 2015 den höchsten Stand seit 30 Jahren erreichte, überraschte die Planer. Ebenso der Zuzug durch Flüchtlinge. Auf solche Veränderungen reagieren die Modelle, die den Prognosen zugrunde liegen, viel zu spät und zu träge. Der schlimmste Denkfehler jedoch ist: "Viele Kommunen machen sich nicht klar, dass mit dem Ausbau von Kitaplätzen die Nachfrage erst richtig Fahrt aufnimmt", sagt Röder.

Als man den Rechtsanspruch vor vier Jahren einführte, ging man davon aus, dass etwa jede dritte Mutter eine Betreuung wünscht. Nach neuesten Zahlen des Bundesfamilienministeriums sind es aber 46 Prozent. Viel zu niedrig geschätzt, findet Sylvia Röder. Ihre Erfahrung ist: 65 Prozent der Eltern wollen eine Betreuung für Kinder ab einem Jahr. Und 96 Prozent der Eltern für Kinder ab drei Jahren. "Und das hat nichts mit Ost oder West zu tun."

Ein Algorithmus für Kitaplätze

Vor fast zehn Jahren lernte Sylvia Röder eher zufällig die Start-up-Gründerin Antje Odrig kennen. Die ehemalige SAP-Mitarbeiterin hatte als junge Mutter selbst erlebt, was für eine Zumutung die Kitaplatzsuche in Deutschland ist. Gemeinsam diskutierten die beiden Frauen, wie man das Ganze besser machen könnte. Das Ergebnis der Zusammenarbeit heißt "Little Bird" – eine Software, mit der Eltern Kitaplätze einfach und effizient finden und buchen können.

Dazu tippen sie Namen, Geburtsdatum und gewünschten Betreuungsbeginn in eine Suchmaske ein. Die Software filtert wohnortnahe Kitas oder Tagesmütter heraus, die über freie Plätze verfügen. Eltern können in Ruhe online stöbern – wie ist das pädagogische Konzept, wie sieht das Mitarbeiter-Team aus? – und sich mit ihrer Wunschkita zu einem Gespräch verabreden. Wenn die Chemie stimmt und beide Seiten einen Vertrag wünschen, wird er online erstellt und den Eltern zugeschickt. Eventuell reservierte Plätze bei anderen Kitas werden sofort wieder freigegeben.

Heidenau war die erste von mittlerweile über 80 Kommunen, die Little Bird einführten. "Schauen Sie mal", sagt Röder, "wenn ich hier drauf klicke, weiß ich schon heute, wie viele Plätze mir im August 2018 fehlen werden." Das Tolle an dem System sei, dass es den tatsächlichen Bedarf erfasse. "Die Mütter suchen ja bereits, wenn sie schwanger sind, und sie buchen die Plätze verlässlich, ich habe kaum Eltern, die abspringen", sagt Röder. 

So kann sie exakt planen, ob Heidenau in den nächsten Jahren eine neue Kita bauen muss oder ob es zunächst genügt, fünf Tagesmütter zu engagieren. "Ich finde, diese Software ist ein solcher Schatz, die müsste es bundesweit geben", sagt Röder. Auch für die Kitaleitungen ist die Transparenz, die die Software schafft, ein enormer Vorteil: "Viele Mütter melden bei mehreren Kitas Interesse an. Doch sobald sie sich für eine fest entschieden haben, erscheinen die vorgemerkten Plätze im System wieder als frei, und die Leiterinnen wissen, wie viele Kinder sie noch aufnehmen können." 


Städte müssen smarter werden

Die meisten Städte tun sich sehr schwer damit, vergleichbare Internetportale aufzubauen. Und auch Little Bird musste aus Fehlern lernen. "Bei der Einführung in Essen vor einigen Monaten haben wir unseren ersten Shitstorm erlebt", gesteht Anke Odrig. Tausende Mails gingen nicht rechtzeitig heraus, viele Eltern waren sauer und richteten bei Facebook eine Gruppe ein, in der sie ihren Frust posteten.

Hinzu kommt, dass in Essen derzeit 2000 Kitaplätze fehlen. Little Bird macht diesen Mangel transparent, Plätze schaffen kann die Software nicht. Peter Renzel, Verwaltungsvorstand der Stadt Essen, sagt: "Die Probleme sind mittlerweile weitgehend behoben, wir bauen in den kommenden Jahren 4000 zusätzliche Betreuungsplätze und trotz der anfänglichen Schwierigkeiten möchten alle Verantwortlichen für die Kindertagesbetreuung mit Little Bird weiterarbeiten, sofern auch die noch notwendigen letzten Veränderungen vorgenommen werden." Die Einführung der Software in Städten wie Köln und Oberhausen klappte dagegen problemlos. 

Die Hesses entschieden sich bei Luis zunächst für eine Tagesmutter. Mit drei Jahren wechselte er dann in die Stadtpark-Kita. "Bei unserer Tochter haben wir noch die Telefonnummern aller Kitas und Tagesmütter in der Umgebung rausgesucht und abtelefoniert, ein aussichtsloses Unterfangen", sagt Alexander Hesse.

Damals lebten sie in Berlin. Als Luis auf die Welt kam, konnten sie erstmals Little Bird nutzen. "Wenn man so früh weiß, dass man für das Kind einen guten Platz hat, dann ist man auch viel entspannter in der Schwangerschaft und im Gespräch mit dem Arbeitgeber", sagt Jeanette Hesse. 

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