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Was machen die da? Folge 6: Florian Sump

Kultur für Kinder: In dieser Serie erzählen uns Menschen, wie sie zu ihrem Job gekommen sind – und ob er tatsächlich so viel Spaß macht, wie alle denken. Diesmal: Florian Sump, Kindermusiker und Hip-Hopologe.

Ich bin Flo, 34, frisch verheiratet, werdender Vater, Kindermusiker und staatlich geprüfter Hip-Hopologe an einer Kita. Dort arbeite ich drei Tage in der Woche. Ansonsten spiele und singe ich in der Band „Deine Freunde“, das ist auch meine Lieblingsband. Wir haben sie zu dritt gegründet, mit Lukas Nimscheck und Markus Pauli, indem wir nach unserem fünften Treffen einfach gesagt haben, dass wir jetzt eine Band sind. Bis dahin war schon der fünfte Song entstanden, ohne dass wir groß darüber nachgedacht hätten, was wir da machen. Wir hatten erstmal einfach Bock, Musik für Kinder zu machen. Und dann haben wir gesagt: so, jetzt sind wir eine Band. Wir kennen uns aber schon zehn Jahre, und wir haben auch schon viel Musik zusammen gemacht.

Die Idee kam mir durch meine Arbeit mit Kindern. Ich arbeite in mehreren Einrichtungen in Hamburg, und es gibt überall dieselben sieben oder acht CDs, von denen die Hälfte irgendwann in den 70er Jahren entstanden ist. Tolle Musik, aber wirklich überall das Gleiche. Und eigentlich, das muss ich immer dazu sagen, waren es die Kinder, die mich darauf gebracht haben, mal etwas anderes zu machen. Ich wünschte, ich könnte sagen, es war ein genialer Geistesblitz von mir oder von uns, aber so war es nicht.

Ich habe nämlich im Job angefangen, mit Kindern in der Kita Musik zu machen, und nachdem mir diese immer gleichen sieben CDs zu langweilig wurden, habe ich den Kindern gesagt, bringt doch nächste Woche mal das mit, was ihr zu Hause so hört. Entweder mit euren Eltern, oder was ihr selbst richtig gut findet. In der nächsten Woche haben sie mich total überrascht, weil sie Sachen mitgebracht haben, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte: Fettes Brot, Peter Fox, Seeed, weil sie einfach Spaß daran haben! Auch wenn sie noch gar nicht alles verstehen. Weil ihnen das, was ihnen sonst geboten wird, vielleicht gar nicht reicht. Man kann Kindern wesentlich mehr Geschmack zutrauen. Das Problem ist nur, wenn es keiner macht, dann weiß das niemand, und alle denken, man muss immer auf derselben Schiene bleiben.

Kinder können auch mehr Kawumm ab, als man denkt. Viel mehr! Das merken wir auch auf unseren Touren immer. Wir spielen ein, zwei Lieder, irgendwelche Remixes von anderen Bands, schon ziemlich harte Sachen, die richtig nach vorne gehen, und die Reaktion der Kinder unterscheidet sich gar nicht groß von der der Erwachsenen. Die haben genauso Bock drauf mitzugehen. Wir haben uns da zusammen mit unserem Publikum stückweise hingearbeitet.

Unsere Bühnenshow hat sich in den drei Jahren, die wir das machen, ziemlich verändert. Das Publikum hat uns immer ermutigt, ruhig noch mehr zu wagen. Also noch weniger im Hinterkopf zu haben, dass es für Kinder ist. Außer bei den Texten. Inhaltlich werden wir sicher nicht anfangen, irgendwelche Mütter zu ficken. Wir sind nah an den Kindern, die sind nah an uns. Wir haben mit unseren Texten aber keine pädagogische Mission. Keine Belehrungen, keine Welterklärungen. Ab und zu gibt es so etwas wie, na, Moral ist vielleicht zu viel gesagt, aber wir stehen persönlich schon für gewisse Werte. So etwas wie: Freundschaft ist toll und wichtig. Diese Dinge stehen immer zwischen den Zeilen. Aber wir sind mit keinem Lehrauftrag unterwegs, und da haben wir auch keinen Bock drauf. Wenn wir die Musik machen oder die Texte schreiben, müssen sie erstmal durch den TÜV, ob wir selber daran Spaß haben. Also versuchen wir auch nicht krampfhaft, uns in die Welt der Kinder zu begeben, sondern es ist im Gegenteil etwas, was uns ganz leicht fällt und voll Bock macht. Und zwar immer mehr!

Jetzt haben wir gerade unser drittes Album fertiggemacht, und wir merken, es ist kein Ende in Sicht. Im Gegenteil, es macht von Platte zu Platte immer mehr Spaß. Wir haben das Gefühl, wir können unendlich lange weiter machen.

Bei unserem ersten Album war ich in den Texten noch sehr durch den Arbeitsalltag in der Kita beeinflusst. Aber das Publikum ist auch ab dem zweiten Album etwas älter geworden. Beim ersten hatten wir noch viele Vierjährige vor der Bühne, sodass wir auch relativ leise machen mussten, aber jetzt macht das Grundschulalter, sechs bis zehn Jahre, den Hauptteil aus.

Eine Plattenfirma zu finden, war so locker, easy, unverkrampft, dass wir manchmal selbst nicht glauben können, wie uns das zugeflogen ist. Dass ich vorher bei Echt war, hatte damit gar nichts zu tun. Ich weiß nicht, ob es eine Art Stolz war, aber als es mit Echt vorbei war, hab ich mir gar keine Mühe gegeben, irgendwelche Businesskontakte aufrecht zu erhalten, sondern es war mir auch wichtig, da einen kompletten Schnitt zu machen. Und es ist auch schön, jetzt sagen zu können, diesen Bonus hat es nie gegeben. Ich habe ja zwischendurch auch immer Musik gemacht, und da gab es auch nie einen Echt-Bonus oder so. Ich habe zwischendurch als „Jim Pansen“ ebenfalls Hiphop und Rap gemacht. Das hat auch viel Spaß gemacht. Aber es war etwas anderes als das, was wir jetzt machen.

Anfangs hatten wir kurzzeitig mal die Idee, uns „Rolf zu Kopfnick“ zu nennen, wegen Hiphop und so. Ich kenne Rolf Zuckowskis Sohn Alexander sehr gut, er war mal mein Nachbar, und wir sind befreundet. Also habe ich ihn um die E-Mail-Adresse seines berühmten Vaters gebeten, um ihn zu fragen, ob er einverstanden ist, wenn wir uns so nennen. Oder ob wir da mit Anwaltspost zu rechnen hätten. Und damit er sich einen Eindruck verschaffen konnte, habe ich drei Songs mitgeschickt. Zwei Tage später hat er angerufen und war total begeistert. Wie man es ihm, wenn man nur sein Werk kennt, vielleicht gar nicht zutraut. Er ist jetzt über 65, geht so langsam in die musikalische Rente und hat richtig Bock, junge Leute zu unterstützen, die vielleicht etwas anderes machen als er selbst, aber auch im Kinderbereich. Und zwei Treffen später war es dann schon so weit, dass wir mit Universal und ihm – er hat ein eigenes Label bei Universal, das heißt Nochmal – einen Vertrag unterzeichnet haben. Und jetzt machen wir in erfolgreicher Zusammenarbeit unser drittes Album.

Es gibt beim Thema „Erfolg“ manchmal komische Widersprüche. Beim ersten Album haben wir z.B. nicht viele CDs verkauft, aber von Anfang an ziemlich viele Konzertbesucher gehabt. Mit einer krass steigenden Tendenz. Bei nur tausend verkauften Platten waren trotzdem in jeder deutschen Stadt 300 Besucher. Ich habe schon, als wir das erste Lied aufgenommen haben, gedacht: das muss funktionieren. Nicht, weil ich uns für die Geilsten halte, sondern weil ich wusste, das gibt es so noch nicht. Das ist frisch, das hat Humor, das können Eltern nicht ignorieren. Die Lücke war da. Es gibt sehr vieles, was ausgewaschen und tausendmal gehört und gesehen ist. Ich habe von Anfang an daran geglaubt, dass mit unserer Musik etwas möglich sein wird. Und dass die Kinder richtig Spaß haben werden. Ich konnte ja auch immer Lieder mit in den Kindergarten oder in die Vorschule nehmen und da am Endverbraucher testen. Ich hatte immer direktes Feedback.

Ich habe das Gefühl, dass die Kinder total darauf stehen, dass wir uns nicht verkleiden, auch sprachlich nicht. Dass wir nicht anders mit ihnen reden, als wir normalerweise reden. Sie fühlen sich damit viel besser, als wenn man die ganze Zeit den Kinderkasper macht. Und es ist für uns auch viel leichter ohne Clownskostüm. Wir sind zwar auch albern – aber deswegen, weil wir eben albern sind, nicht wegen der Kinder.

Die Kinder merken natürlich auch, dass sie musikalisch das Gleiche kriegen wie die Großen. Womit wir am Anfang gar nicht gerechnet hatten, ist, dass Kinder und Eltern das zusammen hören. Das haben sie uns wieder und wieder erzählt. Und bei der Produktion des dritten Albums hatten wir es jetzt auch durchgehend im Kopf und haben erstmalig Lieder aus der Vogelperspektive für die Eltern dabei. Nicht so, dass die Kinder sie nicht verstehen können, aber es ist doch so, dass wir nicht mehr 100% aus Kinderperspektive berichten, sondern auch in die Rolle der Eltern schlüpfen. Was auch Spaß bringt. Die Musik ist für Eltern gut zu ertragen, das hören wir oft. Das ist das geilste Kompliment, was du als Band für Kinder bekommen kannst.

Zur Musik kam ich durch eine Mischung aus Langeweile und Neugier. Und ich war schlecht in der Schule. Ich bin drei, vier Jahre nur mit der Hilfe von Klassenkameraden und einigen sehr netten Lehrern durchgekommen. Da habe ich etwas gebraucht, was mir ein gutes Gefühl gibt, weil ich mich so unwohl damit gefühlt habe, ein schlechter Schüler zu sein. Ich brauchte etwas anderes. Erst war es das Keyboard, da musste ich mir aber immer die Tasten anmalen, um mir etwas zu merken, ich hatte Konzentrationsprobleme. Also bin ich auf Schlagzeug umgestiegen. Im selben Alter, so mit 12, habe ich auch angefangen, Texte zu schreiben. Und seitdem auch nicht mehr damit aufgehört.

Die Band Echt haben wir mit elf Jahren gegründet. In der fünften Klasse. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt: Es gibt Formen der Arbeit, die so viel Spaß bringen, dass man bereit ist, die Hälfte der Sommerferien in einem Kellerloch zu verbringen und zu proben und Sachen aufzunehmen. Das war Musik für mich. Und da wusste ich, wenn ich es schaffe, so viel Disziplin für etwas aufzubringen, dann sollte ich vielleicht dabei bleiben. Das war so ein wohliges, warmes Gefühl.

Die Songtexte schreibe ich im Kopf. Mir Zeit nehmen und mich zu Hause, wie man es sich so romantisch vorstellt, in meinen Denkersessel setzen, das funktioniert bei mir nicht. Mir fällt immer in so komischen Situationen zwischendurch etwas ein. In der Schlange im Supermarkt oder in der U-Bahn. Das hat mich dazu gezwungen, meine Texte immer auswendig zu lernen, statt sie aufzuschreiben. Ich schreibe tatsächlich überhaupt nichts auf, ich denke ganz anstrengend im Loop immer weiter und erweitere den Text jedesmal ein kleines Stück. Zeile für Zeile. Und sobald ich eine neue Zeile habe, fange ich wieder von vorne an. Dadurch sitzt es dann aber auch ziemlich schnell sehr fest. Erst, wenn die CD fertig ist, schreibe ich die Texte ab.

Ich finde meine Situation mit den zwei Berufen richtig gut. Erst einmal mag ich es, dass der Druck des finanziellen Überlebens nicht ausschließlich auf der Musik lastet, sondern die Musik immer noch ein freies Feld ist, wo ich mich komplett austoben kann. Und mich dann sehr darüber freue, wenn Sachen funktionieren und wir auch Geld damit verdienen. Ich war acht Jahre ganz selbständig, aber jetzt finde ich es sehr gut, wieder einen festen Job zu haben, der einen ein wenig auf dem Boden hält. Das tun die Kinder auf jeden Fall.

Ich bin beim Familienservice angestellt, und da bin ich total flexibel und habe ganz tolle Chefs, die die Bandgeschichte von Anfang an mitverfolgt und immer alles ermöglicht haben. Ich bin ja auch keine Vollzeitkraft, ich mache in Teilzeit Musik mit den Kindern und helfe aus. Es ist für meinen Arbeitgeber relativ leicht, zwischendurch mal auf mich zu verzichten, ich habe keine festen Gruppen.

Eine Erzieherausbildung habe ich nicht, ich bin Quereinsteiger. Irgendwann habe ich angefangen, Musik mit Kindern zu machen, habe das in Kitas angeboten, und das hat meinem jetzigen Arbeitgeber gut gefallen. Dann wurde ich mal als Aushilfe eingestellt, weil jemand krank war und die Kinder mich kannten. Und irgendwann war das Vertrauen da, und sie haben mich eingestellt. Aber als ich aus der Schule kam, habe ich erstmal nur Musik gemacht.

Ich bin aber in den Kitas nicht nur für Musik eingestellt, sondern auch für erzieherische Tätigkeiten. Unter ein paar Auflagen, ich mache nicht gerade alleine Ausflüge mit 15 Kindern. Aber sonst bin ich im normalen Kita-Alltag dabei. Und auch normal schlecht bezahlt, aber mit Krankenkasse.

Pauli, unser DJ, der unsere ganzen Sachen produziert, ist hauptberuflich DJ bei Fettes Brot und ganz viel mit denen auf Tour. Bis vor zwei Jahren hat er auch noch sehr regelmäßig und viel aufgelegt. Aber damit hat er jetzt aufgehört, er ist mit Fettes Brot und Deine Freunde gut ausgelastet. Und Lukas arbeitet hier in Hamburg am Schmidt-Theater als Assistent von Corny Littmann.

Einer der Vorzüge einer Kinderband ist, dass wir Konzerte um 16 Uhr spielen und um 19 Uhr abendessen können. Das ist nicht dieser Ich-mach-mich-kaputt-Rock’n’Roll-Lifestyle. Ich finde das total angenehm.

Am 27. November erscheint das neue Album, „Kindsköpfe“. Diesmal haben wir die Songs noch nicht vor Kindern getestet, das Selbstvertrauen ist mittlerweile stark genug. Im Januar/Februar 2016 spielen wir eine Tour durch 26 Städte. Die Konzerte sind immer das Schönste an „Deine Freunde“. Eigentlich macht alles Spaß; ein Album zu machen, macht Spaß, jeder Teil der Arbeit macht Spaß. Aber die Konzerte sind das, wo es das direkte Feedback gibt, wo man das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommt, wenn man da steht und in die kleinen grinsenden Gesichter sieht.

www.deinefreunde.info


In der preisgekrönten Interview-Serie Was machen die da? lassen Isabel Bogdan und Maximilian Buddenbohm interessante Menschen ausführlich von ihrem Beruf erzählen, für Nido haben sie dieses Format adaptiert. Eine etwas kürzere Version des Gesprächs mit Florian Sump ist in Nido #12 2015 erschienen. Alle Teile der Interview-Serie gibt es hier.

Die Titelthemen der neuen Ausgabe im Überblick.

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