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Interview

"Man muss sich vergeben können, wenn man bei Schokoladenkuchen mal schwach wird"

Ernährung ist hysterisch geworden. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Erkenntnisse, wie man sich und seine Familie möglichst gesund ernährt. Ernährungsberaterin Sarah Britton bewahrt die Ruhe. Sie weiß: Essen soll vor allem Spaß machen.

Ernährungsberaterin Sarah Britton

Ernährungsberaterin Sarah Britton: "Freitag ist Nudeltag"

Frau Britton, was ist für Sie gesunde Ernährung?

Gesund heißt für mich so nah an der Erde wie möglich, also keine verarbeiteten , sondern saisonale und regionale Küche. Ich will mich im Einklang mit der Natur ernähren. Im Winter esse ich zum Beispiel gerne warmes Apfelporridge mit gerösteten Sonnenblumenkernen. Im Hochsommer würde ich mir das aber nie machen. Da esse ich meist kalt und roh.

Haben Sie denn nie Gelüste zum Beispiel nach Schokolade?

Doch natürlich! Das ist doch nur menschlich. Aber je gesünder ich mich ernähre, desto weniger habe ich Lust auf Süßes. Früher habe ich Süßigkeiten geliebt. Heute ist das Bedürfnis verschwunden. Zucker macht Menschen ja regelrecht abhängig. Er ist einfach nicht gut für uns und unseren Körper. Wenn du deinem Körper aber gibst, was er braucht, dann wird er dich belohnen. Du wirst dich gesünder und kraftvoller fühlen. Die meisten Menschen wissen doch gar nicht, wie gut es ihnen gehen könnte. Wer sich einmal gesund ernährt und die positiven Auswirkungen kennengelernt hat, will nie zurück!

Die Gretchenfrage beim Essen: Wie halten Sie es mit Fleisch und Tierprodukten?

Ich bin Vegetarierin und favorisiere eine pflanzenbasierte . Aber ich mag solche Schubladen eigentlich nicht besonders.

Wie haben Sie denn zu Ihrer Einstellung zum Essen gefunden?

Während meines Design-Studiums in habe ich von einem Bio-Bauernhof in den USA gehört. Kurzentschlossen habe ich mich dort für einen fünfwöchigen Kurs angemeldet. Diese Zeit hat mein Leben verändert. Ich habe von meiner ungesunden Ernährung – viele Kohlehydrate, viel Zucker – zu einer pflanzenbasierten Ernährung gewechselt. Nie zuvor habe ich so frisch gegessen! Ich konnte kaum glauben, dass man Lebensmittel selbst herstellen kann, von denen ich immer dachte, dass man sie nur im Laden kaufen könne. Ich habe mich letztendlich dazu entschlossen, ein ganzes Jahr auf der Farm zu bleiben. Danach habe ich ein Studium zur Ernährungsberaterin angefangen. Seitdem betrachte ich den Körper als Ganzes. Wenn jemand über Kopfschmerzen klagt, bekämpfe ich nicht das Symptom, den Schmerz, sondern schaue mir den Menschen, sein Leben und vor allem seine Ernährung an.

Was genau ist so schlecht an Fleisch und Zucker?

Wenn wir uns sehr einseitig ernähren, giert unser Körper nach der gegenteiligen Variante. Wenn wir viele salzige Lebensmittel essen, will er Süßes und umgekehrt. Wenn wir größtenteils verarbeitete Lebensmittel zu uns nehmen, dann fehlen dem Körper außerdem wichtige Nährstoffe. Zusätzlich entzieht ihm die Verdauung verarbeiteter Lebensmittel auch Nährstoffe.

Ist es nicht so, dass sich heute viele Menschen gern gesünder ernähren würden, ihnen im Alltag aber Zeit und Muße fehlen, immer frisch zu kochen?

Ich habe auch lange gebraucht, meine bewusste Ernährung in mein Leben zu integrieren. Das ist der schwierigste Teil. Viele Menschen denken, sie hätten nicht die Zeit, die Lust oder die Kraft dazu. Und natürlich muss man auch bereit sein, Opfer zu bringen. Aber man muss akzeptieren, dass es sich um einen Prozess handelt. Man macht einen Schritt nach dem anderen. Es gibt keine Wunderpille, die man schluckt, und schlagartig ist alles gut. Nein, es ist ein langer Weg, der sich aber sehr lohnt. Und man sollte auch die kleinen Veränderungen zu würdigen wissen, wenn man ein Glas Wasser anstatt eines Kaffees trinkt, braunen statt weißen Reis isst, zu einem Apfel statt zu einem Schokoriegel greift. Alle diese Kleinigkeiten ergeben zusammen etwas Größeres. So habe ich es auch gemacht – und ich lerne immer noch laufend dazu.

Zum Beispiel?

Während wir durch verschiedene Lebensphasen gehen – Schwangerschaft, Stillzeit, Leben mit einem Kleinkind und so weiter –, verändert sich unser Körper ständig und mit ihm unsere Ansprüche und Bedürfnisse. Flexibilität ist also sehr wichtig. Man muss sich vergeben können, wenn man bei mal schwach wird: Das ist schon okay! Essen soll Spaß machen. Ich hasse es, wenn Essen und Schuld in einen Zusammenhang gebracht werden. Wenn man die meiste Zeit über gesund isst, darf man auch mal seinen Gelüsten nach geben.

Aber Ihnen passiert das nie, oder?

Doch, klar, wenn auch nur sehr selten, weil mir wirklich kaum nach Süßem ist. Aber natürlich gönne ich mir bei Geburtstagsfesten auch mal ein Stück Kuchen. Was ich mir sogar regelrecht verkneifen muss, ist Brot. Ich liebe es einfach viel zu sehr. Würde ich wieder anfangen, Brot zu essen, könnte ich so schnell nicht aufhören damit.

Was essen Sie denn – außer Brot – noch besonders gerne?

Momentan liebe ich meine Kürbis-Miso-Suppe mit Ingwer ganz besonders. Die mache ich ständig. Sie wirkt wahre Wunder.

Das klingt alles sehr perfekt bei Ihnen. Geben Sie wenigstens zu, dass Sie als Kind einen furchtbaren Geschmack hatten.

Und wie! Ich habe Spaghetti mit Tomatensoße aus der Konserve geliebt. Ich habe sie auch direkt aus der Dose gegessen, kalt! Heute finde ich das eine ziemlich gruselige Vorstellung.

Mochten Sie damals Gemüse?

Die meisten Kinder mögen doch kein Gemüse. Ich glaube, das hat etwas mit dem Bissgefühl zu tun – und mit der Bitterkeit. Instinktiv mögen Menschen nun mal keine bitteren Nahrungsmittel: Bitter ist gleich giftig. Die Menschheit hat mit der Zeit aber zum Glück gelernt, dass das auf einige Nahrungsmittel doch nicht zutrifft.

Was würden Sie Eltern von schlechten Essern raten?

Ich glaube, Kinder mögen alles, was püriert ist und was sie nach Herzenslust verschmieren können. Ich mache meinem Sohn deshalb gerne Smoothies, Pesto und Suppen. Darin stecken viele wichtige Nährstoffe. Hummus ist auch klasse.

Klingt einfach.

Wichtig ist aber auch, dass man die Kinder in Ernährungsfragen einbezieht. Seien Sie nicht hinterlistig, sondern ehrlich. Kinder sind ja nicht doof. Ich koche immer gemeinsam mit meinem vierjährigen Sohn, erkläre ihm, dass ich Spinat in den Smoothie tue und dass er ihn sicher mögen wird. Dann probiert er den Smoothie, mag ihn und begreift, dass Spinat lecker ist. Ich glaube, je mehr Kinder in ihre Ernährung einbezogen werden, desto offener werden sie auch. Ach, und noch etwas. Wir Eltern sollten immer daran denken: Nur weil unsere Kinder zu Gemüse erst einmal "Nein!" sagen, heißt das nicht, dass wir es ihnen nicht mehr vorsetzen. Natürlich legen wir es ihnen weiter auf den Teller, Tag für Tag. Glauben Sie mir, eines Tages finden die Kleinen es dann doch lecker.

Und was machen Eltern, die partout keine Zeit zum Kochen finden?

Ach, es gibt doch so viele wirklich schnelle Rezepte, meine Vier-Ecken-Linsensuppe zum Beispiel. Sie braucht gerade mal 20 Minuten. Und man kann alle Zutaten zu Hause im Schrank aufbewahren und muss nichts extra frisch einkaufen. Supereinfach und superlecker! Mein Sohn verschlingt sie regelrecht. Suppen wie diese sind perfekt für hektische Wochentage.

Bekommt Ihr vierjähriger Sohn Finn ausschließlich Gesundes von Ihnen serviert?

Ich habe diese Wahnsinnsnudeln entdeckt! Die bestehen aus Linsen und sind somit vegan. Die koche ich ihm einmal die Woche. Finn liebt Pasta. Für ihn sind sie das Beste auf der Welt. Freitagabend ist Nudelabend.

Ernährt sich Ihr Sohn denn auch in der Kita so gesund?

Ich kann nicht alles kontrollieren. Und ich weiß auch, dass Finn in einer Welt lebt, in der es Zucker an jeder Ecke zu kaufen gibt. Ich kann und will ihn davor nicht beschützen. Irgendwann wird er sicher alles durchprobieren. Das einzige, was ich machen kann, ist, ihm zu helfen, ein gutes Gefühl für seinen Körper zu entwickeln. Das ist meine Aufgabe als Mutter. Wenn er dann eine Cola trinkt oder einen Hotdog isst, wird sein Körper ihm schon die richtigen Signale geben. Aber er wird es probieren, und das ist auch okay so.

Wäre es für Sie denn auch okay, wenn Finn sich später entscheiden sollte, sich nur von Cola und Hotdogs zu ernähren?

Es wäre sicherlich nicht ganz einfach, aber es ist sein Körper, es ist sein Leben. Er kann machen, was er will. Ich weiß nicht, was in Zukunft sein wird. Ich kann ihm nur ein gutes Vorbild sein. Ich kann ihn nur zu einem möglichst guten Erwachsenen erziehen, der gute Entscheidungen trifft. Ich bin nicht hier, um ein Leben lang auf ihn aufzupassen.

Was sagt Ihr Mann eigentlich zu Ihrer Art von Ernährung? Zieht der mit?

Mein Mann liebt alles, was aussieht, als wäre es ungesund. Das ist meine größte Herausforderung – und wenn es gelingt, mein größtes Kompliment: gesunde Gerichte so hinzubekommen, dass sie auf ihn wie Fast Food wirken. Wir essen also gern Burritos, Wraps oder auch mal Waffeln, alles Mögliche, was man in die Hand nehmen kann, außerdem viel mexikanisch, Bohnen, Reis …

Sie sprachen von den unterschiedlichen Bedürfnissen des Körpers in unterschiedlichen Lebensphasen. Sollte man sich während der Schwangerschaft eigentlich vegetarisch oder vegan ernähren?

Ganz klar, ja! Ich habe so viele Freundinnen, die während ihrer Schwangerschaft vegetarisch lebten und deren Kinder wunderbar gesund auf die Welt gekommen sind. Man muss aber auch sagen, dass zwischen vegetarisch und vegan ein großer Unterschied besteht. Bei schwangeren Vegetarierinnen ist alles entspannt, die sollten sich keinen Kopf machen. Schwangere Veganerinnen sollten sich allerdings vorher informieren, vor allem über die Einnahme von Eisen, Zink und allen B-Vitaminen. Man sollte schon verstehen, auf was man sich da einlässt. Wenn man ein Kind in die Welt setzt, sollte man seinen Körper möglichst gut kennen – und auf ihn hören.

Ernährungsberaterin Sarah Britton

Sarah Britton: Die 34-jährige Kanadierin lebt gemeinsam mit ihrem Mann Mikkel, 35, und Sohn Finn, 4, in Kopenhagen. Sie ist ausgebildete Ernährungsberaterin, hat als Köchin gearbeitet und betreibt seit 2007 den bekannten Blog "My New Roots". Außerdem veröffentlicht sie Kochbücher, in Deutschland erschien im vergangenen Jahr "My New Roots" (Knesebeck, 29,95 Euro).

Haben Sie während Ihrer Schwangerschaft noch mal ganz besonders auf Ihre Ernährung geachtet?

Ich habe mehr Proteine zu mir genommen. Heute denke ich nicht mehr so viel über meine Ernährung nach. Ich höre einfach auf meinen Körper. Ich kenne ihn gut. Ich habe mich vor der Schwangerschaft gesund gefühlt, und so ist es während und nach der Schwangerschaft auch geblieben.

Aber während Ihrer Schwangerschaft haben Sie wenigstens mal Vanilleeis mit Hackfleischsoße gegessen, oder? Heimlich, nachts, vor dem Kühlschrank?

Nein, nicht wirklich, was komisch ist, weil ich Essen doch so liebe. Obwohl … Ich hatte eine Walnuss-Phase. Und danach hatte ich auch noch eine Milchprodukte-Phase. Dabei habe ich vor der Schwangerschaft nie welche gegessen. Aber dann auf einmal: Ich habe unendlich viel griechischen Joghurt und Schafskäse gegessen. Und ich habe es geliebt!

Alle erwähnten Rezepte und noch mehr finden Sie unter mynewroots.org

Interviewerin Svenja Hillmann, 27, macht sich durchaus Gedanken über ihre Ernährung. Schließlich ist sie seit ihrem fünften Lebensjahr Vegetarierin. Was aber nicht heißt, dass sie nicht verstehen kann, was ihr Mann so toll an einem Steak findet.

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