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Wie sprechen wir mit unseren Kindern über den Holocaust?

Drei Stolpersteine bringen Julia Heilmann ins Gespräch mit ihrem Sohn - über den Holocaust. Wie sprechen wir mit Kindern über ein Verbrechen, das sich kaum in Worte fassen lässt?

Von Julia Heilmann

Wie sprechen wir mit unseren Kindern über den Holocaust?

Noch glänzen die frisch verlegten und mit Efeu geschmückten Steine golden - eine unübersehbare Erinnerung.

Ich stehe auf der Bordsteinkante, vor mir ein schöner Gründerzeitbau, die Fenster in rotem Sandstein gerahmt. Ein kleiner Vorgarten, ein hoher schmiedeeiserner Zaun, das Tor steht offen. Mein Sohn Leo kniet am Boden und zeichnet Smileys in den kleinen Sandhaufen, der neben einer auffälligen Markierung im Gehwegpflaster liegt. Kurz ist mir das unangenehm, aber bevor ich etwas sagen kann, kommen Menschen und reichen mir die Hand.


Wir, mein älterer Bruder, mein zehnjähriger Sohn Leo und ich, sind hier, weil gleich drei Stolpersteine verlegt werden, diese gold­­blitzenden Quadrate im Gehwegpflaster, die an Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Und wir sind hier, weil mein Sohn das sehen soll. Für ihn war Hitler eine Zeit lang so eine Art Superheld des Bösen. Als er sechs war, malte er einmal mit seinem Schulfreund schiefe Hakenkreuze auf Papier, weil er gehört hatte, dass das verboten ist. Ich versuchte ihm zu erklären, dass zwischen der Comicfigur Batman und einem real existierenden Diktator ein großer Unterschied besteht. Das machte alles noch interessanter. Nun haben wir die Patenschaft für drei Menschen übernommen, von denen wir bis vor Kurzem nicht einmal gehört hatten. Dabei sind sie entfernte Verwandte. Ich wusste nichts von ihnen. Bis ich in einem Album mit alten Familienfotos auf das Bild einer mir unbekannten Frau stieß. Als ich das Foto vorsichtig herauslöste, erkannte ich auf der Rückseite die Handschrift meiner Oma: „Ella Bender, geb. Wolff. Ella ist Jüdin u. vergast.“ Erst da habe ich erfahren, dass ich noch eine Großtante hatte. 74 Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod. Mit ihrem Mann Walter und ihrer Tochter Anne wohnte sie genau hier in diesem Haus im edlen Frankfurter Nordend, vor dem wir jetzt stehen.

Wie sprechen wir mit unseren Kindern über den Holocaust?

Bei der Gedenksteinverlegung in Frankfurts Nordend wird das Kaddisch angestimmt, das jüdische Totengebet.

Immer mehr Menschen kommen nun und stellen sich vor: Nachbarn, Anwohner des Hauses, Mitglieder der Luthergemeinde, die sich die Patenschaft mit uns teilt. Alle sprechen leise, herzlich, ein Paar mittleren Alters schüttelt uns die Hände und guckt dann betreten nach unten. Ich fühle mich unsicher. Ein bisschen wie auf einer Beerdigung, bei der ich die Toten und die Gäste nicht kenne. Die Anteilnahme berührt mich. Leo wischt die Smileys weg und malt ein Schiff in den Sand. Daneben sein „Zeichen“, mit dem er auch immer seine Schulhefte verziert: ein Gesicht mit Hut, die brennende Zigarette schräg im Mund. Er schreibt seinen Namen daneben.

Wie sprechen wir mit unseren Kindern über den Holocaust?

Zur Person: Julia Heilmann. Unsere Autorin lebt mit ihren drei Kindern in Berlin. Als ihre jüdische Großtante und deren Familie in Frankfurt drei Stolpersteine erhalten, reist die 41-Jährige zum Festakt an. Mit Sohn Leo, 10 - und seinen Fragen.

Meine Familie schwieg, wenn es um die wunden Punkte in der Vergangenheit ging. Ich wuchs auf mit gerahmten Fotos von Familienangehörigen, die im Zweiten Weltkrieg gestorben waren: an der Front oder in Bombardements. Die Bilder standen auf dem Nachttisch meiner Oma, hingen an der Wand im Wohnzimmer und über dem Schreibtisch meines Vaters. Als Kind litt ich darunter, weil keiner offen über diese Menschen und ihr Schicksal sprach. Mir war nicht einmal klar, ob sie überhaupt zu unserer Familie gehörten. Ihre Gesichter blickten mich an wie Phantome. Nachfragen konnten heftige emotionale Reaktionen auslösen. Ich ahnte, dass es irgendwie mit Hitler zu tun haben musste, dem Mann, der in Fernsehdokumentationen und auf Illustrierten so präsent war. Es waren die Achtziger. Die historische Aufarbeitung des Dritten Reiches war in vollem Gange. Vielleicht aus diesem Grund hob ich mit sieben Jahren auf Großelternbesuch mal die Hand zum Hitlergruß. Um zu sehen, was passiert. Das Ergebnis war peinlich. Ich erinnere mich an das versteinerte Gesicht meines Opas und meine Mutter, die mich beiseitenahm und sagte, ich solle das lassen. Manche Leute, vor allem alte, wollten da nicht so gern dran erinnert werden. Ich fand es komisch, dass mein Opa schwieg. Er war alt, es betraf doch ihn. Ich spürte, dass ich an Tabus gerührt hatte. Es gab Fragen, die wir in unserer Familie besser nicht stellten.

Leo betrachtet die drei Steine mit kindlichem Blick: Vater, Mutter und Tochter - endlich vereint. Dann fragt er "Hat Hitler alles allein befohlen?"

Unseren eigenen Kindern haben wir relativ früh von Hitler und dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Das Thema lag nahe, denn ihre Urgroßmütter waren damals noch nicht gestorben. Zwei Frauen, die den Krieg erlebt und überlebt hatten! Wir sagten auch, dass in dieser Zeit sehr viele Menschen aus ihren Häusern geholt, in Lager transportiert und umgebracht wurden. Das war so weit entfernt von ihrem Leben, dass es für sie wie ein großer Abenteuerroman klang. Ein etwa 70-jähriger Mann in Wolljackett und beigefarbener Leinenhose stellt sich vor. Hartmut Schmidt leitet die Initiative Stolpersteine in Frankfurt am Main.

Er spricht ein paar Worte, erklärt, wie der Kontakt zu uns zustande kam, und verliest die Biografie der Menschen, an die mit dieser Aktion erinnert werden soll. Bisher dachten wir, Teil einer Familie mit den üblichen Nazi-Verstrickungen gewesen zu sein. Wir wussten bruchstückhaft von sozialem Aufstieg und Familiengründungen während des Nationalsozialismus, von der Abwesenheit der Väter und den Bombardements der Heimatstädte und den Schwierigkeiten des Wiederaufbaus. Von den Benders wussten wir nichts, und warum keiner über sie sprach, können wir nur ahnen. Erst nach aufwendigen Recherchen haben wir herausgefunden, in welcher verwandtschaftlichen Beziehung wir zu ihnen stehen. Mit den Stolpersteinen wollten wir ihnen wieder einen Platz in der Familie geben. Vielleicht würde es dann sogar einfacher werden, über die Menschen auf den Fotos zu sprechen.

Wie sprechen wir mit unseren Kindern über den Holocaust?

Der Künstler Gunter Demnig setzt die drei Stolpersteine aus Messing ins Pflaster des Gehwegs eins.

Stolpersteine sind in deutschen Städten nicht mehr zu übersehen – nur München hat sie nach langen Querelen 2004 verboten. Die Israelitische Kultusgemeinde der bayerischen Landeshauptstadt kritisiert sie seit Langem. Das Andenken an die Opfer werde mit Füßen getreten, meint die Vorsitzende Charlotte Knobloch, angemessen sei die Anbringung von Gedenktafeln auf Augenhöhe. Inzwischen verhandelt das Verwaltungsgericht über den Fall. Es gibt aber viele Beispiele, die zeigen, dass die Stolpersteine Sinn ergeben. Unsere Kinder gehen inzwischen einmal im Jahr mit ihrer Klasse einen Stein vor der Schule putzen. Beim Elternabend hatte uns die Religionslehrerin Fotos gezeigt, auf denen Drittklässler mit Scheuermittel und Schwämmen in den Händen zu sehen waren. Mit geröteten

Wangen hockten sie auf dem Gehweg und gingen offensichtlich eifrig zu Werke. Meine Söhne erzählen oft, dass sie diese Lehrerin besonders gern mögen. Die Idee, das Gedenken auf den Boden zu bringen, stammt von dem Berliner Künstler und Kunstpädagogen Gunter Demnig. 1996 hat er den ersten der zehn mal zehn Zentimeter großen Pflastersteine verlegt, deren Messingplatte der Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer graviert. Die Inschriften ­erinnern an Personen, die während des Nationalsozialismus verfolgt oder ermordet wurden. Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Behinderte, politisch Verfolgte, Deserteure, Menschen, die sich aus Verzweiflung umgebracht haben. Die Steine liegen dort, wo die Opfer zuletzt freiwillig gewohnt haben. Inzwischen gibt es mehr als 54 000 solcher Gedenkstellen in über 1099 Orten in ganz Europa. Passanten sollen wortwörtlich über die Erinnerung stolpern. Zahlreiche Initiativen in ganz Deutschland kümmern sich um die geschichtliche Aufarbeitung und suchen Menschen, die eine Patenschaft übernehmen möchten. In manchen Fällen, wie bei uns, kommen die Paten von selbst. Man tauscht historische Dokumente aus, ergänzt Lebensläufe, jeder bringt sein Wissen über die Opfer mit ein.

Wie sprechen wir mit unseren Kindern über den Holocaust?

Plötzlich ist die Vergangenheit ihrer Familie für Mutter Julia und Sohn Leo spürbar - und zum Greifen nah.

Eigentlich dürften wir das alles gar nicht tun, schließlich sind wir mit den Benders verwandt. Denn nicht die Nachkommen der Opfer sollen für den Stein aufkommen, sondern andere Menschen, die vielleicht sogar Mitläufer oder Mittäter in der Familie hatten. Doch bei uns gibt es beides. Und die Verwandtschaftsbeziehungen zu den Benders sind entfernt. Ella war die Halbschwester meines Großonkels. Sie und ihr Mann schafften es nicht mehr, Nazideutschland zu verlassen, ihrer Tochter Anne gelang an ihrem 14. Geburtstag die Flucht mit einem Kindertransport nach England. Später lebte sie in New York. Gegenüber der zentralen Gedenkstelle Yad Vashem bestätigte sie den Tod ihrer Eltern 1942 in Auschwitz. Ob sie noch lebt, wissen wir nicht. Sie müsste jetzt 92 Jahre alt sein. Dass Anne auch einen Stein erhält, gefällt Leo besonders gut, es passt in sein kindliches Weltbild. Vater, Mutter, Kind: Die Familie ist, zumindest symbolisch, wieder zusammen.

Gunter Demnig kommt. Der 69-Jährige mit dem auffälligen Cowboyhut kniet sich auf den Boden und beginnt wortlos, ein paar lose Steine aus dem Pflaster zu hebeln. Die Stolpersteine liegen schon bereit, sie haben noch nicht die bräunlichen Verfärbungen, die sich mit der Zeit bilden. Ihr Glanz ist so schön und die Inschrift so grausam, dass es wehtut, man muss einfach hinsehen. Demnig setzt sie in den Gehweg ein. Irgendjemand muss das vorbereitet haben, die Stelle ist rot markiert, der Sand gelockert, alles geht schnell und ­reibungslos. Zuletzt kippt er Mörtel in die ­Zwischenräume und fegt die Stelle mit dem ­danebenliegenden Sand. Leos Zeichnungen verschwinden, und plötzlich gefällt mir die Idee ganz gut, dass sich Wolken, Schiffe und lachende Gesichter über die Wunde im Pflaster legen. Gleichzeitig stimmt der Pfarrer der Luthergemeinde das Kaddisch an, das traditionelle jüdische Totengebet. Ich merke, wie sich meine Gesichtszüge verkrampfen. Mein Bruder legt den Arm um mich.

Wie sprechen wir mit unseren Kindern über den Holocaust?

"Mama, wie wurden die ermordet?"

Leo sagt die ganze Zeit nichts, er schaut verwundert, was die Erwachsenen da machen. Irgendwann, als die Zeremonie vorbei ist, betrachtet er die Steine, neben denen jetzt auch noch ein frischer Efeuzweig liegt, und möchte wissen, was die schlimmsten Arten sind, zu sterben: Ertrinken, Ersticken? Die Frage erschreckt mich, doch dann merke ich, dass es seine Art ist, sich dem Thema anzunähern. Denn ja, darum geht es. Leos Verwandte und viele Millionen andere Menschen wurden im Dritten Reich systematisch ermordet. „Hat Hitler alle diese schlimmen Sachen alleine befohlen?“, fragt er. „Na ja, schon“, sage ich. „Aber sehr viele Menschen haben ihm dabei geholfen.“ „Und was habt ihr mit Tätern und Opfern gemeint vorhin?“ Ich erkläre ihm, dass es manchmal schwer ist zu sagen, wer Täter ist. Dass ich das Wort schwierig finde. Ella, Walter und Anne waren Opfer, aber wo fängt Täterschaft an? In unserer Familie gab es Menschen, die auf verschiedenen Seiten standen. Ich sage, dass viele Menschen Hitler unterstützt hätten. Manche mehr, manche weniger. „Warum?“, fragt Leo. „Das kann ich nicht beurteilen“, antworte ich, „aber es ist gut, einmal darüber nachzudenken, warum Menschen so handeln, wie sie handeln.“ Damit sind wir schon auf einem ziemlich hohen Reflexionsniveau angekommen. Fühlte ich mich bisher mit meinen Erklärungsversuchen eher hilflos, wie eine moralinsaure Dozentin, die ihrem Kind erfolglos Weltgeschichte verständlich machen will, entsteht zum ersten Mal so etwas wie ein Gespräch. Leo fragt nicht viel, aber sehr direkt. Er scheint keine Angst vor den Antworten haben. Das gefällt mir.

Dann muss die Gruppe auch schon weiter, zum nächsten Stolperstein. An diesem Tag werden noch viele weitere verlegt, im 30-Minuten-Takt. Man erkennt die Stellen im ganzen Viertel an den frischen Blumen, die danebenliegen. Bevor auch wir gehen, zeigt uns eine Anwohnerin spontan ihre Wohnung. Sie möchte, dass wir einen Eindruck bekommen, wie unsere Verwandten gelebt haben. Die Altbausubstanz ist noch da, hohe Flügeltüren, Stuck, das hölzerne Treppengeländer. Während Leo mit ihrem Hund spielt, mache ich Fotos. Wir versprechen, in Kontakt zu bleiben.
Am Ende des Schuljahres erzählt mir Leos Klassenlehrerin, dass er oft in der Leseecke sitze. Sein Lieblingsbuch sei die Chronik des 20. Jahrhunderts.

Wie wird man Pate für einen Stolperstein?
Alle Infos zum Ablauf und der Antrag­­stellung bei Behörden finden sich auf der Website des Künstlers Gunter Demnig: stolpersteine.eu

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