HOME
Interview

Bibi Beauty und Co. - eine Psychologin verrät, wie heutige Kinderhelden wirken

Früher waren die Vorbildrollen für Kinder recht übersichtlich und klar verteilt. Aber an wem orientieren sich Kinder heute, und warum eigentlich? Ein Interview mit der Psychologin Svenja Lüthge über Schwämme, Minions, Youtuber und ihre Wirkung auf Kinder. 

Interview von David Weinard

Frau Lüthge, was halten Sie persönlich von den aktuellen Helden der ?

Svenja Lüthge: Ich finde die Helden meiner zwei Kinder derzeit ganz bezaubernd. Mein Sohn ist gerade ganz verrückt nach Lightning McQueen, der Hauptfigur in "Cars", einer Geschichte über Freundschaft und Außenseiter. Meine Tochter dagegen ist klassischer unterwegs, findet Astrid Lindgren Geschichten wie oder Lotta großartig.  

Während früher Kindheitsfiguren überwiegend fiktive Charaktere waren, sind es heute oft reale Personen, Stichwort: Youtuber.

ist einfach ein Phänomen unserer Zeit und gehört irgendwie dazu. Ich persönlich finde es gut, wenn Eltern weiterhin einen Fokus auf schön erzählte Geschichten und Filme legen, damit die Kinder nicht nur noch durch das Internet unterhalten werden.

Pippi Langstrumpf und Bibi Beauty

Die Eine kann ein Pferd hochheben, die Andere weiß mit Schminke umzugehen. Pippi und Bibi könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch kommen beide bei Kindern gut an. 

Finden Sie es problematisch, dass sich Kinder heute immer mehr mit Selbstdarstellern identifizieren?

Man sollte vorsichtig sein und genau beobachten, wen sich Kinder dort zum Vorbild nehmen. Als Elternteil muss man aber auch akzeptieren, dass es diese neuen, modernen Helden gibt.

Sehen Sie bei diesen Youtubern, die teils Millionen von Followern haben, einen Erziehungsauftrag oder eine besondere Verantwortung gegenüber Kindern?

Auf jeden Fall. Jeder, der an die Medien herantritt hat eine gewisse Verantwortung. Kinder finden solche Inhalte gut und identifizieren sich damit. Deswegen ist es wichtig, dass die Menschen vor der sich immer bewusst sind, welchen Einfluss sie haben können mit ihren Aussagen und ihrem Verhalten. 

Wie erklären Sie sich, dass wir einerseits in der Kindererziehung  immer geschlechtsneutraler werden, andererseits Youtuber wie Bibi oder Dagi Bee bei Mädchen mit ihren Schminktipps so extrem populär sind?

Das ist eine ganz normale Tendenz bei Mädchen, eine Phase. Vielleicht könnte man es noch am ehesten mit der Rolle von Barbie früher vergleichen. Es gibt einfach Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs, genauso wie es in manchen Bereichen Überschneidungen gibt. Man sollte seine Tochter jetzt auch nicht zwingen mit dem Bagger zu spielen, aber wenn sie das möchte, dann ist das natürlich auch okay.  

Also einfach abwarten, bis das Kind sich wieder anderen Helden zuwendet?

Ja, die Inhalte und Botschaften solcher Videos auf Youtube sind ja doch relativ einfach gehalten. Das Interesse wird sich bei den meisten ganz sicher schnell wieder legen und es kommt ein neuer Trend, der das Interesse des Kindes weckt. 

Früher gab es Figuren wie Pippi Langstrumpf, die für beide Geschlechter gleichermaßen Vorbild waren. Gibt es solche Universalhelden überhaupt noch?

Da fallen mir in der Tat eher wenige ein. Pippi Langstrumpf war in der Hinsicht natürlich ein Klassiker, der vielleicht noch lange Zeit unerreicht bleiben wird. Mir fallen da eigentlich nur Bibi & Tina ein. Ein Format, das eigentlich auf Mädchen abzielt, aber im Kino waren auch erstaunlich viele Jungen zu sehen. 

Zu den erfolgreichsten Kinderhelden der letzten zehn Jahre zählen sicher Spongebob und die Minions. Der eine eher vom Typ ungeschickter Verlierer, die anderen tragen die blinde Gefolgschaft bereits im Namen. Wo liegt der Reiz solcher Figuren für Kinder?

Diese Figuren sind so erfolgreich, weil sie so abstrakt sind. Kinder brauchen manchmal auch eine gewisse Dosis Blödsinn, in dem nicht immer eine tiefere Botschaft versteckt liegt. Zudem ist für Kinder das Anderssein dieser Figuren spannend, gerade weil sie nicht vermenschlicht wirken, sind sie für Kinder faszinierend. 

Etwas, das ich aus meiner eigenen Kindheit noch gut in Erinnerung habe, ist die klare Unterteilung nahezu aller Figuren in Gut und Böse. Gibt es diese Unterteilung noch in dieser Klarheit in aktuellen Kinderformaten?

Die gibt es durchaus noch. Wenn man sich Filme wie Frozen oder Cars anschaut, findet man diese Rollen noch immer. An den klassischen Erzählmustern von Gut und Böse hat sich eigentlich wenig geändert, die sind zeitlos.

Geht man noch weiter zurück, haben Kindergeschichten und ihre Helden sogar noch ganz konkrete erzieherische Botschaften, man denke an den Suppenkasper, Struwwelpeter oder Geschichten von Wilhelm Busch. Könnte man Kinder mit so einem erhobenen Zeigefinger überhaupt noch erreichen?

Man könnte sie durchaus noch erreichen mit diesen Geschichten, allerdings muss man mit diesen Geschichten vorsichtig sein. Heutzutage ist Abschreckung keine gängige Erziehungsmethode mehr. Die meisten dieser alten Geschichten, sowie auch viele Märchen, sind doch recht grausam und brutal, und könnten auf Kinder eher verstörend wirken - sie üben jedoch auch eine gewisse Faszination aus. Ab dem Grundschulalter, wo Kinder diese Geschichten und ihre Moral kognitiv verarbeiten können, spricht eigentlich nichts mehr gegen diese Klassiker.

Als Erwachsener gewinnt man oft den Eindruck, dass Kinder immer schneller erwachsen werden, oder zumindest früher mit der Erwachsenenwelt in Kontakt kommen. Gilt das auch für die Unterhaltungsformate, die Kinder konsumieren?

Ja, Star Wars ist ein ganz aktuelles Beispiel. Heute ist Star Wars durch die Bank im Kindergarten beliebt. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass Vierjährige sich mit Krieg der Sterne beschäftigen. Durch das Internet und den besseren Medienzugang sind Kinder solchen Phänomenen natürlich viel früher ausgesetzt. Dadurch mögen Kinder in einigen Belangen früher erwachsen wirken, sind es letztendlich aber natürlich nicht. Man sollte sich zumindest bemühen, das Unterhaltungsprogramm der Kinder soweit es geht zu kontrollieren. 

Hat man diese Kontrolle überhaupt noch, sobald Smartphone oder Computer in das Leben der Kinder treten?

Nein, die hat man dann natürlich nicht mehr. Aber man sollte zumindest bis dahin genau kontrollieren, was die Kinder sich anschauen und sie vorher in den Umgang mit neuen Medien einweisen und unterstützen. Das Ende der Grundschulzeit ist ein guter Zeitpunkt, um den Kindern diese Eigenverantwortung zu übertragen. Selbst danach sollte man den Kindern aber zumindest noch vermitteln, was sie im Internet erwartet. Selbst Google kann ja schon recht fragwürdige Inhalte liefern. Es ist wichtig, auch hier noch Grenzen und Risiken aufzuzeigen. 

Und werden Kinder sich an diese Grenzen halten?

Ab und zu werden Kinder natürlich Verbote missachten, und das ist auch okay. Es ist ja nicht so, als hätten wir das früher nicht gemacht. 

Was denken Sie, wo sich Kinderhelden in zehn oder 20 Jahren hin entwickeln, was wird die Helden von morgen ausmachen?

Das ist schwer zu sagen. Ich würde mir wünschen, dass wenn wir uns in zehn Jahren wieder sprechen, klassische Helden wie Pippi Langstrumpf immer noch beliebt sind bei den Kindern. Und, dass die Helden, egal wie sie aussehen mögen, dennoch ähnliche Werte wie Pippi vermitteln: Freundschaft, Zuverlässigkeit, Integrität, Großherzigkeit, verbunden mit einer großen Portion Humor. 

Vielen Dank für das Interview


Nido-Logo Das könnte Sie auch interessieren